In der Paulskirche sind übrigens nicht nur die Gewinner-Arbeiten zu sehen sondern auch alle übrigen Entwürfe - wenn auch in einem Posterständer zum blättern, sodass man warten muss bis man an der Reihe ist. Zwar hat mich kein Entwurf vollständig überzeugt, doch fand ich ein paar Ideen durchaus inspirierend.
Die Ausgangslage des Wettbewerb empfinde ich als sehr knifflig. Es gibt so viele Fragestellungen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. Und wenn selbst Dutzende Architekturbüros zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, ist ein Konsens wohl noch in weiter Ferne.
Zunächst einmal zur Frage, in welchem Stil das Haus der Demokratie gestaltet werden soll: einerseits soll die Ausstellung im „HdD“ die Geschichte der Demokratie beleuchten, andererseits soll sie sicher auch in die Gegenwart wirken. Vor diesem Hintergrund scheint eine historische oder historisierende äußere Hülle unpassend - ob Altstadt-historisierend oder Nachkriegs-historisierend. Eine zeitgemäße Architektur wiederum fügt sich schwer in die Umgebung ein.
Dann stellt sich die Frage des Standorts: in der Stadtkämmerei oder in einem separaten Gebäude, z.B. auf dem Paulsplatz. Einerseits möchte man den öffentlichen Raum des Paulsplatzes nicht opfern, andererseits wäre es brutal, die Kämmerei mit einem aufgesetzten Neubau zu verunstalten. Die ästhetisch ansprechendsten Ideen für eine Unterbringung in der Kämmerei sind genau solche, die ein zurückhaltendes Design vorschlagen. Damit bleibt die Nutzung des HdD von außen jedoch kaum ablesbar.
Mein Fazit: wir brauchen einen separaten Bau auf dem Paulsplatz. Das Dach der Kämmerei gehört historisch rekonstruiert.
Und dann die Frage, wo ein separates Gebäude stehen soll. Zunächst hielt ich den nördlichen Teil des Paulsplatzes für geeignet, da hier der Blick auf die schlichten Nachkriegsbauten abgeschirmt wird. Doch kein Entwurf in diese Richtung konnte mich überzeugen. Der Vorschlag von Mäckler (ich erwähne ihn hier, weil er eine wichtige Stimme in der Stadt ist) degradiert den Paulsplatz mit einem L-förmigen Gebäude am nördlichen und östlichen Rand zu einer Art Innenhof. Eine Bebauung am südlichen Rand wiederum rahmt zwar die Paulskirche ein (schön zu sehen im Gewinner-Entwurf von Frielinghaus / Haase), trennt sie aber zugleich von der wichtigen Schnittstelle Braubachstraße / Neue Kräme.
Und dann die Kubatur und das Design des Gebäudes: einerseits soll ein separates Gebäude eigenständig wirken, andererseits darf es der Paulskirche nicht die Show stehlen. Ein Baukörper, der eher in die Breite geht, wirkt schwach und beansprucht zu viel Grundfläche. Ein eher in die Höhe gehendes Gebäude könnte sich als unpraktisch für einen Ausstellungsraum erweisen.
Persönliches Fazit: am überzeugendsten finde ich die Entwürfe am südlichen Rand des Paulsplatzes, insbesondere jener von Schneider + Schumacher. Wenn man von der konkreten (zugegeben: abweisenden) Architektur abstrahiert, zeigen sich nämlich ein paar schöne Effekte: von der Kreuzung Braubachstraße / Neue Kräme wirkt der Ort deutlich urbaner, wuseliger und längst nicht mehr so karg wie heute. Beide Laufrichtungen, nach Norden und nach Westen, sind durch das Gebäude klar markiert. Auch die Ansicht aus Norden von der Kreuzung Berliner Straße / Neue Kräme zeigt einen vielfältigeren Ort als heute. Statt einem unstrukturierten Paulsplatz entstehen zwei intimere, besser eingefasste Plätze. Die Anmutung der kleinteiligen und mit kleinen Plätzen durchsetzten Altstadt wird mit dieser Bebauung nach Norden fortgesetzt.
Zuletzt noch ein paar Anmerkungen zum Paulsplatz selbst. Der Platz wirkt heute zwar nicht hässlich, aber er schöpft sein Potenzial kaum aus. Das liegt auch an einer unglücklichen Begrünung. Ein breites und dichtes Dach in fünf Metern Höhe - auch wenn es sich um ein Blätterdach handelt -, umgeben von höheren Gebäuden wirkt auf instinktiver Ebene einfach bedrückend. Die zurückgeschnittenen Platanen treiben im Frühling spät aus und tragen im Herbst oft graues Laub.
Ein paar Architekten haben sich getraut, Änderungen vorzuschlagen. Vielleicht braucht es einen baumfreien Mittelpunkt, eine Skulptur oder einen Brunnen, vielleicht auch eine Pergola oder Galerie (wie mehrfach vorgeschlagen), oder zumindest ein klares Wegenetz. Oder auch andere Bäume, die die heutige, sehr strenge Anordnung aufbrechen (wie der Gewinner SERO, aber auch Stefan Forster anregen - zu sehen auf Instagram). Entscheidend wäre, dem Platz stärkere Akzente und klar definierte Punkte zu geben.
Mein Gesamtfazit: eine eindeutig beste Lösung gibt es nicht. Ich würde vorschlagen, 1) einen Architekturwettbewerb auf Grundlage des Entwurfs von Schneider + Schumacher auszurichten, mit dem Anspruch an eine zeitgemäße, aber nicht nüchterne Architektur, 2) die Kämmerei historisch zu rekonstruieren und 3) für die Gestaltung des Paulsplatzes einen eigenen Wettbewerb auszuloben.