Bahnhofsviertel auf Metaebene

  • Apropos mediale Wahrnehmung des Problems: Wer die Artikel zum Bahnhofsviertel der letzten Monate in der FAZ oder FR liest, könnte meinen, dass eigentlich nur die dortigen Betriebe unter der momentanen Situation leiden und die anderen Probleme mit Dealern, Drogensüchtigen, abartigen Zuständen, Ansteckungsgefahr für Passanten ausgeblendet werden können. Mit anderen Worten: "Nothing to see here, move along".

    Die FAZ-Artikel „Zukunftssorgen im Frankfurter Rotlichtmilieu“ (hier soll tatsächlich auf die Tränendrüse gedrückt werden, dass das Rotlicht nicht mehr die gewohnten Einnahmen erzielt und es schwer hat à also ganz genauso wie alle anderen Gewerbe auch, die von Corona betroffen sind) und „Tote Hose im Rotlichtviertel“ - bezogen natürlich nur auf das tote Nachtleben (und die aberwitzig hochstilisierte Münchener Strasse) - verniedlichen die Zustände geradezu.

    Die Frankfurter Rundschau hatte genau denselben Einfall und hat zuletzt zwei Artikel mit den Titeln „Frankfurter Prostituierte: Ich habe große Angst vor Corona“ und „Viele Prostituierte sind jetzt obdachlos“ ins Netz gestellt. Am 01.04. gab es zumindest einen Artikel in dem die offene Drogenhilfe auf katastrophale Zustände aufgrund der Corona-Beschränkungen hinweist. Allerdings war dieser Artikel extrem kurz gefasst und ohne jegliche journalistische Tiefe. Kein Wort davon, dass sich 500 Dealer im Bahnhofsviertel aufhalten, die Probleme sich auf Saar-Carree, Polizeipräsidium, Mainufer, Taunusanlage oder Platz der Republik ausweiten. Eine Gefahr für den Allgemeinbürger scheint als völlig unerheblich oder nicht berichtenswert zu gelten.

    Hier muss man sich schon fragen, warum die überregionalen Zeitungen, die sich einer gewissen journalistischen Qualität verschreiben, nicht mit offeneren Augen durchs Viertel gehen und stattdessen geradezu realitätsverweigernde, weichgespülte Berichte verfassen. 2-3 gut recherchierte, kritische Artikel zum Bahnhofsviertel im Jahr reichen da bei weitem nicht aus. So wird der Frankfurter Magistrat sicherlich keinen sonderlichen Handlungsdruck verspüren und der seit Jahrzehnten geltende Laissez-Faire fortgeführt. Die wenigen Verschärfungen werden auf diese Weise auch eingestellt sobald auch nur eine minimale Besserung eingetreten ist. Man könnte fast meinen, dass politisch unbequeme und vor allem hochbrisante Wahrheiten immer weniger in den Frankfurter Lokalnachrichten ihren Platz finden.

  • Nach der ganzen Kritik an dem Viertel sehe ich mich dazu gezwungen, meine Sicht der Dinge klarzustellen.

    Das Bahnhofsviertel macht Frankfurt zur Metropole. Der krasse Unterschied und die Abwechslung ist genau das, was eine Metropole ausmacht. Man stelle sich nur vor, was passieren würde wenn die Bordelle, Obdachlosen, Dealer, o.ä. der Gentrifizierung zum Opfer fallen würden. Aufwändig sanierte Häuser und blank geputze Straßen. Todlangweilig.

    Frankfurt will sich mit den globalen Hotspots messen, aber vergisst dass genau solche Themen wie das Bahnhofsviertel völlig normale Begleiterscheinungen sind. Obdachlose findet man ohne Ende in den Metropolen der Welt.

    Ich kenne so viele Kollegen, die die wohlverdiente Arbeitswoche im Bahnhofsviertel ausklingen lassen. Damit meine ich weder den Besuch von Bordellen, noch den Genuss von Drogen. Es ist die Atmosphäre, das Verbotene und Andere was dieses Viertel so besonders macht. Ich habe keine negativen Erfahrungen in diesem Viertel gemacht, Bars und Restaurant haben das gewisse Extra, das ich nicht missen möchte. Weder Dealer, noch Obdachlose haben mich belästigt und das obwohl mein Erscheinungsbild ein komplett anderes als das der genannten Personengruppen ist.

  • Ich finde auch, dass Bahnhofsgegenden einen eigenen Flair haben dürfen und

    sollten, aber es ist mir bisher nur in Frankfurt passiert, dass ich in meiner 45 min Wartezeit am Bahnsteig! von 3 Junkies angequatscht und angebettelt wurde... und ich war schon in einigen Großstädten.

    Frankfurt ist schon ein besonderes Negativbeispiel, dabei wäre der HBF und das Viertel drumherum echt schön... irgendwas sollte man langsam schon unternehmen.

    (Kann auch weg^^)

  • ^

    Urban:

    Ob das Bahnhofsviertel nun der entscheidende Faktor ist, der Frankfurt zur Metropole macht, wage ich zu bezweifeln, da gibt es bessere. Ich gebe dir insofern Recht, dass in einer Großstadt nicht alles herausgeputzt und aufgeräumt sein muss. Ob es deshalb aber gleich offenen, fast schon ungebändigten Drogenkonsum geben muss, Bordell an Bordell braucht? Dies ist übrigens auch in weitaus größeren Städten wie London, NYC oder L.A. keineswegs ein gewünschter Zustand, sondern meist Ergebnis hoffnungslos überarbeiteter Behörden und zahlenmäßig unterlegener Polizei.

    In manchen asiatischen Metropolen wie Tokyo mangelt es nicht an Urbanität oder Abwechslung, ganz im Gegenteil. Die vermeintliche "Kreativität" entsteht dort jedoch ganz ohne Zustände, wie sie in vielen Bahnhofsvierteln Deutschlands / Europas heute auszumachen sind, sodass sich dort jeder sicher und damit wohlfühlen kann.

  • Dieser Strang ist immer nur schwer auszuhalten, mittlerweile wird hier sogar schon ganz frisch neu-rechts von "Merkels Fachkräften" gesprochen. Aber das wird man sicher alles noch sagen dürfen, weil man ist ja Experte und bei "hochfrequenter intensiver Reinigung" sollen auch nur die schlechten Menschen entfernt werden. Ich finde, dass ist ein asozialer Jargon. Bezeichnend ist auch, dass meist die paar gleichen Leute, die irgendwann mal im Viertel gearbeitet haben oder manchmal am HBF umsteigen oder Freunde durch Frankfurt führen als Experten auftreten und erklären, wie es besser zu machen ist. Ich als Bewohner finde das nervig und meist auch absolut unqualifiziert. Es fehlt gänzlich an einem umfassenden Verständnis der Situation.

    Noch gestern Abend war das Viertel mit tausenden fröhlichen Menschen gefüllt, die meisten sahen eher nicht wie Dealer, Junkies oder Geflüchtete aus. Die Leute tanzten vor dem Chango, saßen auf den Bürgersteigen und tranken Bier, aßen in einem der zig Restaurants. Diese generelle Abwertungslogik, die hier in diesem Strang und gerade mal wieder im Qualitätsmagazin JF gebracht wird, ist also erstmal zumindest zu hinterfragen. Gleichzeitig wird überall im Viertel gebaut, saniert, machen neue Läden auf... meist wird ein solventerer Publikum adressiert als zuvor. In meinem Haus sind in den letzten 5 Jahren alle migrantischen Familien ausgezogen. Hier wohnen nur noch Leute mit höherem Einkommen. Zwar schließen auch Läden und machen die soziale Situation im Viertel verantwortlich (prominent ein Musikinstrumenteladen) aber könnte das nicht auch der Strukturwandel sein, den auch die Berger und andere Straßen erleben?! Wohnraum ist auf jeden Fall im Viertel teuer und gefragt, nicht anders als in anderen "besseren" Lagen.

    Gleichzeitig ist das, was hier an menschlichem Elend beschrieben wird, sicherlich ein Problem aber nicht das Problem des Bahnhofsviertels, sondern unserer (Stadt-)Gesellschaft. Es manifestiert sich nur im Bahnhofsviertel, was historische, organisationssoziologische und sozialpsychologische Gründe hat, die ebenfalls komplex sind und die hier noch nie jemand hinterfragt hat. Stattdessen wird wahlweise entweder die materielle Säuberung oder die soziale Säuberung des Viertels vorgeschlagen. Ich finde das vor allem schwierig, weil alle von euch beschriebenen Personengruppen im Bahnhofsviertel vor allem versuchen zu überleben und denken, dass dies dort am besten gelingt. Einige der lokalen Praktiken sind dabei allerdings nicht tolerierbar, vor allem immer dann, wenn sie anderen direkt oder indirekt schaden.

    Lange Rede, kurzer Sinn. Ich möchte ganz stark dafür plädieren, genauer hinzuschauen und zu überlegen, wogegen "die Stadt" vorgehen soll und wo sie lieber nach besseren Möglichkeiten suchen sollte, die Menschen zu unterstützen. Außerdem ist klar, dass das Viertel nicht das Nordend ist und hier andere Menschen wohnen/sich aufhalten. Das ist auch total ok, solange niemand in Gefahr gerät. Richtig ist, dass eine Großstadt von derartigen Kontrasten profitiert, Räumliche Diversität schafft neue Angebote und erhöht den sozialen Austausch und die Sichtbarkeit der real existierenden sozialen Unterschiede. Zuletzt braucht es aber einen handlungsfähigen Staat, der besser für Sicherheit sorgt (für alle Menschen im Viertel) und zuverlässig und nachhaltig alle sanktioniert, die die Sicherheit vor Ort stören. Dazu muss die Politik handeln. Das haben, und da bin ich hier glaube ich sogar mit allen einig, alle Parteien bisher komplett verbockt.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Zuletzt braucht es aber einen handlungsfähigen Staat, der besser für Sicherheit sorgt (für alle Menschen im Viertel) und zuverlässig und nachhaltig alle sanktioniert, die die Sicherheit vor Ort stören. Dazu muss die Politik handeln. Das haben, und da bin ich hier glaube ich sogar mit allen einig, alle Parteien bisher komplett verbockt.

    Danke für die Ausführungen. Diese Diskussion lohnt sich zu führen und sollte in einem freien Land eigentlich schon mit mehr Gelassenheit auszuhalten sein. Das Journal Frankfurt, das man an dieser Stelle nicht verunglimpfen oder veralbern sollte ("Stichwort: Don't shoot the messenger"), hat völlig zurecht auf die Zustände im Viertel hingewiesen. Medien sollen anecken und hinterfragen, sie sind nicht als weitere "Filter Bubble" gedacht, wo unbequeme Wahrheiten per Mausklick ausgeblendet werden können.

    Mich würde interessieren welche Handlungsfelder denn zu nennen wären, wenn von "Dazu muss die Politik handeln" gesprochen wird. Das ist dann doch etwas zu abstrakt bzw. erlaubt immer ein Hintertürchen jede Maßnahme als "zu radikal", "zu Law & Order", "zu ideologisch verblendet" abzustempeln. Wichtig wäre an dieser Stelle etwas konkreter bzw. basis-naher zu werden, denn das jetzige Festhalten am Status Quo verspricht wenig Aussicht auf Besserung, wie sich ja bereits alle einig waren. Erwähnt wurden ja bereits die Anregungen aus Köln und das angestrebte Alkoholverbot am Kaisersack. Ich würde noch hinzufügen, dass die Ausbreitung der Drogenproblematik auf weitere bislang nicht betroffene Gegenden (bspw. Saar-Karrée) und ans Mainufer mit mehr Präsenz der Polizei eingedämmt werden muss.

    Etwas einseitig ist es die Münchener Strasse (Chango & Konsorten) und die dortige (vor allem sich selbst abfeiernde) Hipster-Szene als Argument zu verwenden, dass doch alles nicht so schlimm sei. Das Viertel ist nur für die Leute ein Amüsierviertel, die es abends auch wieder verlassen oder sich dort in Ruhe zurückziehen können. Bitte mal bei den erwähnten neuen Hotspots Saar-Karree, Platz der Republik (besonders Höhe Sparkasse), Polizeipräsdium Rückseite vorbei schauen. Zudem sollte ernst genommen werden, wenn die Polizei von ca. 500 Dealern spricht. Die mögen an der Münchener Strasse vielleicht nicht sichtbar sein, aber wer mal bei der Kinley Bar ansteht, wird schnell eines Besseren belehrt.

    Die Schließung des "Cream Music" (gegründet 1904 an der Taunusstrasse und sicherlich nicht irgendein Geschäft) auf die Gentrifizierung zu schieben, halte ich ebenfalls für irreführend. Cream ist in das gehobene Sachsenhausen umgezogen, so dass man hier nicht vor einer Flucht vor zu hohen Mieten sprechen kann. Die Cream-Besitzer fühlten sich vor allem komplett im Stich gelassen und die Kunden sich dort nicht mehr wohl. Die Schließung des Stammhauses der Parfürmerie Lehr nach 100 Jahren an derselben Stelle, also der Kaiserstrasse, erfolgte aus sehr ähnlichen Gründen (Quelle). Der zum Anfang als große Verheißung gefeierte Club "OYE" der Brüder Zeleke hat es ebenfalls nicht lange an der Taunusstrasse ausgehalten. Es mag sein, dass steigende Mieten manche Betriebe zum Aufgeben im Bahnhofsviertel zwingen, aber der Wegzug von Cream war dann doch eine größere Zäsur für das Viertel als wie es hier dargestellt wurde.

    4 Mal editiert, zuletzt von Golden Age (8. Juni 2020 um 13:09) aus folgendem Grund: Zäsur nicht Zänsur :-)

  • Guten Tag - hab mich eben angemeldet, um nach schon langem Mitlesen der vielen interessanten Postings aus meiner Geburtsstadt nun doch der Kette der Bahnhofsviertelmetabeiträge eine weitere Meinung hinzuzufügen: tut mir leid, Urban, bitte um Verständnis, aber ich sehe den Bourgeois vor mir, dem es wohlig kalt den Rücken runterläuft - und der nach der wohlverdienten (?) Arbeit unbewußt bei sich denkt '... danke Dir, dass ich nicht bin wie jene'. Es ist kein Puritanismus, den Ausfall von politischer Gestaltung zu beklagen!

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Cream ist in das gehobene Sachsenhausen umgezogen, so dass man hier nicht vor einer Flucht vor zu hohen Mieten sprechen kann. Die Cream-Besitzer fühlten sich vor allem komplett im Stich gelassen und die Kunden sich dort nicht mehr wohl.

    Die Frage ist natürlich immer, ob solche öffentllichen Aussagen tatsächlich den internen Entscheidungsprozess widerspiegelen. Manchmal passen einem solche externen Faktoren auch gut in den Kram, um einer Diskussion zu unbequemen Entscheidungen aus dem Weg zu gehen. Stichwort Onlinehandel etc.

    Jedenfalls sah das Viertel - auch und gerade dort wo Lehr und Cream ihre Läden hatten - Ende der 1980er / Anfang der 1990er viel schlimmer aus. Ich kann mich an Ladenbesuche im Bahnhofsvietrel erinnern bei denen wir wortwörtlich über Junkies steigen mussten, um an die Türklingel des Geschäfts zu kommen. Ständig hat man Drogentote in den Grünanlagen und auf öffentlichen Klos gefunden, es waren teilweise fast 150 im Jahr. Heute sind es noch um die 20.

  • Wie schon erwähnt, Cream ist in eine teurere Gegend (Sachsenhausen-Ost) umgezogen. Lehr hat wieder an der Leipziger Strasse 21 aufgemacht (und hat zwei weitere Filialen an Berger und Berliner Strasse). Somit entfällt das Argument, dass betriebswirtschaftliche Probleme hier ausschlaggebend waren und man die Probleme des Bahnhofsviertels nur als Vorwand genommen hat um eigenes Versagen zu verdecken. Ich finde es nicht ganz in Ordnung die Ehrlichkeit der Ladenbesitzer von Cream und Lehr in Frage zu stellen. Es ist doch genauso plausibel, dass sie die Zustände kritisieren, da sie selber Jahrzehnte lang eng mit dem Stadtteil verbunden waren.

  • Golden Age

    Ich finde Quellen zu checken, ist schon wichtig. Und so wie ich den Journal Artikel lese, handelte es sich um einen subjektiven Bericht von dort arbeitenden Menschen. Demnach wäre meine Schilderung ja zumindest eine neue Perspektive. Trotzdem darf natürlich jeder seine Meinung haben. Wenn von sozialer Säuberung gesprochen wird, ist für mich aber eine Grenze überschritten. Aber manche fühlen sich in derartigen Grauzonen halt wohl.

    Aber zum Thema: vor dem Chango und an vielen anderen Orten stehen eben nicht nur die Hipster (die vllt. ja sogar nicht nur sich selbst feiern), sondern ganz verschiedene Menschen kommen hier zusammen. Gerade das macht das Bahnhofsviertel aus. Außerdem ist längst nicht nur die Münchener abends und auch tagsüber angenehm belebt und sozial durchmischt. Gleichzeitig gibt es im Viertel und andernorts in der Stadt Hotspots für alle möglichen Sorten von Kriminalität, die bekämpft werden sollten. Da waren wir uns schon vorher einig, trotzdem danke für die erneuten Ausführungen. Mein Hauptargument ist aber: es hilft nichts, den Ort der Kriminalität immer weiter zu sanktionieren, es müssen vielmehr die sozialen Probleme angegangen werden.

    Ich habe übrigens überhaupt nichts gegen die Verlegung des Polizeireviers aus der Gutleutstraße an zb. die Kaiserstraße, an mehr Polizeipräsenz im Viertel störe ich mich auch nicht. Das hilft bestimmt auch, damit die sichtbare Kriminalität in der Ecke weniger wird. Aber es ist doch viel zu kurz gedacht, dass damit die Süchtigen und die Beschaffungskriminalität verschwinden. Die suchen sich neue Orte. Es braucht neue Konzepte in der Sozialpolitik, der Frankfurter Weg hat schließlich eine lange Zeit sehr gut und international anerkannt funktioniert. Sozialpolitik hat damals gewirkt, NEUE Sozialpolitik kann auch heute wirken. Ich bin leider kein Sozialpolitiker oder Experte in dem Bereich (vertraue gleichzeitig aber Wissenschaft und Experten in ihren Bereichen), deshalb werde ich dir keine Lösung für dieses hochkomplexe Problem präsentieren können. Law and Order allein wird das Problem aber auf jeden Fall nicht lösen, da bin ich mir sicher.

    Was ich mir wünsche würde, wäre eine starkes neues Bündnis von Polizei, allen sozialen Einrichtungen im Viertel, der Stadtverwaltung, dem Land, der Justiz und anderen, die gemeinsam neue GRUNDLEGENDE Modelle erarbeiten, wie den Hilfsbedürftigen besser geholfen und Kriminalität wirkungsvoller bekämpft werden kann. Das Bahnhofsviertel könnte dann wieder zu einem Modellprojekt werden (im guten Sinne). Ich befürchte aber, das gelingt nicht, weil engagierte und kompetente Führungsfiguren in der Politik in diesem Bereich fehlen. Frühere wenig nachhaltige Versuche in den letzten Jahren belegen dies.

  • Im Falle Cream ist es ja recht einfach eine verlässliche Quelle zu zitieren, nämlich Inhaber Bernhard Hahn. Man klicke auf diesen FAZ-Artikel von Ende 2016 als der Umzug aus der Taunusstraße verkündet wurde. Danach sind es eben die Zustände im Viertel die ihn zu diesem Schritt bewegt haben.

    Da mein Büro unweit der Ecke Karlstraße, Niddastraße und Moselstraße liegt, kenne ich die Zustände in der Gegend rund ums "Drückerhäuschen" aus täglicher Erfahrung und kann bestätigen, dass sich die üblen Zustände in den letzten beiden Jahren nochmals verschlimmert haben. Das Elend der Abhängigen und das Gebaren der Dealer ist wirklich unbeschreiblich und verstörend. Auch in der Mittagspause kann es einem passieren, dass einem eine Flasche am Kopf vorbeisaust weil sich Dealer über Geld und Stoff zoffen, sich quer über die Straßen jagen (eigene Erfahrung). Meine persönliche Einschätzung: gegenüber dieser Klientel hilft nur Repression und solange auch nach duzenden Festnahmen keine Konsequenzen (i.d.R. die Abschiebung) folgen, wird sich an den Zuständen wenig ändern. Die Junkies dagegen wollen meist in Ruhe gelassen werden.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Ständig hat man Drogentote in den Grünanlagen und auf öffentlichen Klos gefunden, es waren teilweise fast 150 im Jahr. Heute sind es noch um die 20.

    Nun sind Drogentote üblicherweise ein Zeichen für ein hartes Durchgreifen des Staates. Drogentote gibt es dann, wenn der Stoff keine kontinuierliche Qualität hat und zwischendurch - nach Ausfall einzelner Marktteilnehmer - plötzlich deutlich reinere Drogen verkauft werden, so dass aus der bisherigen Regeldosis eine Überdosis wird.

    Eine lockere Haltung des Staates führt dazu, dass langfristig aus den gleichen Quellen in gleicher Qualität bezogen wird, so dass der Junkie ziemlich genau weiß, was er gerade gekauft hat.

    Jedes harte Durchgreifen wird also die Zusammensetzung des Marktes auf der Anbieterseite verändern und damit zunächst einen Anstieg der Drogentoten bewirken.

    Der einzige Weg, eine Drogenszene wirklich nachhaltig zu (zer-)stören, besteht m.E. in einer legalisierten, staatlich kontrollierten Abgabe der Drogen in konstanter Qualität zu überschaubaren Preisen. Damit entzieht man der Anbieterseite die finanziellen Mittel und vermeidet auf Konsumentenseite die mit hohen Preisen des illegalen Marktes einhergehende Beschaffungskriminalität - Lehren aus der Abschaffung der Alkoholprohibition in den USA. Dass die dann verfügbare konstante Qualität Drogentote vehindert und "saubere" Drogen ohne zusätzliche Schadstoffe aus der illegalen Produktion auch den körperlichen Verfall weniger fördern, so dass teilweise sogar eine Aufnahme einfacher Arbeit wieder möglich wird, ist eine positive Nebenwirkung.

  • Um mal auf ein paar Deiner Argumente einzugehen, Simmel:

    • Natürlich war es in den 1980er/1990er Jahren viel schlimmer, aber es war eben seitdem viel, viel besser geworden. Mit dem Argument, dass es früher noch viel schlimmer war, kannst Du vielleicht objektiv punkten, aber subjektiv und psychologisch bei den Betroffenen überhaupt nicht, denn die vergleichen Ihre Lage nicht mit dem Zustand von vor 30 Jahren, sondern dem Zustand von vor 3 Jahren.

    Die Probleme im Viertel sind nicht nur sozialer Natur, sondern eine Gemengelage einer Vielzahl von Problemen:

    • Mangelnde Verfolgung von niederschwelligen Drogendelikten und die Ausnutzung dieser Situation durch eine stark arbeitsteilig arbeitende Dealerszene. Die Dealer arbeiten mit einem Distributionssystem, wo der jeweilige Dealer immer nur geringe Mengen bei sich trägt und regelmäßig von Trägern aus den Lagerstätten neu beliefert wird. Wird der Dealer von der Polizei erwischt, wird das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt. Die gesamte Gruppe aus Dealer, Trägern, Polizei-Spottern und "Lageristen" zu ermitteln und dingfest zu machen erfordert viele Ressourcen und selbst wenn man da erfolgreich ist, spielt teilweise die Justiz dann nicht mit.
    • Deutlicher Zuwachs der Dealerszene mit Personen vor allem aus Nordafrika
    • Mangelnde Abschiebung dieses Personenkreises, der versucht hat, bei uns Asyl zu bekommen und das Asylverfahren als Schutzschirm nutzt, um erst mal hier bleiben zu können
    • Verfehlte Drogenpolitik in den vergangenen Jahren. Der Frankfurter Weg war auf die Verbesserung der Situation der Heroinsüchtigen ausgerichtet. Die Drogen der Wahl haben sich aber geändert (v.a. hin zu Crack) und damit auch die Situation der Drogensüchtigen und die Beschaffungskriminalität. Was sich seit Jahren nicht ändert, ist die Frankfurter Drogenpolitik
    • Abladen der Drogensüchtigen aus dem Umland
      Aufgrund der verkehrsgünstigen Lage von Frankfurt und dem Bahnhofsviertel innerhalb von Frankfurt kommen die Junkies aus dem Umkreis von ca. 150km nach Frankfurt. Das ist natürlich für deren "Heimatstädte" toll, aber für Frankfurt eine Katastrophe, weil sich hier die Probleme ballen.
    • Genereller Trend hin zur Vermüllung. Jeder, der sich in Frankfurter Parkanlagen an einem Samstag- oder Sonntagmorgen umschaut weiß was ich meine.

    Das ist noch längst nicht alles, aber es zeigt immerhin schon mal, was ich in #321 meinte, als ich einen kombinierten Ansatz forderte. Notwendig sind Änderungen in der Drogenpolitik, der Schulterschluss mit dem Land hinsichtlich besserer Verzahnung von Polizei und Justiz in der Bekämpfung der Drogenszene und -Kriminalität, ebenso der Schulterschluss mit Land und Bund zur Schaffung verstärkter Anreize für die Umlandkommunen, Ihre Drogenszene nicht in Frankfurt abzuladen, sondern sich selbst darum zu kümmern, ferner eine Zentrierung der Szene auf ein kleines Gebiet rund um die Taunusstraße und auch ein Schulterschluss mit dem lokalen Handel und der Gastronomie. Zuguterletzt natürlich auch eine gute Sozialarbeit, um die Szene auch von unten etwas auszutrocknen.

  • Dabei steht ab er die Vermüllung eher in Bezug zu nächtlichem Feiern in den Parks, als zur Drogenpolitik. Gerade jetzt mit mildem Wetter und deutlichen Einschränkungen hinsichtlich der verfügbaren Lokale.

    Nachtschichten von Polizei und Ordnungsamt in den betroffenen Parks wären da auch mal ein sinnvoller Ansatz.

  • Das kannst Du aus meiner Sicht nicht trennen. Wenn im Bahnhofsviertel alles total versifft ist, der Müll teilweise auf der Straße liegt bzw. aus den draußen stehenden Müllcontainern herausgeholt wird und es an vielen Ecken nach Urin riecht, dann verschreckt das eine Klientel und zieht wiederum andere an. Das ist somit ein Baustein unter vielen.

  • @ Simmel

    Bei den aufgeführten Lösungsansätzen bin ich dabei. Es muss ein ganzheitlicher Ansatz sein und "Law und Order" allein, sowie "gesundheits- und sozialpolitische Ansätze" alleine werden den heterogenen Problemen definitiv nicht gerecht.

    Eine differenzierte Gesamtbetrachtung und ein Quellencheck finde ich ebenso erstrebenswert, daher halte ich das Motto "shoot the messenger" bzw. Anzweiflung der wahren Motive der Kritiker (also Journal Frankfurt, Ladenbesitzer Cream, etc.), wie es hier einige an den Tag legen, für kontraproduktiv. Auch hier sind wir uns einig, jeder soll seine eigene Meinungen haben und vertreten dürfen.

    Ich verstehe allerdings nicht ganz warum Personen wie Ronja Merkel (Chefredakteurin JF), die jahrelang (andere jahrzehntelang) im Viertel arbeiten weniger "Expertenwissen" zum Viertel haben sollen als Personen, die dort wohnen. Ich würde mir nicht anmaßen Sachsenhausen-Experte zu sein nur weil ich hier lebe und würde mein Wissen auch nicht über das der hier Arbeitenden stellen wollen, da es mir einfach nicht zusteht und wir wahrscheinlich ähnlich viel Zeit im Viertel verbringen. Die Erfahrungen (d.h. wüsteste Schlägereien, schlimmstes menschliches Elend), die ich beim täglichen Gang zum Mittagessen im Bahnhofsviertel gesammelt habe, waren schockierend / teilweise herzzereißend und habe ich so in keiner anderen Stadt Europas gemacht. Sind meine Erfahrungen jetzt weniger erkenntnisreich, wenn ich nicht im Viertel lebe? Ich hoffe nicht.

    Übrigens wurde vor einer Woche am 28.05.2020 ein 44-minütiger Bericht von ZDFinfo mit dem Titel "Drogenalltag im Frankfurter Bahnhofsviertel" veröffentlicht und wirft ein wenig schmeichelshaftes Bild auf den Ist-Zustand:

    https://www.zdf.de/dokumentation/…fstand-100.html

    Es kommen Anwohner, Streetworker, Drogenkranke, Mitarbeiter der "Besonderen Aufbauorganisation" der Polizei und Gewerbetreibende zu Wort. Es werden Szenen gezeigt, in denen Dealer überführt bzw. "Drogen-Bunker" gefunden werden. Ein absolut sehenswerter Bericht und eine Reaktion auf die Abwärtsspirale der letzten Jahre.

    Ich hoffe wir müssen jetzt nicht die Motive der ZDF-Journalisten oder der befragten Gewerbetreibenden in Frage stellen, da sie nicht im Bahnhofsviertel leben? Vielleicht ist das Ganze keine post-faktische "Verschwörung" gegen den liberalen Frankfurter Weg, sondern einfach nur kritischer Journalismus zur passenden Zeit?

    4 Mal editiert, zuletzt von Golden Age (8. Juni 2020 um 17:06)

  • Super, danke für die weiteren interessanten Quellen. Trotzdem würde ich darum bitten sachlich zu bleiben. Ich habe weder von einer Verschwörung gesprochen, noch die Dame von der Zeitschrift inhaltlich in Frage gestellt, noch mich selbst als Experten beschrieben, noch habe ich den Inhaber des Instrumenteladens der Lüge bezichtigt. Ich spare mir zu allem die Richtigstellung und bitte dich einfach, nochmal sorgfältig zu lesen und im Zweifelsfall nicht gleich böse Absichten zu interpretieren.

    Alle Punkte die sipaq übrigens genannt hat, sind für mich soziale beziehungsweise sozialpolitisch begründete Phänomene. Da stimme zumindest ich überall zu. Ich finde es aber schon wichtig, dass Politik und Wissenschaft weiter denken als 3 Jahre zurück bei der Formulierung von langfristigen und umfassenden Lösungsansätzen. Vermutlich sind Xalinais Ideen da nicht abwegig. Den Bewohnern von heute hilft aber wahrscheinlich am ehesten mehr Polizei, mehr Ordnungsamt, mehr Sozialarbeiter, mehr Müllmänner. Die Stadt sollte Interesse daran haben, bessere Lösungen auf lange Sicht zu entwickeln, weil für all das genannte wohl vor allem das Geld fehlt.

  • Ok, aber es war sicherlich auch nicht weniger übertrieben von "mal wieder im Qualitätsmagazin JF" oder von "Bezeichnend ist auch, dass meist die paar gleichen Leute, die irgendwann mal im Viertel gearbeitet haben (d.h. Leute wie ich) oder manchmal am HBF umsteigen oder Freunde durch Frankfurt führen als Experten auftreten und erklären, wie es besser zu machen ist. Ich als Bewohner finde das nervig und meist auch absolut unqualifiziert. " zu reden bzw. (etwas voreilig) zu richten, n'est-ce pas?

    Ich erwarte nur, dass bestimmte Quellen nicht reflexartig diskreditiert und abgewertet werden, das ist eigentlich schon alles.

    Ansonsten finde ich diese Diskussion keineswegs unsachlich. Der ZDF-Bericht bringt nun viele interessante Fakten auf den Tisch und zeigt wie die momentane, ungeschminkte Realität aussieht. Großes Lob an dieser Stelle ans ZDF und bezeichnend für die Frankfurter Medien (bzw. die überregionalen Zeitungen), dass die meisten Fakten, die im Bericht vorkommen, dort nur noch mit einem gähnenden Desinteresse entgegen genommen werden.

    7 Mal editiert, zuletzt von Golden Age (8. Juni 2020 um 18:22)

  • Es gibt halt nicht nur eine Sicht auf die Dinge. Ich würde darum bitten, das einfach zu akzeptieren und beim Thema zu bleiben. Spart Zeit und Text.

  • Eine Sicht auf die Dinge oder Einsicht auf die Dinge? ;) Kleiner Spaß am Rande & nichts für ungut, Simmel.

    Ich denke diese beiden letzten Beiträge können dann wieder bei Gelegenheit entfernt werden.