Unter den Linden

  • In diesem Umfeld würde diese kurze Phantasieexplosion, fürchte ich, nicht wirklich passen.

    Doch, diese Phantasieexplosion würde passen. Mal abgesehen davon, dass der Entwurf ohnehin nie verwirklicht wird, weil er für Berlin einfach zu schön ist. Es kann ja wohl nicht sein, dass sich die phantasievolle, heitere, verspielte, optimistisch, originelle Architektur an die schlechtere Architektur der Nachbarn anpassen muss.


    Ich verstehe das ohnehin nicht. Hier im Forum schreiben regelmäßig Mitforisten, dass der mondäne Teil der Linden ohnehin erst östlich der Friedrichstraße beginnt. Das klingt immer so, als ob man sich mit der Hässlichkeit der Linden im westlichen Bereich abfinden müsse. Warum? Es ist doch nicht naturgegeben, dass der westliche Teil der Linden für immer hässlich bleiben muss. Das ist die doch die Sache der Stadtplanung, die Entwicklung in die richtige Richtung zu lenken. Wenn ich entscheiden dürfte, hätte ich die polnische Botschaft in der geplanten Form niemals genehmigt. Können unsere polnischen Nachbarn nicht schöner bauen? Oder vielleicht wollen sie absichtlich nicht schöner bauen? Vielleicht handelt es sich um eine architektonische Revanche für die Zerstörung Warschaus durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg? Leider kann ich diese merkwürdige Fassade der Polnischen Botschaft nicht verhindern. Aber niemend kann mich zwingen, diesen Neubau gut zu heißen.


    Da im Bereich zwischen Friedrichstraße und Pariser Platz einige Bauvorhaben bzw. Umgestaltungen anstehen, sollte man diese Situation nützen, um den Boulevard an seiner schwachen Stellen voran zu bringen. Diese Chancen lässt man einfach verstreichen. Ich weiß nicht, warum das so ist. Aber irgendwie scheint es in Berlin eine gewisse Lethargie zu geben, wonach das Aussehen der Linden sch**ßegal ist. Man kümmert sich mehr um die städtebauliche Entwicklung in Friedrichshain als um die Entwicklung unweit des Brandenburger Tores. Das ist eine der Sachen, die ich an der Berliner Stadtplanung niemals verstehen werde.

  • < ich hätte nicht besser schreiben können wie du es getan hast. Ein weiters Mal bravo dafür!

    Mich würde sehr die Meinung von Forumsmitglied UrbanFreak zu dem Langhof Entwurf interessieren, da er ja immer sehr für eine schönere dekorreichere Architektursprache plädiert und ich ihm häufig nicht folgen kann.

  • ^ Oh doch, dazu hätte gereicht, auf die paranoide Vermutung zu verzichten, bei der Polnischen Botschaft könnte es sich "um eine architektonische Revanche für die Zerstörung Warschaus" handeln...


    Aber ich will hier gar nicht mit Architektur-Fan streiten, zumal mir der Entwurf, wie gesagt, selbst auch gefällt und ich, obwohl ich der Polnischen Botschaft mehr abgewinnen kann als er, die Gefahr der Monotonie auch sehe. Ich bleibe aber dabei (und fordere von Niemanden, dass er/sie das teilt), dass so eine bunte Ecke in einem vorwiegend strengen Umfeld für mich nicht ganz passend gewesen wäre.

  • ... ,dass so eine bunte Ecke in einem vorwiegend strengen Umfeld für mich nicht ganz passend gewesen wäre.

    Dann wird es Zeit, das strenge Umfeld aufzubrechen.


    Ich störe mich an der Formulierung der "strengen Fassaden". Ich würde dir ja zustimmen, wenn du von staatstragenden Fassaden anstelle von strengen Fassaden sprechen würdest. Im Grunde sind die Linden ja nichts anderes als der einstige repräsentative Vorzeige-Boulevard des preußischen Staates. Aber staatstragende Fassaden müssen nicht unbedingt streng sein. Staatstragende Architektur, die im Zeitalter des Rokoko entstanden ist, war sicherlich nicht streng. Sonst wäre es kein verspielter Rokoko. Dennoch konnte die Architektur staatstragend sein, wenn bedeutende Gebäude in diesem Stil gebaut wurden.


    Die Linden brauchen in diesem Bereich keine Strenge, sondern Qualität.

  • Im Übrigen finde ich die Fassade der Polnischen Botschaft gar nicht so schlecht. Aber Neubauten in diesem Bereich müssen so gut sein, dass sie das ganze Umfeld nach oben ziehen. Und dazu reicht die Qualität der Fassade nicht aus. Der Neubau der Polnischen Botschaft ist ein guter Mitläufer, der sich passabel einfügt. Aber es fehlt die Qualität, um das Umfeld nach oben zu ziehen.


    Ich finde schon, dass man an Bauherren, die Unter den Linden bauen wollen, höhere Anssprüche stellen kann. Das gilt nicht nur für die Komische Oper oder die Polnische Botschaft, sondern für alle Bauten an diesem Boulevard. Wer an diesem Boulevard bauen will, muss Qualität liefern! Wer diese Qualität nicht liefern kann oder liefern möchte, der soll irgendwo anders bauen.

  • Es ist der deutsche Bundestag, der die Linden hier großenteils gestaltet und leider teilweise verdirbt. Es stimmt, dass es merkwürdig ist, dass man der Allee nicht mehr Wertschätzung entgegen bringt. Es liegt am mangelnden Willen die Bundesrepublik in der Hauptstadt zu repräsentieren, den man auch im Spreebogen erkennen kann. Ich finde die pompöse russische Botschaft hier eine Bereicherung. Den Polen kann man ihre Nüchternheit beim ambivalenten Nachbarn nicht vorwerfen - schon eher die ewige Brache.

  • Man könnte die Diskussion endlos weiterführen. Betrachten wir das Otto-Wels-Haus (Unter den Linden Nr. 50). Auch hier ist man weit hinter den Möglichkeiten geblieben. Immerhin hat das Gebäude eine Fassade aus Sandstein. Aber ansonsten ist Unter den Linden Nr. 50 durch bundesdeutsche Behäbigkeit gekennzeichnet. Ein Funktionsgebäude für Beamte! Man versteht es einfach nicht, warum man an den Linden nicht repräsentativer bauen kann bzw. möchte.