Wilhelmstraße - Plattenbaumoderne vs Neubebauung

  • Ich glaube, dein Bild steht im falschen Post. Der Bau steht In Den Ministergärten und nicht an der Wilhelmstraße. Ich dachte, diese völlig unterschiedlichen Projekte wurden zuletzt getrennt.

  • ^ Nicht das ich wüsste, beide BV ("Palais an den Ministergärten" und "The Wilhelm") wurden bisher in diesem Thread "abgehandelt".

    Ergänzend zu ElleDeBes Bild hier weitere Bilder vom Palais an den Ministergärten:

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  • Neue Bilder vom Palais an den Ministergärten. Die meisten Fenster sind angebracht, langsam gewinnt man einen Eindruck von Endzustand:

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    Bilder von heute & von mir.

  • Sehr gute Nachrichten gibt es für die Wilhelmstraße: Nun hat auch das Bundesverwaltungsgericht die Rechtmäßigkeit der Erhaltungsverordnung Wilhelmstraße bestätigt. Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe hat die Entscheidung "außerordentlich" begrüßt. Diese würde "strukturell preiswerten Wohnraum" sichern und den Mietern mehr Sicherheit geben. Offenbar hat der Bezirk Mitte einen guten Job gemacht.

    https://www.stadtentwicklung.berlin.de/aktuell/presse…hricht6999.html

  • ^

    Wie kommst du darauf, dass es gute Nachrichten sind? Aus meiner Sicht sind es jedenfalls schlechte Nachrichten, da ich für die Platten in der Wilhelmstraße nur Geringschätzung übrig habe. Mein Eindruck ist, dass in diesem Forum vermutlich eine Mehrheit sogar deine Meinung teilt und diese Nachrichten für "gute" Nachrichten hält. Aber eine Mehrheit ist noch lange nicht die Allgemeinheit.

    Was den "strukturell preiswerten Wohnraum" angeht:

    Kann mir bitte jemand erklären, warum das Problem der Berliner Wohnungsknappheit ausgerechnet in der Wilhelmstraße gelöst werden soll? Das ist genauso absurd, wie wenn man im letzten zu errichtenden Bürogebäude am Leipziger Platz plötzlich einen Wohnanteil fordert.

    Würde es nicht mehr Sinn machen, in Marzahn ein Dutzend Wohnblöcke neu zu errichten? Damit wäre dem Problem der Wohnungsknappheit wohl mehr geholfen als irgendeine Symbolpolitik in der Wilhelmstraße oder am Leipziger Platz zu betreiben. Aber Hauptsache, man kann Publicity erhaschen. Symbolpolitik nach dem Motto: "Wir-Politiker-kämpfen-für-preiswerten-Wohnraum" funktioniert natürlich in der Wilhelmstraße besser als in Marzahn, Köpenick oder Spandau.

    Wie schön für Baustadtrat Gothe. Und wie schön für Klarenbach, dass die Welt jetzt wieder ein bisschen besser geworden ist.


    Einmal editiert, zuletzt von Architektur-Fan (10. Dezember 2020 um 00:05)

  • ^ Da ich nicht in Berlin lebe, kann ich im Detail hier sicherlich nicht mitreden. Ich kann mich allerdings noch sehr gut daran erinnern, dass ich im Vorfeld eines Berlinbesuchs einmal auf aberdutzende Touri-Ferienwohnungen in den besagten 80er-Jahre-Platten gestoßen bin. Das Ganze ist schon 10-15 Jahre her, zu einer Zeit also, wo auch Airbnb & Co. noch nicht so gehypt wurde. Ich bezweifele daher, dass sich die Situation diesbezüglich für den Durchschnittsmieter verbessert hat.

    "Preiswerter Wohnraum" in Sichtweite zum Brandenburger Tor und Reichstag, ist der denkbar schlechteste Schauplatz, um gegen die allgemeine Wohnungsknappheit glaubhaft Stellung zu beziehen.

  • ich persönlich bin generell kein Fan der Platte - und bin froh nicht mehr in so nem Aktenschrank wohnen zu müssen - für jedes Loch in der Wand ne russische Schlagbohrmaschine, hellhörige Nachbarn und Deckenhöhe zum anfassen- Not my Cup of Tea. Die Platten an derWilhelmstrasse sind intakt und ein eher interessanteres Modell bei dem Wohnungsmarkt würde jeder mit Unverständnis auf deren Abriss reagieren erst recht wenn man eine olle Katalogkiste gegen ne neue eintauschen würde und mit diesen eine finanziell potentere clientel als die angestammte anvisiert.

    . Ob die Mieten derzeit dort wirklich so günstig sind, sei mal dahingestellt. Gibts da überhaupt n Nahversorger wie Aldi? Auch bin ich skeptisch ob man der ohnehin randständigen wilhelmstrasse in diesem Bereich mit der Festsetzung einen Gefallen tut - da sie eher als Blockade gegen eine Weiterentwicklung und Aufwertung verstanden werden kann. Wirklich schön sind die Platten zudem auch nicht- und mit nem Eimer Farbe ist’s da nicht getan- eine überformung kann da mit der Begründung der stadtbildprägung auch nicht zur Anwendung kommen - und so wird sich der strassenzug als weder hui noch Pfui verstehen und bleibt Hinter seinem Potenzial und seiner historischen Bedeutung zurück - was ich an sich schade finde. Insgesamt bin ich recht zwiegespalten - wenn man die Platten unter dem Aspekt der sichtbaren bebauungshistorie bewerten möchte bekäme ich auch wiederum ein leichtes Unbehagen- bei Abriss - es ist nachvollziehbar

    auch diesen Teil der Geschichte abzubilden

    2 Mal editiert, zuletzt von Endell (10. Dezember 2020 um 02:26)

  • ^^^ Also muss ich doch weinen.

    Klar, günstige Mieten dürfen allenfalls in Marzahn realisiert werden. Was für eine unterirdische Haltung. Ich bin froh, dass das Bundesverwaltungsgericht so entschieden hat. Die Häuser ordentlich sanieren, den Freiraum qualifizieren. Das ist der Weg.

  • Der nächste Nahversorger ist Hit Ullrich, direkt an der Wilhelmstraße, auf Höhe der Nr. 47.

    Habe quasi fünf Tage die Woche die Möglichkeit, die Platten an der Wilhelmstraße zu betrachten. Weniger schön sind tatsächlich die Waschbetonplatten.

    Darüber hinaus sind diese Bauten gestalterisch besser als vieles, was an aktueller Wohnbebauung hochgezogen wird. Leider fehlt mir nun das Fachwissen und insbesondere dss Vokabular. Schräge, farblich abgesetzte Dächer, Erker, die teilweise auch farblich abgesetzt sind, rund ewie eckige Formen.

    Wie man die Architektur dort derart schlecht bewerten kann, ist für mich nicht nachvollziehbar. Das heißt nun nicht, dass man nix auffrischen oder schicker machen könnte. Aber das ganze Ensemble hat doch eine optische Wertigkeit.

  • Ich gebe zu, dass ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis zur derzeitigen Situation habe. Einerseits habe ich Respekt vor den Mietern, für die diese Bauten zuhause bedeuten. Auf der andern Seite empfinde ich eine Erhaltungssatzung als entwicklungshemmende Klientelpolitik. Es gibt drei Punkte, die mich stören: Zunächst führen die Berliner Eingriffe in den Wohnungsmarkt zu einer Preisdislokation, die man in Kauf nimmt, um ein verteilungsgerechteres Ergebnis des Guts „Wohnen“ zu erreichen. Was man erzeugt ist eine andere als Preisdiskriminierung, und diese ist ebensowenig gerecht. Wohin die Auswüchse dieser Marktbifurkation führen können, kann man in New York, Moskau aber auch in Stockholm begutachten. Nichts ist so schlimm wie gut gemeint (es sei denn, dass einem persönlich das Ergebnis zugutekommt, natürlich, wie mir.) Zum anderen war die Wilhelmstraße das Herz des alten Regierungsviertels. Hier befand sich das Palais Schwerin, Palais Schulenburg/Radziwill, Auswärtiges Amt, Palais Borsig. „Wilhelmstraße“ hatte den gleichen Klang wie „White Hall“, das es an architektonischer Qualität überragte. Der heutige Zustand ist baulich und funktional einfach banal. Schließlich ist die jetzige Wohnanlage ja, wie ähnliche Siedlungen in Kreuzberg auch, als Stadtrandlage konzipiert worden. Plattenbautypisch hat man nur Halbkeller hinbekommen, was man hier durch eine Böschung zur Straße kaschiert. Läden befinden sich, wenn überhaupt, nur an den Blockecken. Für eine derart zentrale Lage ist das einfach nur bizarr, in wohl jeder Hinsicht.

  • ^ Bizarr, und genau deswegen als Teil der Geschichte durchaus erhaltenswert, da sie auch nochmal einen ganz anderen Aspekt des DDR-Städtebaus beleuchten. Ansonsten würde mich jetzt doch mal abseits aller wirtschaftswissenschaftlichen Fachbegriffe interessieren, inwiefern eine Unterschutzstellung dieser Gebäude zum Zwecke des Erhalts bezahlbarer Wohnungen zu Auswüchsen und Preisen wie in NYC oder Moskau führen sollen? Das scheint mir eine bloße und wenig logische Behauptung zu sein.

  • ^

    Dem liegt wohl die Annahme zugrunde, dass bei zu erwartender fortschreitender Entwicklung und Aufwertung der (Rest)Stadt in den nächsten Jahrzehnten, insbesondere natürlich des unmittelbaren Areals, irgendwann der Punkt erreicht würde, an dem die "wilhelminischen DDR-Blöcke" eine Art Insel bilden. Also eine vom direkten Umfeld losgekoppelte art "Niedrig-Miet-Enklave" mitten in einem zentralen Hochpreisgebiet einer zukünftigen 4 Mio. Stadt, die nun künstlich aus dem freien Markt herausgeschnitten werden soll und irgendwann inmitten mondäner Regierungsbauten und prächtiger Stadtvillen steht, wie ein zerzauster Emu in einer Flamingoherde. Dieser Zustand bahnt sich mit Fertigstellung des recht teuren Wohn-Baus nördlich des Holocaust-Mahnmals bereits an.

    Wenn man mal einfach davon ausgeht, dass Berlin keinen Atomkrieg erleben, die Weltwirtschaft nicht zusammenbrechen wird und die Menschen weiterhin in die Städte ziehen werden, dann kann man schon die Frage aufwerfen, welche Berechtigung diese sehr raumverschwenderisch angelegten, ineffizient parzellierten Gebäude eigtl. in 20, 50 oder 100 Jahren noch haben sollen, wenn das Zentrum sich weiter verdichtet hat, der Alexanderplatz zu Klein-Manhatten und das Schlossumfeld zu einem Besuchermagnet a la Disneyland geworden ist, überspitzt formuliert. Logisch weitergedacht sind die DDR-Platten dann irgendwann von lauter Wohntürmen umringt, weil man aus Platzgründen gar nicht mehr anders bauen kann. Bis dahin werden wir aber noch etliche Senate kommen und gehen sehen und auch diese Entscheidung wird früher oder später kassiert werden. Bis dahin aber bitte wenigstens die grauenhaften Waschbetonplatten entfernen und die Gebäude ansehnlich sanieren. Die Kubatur selbst mit den Dächern und Erkern ist eigtl. ganz gut. Ein guter Architekt könnte hier echt was draus machen, aber das ist ja scheinbar auch wieder unerwünscht. Denn das würde ja auch wieder Geld kosten und dann könnte man dort nicht mehr für fast umsonst wohnen.

    So fallen in einer der aufregendsten Hauptstädte der westlichen Welt, einige der potentiell spannendsten Baugrundstücke und Stadtentwicklungsräume dem Primat der Bezahlbarkeit anheim und werden auf dem Altar der Klassengerechtigkeit dargebracht und vor den Augen des freien Marktes aufgebahrt, um einem konservativ-retrospektiven Impetus zu fröhnen, der die Welt in bi-polare Erklärmuster teilt und unterkomplexe Zusammenhänge konstruiert, die einer Monetarisierung von Eigentum prinzipiell die Wurzel allen Übels andichten.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    ^ Bizarr, und genau deswegen als Teil der Geschichte durchaus erhaltenswert, da sie auch nochmal einen ganz anderen Aspekt des DDR-Städtebaus beleuchten.

    Nach der Logik wären auch innerstädtische Flyover und andere Ungetüme erhaltenswert. Jedes Bauwerk "beleuchtet" irgend etwas, das heißt aber noch lange nicht, dass es erhaltenswert ist.

    Nein, ich würde die Gebäude in der jetzigen Situation nicht alle sofort abreißen, langfristig emfpinde ich den aktuellen Zustand aber vollkommen untragbar. Notfalls kann man ja ein Gebäude(-Teil) dauerhaft als Mahnmal erhalten, wenn's dem innerstädtischen Frieden dient.

  • ^^ "Fast umsonst wohnen", "Altar der Klassengerechtigkeit", "vor den Augen des freien Marktes aufgebahrt" - und Sie werfen anderen "bi-polare Erklärungsmuster" vor! Das ist doch einfach nur noch albern.

  • Eine Erhaltungssatzung ist erstmal eine gute Nachricht, obwohl wie ich ja schon oft argumentiert habe: Abriss und Altmieter-Bestandsschutz & verpflichtende Vermietung an Menschen mit weniger Einkommen. Das wäre möglichweise der bessere Kompromiss gewesen, denn definitiv muss hier baulich etwas passieren! Es ist also eine 50%50 positive Meldung.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Nach der Logik wären auch innerstädtische Flyover und andere Ungetüme erhaltenswert.

    Wenn du innerstädtische Flyover mit unter Wohnraum einordnest sicherlich 🤷‍♂️ Es gibt eben nicht nur einen Aspekt, warum man das Gebiet nicht sofort maximaler Verwertung unterwerfen sollte.

    Dekoratives Anführungszeichen

    [...] dann kann man schon die Frage aufwerfen, welche Berechtigung diese sehr raumverschwenderisch angelegten, ineffizient parzellierten Gebäude eigtl. in 20, 50 oder 100 Jahren noch haben sollen, wenn das Zentrum sich weiter verdichtet hat [...]

    Das könnte man natürlich auch bei über das jahr kaum genutzten Zweit- und Drittwohnungen fragen, wie sie gar nicht weit entfernt rund um den Potsdamer Platz bereits seit geraumer Zeit bestehen und die du vermutlich mit größter Freude als Ersatz der Wilhelmstraßenplatten vor dir "aufgebahrt" sähst, wenn sie nur ein bisschen hübscher aussehen.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    inwiefern eine Unterschutzstellung dieser Gebäude zum Zwecke des Erhalts bezahlbarer Wohnungen zu Auswüchsen und Preisen wie in NYC oder Moskau führen sollen? Das scheint mir eine bloße und wenig logische Behauptung zu sein.

    In allen diesen Städten gibt es, unter vielfältigen Rahmenbedingungen, einen mietengeschützten Markt und einen freien Wohnmarkt. Bei den Auswüchsen denkst du, nehme ich an, an die hohen Mieten im freien Segment. Wenn man sich aber die Auswüchse auch im preiskontrollierten Markt anschaut, wird wohl klarer was ich meine. Nimm das Beispiel Stockholm: hier sind alle innerstädtischen Wohnungen preiskontrolliert, was dazu führt, dass Mietverträge nie gekündigt sondern gehortet werden. Am Ende wird der Bestandsmietvertrag selbst zur Ware: Er wird verkauft wird. Abstandszahlungen sind horrend. Das ist natürlich erstmal toll für die glücklichen Altmieter, aber ziemlich blöd für alle andern. Und auch nicht so toll wenn man in der Stadt selbst umzieht, das Gefeilsche läuft Zahlung gegen Zahlung. Deshalb landen die sozial Schwachen in Stockholm nicht weniger häufig in Rinkeby und Solna als bei uns in Marienfelde oder Marzahn. Moskau ist wohl das Extrembeispiel mit fast mietfreiem Wohnen an einem Ende (überbelegt und schlecht) und schwindelerregend hohen Mieten in Neubauten. Mein vielleicht etwas gestelzt daherkommendes Argument war daher, dass wo Diskriminierung nicht über den Preis statt findet, ein anderes Prinzip die Verteilung regelt, es aber diskriminierend bleibt. An der Wilhelmstraße hat das diskriminierende Prinzip "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" nunmehr Bestandsschutz. Ist das notwendigerweise im Ergebnis sozial und verteilungsgerechter? Die einen sagen so, die anderen sagen so...