Beiträge von Arty Deco

    Dekoratives Anführungszeichen


    Ich finde Arty Deco ein Paradebeispiel für den Geist unserer Zeit. Da entsteht eine Stadt und schwingt sich auf, zu einer der schönsten Städte Deutschlands (eine Perle) und dann pickt sich einer 3 Häuser raus und lässt einen Kommentar los, der den Eindruck vermittelt, man müsse Potsdam demnächst abreißen so düster und hässlich ist es dort.

    Das eigentliche dunkle Geheimnis von Potsdam sind nicht seine leberwurstfarbenen Rekos. Es ist das knallharte realsozialistische Bauerbe. Solange das Mercure Hotel die Innenstadt höhenmäßig und ästhetisch dominiert wird aus Potsdam auch kein Schwan. Da kann man noch solange rekonstruieren wie man will.

    Ich halte die rbb Umfrage mit den größten Berliner Bürger Problemen für Framing. Hinter der "Mieten" Problematik stehen weit wichtigere Krisen: Kaufkraftverlust der Bevölkerung, Inflationsschock bzw Preisschock, Versagen des Senats bei der Baupolitik.

    An erster Stelle von Berlins Problemen steht meines Erachtens, die extreme personelle Schwäche fast aller Parteien im Abgeordnetenhaus. Bis auf Ewers, der selbst wie ein Bürokrat wirkt, würde man doch ernsthaft keinem der Linken-Grünen-SPD-AfD Spitzenkandidaten zutrauen einen Späti zu managen.

    Ein Weizsäcker, Diepgen, Brandt oder Wowi ist nirgends in Sicht.

    Für Berlin als Wirtschaftsstandort ist es eher wurscht. Für den einzelnen Bürger der interkontinental ostwärts fliegt und in Dubai umsteigt gibt es vermutlich ein paar klitzkleine Preis- und Zeitvorteile. Deutschland (FRA und MUC) verliert etwas Zubringerverkehr.

    Mehr als 50% der Berliner Wähler dürften sich nicht sonderlich für Wahlprogramme oder Parteipolitik interessieren. Wie immer sind in einem Bundesland ganz maßgeblich die Spitzenkandidaten die Zugpferde, oder eben nicht.

    In Berlin gibt es das traditionelle Schneckenrennen. Aus Ermangelung an vertauenswürdigen ausstrahlungsstarken Persönlichkeiten muss der Wähler den am wenigsten inkompetent wirkenden Kandidaten präferieren.

    Emirates, die nur Dubai an Berlin anbinden wollen, bringt keinen standortpolitischen Vorteil für BER oder Berlin. Man müsste Emirates dazu bringen nur dann die Landerechte zu bekommen, wenn sie vom BER auch nach Tokio, Sao Paulo, Singapur, Delhi fliegen.

    Kleine Erinnerung: Die AVUS- Raststätte am Autobahn Kreuz präsentiert seit mehreren Jahrzehnten Werbung unweit vom ICC entfernt. Es gibt also bereits einen traditionellen "Medientechnik"-Ort, der dort die Aufmerksamkeit der Millionen Autofahrer nutzt.

    Das ICC ist heute äußerlich angelegt wie eine Kongressmaschine. Wenn man die Nutzung in Richtung Kultur verändern will, braucht es auch eine kulturaffine, ausstrahlungsstarke Hülle. Die heutige Uber Arena, IN BERLIN, hat in puncto LED Technik in der Fassade bereits Maßstäbe gesetzt. Dahinter sollte das neue ICC nicht zurückfallen.

    Der Ersatzbau für das Parkhaus geht desginmäßig in die richtige Richtung ist aber noch nicht spektakulär genug.

    Man muss sich vor Augen halten, dass dieser Bau von über 10 Millionen AVUS-Autofahrern jedes Jahr gesehen wird. Darunter viele Besucher und Touristen aus ganz Westeuropa.

    Das Ding ist neben dem Funkturm quasi eine Visitenkarte und Willkommensschild der Weltstadt. Wenn hier tatsächlich sogar eine Art Kulturzentrum entstehen soll muss man die Kreativität des Innenraums auch äußerlich erleben können.

    Ich plädiere neben der ICC-ähnlichen silbernen Hülle für mehr Lichtkunst, vielleicht sogar Medientechnik am Bau um Besucher zu informieren und zu begeistern. Höher sollte das Ganze auch sein. Der Anbau sollte ein echtes Ausrufezeichen des 21. Jahrhunderts werden.

    Das Mitte Rathaus wird in natura nie so mild weiß gekalkt aussehen. Rendering Beschiss ist vorprogrammiert..

    Was mir gefällt ist die Idee des Aktivitätenbandes. Viele Kunden vom Bezirksamt werden vom U- und S-Bahnhof Alexanderplatz zu Fuß dorthingehen. Durch die Begrünung am Haupteingang wird der Marsch durch die unwirtliche Plattenbauhölle und Verkehrslärm-Hauptstraße abgemildert.

    Ich war in Dessau und kenne die Meisterhäuser. Ich war in Weimar und kenne das Bauhaus Museum. Beide Besuche sind empfehlenswert für alle die sich mit Architketur, Design und deutscher Kulturhistorie beschäftigen wollen.

    Ein Politisierung, der Kunst- und Architekturrichtung wie jetzt geschehen durch den Manifest-Aufruf lehne ich ab. Eine Gleichsetzung der Bauhaus Bewegung mit Zitat: "Freiheit des künstlerischen Denkens, Offenheit gegenüber neuen Ideen, die Verbindung unterschiedlicher Disziplinen und die Überzeugung, dass kulturelle Innovation..." lehne ich ab.

    Allein die Bezeichnung "Moderne", die für das Bauhaus häufig in Anspruch genommen wird lehne ich ab. Die damalige Kunst-Richtung versuchte, die bereits seit Jahrzenten vorhandene nüchterne Architektur der Industriellen Fertigung in heimische Wohnkultur und Alltagsgegenstände zu übersetzen. Das kann man schätzen oder nicht.

    Die beiden am nächsten an Berlin liegenden "Hochhaus / Skyline -Städte" sind Warschau und FFM. Beide haben kaum ikonische Hochhäuser hervorgebracht, die man in der Skyline identifzieren kann.

    Berlin hat im Gegensatz dazu eine unverkennbare Weltstadt-Silhouette, die immerhin durch den für mitteleuropäische Verhältnisse sehr hohen Berliner Fernsehturm geprägt wird. Berlin kann es sich nicht leisten das Glasturm-Allerlei in Warschau oder Frankfurt kopieren zu wollen. Es muss eine eigene hochwertige Sprache entwickeln. Die ersten Indizien, dass dies gelingt sind die Projekte von Nöfer (DKB Bank + Brooks on East) und Kleihues&Kleihues (FÜRST und Berlinian).

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    Es ist mir ein Rätsel, wie man die Eiermann Gebäude UNABHÄNGIG von der zentralen Ruine der KWGK betrachten kann. Das würde ja bedeuten, dass man quasi autistisch, je nach Vorlieben durch einen Stadtraum geht und ausschließlich einen bestimmten Bautypus einzeln betrachtet. Ohne Blick für die Gesamtausstrahlung eines Platzes oder Raumes.

    Auch ich sehe in dem gesamten Werk von Eiermann einzelne Bauten, die hohe Eigenständigkeit aufweisen und eine ästhetische Kraft besitzen, die mir gefallen. Wir reden hier aber über komplexe Wechselwirkungen von einem großen Platz mit mehreren Gebäuden.

    Der zentrale Bau am BP ist doch augenscheinlich und in puncto Symbolkraft die Ruine. Danach kommt die Frage ob die umliegenden Bauten die Ruine in der Wirkung unterstreichen oder eben nicht. Die Eiermannbauten sind als historische Geste zu verstehen, die Kriegsschäden optisch und zum Teil symbolisch abzuschwächen. Die Kirche und die Stadt wollten damals ein Signal setzen das sagte: Wir sind noch hier.

    Der Neue Glockenturm ist über 10 Jahre eingerüstet und eine der am längsten eingerichteten Dauerbaustellen Berlins. Für die Verwahrlosung sind die EKBO, der Bezirk, die Kudamm Anrainer und das Land Berlin gemeinsam verantwortlich.

    Die Evangelische Kirche täte gut daran, die Renovierung abzublasen, denn die Hässlichkeit unterminiert das Monument der alten KWGK und trägt dauerhaft dazu bei, dass der Platz als lebenswerter Ort nicht auf die Beine kommt. Der neue Turm sollte abgebaut werden. Die Funktion der Glocke sollte von der alten KWGK übernommen werden.

    Der Sockel des Europacenters mit seiner 70er Jahre Optik und seinen vielen billigen Werbetafeln trägt seinen Teil zu dem abgerockten Zustand des Areals bei.

    Der Bezirk hat hier über mehr als 10 Jahre alles schleifen lassen. Die falschverstandene / überhöhte Sicherheitsdebatte nach dem Anschlag hat dem BP den Rest gegeben. Am meisten wundert mich, dass die Händlergemeinschaft der City West hier nie Ansprüche angemeldet hat das Niveau zu verbessern.

    Darum geht es: Wenn, wie geplant, die Ruine der KWGK renoviert sein wird und erneut als Gedenkort und Anziehungspunkt wirken soll wird das nicht allein durch die Sanierung geschehen können. Warum ? Weil die beiden Nachkriegskirchenbauten von Eiermann im brutalisitischen Stil (Puderdose und Lippenstift) den Platz und die Erscheinung der alten KWGK dominieren. Die optische Wirkung der Ruine wird maßgeblich konterkariert durch die dicht anbei stehenden Betonkörper.

    Wenn man die Ruine wirklich zur Geltung bringen will, wofür einiges spricht, dann muss darüber nachgedacht werden wie man die Eiermann Bauten entfernt. Der Abbau des Glockenturms bietet sich besonders an. Erstens weil eine Sanierung teuer ist. Zweitens, weil er funktional, mit dem Glockenspiel, verzichtbar ist. Drittens, weil der frei werdende Raum, den unverstellten Blick auf die Ruine ermöglicht.

    Man könnte stattdessen den Raum begrünen, was der Ruine eine gewisse Würde geben könnte, und den Platz von seinen als Pissoir missbrauchten Ecken befreien würde.

    Stichwort Glauben: Ich habe den Eiermann Kirchenbau erstmals mit meiner Oma in den 80ern betreten und ihr verprochen 1o Mark monatlich dem lieben Gott zu spenden wenn ich mal Groß bin.

    :saint:

    Der Innenraum der Eiermann Kirche hat zweifellos sein Reiz. In erster Linie, weil er beheizt ist und die Lichtstimmung einmalig ist. Von außen ist tagsüber nur die brutale graue Betonfassade zu sehen. Deshalb kann ich hier Niemanden nachvollziehen, der das NICHT als düster einstuft.

    Der Glockenturm ist übrigens nicht begehbar. Er wirkt wie ein Abgasschlot einer Fabrik. Hier ist nichts geistliches oder religiöses zu erkennen.

    Man stelle sich vor gleich neben dem Colosseum in Rom würde eine 70 Meter hohe Parkgarage stehen. Es würde ähnlich unwürdig wirken.

    Ich halte die sogenannte "Nachkriegsmoderne" in West- und Ost für eine architektonische Notlösung, die rein durch die Zerstörungen des Krieges und die anschließend notwendigen Wiederaufbaubemühungen zu erklären ist. Sie ist aus heutiger Sicht eine weitgehend menschenverachtende, unwürdige und vorallem unästethische Form der Bauweise.

    Beleg ? Die deutsche Nachkriegsmoderne hat es international nirgends in die Architekturfibeln geschafft, in Reiseführer sowie nicht. Wichtiger: Am Immobilienmarkt sind die nachkriegsmodernen Siedlungen zu 90% zu Ghettos mutiert. Warum ? Weil hier die vom Bürger und Mieter wahrgenommene Lebensqualität nicht vorhanden ist.

    Es hat einen Grund warum der Breitscheidtplatz heute einer der verwahrlosten Plätze Berlins ist. Es ist die als sehr hässlich eingestufte Bauqualität vor Ort. Der Sockel des Europacenters und die düsteren Eiermannbauten wirken quasi als Müllmagneten. Ähnlich der "Broken Windows Theorie". Wer das ändern will, darf sich vor harten Einschnitten nicht fürchten. Nebenbei: Das Schimmelpfenghaus wurde einst auch eliminiert zu gunsten der beiden Hochhäuser. Mit passablem Ergebnis für das Erscheinungsbild der Gegend.

    Die Gedächtniskirche soll aufgewertet werden und ein touristischer Anziehungspunkt werden.

    Ein Vorhaben dessen Scheitern vorprogrammiert ist. Denn selbst wenn die tatsächlich hochwertig erscheinenden Modernisierungen im Innern der GK umgesetzt werden bleibt das Desaströse Umfeld.

    Solange der graue Glockenturm aus dem Zeitalter des Brutalismus das dominierend sichtbare Element am Breitscheidplatz bleibt wird die GK auch kein profilierter Gedenk- und Anziehungspunkt werden können.

    Die Evanglische Kirche in Berlin täte gut daran, den Glockenturm abzubauen, denn das wohl unattraktivste Gebäude im gesamten Bezirk fällt mit seinem Negativ-Image auf die Kirche zurück.