Wilhelmstraße - Plattenbaumoderne vs Neubebauung

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Eine Kommune / ein Bezirk kann für private Grundstücke nicht einfach nach Lust und Laune einen B-Plan aufstellen

    Doch!

    Eine Kommune kann für private Grundstücke - nach Lust und Laune - einen B-Plan aufstellen! Und wenn es der Kommune Spaß macht, kann sie auch für jedes einzelne Grundstück einen B-Plan aufstellen. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Grundstück in privater oder öffentlicher Hand ist. In Deutschland haben die Gemeinden Planungshoheit!

    Darüber hinaus kann die Kommune sich auch aus dem Instrumentenkasten des Besonderen Städtebaurechts (z.B. Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme oder Städtebauliche Sanierungsmaßnahmen) bedienen. Bei einer städtebauliche Entwicklungsmaßnahme kann die Kommune sogar ohne B-Plan Enteignungen durchführen. Das wird aber i.d.R. von einer Kommune nicht eingesetzt, weil die gewählten Verteter bei der nächsten Wahl auch wiedergewählt werden wollen.

  • Wenn du schon die prominente Lage ins Spiel bringst, so ist es wohl gerade dieser geschuldet, dass man sich hier für einen schlichten, zurückhaltenden, unaufgeregten Entwurf entschieden hat. Ein verspielter, luftig-leichter und aufdringlich durchgestylter Protzpalast wäre im Hinblick auf die Erinnerung an den Holocaust empathielos, ohne Würde, unsensibel und völlig deplatziert.

  • < Ich weiss nicht, so sehr ich geneigt bin Dir zuzustimmen, ich selbst war ja ein grosser Verehrer des Entwurfs von Christoph Langhof. Der strahlte genau diese Leichtigkeit aus, trotzdem fand ich nicht, dass er den Ort, das sehr nahe Mahnmal, dadurch banalisiert hätte. Hier mit diesem Block nun empfinde ich fast eine doppelte Schwere, quasi eine Projektion der Sühne, des Erinnerns, der Bürde. Ist es es dann nicht eher so, dass diese Projektion das Mahnmal selbst banalisiert?

  • ^^ Schlicht wäre ja ok. Aber muss er denn billig, ohne jeden ernstzunehmenden Gestaltungsanspruchs sein? Da wird gemetert ohne Ende in die Höhe und Breite und am Ende sieht es aus wie ein umgefallener Vierkantbolzen. Langweilig!

    Einmal editiert, zuletzt von DerBe (12. Februar 2021 um 07:05)

  • Also um jetzt mal wieder sachlich zu werden: Aus wirtschaftlicher Sicht ist das Wohnen nahe an einem Friedhof oder einem Friedhof-ähnlichen Mahnmal definitiv aufwertend: Die Lage ist absolut unverbaubar, hell und bietet einen guten Ausblick. Sonst nur mit einem Park oder einem Garten zu vergleichen.

  • ^ Ich glaube, man sollte nicht vergessen, was hinter dem Mahnmal ist – nämlich der Tiergarten. Der Blick darauf ist unverbaubar und wird zumindest aus den oberen Stockwerken recht spektakulär sein.

  • ^^^Ja, das ist eben das Problem eines Mahnmals an einem touristisch exponierten Ort. Es kommt schnell dieses Fressbuden-Feeling in der Umgebung des Mahnmals auf, ganz anders am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park. Zur Einweihung des Holocaust-Mahnmals schrieb irgendjemand, weiß leider nicht mehr wer, dass Mahnmale oft ein Zeichen des Zeitgeists ihrer Errichtung sind und der Bezug zum eigentlichen Gegenstand des Gedenkens nach Jahrzehnten verlorengehen kann (wenn es schlecht läuft).

  • ^^Ja demzufolge hat doch das Mahnmal einen großen Wert für die Käufer: Es sichert den Blick auf den Tiergarten. Wenn man das zubauen würde, wäre doch der Wert des Gebäudes deutlich niedriger.

  • Dass wohlhabende Menschen davon profitieren, dass ihnen gönnerhafte Ausblicke in Innenstadtlage zur Verfügung stehen (sofern man über das Mahnmal wortwörtlich "hinweg blicken" kann), finde ich hat durchaus einen schlechten moralischen Beigeschmack. Es war sicher nicht im Sinne seines Erfinders (Peter Eisenman) dass es zu einem Vehikel für Individualinteressen geriert. Ein Hotel hätte ich allerdings noch unpassender gefunden.

    Mit dem Ausblick kann man es halten wie man will. Es ist meinem Empfinden nach kein Mahnmal, das einen "hoffnungsfoh" stimmt, "versöhnlich", oder den Ausblick auf eine bessere Welt offenbart, wie so viele andere. Es ist darauf angelegt, einen Riss zu ziehen, das Grauen und die Scheußlichkeit in den Vordergrund zu drängen, um durch die Konfrontation mit dem Bruch in der Stadt, dem Kontrast, eine Sensibilisierung zu schaffen für das, was hier vor ~80 Jahren passiert ist. Das ist dann ungefähr so, als würde ich mir jeden Morgen Schindlers Liste reinziehen. Großer Film, aber bischen starker Tobak zum Cappucino.

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    ^^^Ja, das ist eben das Problem eines Mahnmals an einem touristisch exponierten Ort. Es kommt schnell dieses Fressbuden-Feeling in der Umgebung des Mahnmals auf, ganz anders am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park. ...

    An das "Fressbuden-Feeling" können sich die meisten hier wohl noch erinnern. Das gab es lange genug: Döner und Billig-Italiener mit Speisekarten-Anmache auf der Straße.

    Was außer Wohnungen wäre die Alternative gewesen? Büros?

    Und haben reiche Bewohner ein anderes Verhältnis zum Holocaustmahnmal als "normale"?

    Ich hoffe, dass das Gerüst des Baus bald fällt, damit wir uns wieder über Architektur unterhalten können. ;)

  • Ich verstehe ohnehin nicht, warum man die Bebauung nicht bis zur Ebertstraße vorgezogen hat. Sprich: Den Bereich zwischen Cora-Berliner Straße / Gertrud- Kolmar und Ebertstraße in geschlossener Bauweise verdichten. Dann gäbe es an der Ebertstraße eine ordenliche städtebauliche Kante. Und die Bebauung würde auch bündig aufschließen bis zur Höhe des Brandenburger Tores. Das wäre sinnvoll! Und es wäre klar, daß der Tiergarten an der Ebertstraße zu Ende ist.

    Die jetzige Situaton ist konfus. Es gibt keine klaren Gliederung. Man hat das Gefühl, das der Tiergarten aufgrund der fehlenden Bebauung in den Bereich östlich der Ebertstraße hineinragt. Es wird nicht klar, wo die Grünfläche des Tiergartens endet und die Bebauung der Friedrichstadt beginnt.

    Südlich des Brandenburger Tores weicht die Bebauung wieder einen ganzen Häuserblock zurück nach Osten bis zur Cora-Schumacher Straße. Natürlich ist das mit der historischen Situation zu begründen. Früher verlief hier die Stadtmauer in Nord-Süd Richtung. Zumindest sieht es so aus, als ob der Pariser Platz mit dem Tor bereits vor die Stadtmauer gesetzt wurde. Es gab auch schon vor dem Krieg keine richtige, städtebauliche Kante an der Ebertstraße.

    Es ist eine der wenigen Stellen in Berlin, wo man nach der Wiedervereinigung die Möglichkeit gehabt hätte, den Stadtgrundriss besser zu gestalten als er vor dem Krieg gewesen ist. Indem man an der Ebertsraße eine klare städtebauliche Kante ausbildet. Daher habe ich auch nie verstanden, warum man ausgerechnet hier das Holocaust-Mahnmal positioniert hat. Aus meiner Sicht steht das Mahnmal hier an der falschen Stelle.

  • Architektur-Fan

    ... aber diese Stadtkante wie Du sie forderst wāre durch nichts gerechtfertigt, nichteinmal historisch. Hier haben sich die Ministergärten befunden, also die rückwärtigen Gärten der in der Wilhelmstrasse angesiedelten Ministerien, des Reichspräsidenten Palais und des Reichskanzler Palais. Es war also immer eine Art Übergangszone hin zum Tiergaten und das verdeutlicht auch die neuere Bebauung. Das ist nun nicht allzu verdammenswürdig wie ich meine.

    ReinhardR

    ... das liegt doch in der Natur der Sache. Jedes Denk/Mahnmal unterliegt nach einer bestimmten Zeit einer Neubewertung. Allerdings meist dem äusseren Erscheinungsbild nach. Nur sehr selten des Grund des Entstehens hernach.

    Aber soll Georges Henri was dazu sagen, er ist ja Historiker.

    3 Mal editiert, zuletzt von Camondo (12. Februar 2021 um 19:32)

  • ^ Ja, zumal das auf Kosten des Mahnmals ginge, das ja den gesamten Block füllt und nur dadurch weithin sichtbar ist. Daran sollte man nichts ändern (will ja auch niemand).

    Anders ist es mit den unbebauten Grundstücken: Ebertstraße/Ministergärten, Ministergärten/Gertrud-Kolmar-Straße (der Sportplatz), Führerbunker-Areal, Voßstraße. Hier wirkt die Stadt in der Tat noch Recht unfertig. Verstehe, wie erwähnt, nicht, warum man über den Abriss der Wilhelmstraßen-Platten diskutiert, während direkt daneben noch solche Löcher klaffen.

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    ... aber diese Stadtkante wie Du sie forderst wāre durch nichts gerechtfertigt, nichteinmal historisch.

    Ja, das ist mir klar. Aber so, wie es jetzt ist, wirkt der städtische Raum irgendwie konfus und undefiniert. Vielleicht verbessert sich die ganze Situation, wenn der südliche Bereich - wie von Architektenkind angesprochen - bebaut wird.

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    Ja, zumal das auf Kosten des Mahnmals ginge, das ja den gesamten Block füllt und nur dadurch weithin sichtbar ist.

    Deswegen hatte ich ja auch gesagt, dass aus meiner Sicht das Mahnmal an der falschen Stelle steht. Es hätte Orte gegeben, die meines Erachtens besser für ein solches Mahnmal geeignet gewesen wären, wie z.B. in der unmittelbaren Nähe des Reichstages.

  • Ich staune über diese Plattheit mit der die Frage von Immobilien am Mahnmal hier diskutiert wird. Ich persönlich empfinde das Mahnmal als sehr gelungen und war von Beginn der sehr langen und Kontroversen Diskussion ein Freund des Mahnmals. Ich glaube, dass mit Eisenman der beste Entwurf gewonnen hat.

    Natürlich war sich Eisenman bewusst, dass hier ein ästhetisiertes Gedenken stattfindet mitten in Berlin. Während die Gedenkstätten in den Lagern nicht durch Büros, Hotels, Luxuswohnungen, Botschaften und Kultureinrichtungen gesäumt werden, war hier völlig klar und Teil des Konzeptes, dass es so sein wird. Deshalb jetzt auf Investoren zu schimpfen oder Menschen, die dort wohnen werden, finde ich einfach dämlich.

    Die Quadriga schaut aufs Mahnmal, die Reichstagskuppel, die Akademie der Künste, das Adlon, mehrere Botschaften und Landesvetretungen, massenhaft Büros und der Fernsehturm, eine riesige Shoppingmall usw.

  • ich denke da liegt der Hase im Pfeffer, während die anderen Funktionen Öffentliche Funktionen Inne haben - ist eine reine Wohnbebauung wesentlich kontroverser - wer sich als Individuum eine Wohnung mit Blick aufs Mahnmal anmietet wird sich schon mit der Frage seiner Motivation auseinandersetzen müssen fällt die Entscheidung wiederum völlig unreflektiert auf diese Aussicht, wirft das zumindest Fragen der individuellen, sozialen Reife auf.

    Eine Wohnung in einem Neubau mit derartiger Aussicht, setzt gewollt oder ungewollt sehr persönliche Statements.

    Provoziert, für mein Dafürhalten übergriffige Fragen zu Charakter, Anstand und Takt gegenüber den dort wohnenden, die sich noch nicht einmal auf wohnen im altbestand zurückziehen können.

    Aus meiner Sicht ist wohnen mit dieser Aussicht daher ein eher unausgegorenes unattraktives und wieder mal Kontextfreies unreflektiertes Konzept das nicht nur potenzielle Nutzer als Nachfinanzierer sondern auch Bauherren und Architekten zweifelhaft zu verantworten haben.

    Ich denke die Schauseite eines Wohnungsneubaues zum Mahnmal bietet sich einfach nicht für privaten Wohnraum an. Neben der Frage nach angemessener Architektur, die beiläufig angemerkt durchaus hochwertiger, substanzieller und würdiger hätte ausfallen können, hätte ich eine überwiegend eher öffentliche Nutzung der mahnmalzugewandten Seite, in diesem Kontext für wesentlich eleganter und unkritischer empfunden.

  • Ich finde es durchaus berechtigt die Nutzung zu kritisieren und natürlich auch das Klientel was mit den Wohnungen angesprochen wird.

    Ehrlich gesagt hätte ich mir hier auch lieber eine der vielen Ministerien-Expansionen, oder auch Bundestagesbüros vorstellen können. Für einige im Bundestag könnte dieser Ausblick eventuell sogar noch etwas bewirken.

    Aber ist es wirklich würdiger für das Denkmal, wenn man 9h von seinem Schreibtisch auf das Denkmal schaut, als 9h vom Sofa der Wohnung?

    Einmal editiert, zuletzt von Timmi (13. Februar 2021 um 12:10)

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    Aber ist es wirklich würdiger für das Denkmal, wenn 9h von seinem Schreibtisch auf das Denkmal schaut, als 9h vom Sofa der Wohnung?

    Der beste Nachbar für das Mahnmal wäre ein Bundesministerium oder ein Botschaftsgebäude gewesen.

    An der Stelle des neu errichteten Wohnblocks hätte man auch einen Erweiterungsbau für ein Bundesministerium errichten können. Immerhin befinden wir uns hier im Regierungsviertel. Und der Bund hat immensen Flächenbedarf.

  • Das sehe ich anders.

    Das Mahnmal wäre direkt am Reichstag viel sinnvoller gewesen. Denn das Reichstagsgebäude ist das politische Zentrum.

    Wenn man schon den Bereich an der Wilhelmstraße auswählt, dann hätte man das Mahnmal direkt an die Wilhelmstraße setzen müssen. Aber auch das hat man versäumt.