Apropos mediale Wahrnehmung des Problems: Wer die Artikel zum Bahnhofsviertel der letzten Monate in der FAZ oder FR liest, könnte meinen, dass eigentlich nur die dortigen Betriebe unter der momentanen Situation leiden und die anderen Probleme mit Dealern, Drogensüchtigen, abartigen Zuständen, Ansteckungsgefahr für Passanten ausgeblendet werden können. Mit anderen Worten: "Nothing to see here, move along".
Die FAZ-Artikel „Zukunftssorgen im Frankfurter Rotlichtmilieu“ (hier soll tatsächlich auf die Tränendrüse gedrückt werden, dass das Rotlicht nicht mehr die gewohnten Einnahmen erzielt und es schwer hat à also ganz genauso wie alle anderen Gewerbe auch, die von Corona betroffen sind) und „Tote Hose im Rotlichtviertel“ - bezogen natürlich nur auf das tote Nachtleben (und die aberwitzig hochstilisierte Münchener Strasse) - verniedlichen die Zustände geradezu.
Die Frankfurter Rundschau hatte genau denselben Einfall und hat zuletzt zwei Artikel mit den Titeln „Frankfurter Prostituierte: Ich habe große Angst vor Corona“ und „Viele Prostituierte sind jetzt obdachlos“ ins Netz gestellt. Am 01.04. gab es zumindest einen Artikel in dem die offene Drogenhilfe auf katastrophale Zustände aufgrund der Corona-Beschränkungen hinweist. Allerdings war dieser Artikel extrem kurz gefasst und ohne jegliche journalistische Tiefe. Kein Wort davon, dass sich 500 Dealer im Bahnhofsviertel aufhalten, die Probleme sich auf Saar-Carree, Polizeipräsidium, Mainufer, Taunusanlage oder Platz der Republik ausweiten. Eine Gefahr für den Allgemeinbürger scheint als völlig unerheblich oder nicht berichtenswert zu gelten.
Hier muss man sich schon fragen, warum die überregionalen Zeitungen, die sich einer gewissen journalistischen Qualität verschreiben, nicht mit offeneren Augen durchs Viertel gehen und stattdessen geradezu realitätsverweigernde, weichgespülte Berichte verfassen. 2-3 gut recherchierte, kritische Artikel zum Bahnhofsviertel im Jahr reichen da bei weitem nicht aus. So wird der Frankfurter Magistrat sicherlich keinen sonderlichen Handlungsdruck verspüren und der seit Jahrzehnten geltende Laissez-Faire fortgeführt. Die wenigen Verschärfungen werden auf diese Weise auch eingestellt sobald auch nur eine minimale Besserung eingetreten ist. Man könnte fast meinen, dass politisch unbequeme und vor allem hochbrisante Wahrheiten immer weniger in den Frankfurter Lokalnachrichten ihren Platz finden.