Humboldt-Forum / Stadtschloss - Der Bauthread

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    Zu ergänzen wäre, dass der Ostflügel im 18. und 19. Jahrhundert übriggeblieben ist – die Hausherren wollten ihn weghaben, so wie sie den Schinkel-Dom weghaben wollten, um Platz für ihren Dynastie- und National-Dom zu bekommen. Sie haben es nur nicht rechtzeitig vor ihrer Entmachtung geschafft, ihn samt des Apothekerflügels abreißen zu lassen.

    Auch wenn ich den Zweiflern einer Rekonstruktion zustimme, muss ich hier widersprechen. Nur die Architekten unter Friedrich I. wollten den Ostflügel in das barocke Gesamtbild einbinden (Schlüter im Schlossmodell und später Eosander). Das scheiterte dann an der Sparsamkeit Friedrich-Wilhelms des I..
    Friedrich-Wilhelm IV. hat sogar seine Privatzimmer in der Kapelle des Ostflügels einrichten lassen und den alten Ostflügel erforschen lassen (Mittelalterkult, Gottesgnadentum...).

    Ergo sollte man sich als Fan der Barockfassade über den Stella-Ostflügel freuen. Er schließt das Werk Eosanders sozusagen ab.

  • ^ War vielleicht etwas zugespitzt formuliert. Mit dem 19. Jahrhundert meinte ich den ursprünglichen Raschdorffplan, der neben dem Dom einen Viadukt, einen Schlossturm und einen neobarocken neuen Flügel anstelle der Renaissance-Reste vorsah. Nannte sich „Ein Entwurf Sr. Majestät des Kaisers Friedrich III. zum Neubau eines Doms und zur Vollendung des Schlosses in Berlin" und wurde m.W. wegen der immensen Kosten verworfen.

  • Naja, wenn man danach geht was irgendwer irgendwann mal abreißen wollte.:nono: Für das holländische Viertel in Potsdam waren die Abrisspläne schon in der Schublade, ohne den Zusammenbruch der DDR wäre auch Leipzig heute nicht der Hot-Spot in Deutschland, wo sich jeder nach den Gründerzeitwohnungen reißt, die vor 1990 nur aus Mangel an Mitteln nicht dem Erdboden gleich gemacht wurden.

    Was wann und wie die Moden, den Zeitgeist und die Ideologien überlebt, ist manchmal auch einfach Glückssache.

    Ich fand die Ostseite früher auch als verzichtbaren Teil des Schlosses, weil es mir damals nicht weltstädtisch genug war. Heute sehe ich es genau anders. Es war vielleicht die schönste und wichtigste Seite des Schlosses, weil es die Genese und die Werdung Berlins vom Provinzdorf zur Weltstadt in einem Bauwerk allein gezeigt hat. Wer wissen wollte, welche Entwicklung Berlin vollzogen hat, der musste sich nur das Schloss anschauen und man konnte die Zeitschichten und den Bedeutungszuwachs Preußens auch baugeschichtlich relativ einfach nachvollziehen. Noch offensichtlicher wurde dies bei der vierten, nicht rekonstruierten Seite des Schlüterhofes.

    Die heutige Reko ist daher insofern Geschichtsfälschung, weil es suggeriert, dass das Schloss ein "Ein-Stil-Bau" des Barock war und wie in einem Guss errichtet wurde, so als hätte Ludwig der II. sich sein Traumschloss gebastelt. Und dem war nie so, aber genau dieser Eindruck wird erzeugt. Es wird also viel idealisierter und monumentaler als es je war. Und es mag sogar sein, dass der ein oder andere preußische Herrscher das gar nicht so schlimm finden würde. Ich habe da aber doch eine andere Auffassung.

    Dies wäre nämlich dann verkraftbar, wenn man im direkten Umfeld noch Zeugnisse dieses einfachen, provinzillen Berlins begutachten könnte, wie es sich früher z.B. auf der Fischerinsel präsentierte. Aber fast sämtliche Bauten (sieht man mal von der idealisierten Inszenierung um die Nikolaikirche ab) des alten Kernberlins gibt es heute nicht mehr. Daher wäre es mir sehr lieb gewesen, wenn man diese Entwicklung zumindest am Schloss gezeigt hätte.

    Aber es passt vielleicht nicht zum Zeitgeist und auch nicht in eine Weltstadt wie Berlin, was ich sehr schade finde, denn die Wurzeln einer Stadt bilden gleichzeitig ihr Fundament. Ich hätte mir gewünscht, dass man irgendwo im Bereich Schloss, Fischerinsel, Molkenmarkt, Klosterviertel zumindest einen Ort findet, um auch das exemplarisch zu zeigen.

    Aber wie man hier schon wieder hört, ist es wohl zu teuer, ineffizient und nicht baurechtskonform. Und das aus dem Land der ehemaligen Dichter und Denker:nono:

  • Über den Wiederaufbau des Apothekerflügels könnte man auch zeitnah nachdenken, würde dieser doch die Ostfassade in ihrer Monumentalität etwas reduzieren und auflockern sowie gleichzeitig eine Platzatmosphäre hin zum Lustgarten schaffen.

    Stellas Baukörper sollte dem auch nicht im Wege stehen, im Gegenteil, es wäre sogar ein Übergang zwischen der modernen Fassade und dem Apothekerflügel möglich.

    Somit hätte man eine weitere Zeitschicht wenigstens äußerlich wiederhergestellt und könnte die Entstehung des Stadtschlosses besser in den gesamten historischen Kontext setzen.

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    Die heutige Reko ist daher insofern Geschichtsfälschung, weil es suggeriert, dass das Schloss ein "Ein-Stil-Bau" des Barock war und wie in einem Guss errichtet wurde, so als hätte Ludwig der II. sich sein Traumschloss gebastelt.

    Gerade wenn Du den Verlust an Dichtern und Denkern beklagst, wirst du es nicht als lästige Zumutung empfinden, wenn ich Dich ermuntere, einmal gründlich über die Aporien der Rekonstruktionen nachzudenken.

    Das beginnt schon damit, dass gerade bei gewachsenen, werdenden, "lebendigen" Strukturen, wie sie hier zur Diskussion stehen, eben kein eindeutiger "Originalzustand" vorhanden ist, den man entsprechend fälschen könnte. Es gab, gerade an der Ostseite wird es deutlich, ein langes Werden, und wenn dieses zerstört und abgebrochen wurde, ist es reine Willkür, ein bestimmtes kontigentes Moment dieses Werdens herauszugreifen und es als "Originalzustand" darzustellen.

    Und Dir ist schon klar, wohin Dein Argument mündet? Dass dann auch und gerade eine scheinbar vollendete Reko als vollendete "Geschichtsfälschung" bezeichnet zu werden verdiente, weil gerade diese suggerierte, dass das geschichtliche Ereignis der Zerstörung nie stattgefunden habe. M.a.W.: Weil zur Geschichte dieses Schlosses auch seine Zerstörung gehört, lässt es sich ohne "Geschichtsklitterung" gar nicht wieder aufbauen. Die moderne Ostfassade ist damit genau das, was zumindest daran erinnert, dass es sich nicht um den Originalzustand handelt, sie bewahrt damit die Erinnerung an die Zerstörung und stellt damit das genaue Gegenteil einer Geschichtsklitterung dar.

    Dort, wo das Begehren nach Rekonstruktionen besonders stark wird, nährt es sich, denke ich, zu einem beträchtlichen Maße gerade dem Bedürfnis nach einer solchen Geschichtsklitterung, danach, die traumatische Zerstörung vieler Städte im Zweiten Weltkrieg, rückgängig zu machen. Es geht dann nicht mehr nur um die Wiedergewinnung verlorenen Kulturguts, zumindest in Gestalt einer Rekonstruktion, sondern im Grunde um ein Rückgängigmachenwollen von Geschichte.

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    Das Begehren nach Rekonstruktionen nährt sich zu einem hohen Maße gerade dem Bedürfnis nach einer solchen Geschichtsklitterung, danach, die traumatische Zerstörung vieler Städte im Zweiten Weltkrieg, rückgängig zu machen.

    Diese Argumentation liest man bzgl. Rekonstruktionen ja immer wieder, die einfache Form davon ist "Disneyland" zu sagen und abzuwarten, was passiert.

    Ich gebe dir Recht, dass es sicherlich Menschen gibt, die diese Absicht (bewusst oder unbewusst) besitzen und denen es darum geht, den vermeintlich "richtigen" Zustand wiederherzustellen.
    Der Sinn einer Rekonstruktion kann in meinen Augen aber eben auch sein, einen Baustein der Stadtgeschichte, der längst verschwunden, aber doch im kollektiven Gedächtnis verankert ist, wieder baulich herzustellen. In diesem Zusammenhang muss meines Erachtens auch immer eine Kontextualisierung mit dem Werden und Verlust eben jenes Bauwerks dargestellt werden. Ob nun durch bewusste Brüche in der Architektur, durch eine Anlehnung an die historische Architektur, aber mit anderen Materialien oder eben auch durch eine 1:1 Rekonstruktion des Äußeren, die im Kontrast zur umgebenden Neubebauung steht.

    Selbstverständlich kann solch Architektur "schön" sein und gewissermaßen heilt sie auch subjektiv empfundene Wunden im Stadtgebiet. Ich sehe jedoch keineswegs die Gefahr, dass damit die Geschichte ausradiert wird oder gar rückgängig gemacht wird. Es ist eine Form der Auseinandersetzung damit, sicher nicht eine universelle, aber auch keine per se falsche oder im politischen Sinne revisionistische.

  • ^ Ja, ich stimme Dir weitgehend zu. Und ich hatte, während Du geschrieben hattest, meinen eigenen Text noch einmal umgeschrieben und wie folgt präzisiert und eingeschränkt: "Dort, wo das Begehren nach Rekonstruktionen besonders stark wird". Es gibt auch andere Motivationen für Rekos, die ich auch verteidigen würde.

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    Dort, wo das Begehren nach Rekonstruktionen besonders stark wird, nährt es sich, denke ich, zu einem beträchtlichen Maße gerade dem Bedürfnis nach einer solchen Geschichtsklitterung, danach, die traumatische Zerstörung vieler Städte im Zweiten Weltkrieg, rückgängig zu machen.

    Ich habe diese Auffassung nie verstanden, alle dich ich kenne, die sich auch für Rekos einsetzen habe ich nie so reden hören. Es ist für mich einfach ein Totschlagargument gegen Rekos.

    Ich habe manchmal das Gefühl, dass es eine kultivierte Depression in diesem Land, dass nichts zu schön, nichts zu harmonisch sein darf, weil dies dann direkt eine Beigschmack bekommt. Dieses gurndlegende Identitätsdilemma ist einer Meinung nach ein Grund, warum in Deutschland gerade so viel ins Rutschen gerät. Weil in so viele Dinge so viel rein interpretiert wird.

    Glaubt wirklich irgendwer, man würde den Mord an Millionen Juden vergessen, wenn man das Stadtschloss wiederaufbaut? Ohne Bruch? Glaubt wirklich irgendwer, man würde die Zerstörung deutscher Städte weniger wahrnehmen, wenn man 10 Bauten pro Stadt rekonstruiert? Empfindet man in Dresden seit dem Wiederaufbau der Frauenkirche und des Neumarkts das Schicksal der Stadt plötzlich als weniger schlimm?

    Wird das Stadtschloss zum Hort von Nazis, die mit wehenden Fahnen die Rückkehr des Kaisers fordern? Und ist es für die dann von Bedeutung ob die Ostfassade modern ist oder nicht? Müssten dann die Potsdamer Schlösser und Gärten nicht dauerhaft von diesen Leuten belagert werden?

    Das sind doch alles Hirngespinste, die man bei jeder Reko im Vornhinein runterbetet. Und nie ist es dazu gekommen. Einfach weil es ein konstruiertes Modell aus einer ganz speziellen politischen Richtung ist.

    Ganz ehrlich, ein Großteil der Leute, die am Schloss vorbei kommen, werden es kurz anschauen, sich im Nachgang vielleicht erinnern, dass da ja ein schönes Gebäude am Ende der Linden stand und das wars. Letztlich ist es nur ein Gebäude. Diese ständige Überhöhung und diese ständige Depression, die an solchen Bauten immer zu Schau gestellt wird, ist für die breiten Masse völlig realitätsfern, weil es sie schlicht nicht interessiert!

  • Danke für Eure guten Beiträge. Schon spannend, mit wie wenig Text und in welch kurzer Zeit praktisch die geamte Rekonstruktionsdebatte zusammengefasst werden kann.

    Im Grunde hätte man auch anhand des Palastes der Republik und dem angrenzenden Parkplatz, also mit der großen Leerstelle mitten in Berlin und ein paar Erklärtafeln die preussische / deutsche Geschichte veranschaulichen können.
    "Schaut her, so ergeht es Ländern, die größenwahnsinnige Herrscher hervorbringen. Wo Jahrhunderte lang etwas fast organisch gewachsen ist, steht schließlich: Erichs Lampenladen!"
    Da aber dieses System ebenfalls sang und klanglos untergegangen ist, war es meiner Ansicht nach konsequent dieses Zustand wieder zu überwinden.

    Wenn ich das weiterdenke, ist die Schlossrekonstruktion tatsächlich im gewissen Maße revisionistisch. Dort hätte statdessen ein besonderes modernes Gebäude hingehört, dass für die Modernität Deutschlands steht und gleichsam die Leere füllt und die umgebenden Gebäuden und Straßen wieder einen Bezugspunkt gibt. Das habe ich aber selbst bislang anders gesehen, erst jetzt wo das Projekt vor dem Abschluss steht, bin ich ehrlich gesagt etwas enttäuscht, weil es, zumindest z.Zt., meine hohen Erwartungen nicht erfüllt.

    Unser Land in seiner Vielschichtigkeit, lässt sich nicht mehr durch ein Schloss repräsentieren, auch nicht Berlin. Die Schlossrekonstruktion ist schlussendlich nur eine Facette und hat keine übermässige Bedeutung für das gesamte Land. Anders halt als das originale Schloss, bzw dessen Nachfolger der Palast der Republik.

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    Mit dem 19. Jahrhundert meinte ich den ursprünglichen Raschdorffplan, der neben dem Dom einen Viadukt, einen Schlossturm und einen neobarocken neuen Flügel anstelle der Renaissance-Reste vorsah.

    Auch der megalomane, heute befremdlich wirkende Raschdorff-Plan zur Schlosserweiterung sah aber keine Glättung oder völlige Aufhebung der Kleinteiligkeit der Ostfassade vor. Der Apotheker-Flügel wäre zugunsten von Schlossturm und dem langgestreckten Festsaal-Neubau abgerissen, die südlich angrenzenden Teile aber lediglich stark überformt worden.

    Gesamtgrundriss der Schlosserweiterung:

    © Technische Universität Berlin, Architekturmuseum

    Ansicht von Osten:

    © Technische Universität Berlin, Architekturmuseum

    Aufriss Festsaal, Ostseite:

    © Technische Universität Berlin, Architekturmuseum

    Ansicht von Westen:

    © Technische Universität Berlin, Architekturmuseum

    Fotomontage der Westseite:

    © Technische Universität Berlin, Architekturmuseum

    Aufriss des Turms:

    © Technische Universität Berlin, Architekturmuseum

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    Unser Land in seiner Vielschichtigkeit, lässt sich nicht mehr durch ein Schloss repräsentieren, auch nicht Berlin. Die Schlossrekonstruktion ist schlussendlich nur eine Facette und hat keine übermässige Bedeutung für das gesamte Land.

    Ich würde das als selbstgemachtes Leiden bezeichnen.

    Sowas kommt eben dabei raus wenn man gute und böse Geschichte versucht an zeitgeschichtlichen Gebäuden festzumachen.

    Finstere Zeiten unserer Geschichte bleiben das was sie sind und (hoffentlich) jeder muß seine Lehren daraus ziehen, mit oder ohne "böse Gebäude".

    Der falsche Weg ist und war geschichtlich bedeutende Gebäude (das gilt auch für so manches Denkmal) in gut und böse zu klassifizieren und sie somit abzuräumen bzw. aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwinden zu lassen.

    So macht man es den Menschen nicht leichter sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinander zu setzen, im Gegenteil man verhindert es vielmehr.


    Gruß, Jockel

  • @ Harry Seidler: Danke, tolle Bilder. Ich muss mich schon wieder korrigieren: Neo-Renaissance statt Neo-Barock. Seltsame Idee, ein historisches Renaissance-Gebäude größtenteils abzureißen, um es durch ein Pseudo-Renaissance-Gebäude zu ersetzen. Die Wasserfront hat trotzdem was, und den Drei-Kuppel-Dom finde ich interessanter als die später gebaute Variante. Absurd ist allerdings dieser Schlossturm. Wie hoch sollte der werden? 100 Meter? 120 Meter? Und das alles im prallsten Historismus, während in Paris zeitgleich in Eisenfachwerk-Bauweise der Eifelturm emporwuchs...

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    Ich würde das als selbstgemachtes Leiden bezeichnen.

    Soweit kann ich dir zustimmen aber ich bezweifele, dass wir das Gleiche darunter verstehen.

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    Sowas kommt eben dabei raus wenn man gute und böse Geschichte versucht an zeitgeschichtlichen Gebäuden festzumachen.

    Finstere Zeiten unserer Geschichte bleiben das was sie sind und (hoffentlich) jeder muß seine Lehren daraus ziehen, mit oder ohne "böse Gebäude".

    Der falsche Weg ist und war geschichtlich bedeutende Gebäude (das gilt auch für so manches Denkmal) in gut und böse zu klassifizieren und sie somit abzuräumen bzw. aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwinden zu lassen.

    Kann man das überhaupt trennen? Also Gebäude und das was in Ihnen passiert ist? Aber darum geht es mir gar nicht.

    Es wurde ständig, in allen Epochen entschieden, Gebäude abzureissen, einfach deswegen, weil sie dem gerade aktuellen Zeitgeist nicht mehr entsprachen. Oft stellte man dann im Nachhinein fest, dass der Zeitgeist eine sehr flüchtige Sache ist. Selbst der Berliner Dom bietet dazu ein passendes Beispiel.

    In Deutschland kam dann auch oft hinzu, ob das gerade herrschende System noch genug Zeit hatte, seine Pläne umzusetzen.
    In der Regel zum Glück nicht!

    Gerade der von HarrySeidler eingestellte Entwurf von Raschdorff, der massiv in den Bestand eingegriffen und den Schwerpunkt des Schlosses verschoben hätte, zeigt m.E., dass selbst die Barockfassaden, die heute als so bedeutend rekonstruiert wurden, womöglich keine Bestandgarantie besaßen.

    Das was jetzt errichtet wurde ist an drei Seiten eine annähernd originalgetreue Rekonstruktion des letzten Bauszustands, wenn auch strahlend neu und sehr gleichmäßig. Insofern sehe ich dort eine Kontinuität. Man versucht den schweren Fehler der Zerstörung in Krieg und Nachkriegszeit zu korrigieren. Ob das gelingt, weiß ich heute nicht mehr zu sagen. Bislang war ich davon überzeugt, aber mittlerweile kann ich mir auch vortsellen, dass die Gesellschaft in ihrer Wankelmütigkeit in einigen Jahren wieder anders entscheiden würde.
    Zeitgeist halt.

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    ... Man versucht den schweren Fehler der Zerstörung in Krieg und Nachkriegszeit zu korrigieren. Ob das gelingt, weiß ich heute nicht mehr zu sagen. Bislang war ich davon überzeugt, aber mittlerweile kann ich mir auch vortsellen, dass die Gesellschaft in ihrer Wankelmütigkeit in einigen Jahren wieder anders entscheiden würde.
    Zeitgeist halt.

    Du widerlegst Dich selbst in einem einzigen Satz.
    Was du heute als „schweren Fehler“ bezeichnest... muss seinerzeit überhaupt nicht als ein solcher gesehen worden sein. Wie auch, sonst sähe es nicht so aus wie es aussieht.
    Also viel Bla Bla für ein ein Kontinuum, nämlich, dass sich alles verändert und nichts so bleibt wie es mal war, alles wird, besonders in Berlin.

  • ^ Na danke für das Bla Bla.

    Ich gehe davon , dass der selbstverschuldete Krieg mit all seinen Zerstörungen, Verwerfungen und Folgen durchaus als schwerer Fehler zu beurteilen ist. Hab ich mich da etwa getäuscht?

    Womöglich, wenn man das Naziregim und den 2. Weltkrieg sowie dessen zerstörerische Folgen auch dem damaligen Zeitgeist zuschreibt. Dann war das ganze Leid und die Zerstörung folgerichtig. In der Kategorie habe ich tatsächlich nicht gedacht.

    Aber was bedeutet das dann für die Rekonstruktion der Schlossfassaden?

  • Was soll denn an der Ostfassade "gewachsen" gewesen sein? Das war eine Aneinanderreihung verschiedener Epochenstile, die doch aber nicht "gewachsen" ist sondern Stück für nacheinander gebaut wurde - was natürlich wiederholbar wäre.

    Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie unmittelbar nach den komliziertesten und künstlerisch anspruchsvollsten Rekonstruktionen viele mit Blick auf andere wünschenswerten Projekte behauptet wird dies oder jenes sei technisch und künstlerisch nicht machbar. Mit Logik ist dieser Gedankengang nicht zu bewältigen, nur mit dem unbändigen Willen künftige Rekos mit vorschobenen Gründen zu verhindern oder zu diskreditieren. Man muss ja keine Rekos mögen, aber am baulichen und künstlerischen Vermögen liegt es sicher nicht.

  • Nein. Dieser Begriff ist Blödsinn und insinuiert es sei von allein gewachsen, durch Zeitablauf.

    Es handelt sich aber beim Berliner Schloß um eine bewußte Inszenierung, da die Hohenzollern ihre Anciennität in Brandenburg betonen wollten. Deshalb hat z.B. FII am Potsdamer Stadtschloß den von Knobelsdorff vorgeschlagenen Abbruch des Fortunaportals unterbunden und alte Teile in das neue Schloß intergriert. Aus dem gleichen Grund sind Teile des Berliner Schlosses mit dem Schlüterschen Bau kompiliert worden. Es ging darum, daß man auf den ersten Blick sieht, daß die Hohenzollern schon viele Jahrhunderte in der Mark wirkten, also um eine politische Inszenierung. Wie im übrigen der ganze Bau uns sein Figurenprogramm, auch wenn mancher heute die Allegorien nicht mehr dechiffrieren und die lateinischen Inschriften nicht mehr verstehen kann.

    Das ist im übrigen der heutige Bau auch: eine politische Inszenierung einer angeblich möglichen Symbiose aus klassischer Architektur und abstrakter Moderne. Hierüber kann sich nun jeder, wie vor 1945, ein eigenes Urteil bilden.

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    Nein. Dieser Begriff ist Blödsinn und insinuiert es sei von allein gewachsen, durch Zeitablauf.

    Wenn Du Dich als Sprachpolizist hervortun willst, sei Dir das unbenommen, aber "historisch gewachsen" ist nun einmal im Sprachgebrauch verankert und wird verwendet, – auch von Dir selbst übrigens, z.B. hier: "Gut sind "Brüche" aber offenbar immer nur, wenn sie historisch gewachsene Strukturen der tradierten europäischen Stadt konstrastieren." :)