Berliner Baupolitik

  • Also ich kann mir noch keinen rechten Reim auf die Personalie Petra Kahlfeldt machen. Ich hatte eher mit einer Persönlichkeit aus Wien gerechnet, die dort am Bau neuer Stadtquartiere wie der Seestadt Aspern beteiligt war und diese Erfahrungen in Berlin anwenden kann. Auch an Kopenhagen hatte ich gedacht, wegen der Gestaltung der Verkehrswende

    Wenn Berlin eine Seestadt Aspern 2.0 erspart bleibt, bin ich dankbar. Das kann kein ästhetischer Anspruch für die Zukunft sein und würde die Lüscher Jahre mit noch weniger Geschmack fortsetzen. Ich glaube nicht, dass Petra Kahlfeldt unbedingt ihren klassischen Geschmack in jedes Projekt einbringen möchte, allerdings wird sie sicherlich auf differenzierte, abwechslungsreiche Gestaltung in menschlichem Maßstab achten und die richtige Person sein, die die Fehler der Europacity und MediaSpree erkennt und in den nächsten Projekten zu korrigieren versucht.

    Ein Fachmann aus Kopenhagen hätte ich jedoch auch begrüßt. Jemand wie Jan Gehl wäre genial, um Berlins inkonsequente Verkehrs- und Straßenraumorganisation sowie Platz- und Parkgestaltung nach vorne zu bringen.

  • Also ich kann mir noch keinen rechten Reim auf die Personalie Petra Kahlfeldt machen.

    Ich auch noch nicht. Aber es gibt Indizien, dass sie mehr klassische Qualitätsansprüche an Architektur hat.

    Auch die Tatsache, dass der (ästhetisch anspruchslose) Tagesspiegel aufgrund der Personalie vorab aufjault, könnte ein Hinweis sein, dass es eine Abkehr der Lüscherschen Tristesse gibt.

  • Weil sie bisher vor allem Villen gebaut hat, soll sie nicht taugen können sollen für das Amt?! Was ist das denn für eine absurde Argumenation, so als würden jetzt nur noch Villen gebaut mit ihr in Berlin. Sie hat ein Gespür für Qualität bewiesen und wird mit Sicherheit an exponierten Stellen mehr Wert auf ein mondänes Erscheinungsbild legen, als eine Lüscher. Für die Ausweisung von Neubaugebieten mit sozialer Mischung ect. ist ohnehin eher Geisel zuständig. Es geht glaube ich einzig darum, dass sie nicht in dem Maße mit Bauhaus sympatisiert und aus einer architektonisch eher konservativen Denkschule stammt. Das gefällt den progressiven Medienhäusern nicht, die architektonischen Minimalismus von der Espresso-Machine auf anerzogen bekommen haben und auf lackierten Eierschalsesseln auf verschweißtem Stahlrohrgestell mit unbehandelten Nahtstellen aus dem Stilwerk für 2800€ das Stück sitzen. Das ist nach einer gefühlten Ewigkeit unter Lüscher aber auch dringend zu empfehlen. Ich bin gespannt, was ihre ersten Amthandlungen sein werden.

  • Ich hab mir die Arbeiten von den Kahlfeldt Architekten angeschaut. Das macht Laune, denn die meisten Arbeiten haben Stil und elegante Proportionen. Klar dass da Medien a la Tagesspiegel aufbegehren. Für die Stadtentwicklung in Berlin ist es eine sehr gute Nachricht. Endlich kommt Jemand mit Qualitätsanspruch daher.

  • Ich befürchte, die Gräben der Stimmannzeit werden wieder aufgerissen und tiefer als damals... Ich bin der Meinung, die Idee einer Architektur für eine bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts bietet keine Antworten für die Herausforderungen der Zukunft - insbesondere da absehbar ist, dass Stadt nach der Coronakrise nicht mehr so funktioniert wie zuvor (Revolutionierung des Einkaufens und Arbeitens, Verlust des kreativen Milieus, Implusion der globalen Immobilieninvestoren etc.). Vitruvs Säulenordnung und einfach Blockrand wird da nichts mehr retten können... Das sind veraltete Konzepte von vor 30 Jahren - zumal Stimmann die sehr guten Konzepte der IBA 84 total ausgehölt, von der Stange reproduziert und total ins Gegenteil verkehrt hatte... Das war dann nur noch Karikatur der guten Anfänge von vor 40 Jahren.

  • Säulenordnung vielleicht nicht, aber der Blockrand hat glaube ich nach wie vor eine große Zukunft – er schafft einfach eine geborgene Stimmung, unabhängig davon, welche Funktion ein Quartier erfüllt.


    Auch harmonische Formen (mit oder ohne Säulen) und schöne Materialien sind meiner Meinung nach, solange noch mehr Menschen als Drohnen die Stadt bevölkern, für ein angenehmes Lebensgefühl alternativlos.


    Beim Einkaufen und Arbeiten gehe ich (größtenteils) mit. Das kommt so nicht wieder in die Zentren.

    Einen Verlust des kreativen Millieus würde ich aber eher nicht sehen. Im Gegenteil: Zeichnet sich nicht gerade als COVID-Folge ab, dass die Innenstädte verstärkt mit Boutiquen, Werkstätten und Galerien bespielt werden sollen? (Kann allerdings sein, dass mein Wissen hier oberflächlich ist.)

  • Die Arbeiten auf der Kahlfeldt HP stammen im Übrigen überwiegend aus der Feder von Paul Kahlfeld.

    Ich weiss gar nicht, auf was der Optimismus hier gründed. Für mich ist das alles ein rückwärtsgewandter Architekturstil, der vielleicht dem Reko-Willi beglückt, aber keine Antwort auf die Fragen der Zeit darstellt. Gleichwohl würde ich Frau Kahlfeld erstmal genug Zeit einräumen, um deren Arbeit angemessen bewerten zu können. Ich erwarte aber nichts.

  • Ich glaube städtebauliche Fragen muss man von der Architektur zu erst einmal trennen. Die von Lüscher bevorzugte Architektur (materiallastige "gemäßigte Moderne") ist sicher nicht zeitgemäßer als die Architekur von Frau Kahlfeldt. Beide zitieren Vorbilder aus dem letzten Jahrhundert, mir gefallen die Bauten aus dem Hause Kahlfeldt besser (Lüschers "eigene" Werke aus ihrer Schweizer Zeit findet man kaum im Netz). Letztendlich ist es eine Geschmacksfrage. Die Probleme mit dem Onlineshopping und die Klimawandel bzw die Verkehrsfrage sind städtebaulich zu lösen, aber auch hier ist eine an die Gründerzeit angelegte Planung sicher nicht falsch, einfach wegen ihrer Flexibilität.

    In den 70ern gab es bekanntlich ein großes Städtesterben und die letzten Jahre haben wir wieder eine urbane Renaissance erlebt. Zu "zeitgeistiges" Denken ist, wenn man an die gerade erwähnte autogerechte Periode oder den "Stadtumbau-Ost" denkt, nicht so zeitlos. Da sind altbewährte Lösungen vielleicht gar nicht so verkehrt.

  • Für mich stellt sich vor allem die Frage, ob Frau Kahlfeldt die richtige Frau ist, um die ehrgeizigen Ziele des Koalitionsvertrages umzusetzen. Pro Jahr sollen 20.000 Wohnungen gebaut werden, bis 2030 sollen 200.000 Wohnungen entstehen, 21 neue Stadtquartiere sollen entwickelt werden. Und da sehe ich nicht, dass Frau Kahlfeldt über entsprechende Erfahrungen verfügt. Meines Wissens nach hat sie noch nie ein neues Stadtquartier geplant. Die Planung eines neuen Stadtquartiers ist ähnlich komplex wie der BER, da braucht man einfach erfahrene Fachleute, sonst schlittert Berlin in das nächste Baudesaster. Ich sehe auf ihrer Website auch keine Erfahrungen mit bezahlbarem Wohnungsbau. Sie hat auch noch nie eine Verwaltung geleitet. Wie soll sie die riesigen Aufgaben, die auf die Senatsbaudirektorin warten, bewältigen? Ich bin ratlos.

  • dann oute ich mich mal als "reko-willi" 😁


    die fragen der zeit bzw wie wir in zukunft leben und arbeiten werden, werden grösstenteils (!) durch die innenarchitektur beantwortet bzw bestimmt. aussen ist dafür eine moderne architektur nicht zwingend notwendig.


    auch wenn ich frau lüscher sehr schätze und auch iwie mag, aber wenn ich mir ihr erbe rund um den hbf, der europacity und schöneberger linse anschaue, werde ich depressiv. das kann definitiv nicht die antwort auf die fragen der zeit sein.

    schaue ich mir dann die arbeiten der kahlfeldt architekten an, blüht mein herz auf.

  • Für mich ist das alles ein rückwärtsgewandter Architekturstil, der vielleicht dem Reko-Willi beglückt, aber keine Antwort auf die Fragen der Zeit darstellt.

    Du hast dir nur die ersten paar Villen durchgeschaut, den Ekel bekommen und nicht runtergescrollt.


    https://www.kahlfeldt-architekten.de/projekt/rhinstrasse/

    https://www.kahlfeldt-architekten.de/projekt/inselstrasse/

    https://www.kahlfeldt-architekten.de/projekt/beuthhoefe/

    https://www.kahlfeldt-architekten.de/projekt/arnulfpark/

    https://www.kahlfeldt-architek…/projekt/rosmarin-karree/


    Das sollen alles "Reko-Willi-Projekte" sein, die keine Antworten auf die Fragen der Zeit haben?!

  • Reko-Willi

    Müssen solche abwertenden Titulierungen sein? Ggü. Usern die mit historisierender/traditioneller Architektur/Städtebau sympathisieren ist das nur respektlos und im DAF fehl am Platz. Es wäre wirklich schön wenn du künftig darauf verzichten könntest.

  • ^ Zumal ich wirklich nicht weiß, was die Andeutung von zeitlosem Vokabular in der Architektur wie bei den von Berlinier zurecht verlinkten Beispielen moderner Architektur aus dem Hause Kahlfeld mit "Rekonstruktionen" zu tun hat:


    https://www.kahlfeldt-architekten.de/projekt/arnulfpark/

    https://www.kahlfeldt-architekten.de/projekt/rhinstrasse/


    Wer eine ausgearbeitete Traufe als Mittler zum Dach schätzt, ist ein Rekonstruktions-Willi? Wer die 'Erdung' eines Bauvolumens durch ein klares Sockelgeschoss markiert, ist ein rückwärtsgewandter Heiopei?


    Wer sich die Zeit nimmt, die wirklich angesehenen Architekten der Moderne zu studieren, wird erkennen, dass diese Herrschaften noch ein fundiertes Wissen über Architekturgeschichte hatten. Deshalb wussten auch viele von ihnen, die zeitlosen Fragen einer Bauaufgabe wirklich zu durchdringen.


    Ich persönlich bin heilfroh, wenn Frau Kahlfeldt mit ihrem umfassenden Verständnis von Architektur bei vielen der jetzt lautstark murrenden Kollegen im Zweifelsfall einmal Nachhilfe zu geben gedenkt; wenn, wie so oft in den letzten Jahrzehnten in Berlin, Architekten zum nächstbesten seriellen Muster greifen, das sie dann von Kopf bis Fuß über eine Fassade ziehen und sich dabei schrecklich "modern" fühlen.

    Einmal editiert, zuletzt von Georges Henri ()

  • Mir gefällt ja der Bauhausstil ausgesprochen gut. Es hätte gerne mehr echte Anlehnungen daran, in den letzten Jahren, geben können.


    Vieles von dem was Frau Lüscher in ihrem Amt begleitet hat, geht dennoch so für mich in Ordnung.

    Was nicht in Ordnung war, ist der Umgang mit ihrer Person, auch hier im Forum.


    Frau Kahlfeld wird einen anderen Stil mitbringen, gut so, hoffentlich bleibt ihr erspart, was Frau Lüscher erleben musste.


    Im Übrigen, plant sie ja nicht selbst. Ihre Funktion als Senatsbaudirektorin wird bei der Beratung, Begleitung und vor allem dem Voranbringen wichtiger Projekte liegen und das im Team.


    Bin mal gespannt wie ihre Kritiken hier in einem Jahr aussehen.

  • Mir gefällt ja der Bauhausstil ausgesprochen gut. Es hätte gerne mehr echte Anlehnungen daran, in den letzten Jahren, geben können.

    ...

    Frau Kahlfeld wird einen anderen Stil mitbringen, gut so, hoffentlich bleibt ihr erspart, was Frau Lüscher erleben musste.

    Du wünscht dir Architektur von vor 100 Jahren? Dann gehörst du also auch zur so genannten "Reko-Willi-Fraktion".


    Dass jede Kritik an Frau Lüschers problematischer Arbeit hier oft unbeholfen als frauenfeindlich diffamiert wurde, lädt natürlich dazu ein, jede Kritik an Frau Kahlfeldts Arbeit in Zukunft auch mit dem weinerlich-indignierten Hinweis auf vermeintliche Misogynie vom Tisch zu wischen.

  • Mit Sicherheit ist Frau Kahlfeld keine "Reko-Willi-Beglückerin" was auch immer das sein soll. Dann hätte sie ja nicht auch die Berliner Philharmonie mit umgebaut, und das wie ich finde mit dem Gedanken, den Mid-Century-Stil zu erhalten.

    Auch frage ich mich was an Blockrandbebauung ein veraltetes Konzept sein soll. Viel mehr ist es ein zeitloses und bei Städten auch das naheliegendendste Konzept, das so seit der Antike besteht, auch in anderen Kulturen, zB. bei den Hutongs im alten China.

    Irgendwelche aufgelockerten Komplexe hingegen galten ja nur recht kruze Zeit als Ideal und bei der Nachnutzung von Dingern wie den Karstadt Klötzen oder z.B. dem Ihme Zentrum gestaltet sich auch regelmäßig als sehr schwierig. Viel mehr zeigt sich dass die klassiche gebauten, vorallem kleinteiligen Innenstädte bis jetzt am ehesten gewappnet sind sich an immer wieder wandelnde Nutzungen anzupassen.


    Vitruvs Säulenordnung... naja, das ist ein reines Stilmittel, genau so gut kann ich schreiben dass Strichcode Fenster nicht die Probleme der Zukunft lösen werden.

    Ich habe die Hoffnung dass die Stadt weitergebaut wird und dabei auf den individuellen Genius Loki der Viertel eingegangen wird anstatt einfach nur Klötze und Hochhäuser irgendwohin zu stellen wie bei der Europa City.

  • Du wünscht dir Architektur von vor 100 Jahren? Dann gehörst du also auch zur so genannten "Reko-Willi-Fraktion".

    Wenn wirklich mal Gebäude der 20er und Anfang der 30er Jahre zur Rekonstruktion anstehen, dann unterschreibe ich das.


    Ansonsten finde ich auch an manch anderer Rekonstruktion gefallen, nur wenn es um Deutschtümelei und Preußen-Verherrlichung geht, bin ich klar dagegen.

  • Da kann Herr Sauerbruch doch froh sein, kurz vor Amtsantritt von der gefürchteten Frau Kahlfeldt noch einen weiteren Bundesauftrag ergattert zu haben. Und anschließend schön unter die Gürtellinie der neuen Senatsbaudirektorin zu schießen. Nicht gerade die feine englische Art. Aber der Herr Sauerbruch trägt halt schwer an seinem großen Namen.

    Zum Projekt verstehe ich die Empfehlung nicht ganz, der Baukörper sei "städtebaulich überzeugend". Der Städtebau war doch vorgegeben, zur Architektur kein Wort.