Beiträge von Architektenkind

    jan85 Da ist viel Wahres dran. Ausstellungen im Sinne von "Tutenchamuns Grab, wie es damals war" stoßen sicher auf großes Interesse und vermitteln, wenn sie wissenschaftlich gut begleitet sind, einen tiefen Einblick ins Alte Ägypten. Eines wird ihnen aber immer fehlen: Die Aura des Originals. In der James-Simon-Galerie kann man die Repliken antiker Büsten für mehrere hundert Euro kaufen. Sie sind handwerklich gut gemacht, besitzen aber nichts von der Erhabenheit, wie sie etwa die echte Nofretete ausstrahlt.


    Das liegt zu einem guten Teil am Wissen des Betrachters um das Alter des Originals und die damaligen Produktionsbedingungen – und sowas lässt sich nicht mitkopieren. Ich habe als kleines Kind mal die echte Totenmaske des Tutenchamun gesehen. Das hat mich so beeindruckt, dass ich es nie wieder vergessen habe: Fast 3.500 Jahre alt und bis heute wie neu.


    Bei den archäologischen Sammlungen liegt die Sache übrigens m.E. etwas anders als bei den ethnologischen – zumindest was Funde vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert angeht, als es in Ägypten oder im Zweistromland noch keine systematische Archäologie gab. Wer nach jahrelanger Forschungsarbeit etwas entdeckt und freilegt, was über Jahrtausende unter Sand begraben war, steht in einer anderen Beziehung zu diesem Fund als jemand, der (auf unsere Verhältnisse übertragen) mit der Waffe in der Hand in eine Kirche spaziert und den Pfarrer zwingt, ihm die Reliquien auszuliefern.


    Heutzutage würde natürlich niemand mehr das Ischtar-Tor nach Berlin verfrachten. Damals ließ sich das zumindest legitimieren – zumal es nicht im Rahmen einer kolonialen Eroberung, sondern einer wissenschaftlichen Expedition ausgegraben wurde. Man hat die Trümmer auch nicht einfach so mitgenommen, sondern erst nach Verhandlungen und mit Genehmigung der Osmanen verschifft.

    Du scheinst ja bei der Bewertung als Raub einen moralischen Maßstab, keinen rechtlichen anzulegen. Auf der Ebene der Moral also, war der König von Benin Täter oder Opfer?

    1. Ein rechtlicher Maßstab ist schwierig, weil es für sowas damals keine völkerrechtlichen Regelungen gab. Natürlich spielt die Moral eine Rolle – und zwar die der Europäer, die damals alles mitnahmen, was ihnen gefiel (und zwar nicht im Namen der Menschheit, sondern in dem ihrer jeweiligen Nation).

    2. Halte mich bitte nicht für einen Deppen: Der innerafrikanische Sklavenhandel ist mir durchaus bekannt. Ich gehöre gewiss nicht zu den Leuten, die glauben, alles Schlechte sei erst durch den Kolonialismus in die Welt gekommen.


    Aber darum geht es nicht. Es geht um die Demut, die der Bundespräsident angesichts der Eröffnung des Museums gezeigt hat, um die Verachtung, mit der diese Demut hier kommentiert wurde und um die – in meinen Augen – Heuchelei, mit der einige die ganze Debatte "im Namen der Menschheit" für beendet erklären wollen.

    Ich verstehe nicht warum dir wichtiger ist, dass die "Büste XY aus 1382" auf dem Nachttisch eines namibischem Oligarchen landet, als dass sie der Welt in Berlin zur Verfügung steht.

    Du hast ein unfassbar simplifizierendes Bild von Afrika und keine Einsicht ist das Unrecht, das unsere Vorfahren dort begangen haben. Den verlinkten Artikel aus der NZZ nimmst Du gar nicht zur Kenntnis. Du maßt Dir an, im Namen der Menschheit zu sprechen und behandelst die Bewohner eines ganzen Kontinents als gehörten sie nicht dazu - als seien es Kinder, die keine eigenen Entscheidungen treffen könnten.


    Von Aktionismus habe ich nicht geredet, ich habe oben eine differenzierte Haltung zu Rückgaben vertreten. Ich habe mich auch nie an irgendwelchen Aktionen zur Restititutionsdebatte beteiligt, weil ich die Sache durchaus ambivalent sehe.


    P.S.: Ich weiß, ich verrenne mich hier. Habe um eine Sperre gebeten. Viel Vergnügen bei weiteren nationalen Überheblichkeiten!

    ^ Schön, dass all diese tiefgreifenden, scheinbar von Verantwortungsbewusstein um das Weltkulturerbe geleiteten Überlegungen immer auf eines hinauslaufen: Die Nachfahren der Diebe seien im Namen der Menschheit verpflichtet, das Diebesgut zu behalten. Praktisch, nicht wahr?


    Ich bezweifle übrigens stark, dass Du nur ansatzweise korrekt einschätzen kannst, was in afrikanischen Museen so passiert. Vielmehr vertritts Du genau die paternalistische Haltung, die ich oben kritisiert habe. Selbst die erz-konservative NZZ hat da differenzierte Ansichten.

    Die Regierung von Neuguinea ist sehr weitsichtig, wenn sie das Luf-Boot für in Berlin gut aufgehoben hält.

    Da machst Du die Folgen vergangener Verbrechen zum Argument dafür, warum der Kunstraub richtig gewesen sei. Warum wäre das Luv-Boot denn heute verloren, wenn man es nicht gestohlen hätte? Weil die Kultur, in der es eine Rolle spielte, nicht mehr existiert. Und warum existiert diese Kultur nicht mehr? Korrekt.


    Natürlich ist es faktisch richtig, dass die europäischen Sammlungen viel für die Erhaltung ihrer Schätze getan haben. Und tatsächlich gibt es viele Regierungen in ehemals kolonisierten Ländern, die mit der Ausstellung bestimmter Stücke in Berlin, London oder Paris einverstanden sind, weil sie dort einfach gut präsentiert werden.


    Daraus leitet sich aber erstens kein Rechtsanspruch auf den Besitz dieser Stücke ab. Der ist mit - ja, Demut - auszuhandeln. Und zweitens schlägt dieses Argument (nicht bei Dir) häufig in eine Haltung um, derzufolge die Leute in den Ursprungsländern viel zu dumm und unzivilisiert seien, um ihre Kunst richtig zu pflegen. Und dann wird es hässlich. Kunstraub im Nachhinein als Dienst an der Menschheit darzustellen, ist jedenfalls vermessen.

    Viele die hier die großen Anklagen schwingen wie Frau Savoy und andere, profilieren sich nur zu gerne selber und suggerieren, dass diejenigen die nicht dieser Meinung sind, automatisch auch diese Kolonialpolitik verteidigen und Völkermord wenn nicht verleugnen so doch relativieren versuchen.

    Ich glaube, da Du kennst Frau Savoy schlecht. Du unterstellst, sie würde dauernd das moralische Breitschwert schwingen - in Wahrheit erforscht sie die Herkunft von Einzelstücken, und da ist von Fund, Kauf, Kauf auf erpresserischer Basis, Raub und Mord alles dabei. Sie betont (und belegt) allerdings, dass sich die europäischen Sammlungen in ihrer Gesamtheit von den Kolonialverbrechen nicht trennen lassen. Demut bei der Eröffnung einer solchen Sammlung ist also durchaus angebracht.

    Alles was in der DDR zum Beispiel passiert ist...

    Das ist Whataboutismus.

    ^ Andere Meinungen zu was? Das würde mich jetzt mal interessieren. Hat Herr von Trotha irgendwelche Memoiren hinterlassen, wie er den Wilden die Zivilisation gebracht hat? ("Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr erschossen.")


    Ja, "wir" haben wahrlich viel geleistet, worauf "wir" stolz sein können. "Gesunde Reflexion" Saxonia : Ein bisschen weniger Völkermord hätte vielleicht auch gereicht.

    ^ Es ist schlicht wahr. Und es wird nicht unwahr, wenn man es leugnet. Empfehle Dir, mal die Arbeiten von Götz Aly oder Bénédicte Savoy zur Kenntnis zu nehmen.


    Ich schätze das Humboldtforum als Museum, gerade weil es die aktuelle Debatte ermöglicht. Wenn sich Leute deshalb in ihrem Nationalstolz gekränkt fühlen, kann ich das auch nicht ändern. Das Gerede vom "Geleisteten" kann ich in Bezug auf den Kolonialismus jedenfalls nicht ertragen.

    ^ Ein Dauerzustand ist das mit Sicherheit nicht. Solche Provisorien sieht man vor Neubauten öfters, gerne auch mal für ein halbes Jahr oder länger. Z.B. auch vor dem Rennomier-Projekt "Kronprinzengarten" in Mitte. Irgendwann wird dann doch ein anständiger Fußweg wiederhergestellt. Das wird auch hier so sein – zumal der Rest des Bürgersteigs ja erst kürzlich aufwändig saniert wurde.

    Die Architektur wirkt in diesem Kontext wie ne befristet aufgestellte Containerunterkunft für schlecht bezahlte Leiharbeiter aus Osteuropa

    Nichts gegen frei flottierende Assoziationen beim Verfertigen von Gedanken. Ich finde aber, es hilft, sie nicht ungebremst runterzutippen, sondern eine Reflexions-Schleife zwischenzuschalten.

    ^ Meine Güte. Ich habe mich gefreut, dass es rund um den Brunnen am Alex eine sehr hohe Dichte an Hochhäusern geben wird. Über architektonische Qualität habe ich nicht gesprochen, und den Höhenpreis habe ich selbstverständlich Frankfurt zuerkannt. Dafür habe ich jetzt "berlintypische Großmannssucht", "Hybris" und "DDR 2.0" geerntet. Bleibt mal auf dem Teppich, Leute!

    Bei deine Aussage zur Dichte benützt du das Präsens als Zeitform. Eher angebracht wäre das Futur I.

    Nein, denn die Aussage bezieht sich auf das heutige Frankfurt. Ob es eine solche Dichte in Frankfurt geben wird, wenn es sie in Berlin gibt, kann ich nicht beurteilen. Derzeit gibt es sie nicht.


    Und jetzt schau bitte nochmal, in welchem Tempus der Satz zu den acht Türmen um den Alex geschrieben ist und ziehe den Quatsch mit der "typischen Berliner Großmannssucht" zurück. Das ausgerechnet mir vorzuwerfen, ist wirklich absurd.

    Das HDS gehört natürlich nicht zum Alex aber ist n.m.Wahrnehmung, Teil der bisherigen optisch verschobenen Raumkannte - das wird sich wie gesagt mit den Neubauten denke ich aufheben.

    Eben. In ein, zwei Jahren wird zwischen dem Alexanderplatz und dem HdS der Covivio-Turm mit seinem massiven Sockel aufragen. In vier oder fünf Jahren kommt als weiterer Trenner der Hines-Turm (oder ein Ersatz an seiner Stelle) hinzu. Der Raumeindruck wird sich dadurch völlig verändern; die Kreuzung Alexanderstr./Otto-Braun-Straße, die einem heute beim Blick Richtung Osten noch offen vor Augen liegt, wird optisch abgeschnitten sein.


    Natürlich wird im Volksmund das ganze Areal zwischen Alexanderstraße und Spandauer Straße weiterhin unter "am Alex" subsumiert werden – das Gefühl, das man hat, wenn man auf dem Platz steht, ändert sich aber komplett. Am Ende werden im Umkreis von 250 Metern rund um den Alex-Brunnen acht Türme zwischen 125 und 150 Meter Höhe aufragen. Diese Dichte gibt es nicht einmal in Frankfurt (obwohl es dort natürlich stärker in die Höhe geht).

    sogar Potenzial für einen Schmuckplatz sähe ich da, gern Ligusterhecken entlang der Behrensbauten, die ihm sowieso vorschwebten mit Bänken davor die sich streng an ein Blumen /Rasenparterre reihen mit dem Brunnen in der Mitte

    Bitte nicht! Diese Geschmacksverirrung des Wilhelminismus, innerstädtische Plätze in Miniparks zu verwandeln – die muss man nun wirklich nicht wieder aufleben lassen. Der Alex ist (und bleibt) für Blumenrabatten nun wirklich denkbar ungeeignet.


    Endell Sorry, ich hatte den Beitrag gerade nochmal überarbeitet, nachdem ich Deinen zweiten Post gelesen hatte. Sonst nicht meine Art, aber hier hatte sich Ergänzungsbedarf ergeben... ;)

    Könntest du bitte erläutern, warum sich das hervorragend macht?

    Was Du Unruhe nennst, ist für mich Plastizität: Die Struktur gibt der Fassade einen Rhythmus, bei passendem Lichteinfall entsteht ein interessantes Spiel von Licht und Schatten. Die sichtbare zweite Fensterschicht und die Lamellen geben dem Ganzen Tiefe. Schließlich werden (was man bisher nur erahnen kann) die Glasfläche zu- und die Winkel der "Zieharmonika" nach oben abnehmen, wodurch sich die Fassade von Stock zu Stock subtil verändert. Sie wird immer leichter und transparenter.


    Mir gefällt das gut, Dir anscheinend weniger. Ist eine Geschmacksfrage. Auch unter Architekturkritikern wird es beide Einschätzungen geben.

    Wenn man die Aussagen und Vorgaben der Politik und der Experten ernst nimmt (z. B. gab es ja auch mal einen R-Wert), dann wird es niemals mehr eine frühere Normalität geben können.


    Das stimmt nicht. Politik und wissenschaftliche Beratung reagieren durchaus auf veränderte Begebenheiten – z.B. wird die Inzidenz- als Maßstab inzwischen zunehmend durch die Hospitalisierungsrate abgelöst, weil eine Infektion wegen der steigenden Impfquote inzwischen nicht mehr dieselben Folgen hat wie letztes Jahr. Dazu kommt – ganz wichtig – die Tendenz von Viren, langsam harmloser zu werden. Das dauert seine Zeit, aber die Spanische Grippe war irgendwann auch vorbei (ohne Impfungen, aber nach fürchterlichen Opferzahlen). Wenn sich Covid-19 irgendwann harmlos mutiert, folgen aus Infektionen keine Intensivpatienten und keine Toten mehr. Und dann ist die Pandemie vorbei.


    Sorgen bereiten mir allerdings Stimmen, die eine Maskenpflicht gerne zum Grundsatz für alle Zeiten machen würden, um die normale Grippe und sonstige Infektionskrankheiten zu bekämpfen. Das ist eine Frage der Güterabwägung, aber mir ginge es deutlich zu weit.


    P.S.: Den R-Wert gibt es immer noch. Liegt aktuell bei 0,94 – schon mal besser als vor einem Monat.

    Abgesehen davon, dass es mir im Hirn wehtut, dass keine(r) der Vortragenden die Breite Strasse zu deklinieren vermag,

    Ja, Mann. Das Ding heißt "Breite Straße", nicht "Breitestraße" - furchtbar!


    Auch sonst gebe ich Dir recht: ADEPT könnte noch was reißen, wenn sie mit unterschiedlichen Fassaden und Gebäudehöhen spielen würden. LH Architekten ist fast schon mehr als ich mir erhofft hatte: Modern interpretierte historische Parzellenbreiten, unterschiedliche Gebäudehöhe, verschiedene Fassaden.


    Mal schauen, was die künftige Stadtbauspitze davon hält.