Wilhelmstraße - Plattenbaumoderne vs Neubebauung

  • Wilhelmstraße - Plattenbaumoderne vs Neubebauung

    Vor sehr langer Zeit wurde einmal vom Projekt "Wohnen in den Ministergärten" berichtet. Lange blieb es ruhig doch nun scheint sich doch noch was zu tun.
    Auf der Homepage des damaligen Wettbewerbsgewinners Hemprich Tophof heißt es dazu:

    Mit geringen Änderungen wurde im Jahr 2011 eine erneute Baugenehmigung erteilt.


    Außerdem ist ein Steinwurf entfernt in der Wilhelmstraße 56 - 59 ein Wohn- und Geschäftshaus geplant:




    (C) HemprichTophof Gesellschaft von Architekten mbH


    Die Plattenbauten werden für dieses Projekt abgerissen. Im März wurde darüber im Baukollegium gesprochen. Problem war die Einbindung der Gebäudetechnik in die Dachlandschaft. Diese würde die zulässige Traufhöhe überschreiten. Weiß jemand was dabei herausgekommen ist?

  • Nach dem, was hinsichtlich Staudenhof und Mercure in Potsdam los ist, kann ich mir nur schwerlich vorstellen, dass man die Bestands-Wohnbauten im Block Wilhelmstraße 56-59 wirklich wird "entmieten" und abreißen können - so wünschenswert dies aus verschiedenen Gründen auch wäre. Protest scheint sich ja schon zu formieren, und ich höre förmlich schon Klarenbach die Messer wetzen. Es werden halt die gewohnten Argumente kommen - preiswerter Wohnraum in Citylage verschwindet zugunsten von Luxuswohnungen und so fort. Die Politiker werden sich weichkochen lassen, an Potsdams Klipp konnte man es erleben.

  • @ abrissbirne: die Wohnblöcke in der Wilhelmstrasse werden bereits heute zum Großteil als Ferienapartements vermietet. Der Protest dort dürfte also weiter geringer ausfallen als andernorts.

  • Die Mieter möchten einfach in ihrer Mietwohnung wohnen bleiben. Die Häuser sind erst kurz vor der Wende gebaut worden und das im Fernsehbericht gezeigte Ehepaar ist erst nach der Wende eingezogen.


    Die Wohnungsbaugesellschaft hat andere Interessen und möchte mehr an den Grundstücken verdienen.


    Ästhetische Motive stehen wohl auf auf beiden Seiten nicht im Vordergrund.

  • auch ich finde die Platten nicht schön, allerdings wäre es besser sie noch eine ganze Weile stehen zu lassen, als dass an dieser geschichtsträchtigen und exponierten Stelle heutige Gewinnmaximierungsarchitektur gepflanzt wird.

  • Jaja, das typische. Wir, wir, ich, ich, super Lage tolle Aussicht, extrem billig. Es ist wohl vergebene Mühe den Menschen zu erklären, dass man nicht mehr im Sozialismus haust wo am Markt vorbei geplant wird. Super Lage= hohe Nachfrage, dass man da nicht mehr für Appel und Ei wohnen kann wenn die Nachfrage steigt ist doch wohl logisch.

  • Kann jemand vielleicht mal richtig fundierte Kritik an diesen Bauten äußern?


    Das einzige, was man diesen Häusern vorwerfen kann, ist dass sie ein wenig piefig wirken. Sie sind sonst in vielerlei Hinsicht gut umgesetzt. Sie folgen dem Straßenverlauf, erzeugen Spannung und damit Urbanität, die Fassaden haben eine klare Gliederung, zitieren klassizistische Formensprache.


    Die Häuser brauchen nur mal einen ordentlichen Anstrich (bzw. der Waschbeton muss weg), dann geben die schon was her.


    Ich wage die Vermutung, dass die Gegner dieser Häuser, diese Bauten schlicht nicht getrennt von der damaligen politischen Führung betrachten können. Ich gebe zu, sie riechen ein bisschen nach Honecker, aber jedem Erich kann man einen ordentlichen Haarschnitt verpassen (OK, die Ideologie vielleicht nicht).

  • Naja,dort werden Subventionen mitgenommen,anders wird sich das nicht rechnen.Mit Sicherheit sind die Bauten noch nicht vollständig bezahlt und bei Abriss gibt es einen gehörigen Altschuldenerlass,so dass der Rückbau lohnender als die Sanierung ist.Bei Plattenbauten gab bzw.gibt es eine Abrissprämie von ~75 € /m² Wohnfläche.


    Ich bin kein Anhänger der Kitschplatten in der Wilhelmstrasse,öffentliches Geld sollte IMHO dort in keiner Weise zum Einsatz kommen.Aus Nachhaltigkeitssicht erscheint mir das Ganze wenig sinnvoll.

  • Auch wenn ich grundsätzlich der Idee vom Abriss der Platten nicht abgeneigt bin, würde ich eine "humanere" Lösung, nämlich eine Sanierung der der Fassaden, bevorzugen. Denn wie bereits gesagt wurde, so schlecht sind die Platten nicht und man kann noch ästhetisch viel rausholen aus diesen.


    Mal schauen, ob das neue Leipziger "Kaufhaus" da vielleicht eine Initialzündung sein kann.

  • Kann jemand vielleicht mal richtig fundierte Kritik an diesen Bauten äußern?


    Ich finde diese Plattenbauten grottenhäßlich und in schlechtem Zustand. Gut, das ist meine persönliche Meinung, aber über Geschmack kann man nicht fundiert streiten.


    Ich war Anfang des Monats in Berlin und bin auch an den Plattenbauten vorbei gekommen: Die Dinger wirken trist, der Waschbeton und die gesamte Struktur der Gebäude sind deplatziert und sowohl in Ausführung als auch Ästhetik ein Alptraum.

  • ich würde mir einen sensibleren umgang mit der historie des ortes wünschen sowohl in architektonischer als auch in geschichtlicher hinsicht. die wilhelmstrasse war DIE regierungsstrasse berlins, hier stand das reichspräsidentenpalais, das reichskanzlerpalais einige ministerien allesamt sehr ansehnliche gebäude zum teil dreiflügelanlagen aus dem barock. natürlich war es von der ddr politisch gewollt, dass ausgerechnet an dieser stelle nahezu alles platt gemacht wurde was den krieg überlebt hatte und auch expizit die bebauung mit wohnungen entgegen der früheren administrativ geprägten strasse ist gewollt gewesen. es ist ein aphorismus. mann kann darüber streiten welchen sinn es macht dass ausgerechnet anstelle der hitlerischen reichskanzlei wilhelm-/ecke voßstrasse sich ein kinderspielplatz befindet. wenn man ehrlich ist und sich der geschichtlichen verantwortung und herausforderung an dieser stelle stellt, macht es jedoch keinen sinn diese plattenblocks zu sanieren. dann muss man sich auch fragen ob man sich dieser art der geschichtsentsorgung wie sie die ddr betrieben hat nichts anderes entgegenzusetzen hat. fragt mich jetzt aber bitte nicht was.

  • Ich denke, dass die Abrisspläne für die Wilhelmstraße 56-59 auf eine allgemeinere Entwicklung hinweisen, die nicht nur Plattenbauten betrifft. Es ist seit einigen Jahren immer mehr zu beobachten, dass Wohnhäuser mit preiswerten Wohnungen in der Innenstadt abgerissen werden. Dieses Problem betrifft die Ungers-Bauten am Lützowplatz genauso wie das Wohnhaus Barbarossastraße 59/60 oder die schon abgerissenen Altbauten Kastanienallee 42 und 64.


    Diese Entwicklung ist fatal, weil sie der sozialen Spaltung der Stadt Vorschub leistet. Berlin entwickelt sich immer mehr zu einer Stadt, in der innerstädtische Wohnungen so teuer werden, so dass sie sich nur noch Großverdiener leisten können. Auf der anderen Seite entstehen zunehmend soziale Brennpunkte, in denen sich einkommensschwache Schichten konzentrieren. Der Sozialstrukturatlas belegt diese Tendenzen ganz klar.


    Eine derartige Entwicklung ist nicht nur unsozial, sondern sie bringt auch erhebliche Belastungen für die Stadt. Es gibt etliche Studien, die zeigen, dass soziale Brennpunkte viel höhere Kosten für Bildung, Sozialarbeit, Innere Sicherheit etc. etc. erfordern. Sicher ist Berlin von Pariser Verhältnissen noch weit entfernt, aber die Entwicklung geht in diese Richtung. Daher ist es wichtig, der sozialen Segregation schon vorbeugend zu begegnen und die Vernichtung preiswerter Wohnungen in der Innenstadt einzudämmen. Ideologische Gefechte um die Frage, ob man nun besser Plattenbauten oder Altbauten erhalten soll, schaden diesem Ziel und fördern eine Entsolidarisierung.


    Ansonsten zeigt das Beispiel auch ganz gut, wie negativ sich die Privatisierung kommunaler Wohnungen auswirkt. Ich hoffe daher, dass solche Verkäufe künftig unterbleiben werden.

  • Müllers Mietsozialismus

    Keine Sorge urbanator, Senator Müller kann den Mietsozialismus in Berlin nicht einführen, auch wenn er es gerne möchte. Dagegen sprechen Gesetze des Bundes und der EU und (leider) auch Berlins leere Kassen. Der kommunale Wohnungsbau ist ein probates Mittel um einer starken Entmischung und halsabschneiderischen Mieten entgegen zu wirken, aber ohne Geld kein Bau. Müller führt einen lächerlichen Schaukampf für Medien und Wähler, herauskommen wird aber nahezu nichts. Schlimmstenfalls werden ein paar symbolisch überhöhte Bauprojekte (wie z.B. der Wohnblock an der Wilhelmstraße) um einige Jahre verzögert.


    Dennoch ist die Haltung ohne Geld aber durch gesetzliche Regulierung die Mieten auf einem sehr niedrigen Niveau zu halten, Gift für die Berliner Immobilienwirtschaft. So würgt man die Wirtschaft einer Stadt mit beiden Händen ab. Der Glaube Berlin könne ein Hartz 4 Paradies bleiben/werden, sollte doch angesichts der europäischen Finanzkrise endgültig ausgeträumt sein. Paradox ist jedenfalls, dass der rot-schwarze Senat mehr auf die soziale Tränendrüse drückt als rot-rot es je getan hat. Das ist wohl auch eine merkwürdige Öffentlichkeitsstrategie. Eine Warheit, die niemand höhren will, sagt man halt nicht mehr.


    @ Klarenbach: 1,5 Millionen Großverdiener in Berlins Innenstadt :lach:. Fahr doch mal U-Bahn, geh in ein beliebiges Wohnhaus an der Potsdamer Str. oder bemühe die Statistik. Mitte ist ein Brennpunkt sonder gleichen in Deutschland. Jede Familie in Lohn und Brot ist hier eine kleine Hoffnung. Erkennt denn keiner diesen Unsinn.

  • ^
    Die gesamtwirtschaftliche Lage Berlins ist von mehr abhängig als vom Immobilienmarkt.


    Nochmal speziell zum Thema Wohnblock Wilhelmstraße. Die Berliner Zeitung berichtet, dass sich die Mieter gegen den geplanten Abriss zur Wehr setzen wollen. Ein Passus im Mietvertrag, welcher Kündigungen wegen einer anderen wirtschaftlichen Verwertung ausschließt könnte zu Verzögerungen führen. Ein Sozialplanverfahren soll Stillstand in dieser Sache vermeiden.


    Artikel Berliner Zeitung

  • @rotesrathaus: Mitte ein sozialer Brennpunkt sondergleichen in Deutschland? Meinst du Gelsenkirchen-Mitte? Oder vielleicht den Wedding? Oder Moabit? Berlin-Mitte in seinen alten Grenzen kannst Du damit wohl kaum meinen, da gibt es nach zwanzig Jahren erfolgreicher Aufwertung allenfalls noch in den Wohnkomplexen nördlich und südlich der Karl-Marx-Allee sowie rechts und links der Heinrich-Heine-Straße Reste von Rentnern, Kleinbürgern und vielleicht auch ein paar Arbeitslosen. Sozialer Brennpunkt sieht in meinen Augen aber anders aus. Und in der U-Bahn, die durch Mitte fährt, sitzen nunmal auch Neuköllner und Weddinger (U8, U6), Lichtenberger und Hellersdorfer (U5).


    Klarenbach: Volle Zustimmung und vielen Dank für diese überfällige Abkehr von einer rein nach persönlichen Geschmacksvorlieben geführten Pro- und Contra-Abriss-Diskussion!

  • ^ Ich meinte z. B. auch den südlichen Tiergarten um die Potsdamer Str. Aber auch wo Du von Resten sprichst, lebt ein großer Anteil der ca. 80 000 Einwohner von Alt-Mitte. Auch dieser Stadtteil ist kein Hort des Wohlstands, sondern sehr gemischt und im landesweiten Vergleich deutlich unter dem Durchschnitt, was die Einkommen betrifft. Du hast recht, einen sozialen Brennpunkt gibt es in Alt-Mitte nicht.


    Wenn in Berlin ein paar Straße schicker werden, schreien die üblichen Verdächtigen gleich auf. Da fehlt m. E. völlig der Maßstab. Die Stadt muss sich verändern, wenn sie ihren Einwohnern mehr Chancen bieten will. Baulich heißt das, dass es Sanierungen und Abrisse geben wird. Das ist wünschenswert und normal.


    Die Schonung von Quartieren aus Gründerzeit, Jugendstil und klassischer Moderne und den bevorzugten Abriss von Plattenbauten und einfachen Bauten der Nachkriegszeit halte ich keineswegs nur für eine Frage des rein persönlichen Geschmacks, sondern für einen breiten städtebaulichen und ästhetischen Konsens.

  • darf ich daran erinnern, dass es in diesem thread hier um architektur in der wilhelmstr/voßstr. geht.

  • ^eher um Rendite als um Architektur.


    ... dass ausgerechnet an dieser stelle nahezu alles platt gemacht wurde was den krieg überlebt hatte und auch expizit die bebauung mit wohnungen entgegen der früheren administrativ geprägten strasse ist gewollt gewesen. ....


    ...mann kann darüber streiten welchen sinn es macht dass ausgerechnet anstelle der hitlerischen reichskanzlei wilhelm-/ecke voßstrasse sich ein kinderspielplatz befindet. wenn man ehrlich ist und sich der geschichtlichen verantwortung und herausforderung an dieser stelle stellt,


    Aus Ost Sicht lag die Wilhelmstrasse am Zentrumrand und in unmittelbarer Nähe des "Antifaschistischen Schutzwall".Ich glaube kaum,dass an diesem Ort die DDR sich repräsentieren wollte.Insofern war die Wohnbebauung eine politisch gewollte Ideallösung.
    Der Spielplatz ist wirklich eine vernünftige Idee,damit umging man sämtliche Kontroversen.


    Nutzungskontinuität,gerade auch für ganze Strassenzüge und Viertel gibt es nicht.Das betrifft Industrie wie Repräsentationsbauten und somit auch die Wilhelmstrasse.


    Ich dränge nicht auf den Erhalt der Platten als preiswertes Wohnreservoir,dennoch sollten ökonomische,vor allem steuerpolitisch nachvollziehbare Argumente dieses Abrisses vorliegen.Es kann nicht sein,dass für den Abriss intakter,vermietbarer Wohnungen Subventionen in Anspruch genommen werden.
    Wie geschrieben,die Bauten sind u.U.noch nicht vollständig bezahlt und der Abriss würde aus Steuergeldern gefördert.Das finde ich sehr bedenklich.Nur wenn das Vorhaben es ohne jegliche Zuschüsse und Altschuldenerlasse über die Bühne geht,finde ich den Abriss annehmbar.