Städtebauliche Ziele und Visionen - der Diskussionsstrang

  • Richter legt wirklich oft den Finger in die Wunde und findet die richtigen Entwicklungsflächen.

    Das innerstädtische Kieswerk finde ich auch seit ich in Frankfurt lebe eine Absurdität. Insbesondere aus dem Lilu denkt man beim Blick auf das andere Ufer, dass dort eine privilegierte Wohnlage wäre.


    Allerdings finde ich, wenn man auf eigene Rechnung und völlig frei spinnt, dürfte der Entwurf mutiger sein.

    Ich hab mir dort immer Wohnen an Grachten vorgestellt. Das Mainwasser könnte präsenter sein und sich in der Quartier ziehen.

  • Fredersen, ich bin ganz Deiner Meinung. Mutiger könnte es sein.


    Doch gerade der Idee, mit Grachten zu arbeiten, muss ich mit Nachdruck zustimmen.

    Dieses Thema ist in Frankfurt völlig unterbelichtet.

  • Frankfurt sollte mehr Wasser-Bezug haben. Ganz richtig. Gerade hier bietet sich außergewöhnliches Potential für so etwas

    Gibt es alternativ-Flächen für die Industrie die dort sitzt?

  • Grundsätzlich der Osthafen. Doch schon allein mit Sehring Beton würde es schwierig, denn das heutige Werk Gutleutstraße 357 wurde schon einmal auf Betreiben der Stadt verlegt. Meines Wissens mit der Zusicherung, dass dies nicht noch einmal geschehen würde. Das war vor gut 20 Jahren im Zuge der Entwicklung des Westhafens zum Wohnquartier. Der Sehring-Betrieb befand sich einst auf der Mole des Westhafens. Dementsprechend endete der Geltungsbereich des städtischen Rahmenplans von 2010 östlich des Betonwerks.


    Aber auch sonst gäbe es hohe Hürden, teilweise in unserem Strang dazu nachzulesen. Nicht zuletzt wird der Flußhafen (Gutleuthafen) wohl weiterhin benötigt.


    Wenn es um Wasserbezug geht, hat meiner Meinung nach das ebenfalls vom Büro Richter erdachte Mainwasenviertel mehr urbanes Potential. Und vermutlich bessere Chancen als ein Stadtquartier "Gutleut-West", auch wenn wie so oft die heilige Kuh Grüngürtel im Weg steht. Die einst für Kräuter- und Gemüseanbau genutzten Felder nördlich von Oberrad liegen jedenfalls inzwischen größtenteils brach.

  • Es gibt auch schlicht einfacher zu entwickelnde Flächen. Das Gebiet ist zu drei Seiten von Bahntrassen umzingelt, liegt neben dem Heizkraftwerk und mittendurch führt der Autobahnzubringer.


    Man denke nur an den Vorschlag von Karl Richter für die Parkstadt Rebstock mit 15.000 WE, weiter oben im Thread.

  • Auf der Projektseite von kra.de steht: "Im Zug neuer Optionen für Gewerbeflächen im Westen der Stadt […]". Welche sollen das denn sein? Der konvertierte Industriepark Griesheim bzw. die Rechenzentrumsflächen im südlichen Industriepark Höchst?

  • Das Gebiet ist zu drei Seiten von Bahntrassen umzingelt, liegt neben dem Heizkraftwerk und mittendurch führt der Autobahnzubringer.

    Na ja, das liesse sich "theoretisch" durchaus ändern:

    Nochmals mein Vorstoss: Der heutige HBF (samt Gleis-Vorfeld) muss dort weg !

    Dann hätte man ein Gebiet "Gallus / Gutleut" was man "aus einem Guss" für mehrere zehntausend Wohnungen und Arbeitsplätze extrem urban entwickeln könnte.

    Wenn man den HBF nicht auf die A5-Trasse verlegen kann / will [*seltsam*: vor rund 100 Jahren hatte man schon einmal diese mutmasslich *verrückte* Idee] hätte ich einen weiteren Vorschlag:

    Die Haupt-FernbahnBahn-Trasse geht künftig durch Sachsenhausen-Süd. Allerdings wird nicht Sachsenhausen-Süd zum neuen HBF ausgebaut (das dürfte tatsächlich schwierig werden). Den neuen HBF bauen wir ein paar hundert Meter weiter östlich in den Oberräder Gemüse-Gärten: Massig Platz wäre da für ein grosses Gleis-Vorfeld eines modernen Durchgangs-HBF. Mit der Station "Mühlberg" hätten wir schon heute einen passablen ÖPNV-Anschluss dieses gedachten neuen Oberrad-HBF.

    Sicherlich wären zählreiche Folge-Punkte noch zu lösen, aber das wäre doch ein Konzept über das man zumindest auch mal diskutieren sollte. Ich sehe jedenfalls keinen durchschlagen Einwand dagegen [...] .

    Der heutige HBF würde zu einer grösseren Nahverkehrsstation. Das historische Gebäude könnte Kultur-Nutzung etc. werden.

  • Zum Einen fände ich fände es schon durchaus richtig und wichtig, dass der Hauptbahnhof an zentraler Stelle in der City ist. Und zum Anderen steht der Aufwand dieses komplette, sehr komplexe Gebilde mit allen Funktionen, Infrastruktur und Anschlüssen zu verlegen, in keiner Relation zur gewonnen Fläche. Zumal ich „mehrere zehntausend Wohnungen und Arbeitsplätze auch für etwas hoch geschätzt halte.

    Wäre es da nicht effizienter die neuen Wohnungen direkt auf der von Dir genannten Ausweichsfläche zu bauen? Die Flächen müssten am Ende ja in etwa identisch sein, oder? Und man müsste dafür nicht die komplette Infrastuktur im BHV vernichten und über Jahrzehnte einen neuen Knotenpunkt am Süd-Östlichen Standrand mit allen nötigen Zubringern und Trassen zu entwickeln.

  • Was wir in neuen Wohngebieten brauchen ist eine mittlere Verdichtung, so dass einerseits wenig Gebäude-Außenhaut pro m² Wohnfläche den Energiebedarf niedrig hält, andererseits aber die dadurch gegenüber EFH- und Reihenhausanlagen gesparte Fläche zumindest anteilig grün gelassen wird. Anteilig, damit die EW-Dichte hoch genug bleibt, effizienten ÖPNV anbieten zu können und keine neuen Auto-Suburbs zu züchten.


    Bebauung innerhalb der bereits versiegelten Kernstadt ist ein anderes Thema, da ist Dichte ein primäres Ziel, da großflächige Entsiegelung (siehe Wohnblöcke in der Altstadt von Fahrgasse bis NMS) kein wirklich urbanes Ergebnis liefert.

  • Ich frag mich dann ja immer wie ein Leben in solch hochverdichteteten Städten in wärmeren Klimazonen überhaupt möglich sein kann. Nicht nur sowas wie Rom oder Madrid, sondern vA auch außerhalb Europas. Dort müssten doch 90% der Bevölkerung Jahr für Jahr den Hitzetod sterben... :D


    Xalinai hat da durchaus recht. Wobei "mittlere" Verdichtung ein sehr dehnbarer Begriff ist. Auch diese städtebauliche Dichte die man in weiten Teilen des Nordends und des nördlichen Sachsenhausens findet würde ich da noch als "mittel" zuminest in dem Sinne bezeichnen, als dass sie durchaus auch für die zentralen Bereiche ganzer Neubauviertel am Stadtrand in Frage kommt und sogar wünschenswert wäre.

    Mit Abstand am nachhaltigsten sind sowieso immer diejenigen Gebäude, die städtebaulich und architektonisch derart gelungen sind, dass sie mit Sicherheit auch in mehr als 100 Jahren noch stehen werden ohne jemals Augenkrebs zu erzeugen. Deren Grundrisse auch kompatibel mit sich ändernden Bedürfnissen und Gewohnheiten sind, und deren Bausubstanz überhaupt auch so lange durchhält (nachträgliche Fassadendämmung insbesondere mit WDVS produziert meistens aber das genaue Gegenteil). Das haben unsere Vorfahren bis zum ersten Weltkrieg wesentlich besser hinbekommen, als fast alle die danach kamen und der Meinung waren das Rad immer neu erfinden zu müssen - in den allermeisten Fällen mit sehr ernüchterndem Ergebnis.

    Und daher auf jeden Fall immer ein klares Ja zu Beseitigung solcher architektonischer und städtebaulicher Sündenfälle!

  • Du bekommst mit 4-5-stöckigen neuen Gebäuden, selbst wenn Du relativ viel Wohnfläche je Wohnung baust (heutzutage mit 2 separaten Räumchen für HO, größere Kinderzimmer mit Platz für HomeSchooling) genug Einwohner auf die Fläche, dass das städtebaulich sinnvoll ist. Der Anspruch, die Bauherren sollen schöne Gebäude bauen, scheitert halt daran, dass Schönheit beim Bauen in der Regel mit preisgünstigem Bauen iin Konflikt steht. Es gibt zwar einen Markt für Mietwohnungen über 20€/m², deren Erbauer zeigen dieses Niveau aber auch nur selten nach Außen.


    Was unsere Vorfahren und auch wir selber vor 100, aber auch noch vor 50 Jahren gebaut haben, ist energetisch halt eine Katastrophe, von falschen Annahmen bei nachträglicher Wärmedämmung in den 1990ern mal ganz abgesehen.


    Die Grundrisse der Vorkriegszeit sind nach meinem Eindruck nur deshalb so vielseitig, weil sie oft aus identischen, funktionslos geplanten Zimmern bestehen, insbesondere in Häusern, in denen vom Personal im Keller/Souterrain gekocht wurde und es auf den Etagen noch nicht mal eine Küche gab.

    Wo nachträglich Küchen und Bäder eingebaut wurden, weil statt einer Mehrgenerationenfamilie mehrere Familien sich ein Stadthaus teilten, opferte man dafür meist ein Zimmer, das auf einer Seite Küche und auf der anderen Seite Bad wurde, so dass man mit einem Leitungsstrang auskam.

    Ob das Ergebnis jetzt ein vielseitiger Grundriss ist, oder ein Grundriss, der auf nichts wirklich passt, wäre ein separates Diskussionsthema.


    Was ich gut finde ist zum Beispiel sowas: Lövenicher Hof 49 Häuser, E+3/E+4, oberstes Vollgeschoss oft als Maisonette mit dem ausgebauten Dach, gelegentlich als 2ZW. Knapp 500 Wohnungen, im Mittel 80m², 1200 Einwohner auf 35.000m² Grundfläche. Technik: BJ 1984, ordentliche Dämmung, Fußbodenheizungen und der Großteil der Autos der Bewohner in der Mitte unter dem Teich.

  • Ich denke einer der großen Unterschiede zw. dem Bauen zur Gründerzeit und heute war die Vergabe der Grundstücke an Einzelpersonen vs heute an Baukonzerne. Damals hat sich der erfolgreiche Selbständige ein Haus gebaut, ist selbst in das Erdgeschoss gezogen und hat weitere Geschosse mit der erweiterten Familie belegt oder vermietet. Ich bin sicher das man mit einer Gestaltungssatzung (Traufhöhe, Dachform, Fenstergrössen, Erker etc) und der Vergabe in einzelnen Grundstücken auch heute noch optisch gute Ergebnisse erzielen könnte. Würde mich wundern wenn sich nicht ausreichend Bauherrengemeinschaften und Einzelpersonen finden lassen die auch bereit wären in Gestaltung zu investieren.. die Bauträgermarge entfällt bei diesen Modell erst mal (verbunden mit höheren Baukosten für das einzelne Gebäude).

  • Der "erfolgreiche Selbstständige" ist in den ersten Stock gezogen - die "Belle Etage". Das Erdgeschoss oder Hochparterre war kein Wohnbereich sondern bestenfalls Empfangsräume, Musikzimmer, Bibliothek, wo man Fremde und Geschäftspartner traf - oder Küchen, wenn man die Küche nicht im Souterrain untergebracht hatte.

    Unterm Dach waren die Dienstbotenzimmer und im zweiten Stock die für Kinder und sonstige Familie.


    Die Struktur gab es noch zu meiner Schulzeit (Gymnasium, ab 1972) in ein paar Villen am Marbachweg. Keine genutzten Dienstbotenzimmer mehr, aber mit einem Kinderzimmer (für den "Großen", meinen Klassenkameraden), Musikzimmer und "öffentlichem" Wohn- und Esszimmer sowie Küche im Hochparterre, privatem Familien-Wohnzimmer ("Fernsehzimmer!"), Elternschlafzimmer, Bad, 2. Kinderzimmer und der Großmutter im Dach.

  • ^^

    Im Prinzip ist das ganze Nordend und Sachsenhausen(Nord) so entstanden.

    Das waren (gehobene) Mittelstands-Familien (v.a. Handwerker u. Kaufleute) die diese Grundstücke mit ungeteilten MFHs bebauten und ihr Gewerbe oft im Hof in kleineren Hinterhäusern hatten.

    Diese Häuser waren der "Familienbesitz", in denen die Familie selbst wohnte und die übrigen Wohnungen vermietete.

    Teilung nach WEG gibt es erst nach 1945. Vor WW2 gab es kein "Wohnungseigentum" (was ich in keiner Weise schlecht reden möchte).

    Prinzipiell könnten auch heute noch solche "Gründerzeit-Quartiere" neu gebaut werden.

    Ich kenne eine VIELZAHL von materiell gut gestellten Handwerkern, die sofort (und zu einem beträchtlichen Teil in Eigenleistung) solche Häuser hochziehen würden, wenn sie ein Grundstück überhaupt bekommen könnten und dafür nicht gerade Mondpreise bezahlen müssten.

    Man müsste durch entsprechende Vertragsgestaltungen verhindern, dass die derart erstellten MFHs dann aber gewinnbringend in ETWs geteilt werden und einzeln veräussert werden. Da liegt der Knackpunkt.

    Aber wenn ich mich so umhöre würde die Vielzahl der mir bekannten Handwerker solche Restriktionen sogar in Kauf nehmen. Die WOLLEN was bauen um Kapitalanlage zu betreiben und über die Mieten eine Altersvorsorge zu generieren, die KÖNNEN aber nicht, weil schlichtweg kein Bauland-Angebot da ist um solche Baumodelle zu machen.

    Auch Wohnungsbau in Genossenschaften wäre prinzipiell möglich (in München schon häufiger als in Ffm; in Wien ohnehin).

    Tja, es fehlt "schlichtweg" an Bauland und an "maßgeschneiderten, kreativen Lösungen".

    Wie ich immer sage: Zum Städtebau braucht es Land, wie zum Backen das Mehl.