Berliner Baupolitik

  • Ich vermute eher, dass es sich bei dieser Personalie um eine Verlegenheitslösung handelt, zumal ja Frau Kahlfeldt schon aufgrund ihres Alters nur kurze Zeit amtieren wird.

    Wo steht das? Sie ist 61, kein Alter, bei dem nach einer Amtszeit Schluss sein muss.

  • Klarenbach Wieso soll es keine Kampagne mehr sein, nur weil sich relativ viele Architekten daran beteiligt haben? Es haben sich auch mal relativ viele mehr oder weniger bekannte TV-Schauspieler für eine (m.E. billige und pseudo-ironische) Kampagne gegen die Corona-Maßnahmen einspannen lassen. Deshalb war es doch nicht weniger peinlich. Und das sage ich als jemand, der inhaltlich sogar auch teilweise kritisch über einige der Maßnahmen denkt.


    Hier handelt es sich doch nun sogar ganz eindeutig um eine Kampagne, egal ob primär getragen vom BDA oder auch anderen Kräften. Die ersten paar Definitionen, die ich bei Google für "Kampagne" finde, lauten:

    - "Eine gemeinschaftliche Aktion für oder gegen jemanden, etwas (bei der ideologische, politische Ziele im Vordergrund stehen)." Nr. 1

    - "Eine zeitlich befristete Aktion mit einem definierten Ziel, das durch geplantes und koordiniertes Zusammenwirken mehrere Personen oder Akteure zu erreichen versucht wird. Der Begriff wird oft im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit verwendet." Nr. 2

    Oder was wäre eine Serie aus offenen Briefen/ Artikeln einer selbst betriebenen Fachzeitschrift Anderes?


    Und ja, das wäre an sich nicht einmal so schlimm. Das Vorgehen war m.E. aber nicht nur in der Sache ungewöhnlich, sondern im Stil teilweise schon richtig dreist bis unverschämt. Zumindest in dieser Form war das in meinen Augen aber so oder so ein großes Eigentor für die Beteiligten. Weder haben sie bekommen, was sie wollten, noch dürfte so ein Vorgehen ihrem Ansehen sonderlich gut getan haben. Wie man sich da noch hinter solch eine unappetitliche Aktion stellen kann, kann ich auch absolut nicht nachvollziehen. Spricht m.E. leider auch nicht gerade für Dich, ebenso wenig wie der merkwürdige und nun bereits mehrfach vorgebrachte Verweis auf das Alter (nebenbei: nur 3 der letzten 7 US-Präsidenten in den letzten 40 Jahren waren bei Amtsantritt jünger aber das Amt in Berlin ist vermutlich sehr viel wichtiger und anstrengender). Ob Frau Kahlfeldt deshalb automatisch die richtige Wahl ist, kann ich ehrlich gesagt trotzdem noch nicht beurteilen. Effektiv wird es mit Geisel und Kahlfeldt aber schwerlich noch schlechter laufen können als zuletzt mit Lompscher und Lüscher (das war einfach große Grütze, das hat übrigens auch der von Dir so geschätzte Herr Müller so bewertet).

  • Michael Müller hat Regula Lüscher durchweg positiv bewertet. Er lobte, dass sie "viel Erfahrung, Einfühlungsvermögen, kreative Ideen auch für Prozesse der Beteiligung, viel Charme und Durchsetzungsvermögen in einem manchmal etwas rauen Umfeld" eingebracht hätte.

    https://www.tagesspiegel.de/be…de-juli-auf/27310078.html

    Nicht zuletzt wegen dieser Qualitäten war sie 14 Jahre im Amt, unter den unterschiedlichsten politischen Konstellationen.

  • Frau Lüscher hatte sicher wichtige Kompetenzen und dazu zählten u.a. auch ihre Netzwerk-Skills und dass sie sich arrangieren konnte. Das ändert nur leider nichts daran, dass die Kombination Lompscher plus Lüscher längst nicht genug Zugkraft hatte. Weder beim Wohnungsbau noch bei anderen Aufgaben oder bei der ewig verschleppten Reform der Bauverwaltung ist man vernünftig vorangekommen. Das hat Herr Müller auch so gesehen, ebenso die Bauwirtschaft, die Medien und die Bevölkerung. Selbst RRG hat das inzwischen eingestanden. Dass Frau Lüscher gerade diese Zeit rückblickend als die besten Jahre und ihren Höhepunkt bewertet hat, finde ich daher merkwürdig.

  • Der Architekt Arno Lederer äußert sich in einem Kommentar in der Welt unter der Überschrift "Diese Diffamierungen schaden allen Architekten".


    Er beklagt besonders bei Sauerbruchs Worten über Kahlfeldt eine Reihe von Halbwahrheiten und Unterstellungen, die dem Ruf der gesamten Architektenschaft zu schaden drohten.


    https://www.welt.de/debatte/ko…en-allen-Architekten.html

    Einmal editiert, zuletzt von Georges Henri ()

  • Um mal eine etwas versöhnliche Note in die ganze Debatte hineinzubringen, will ich auf die Stellungnahme der Architektenkammer Berlin verweisen. Die Architektenkammer vertritt ja nun alle Architekten, egal welcher Richtung sie zuneigen. Entsprechend ausgewogen ist ihre Stellungnahme verfasst. Sie bedauert einerseits das gewählte Verfahren zur Besetzung dieser Position. Sie befürchtet, dass der neuen Senatsbaudirektorin "der nötige politische Rückhalt der Fachöffentlichkeit" fehlt und dass es dadurch schwieriger wird, die "dringend notwendige Bau- und Verkehrswende" zu erreichen.

    Gleichzeitig schaut sie auch in die Zukunft. Sie äußert die Hoffnung, dass die künftige Stadtentwicklung nicht durch "lähmende Architekturdebatten" blockiert wird. Der Vizepräsident der Berliner Architektenkammer Ayhan Ayrilmaz, der nebenbei als Architekturchef des Stiftung Preußische Schlösser und Gärten große Wertschätzung genießt, hofft, dass die Berliner Stadtentwicklung nicht "durch endlose Diskussionen über mögliche Wiederherstellungen historischer Stadtgrundrisse und Wiederauferstehungsarchitektur" gelähmt wird.

    https://www.ak-berlin.de/filea…/26_PM_Vertane_Chance.pdf


    Frau Kahlfeldt wird ihre Chance bekommen, und wir werden sehen, ob sie genauso übergreifend Anerkennung finden wird wie ihre Vorgängerin.

  • Sie befürchtet, dass der neuen Senatsbaudirektorin "der nötige politische Rückhalt der Fachöffentlichkeit" fehlt und dass es dadurch schwieriger wird, die "dringend notwendige Bau- und Verkehrswende" zu erreichen.

    Danke Klarenbach für die vielen Informationen von Ihnen, allerdings kann sich die Architektenkammer beruhigen. Was jetzt eine "Bauwende" bedeuten soll ist mir zu hoch, vielleicht kommt auch bald noch die "Lebenswende". Aber eine "Verkehrswende" würde gerade mit einer Frau Kahlfeldt möglich. Sie ist keine die Verkehr nur Funktionalistisch denkt, ich bin mir sicher, dass der Rückbau von überbreiten Schneisen, etwa am Spittelmarkt, mit ihr möglich sein wird. Also genau das was unter der alten Garde bisher versagt wurde.



    Der Vizepräsident der Berliner Architektenkammer Ayhan Ayrilmaz, der nebenbei als Architekturchef des Stiftung Preußische Schlösser und Gärten große Wertschätzung genießt, hofft, dass die Berliner Stadtentwicklung nicht "durch endlose Diskussionen über mögliche Wiederherstellungen historischer Stadtgrundrisse und Wiederauferstehungsarchitektur" gelähmt wird.

    Als Vizepräsident einer so bedeutenden Kammer sollte man die demokratischen Gepflogenheiten schon verstehen und sie nicht als lästig abtun. Wenn es einen Wunsch bzw. Bedürfnis nach der Wiederherstellung von historischen Stadtgrundrissen und "Wiederauferstehungsarchitektur" gibt, so wird darüber sicher ausgiebig diskuttiert, beim Stadtschloss waren das Jahrzehnte. Aber wo ist das Problem, so funktioniert eine demokratische Gesellschaft halt. Oder hat der gute Mann generell etwas gegen die "mögliche Wiederherstellung historischer Stadtgrundrisse" oder gar gegen "Wiederauferstehungsarchitektur"?

  • Was ist bitte Wiederauferstehungsarchitektur? Eine Googlesuche wirft dazu nichts aus. Ist das ein Fachbegriff oder ein Kampfbegriff? Oder stehe ich auf dem Schlauch?

  • nicht "durch endlose Diskussionen über mögliche Wiederherstellungen historischer Stadtgrundrisse und Wiederauferstehungsarchitektur" gelähmt wird.

    It takes two to tango sage ich nur. Wenn es endlose Diskussionen gibt, dann, weil es unterschiedliche Vorstellungen gibt. In einer Demokratie wird so etwas ausdiskutiert und ein Kompromiss gefunden. Deshalb hat die Einlassung auch nichts Versöhnliches, sondern äußert den Wunsch, eine Debatte mit offenem Ergebnis von vornherein zu unterbinden, und die Entscheidungen allein einer "Fachöffentlichkeit" zu übertragen, die ganz überwiegend in eine bestimmte Richtung tendiert.

  • Um mal eine etwas versöhnliche Note in die ganze Debatte hineinzubringen, will ich auf die Stellungnahme der Architektenkammer Berlin verweisen. Die Architektenkammer vertritt ja nun alle Architekten, egal welcher Richtung sie zuneigen. Entsprechend ausgewogen ist ihre Stellungnahme verfasst.


    Klarenbach Deine letzten Beiträge hier kann man absolut nicht mehr Ernst nehmen und ich kann mir ehrlich gesagt auch wirklich nicht vorstellen, dass Du Deine Bewertung von wegen "versöhnlich", "ausgewogen" und stellvertretend für "alle Architekten, egal welcher Richtung sie zuneigen" selbst Ernst meinst. Eigentlich halte ich Dich nämlich für deutlich zu intelligent und lesekompetent für so eine kognitive Fehlleistung (was so einen offensichtlichen und reichlich plumpen Manipulationsversuch dann aber nicht gerade besser aussehen lässt).


    Momentan arbeite ich ja u.a. mit einer 3. Klasse. Schon diese Kinder wissen, dass die Überschrift eines Artikels den Ton setzt und eine erste inhaltliche Orientierung vermittelt. Und wie lautet die Überschrift in diesem konkreten Fall bitte? "Vertane Chance". Versöhnlich? Ausgewogen? Really?

    Die Unterzeile ergänzt dann "Enttäuschung über das gewählte Verfahren zur Neubesetzung der Senatsbaudirektorin".

    Im Folgenden heißt es "Die Architektenkammer hatte blablabla gefordert." sowie entsprechend "Die Position hätte in einem adäquat besetzten Verfahren besetzt werden MÜSSEN." Wo wird hier zwischen Positionen vermittelt? Es wird ein Selbstverständnis an den Tag gelegt, wonach der Senat nach der Pfeife der Kammer hätte springen - Zitat - "müssen". Die Politik hat also gefälligst den Forderungen der demokratisch vom Souverän Volk gewählten (oder alternativ wohl von höheren Weihen auserwählten und gesalbten) Architektenkammer Berlin Folge zu leisten. Zumindest gemäß Demokratieverständnis der Kammer und des DAF-Users Klarenbach hätte das exakt so laufen sollen - pardon: müssen.


    Zwischenbemerkung:

    Dass dies alles bei Frau Lüscher ebenfalls nicht der Fall war und damals irritierenderweise dennoch kein Sakrileg darstellte, wird mit keiner Silbe erwähnt (warum auch Gleiches mit Gleichem vergleichen?). Die einst per identischem Frevelakt besetzte Dame genoss ja vielmehr dann doch die volle und anhaltende Akzeptanz der Runde. Wie das? Auflösung folgt...


    Zunächst zum aktuellen Dilemma und zu einem "Lösungsansatz":

    Nun hat sich der Senat jedoch in "Gutsherrenart" (Sauerbruch) diesen "Affront" (Arch+) gegen das heilige geweihte Architektenkollektiv geleistet. Und trotz dieser unerhörten Erdreistung will der selbstlose und ehrenhafte Bund seine Gnade nicht gänzlich entziehen und gewährt eine versöhnliche und ausgewogene Möglichkeit der Abbitte, sozusagen eine letzte Absolution ähnlich wie die katholische Kirche den unehelichen Geschlechtsverkehr im Mittelalter einst mitunter in eine Ehe überführen ließ und Haupt und Ehre der Sünder dann großgütigerweise erhalten bleiben konnten.

    Nun also die goldene Brücke:

    -(Vermeintlich) "Lähmende Architekturdebatten" haben gefälligst zu unterbleiben.

    -(Vorgeblich) "Endlose Diskussionen" über die Wiederherstellung historischer Stadtgrundrisse und "Wiederauferstehungsarchitektur" (m.E. sic oder auch einfach nur sick) haben ebenfalls zu unterbleiben.

    -Ein "stetiger, intensiver und breiter Dialog" mit den obersten Befehlshabern hat gefälligst nicht zu unterbleiben. Und wir ergänzen gedanklich in Erinnerung an Absatz 1: "Forderungen muss(!) Folge geleistet werden." Weil: Alles Andere wäre ein Affront und die hochgesalbte full-of-themselves Runde wäre mal wieder not amused und very pissed und so.

    WENN der Senat dieses maßlos großzügige Angebot anerkennt und ergreift, dann sichert die Kammer umgekehrt ihre "volle Unterstützung" beim Befolgen der zuvor selbst erteilten Befehle zu. Kahlfeldt soll also auf dem angepassten Lüscher-Profil bleiben und bloß nicht nochmal wie einstmals beim BDA zu sehr das Maul aufreißen.

    Auflösung der Zwischenbemerkung: So weiß man nun auch, weshalb Lüschers Wirken auch ohne entsprechendes Auswahlverfahren geheiligt war. Es folgte auch ohne heilige Berufung dem heiligen Gebot.


    Im Grunde ist der gesamte absurde Habitus und Duktus ja bereits ohne das nochmals absurder verklärende Klarenbachsche Framing Realsatire. Vor allem da man ja irgendwelche angeblichen reaktionären Tendenzen verhindern will und dafür passenderweise gleich mal auf vordemokratische Instrumente zurückgreifen will. Der heilig-erhabene Zweck heiligt die Mittel und die zunächst verwirrende Neusprech-Rhetorik (Dialog = Monolog, demokratisch/zukunftsgerichtet/beliebiges positives Attribut = wie wir es bestimmen etc.). Jetzt verstehe ich auch endlich, weshalb die Lüscher-Arbeit angeblich so "transparent" war. Sie war für alle transparent, die für die heilige Kammer relevant waren (nämlich sich selbst). Der ignorante Pöbel auf der Straße musste doch nicht verstehen, warum jedes kaiserliche Klötzchen so nackt war (war es ja auch gar nicht, die ordinären Leute waren nur zu blöd und unfähig um die Architektenprosa zu verstehen und die nackte Hässlichkeit mit ihrer Fantasie zu poetisieren). Oder warum muss der Mob meckern, wenn der Senat den Wohnungsbau nicht vernünftig voranbringt. Wenn die Leute nicht in Brot-und-Butter-Wohnbauten leben können, sollen sie halt in den oftmals noch verfügbaren teuren (aber oft nicht minder hässlichen) Kuchen-Wohnbauten leben.


    Irgendwie bin ich ja gespannt, ob der Senat oder Frau Kahlfeldt sich auch noch dazu äußern. Eigentlich wäre es in so einem Fall aber besser, die Damen und Herren einfach weiter toben und sich so weiter selbst entblößen zu lassen. Vielleicht kommen die nach dem Dampfablassen aber auch irgendwann wieder runter von ihrer Wolke und arbeiten doch vernünftig auf Augenhöhe zusammen, selbst wenn sie dann auch mal eine Gesprächspartnerin mit eigener Haltung ertragen müssen. (Hätte nie gedacht, dass Architekten so sensibel sind, was Pluralität angeht. Lässt irgendwie daran zweifeln, dass sie sich selbst und ihrer Schöpfungen so sicher sind wie die Anpreisungen und hohen Loblieder der mannigfaltigen grauen Schuhkartons es vorgeben).

  • Es bringt jetzt wenig, wenn wir uns gegenseitig immer weiter hochschaukeln. Es gibt halt unterschiedliche Meinungen zu dem Besetzungsverfahren, und das kann man ja einfach so respektieren.

    Ansonsten werden wir sehen, wie Frau Kahlfeldt ihren Job macht. Der Koalitionsvertrag hat ihr ein gewaltiges Arbeitspensum auf den Weg gegeben, sie muss viele neue Stadtquartiere entwickeln, wie den Blankenburger Süden, den Güterbahnhof Köpenick, die Elisabethaue, den Kurt-Schumacher-Damm, Tegel Nord. Wenn sie das gut macht, wird es sicher auch keine Kritik an ihr geben.

  • Klarenbach Ich würde ja auch dafür plädieren, dass man die arme Frau erst einmal ihre Arbeit machen oder zumindest eine Haltung formulieren lässt, bevor man so derbe auf sie eindrischt. Das würde eigentlich jede halbwegs vernünftige Sozialisierung mit sich bringen. Wenn aber von vorn herein schon eine Ecke und ein Label für Frau Kahlfeldt bereitet ist, muss man leider von weiteren Spannungen ausgehen. Dass sie es diesbezüglich schon vom Start weg schwerer haben dürfte als eine graue Frau Lüscher, muss man also wohl schon annehmen. Nur hat sie dafür m.E. mit Geisel den weitaus pragmatischeren und etablierteren Senator über sich. Zudem hat Frau Giffey das Bauen offensiv als oberste Priorität ausgerufen und neben ehrgeizigen Zielen auch eine Reform der Bauverwaltung in der Tasche. Wie gesagt hat sich ja selbst die Amtsbezeichung Geisels entsprechend verändert. In der Summe erwarte ich daher trotz des aktuellen eitel-frustrierten Hintergrundrauschens der Nicht-Gehörten schon eine gewisse Produktivitätssteigerung.

  • Es gibt halt unterschiedliche Meinungen zu dem Besetzungsverfahren, und das kann man ja einfach so respektieren.

    Sorry, aber wenn jemand die Aushebelung demokratischer Verfahren fordert, kann ich das nicht als Meinung akzeptieren. Da könnte ja auch der Verband der Automobilindustrie fordern, über die Besetzung des Verkehrsministeriums mitentscheiden zu dürfen...

  • Da könnte ja auch der Verband der Automobilindustrie fordern, über die Besetzung des Verkehrsministeriums mitentscheiden zu dürfen...

    Nun ja, die bisherigen Verkehrsminister dienten dieser Deutschen Schlüsselindustrie ja schon irgendwie stark und die Konzerne würden womöglich ähnlich mit verbalem Unrat werfen, wenn man ihnen mal zu sehr weh tun sollte. Und wenn man sich bspw. die ehemalige Verbraucherschutz-Ministerin ansieht, dann war da auch die Amtsbezeichnung (oder aber die Amtsausübung) etwas verfehlt. Doch auch da hat es sich irgendwann gezeigt, dass die Leute die Faxen satt hatten. Die CDU/CSU wurde ja nicht grundlos so abgestraft. Sie hat zu viele Vorlagen geliefert und letztlich haben einige der entsprechenden Industrien wegen der fehlenden Erneuerung inzwischen eine Art permanenten Image-Schaden.


    Ich sehe es daher ja wie der von Georges Henri zitierte Herr Lederer: Letztlich haben BDA und Kammer ihrem eigenen Stand eher geschadet, indem sie ihn im Zuge der eigenen Interessenvertretung maßlos überhöhen wollten und dafür eine ihrer Standesgenossinnen kübelweise mit Dreck bewarfen (obwohl sie sonst eigentlich höheres Niveau mitbringen sollten). Für mich ist das ein ausgezeichneter Kommentar und tatsächlich recht ausgewogen (die Kolleginnen und Kollegen werden mild getadelt und zugleich doch sehr anerkennend behandelt - was ich bei meiner polemischen Retourkutsche bewusst härter und überspitzter gehalten habe).

  • Vielleicht weiß Sauerbruch ja etwas, was wir nicht wissen, aber seine Bemerkung "Sie denke in Kategorien von Einfamilienhäusern" ist schon reichlich anmaßend, eigtl. beinahe unverschämt, weil sie allein auf das Portfolio ihre Büros abzielt, das sie mit ihrem Mann zusammen erarbeitet hat und daraus eine "Denke" ableitet, was überhaupt keinen Bezug zu ihrem Wirken im Amt haben kann, weil sie meines Wissens nach noch überhaupt keine Aussagen getätigt hat, die man so deuten kann. Ich finde, da könnte der feine Herr Sauerbruch, der mit Lüschers architektonischem Duktus harmoniert- und dank ihrer Beihilfe in der Jury so einige nette Aufträge an Land ziehen konnte, auch mal ein paar Wochen abwarten mit solchen Gedankensezierungen.

  • Der BDA ist eine Interessengruppe, die mit verabsolutierten Argumenten arbeitet – wie so ziemlich jede andere Interessengruppe auch (ich erinnere an die Arbeitgeberverbände, die bei Einführung des Mindestlohns Massenarbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise prophezeiten). Das allgemeine Bashing wird aufhören, sobald sich Kahleldt eingearbeitet hat und Ergebnisse vorliegen, anhand derer man diskutieren kann.


    An Lüscher habe ich einiges kritisch gesehen, sie aber immer gegen Polemik und die regelrechten Hasskommentare verteidigt, die hier manchmal auftauchten. Das werde ich mit Kahlfeldt genauso halten. Ich finde ihre Arbeit als Architektin interessant und bin gespannt auf ihre Ideen für Berlin. Man sollte die Macht einer Senatsbaudirektorin (und allgemein der Baupolitik) aber nicht überschätzen: Den Kostendruck auf und die Anforderungen durch Investoren kann sie nicht wegzaubern – so wenig, wie Lüscher das konnte. Und sie kann auch keine 100.000 Wohnung in günstig und hochwertig zugleich aus dem Ärmel schütteln.


    Es wird sich etwas ändern, aber es wird nicht alles anders werden.

  • ^ Genau, es ist eine Interessengruppe, die sich aber offenbar als mehr sieht als das. Sicherlich gibt es regelmäßig offene Briefe gegen irgendwelche Maßnahmen, die kritisiert werden, aber gegen Personen, die noch nicht einmal die Chance hatten, ihren Job anzutreten, keine inakzeptablen Äußerungen getätigt haben oder sonst irgendwas Schlimmes "verbrochen" haben? Schon allein aus der vagen Befürchtung heraus, möglicherweise könnte irgendwas nicht mehr in ihrem Sinne laufen? Vielleicht ist es ja nur ungeschickt, weil andere Lobbys subtiler im Hintergrund Einfluss nehmen, aber ich finde es auch anmaßend und selbstherrlich. BDA und Co. können gerne ihre Ansichten und Wünsche äußern, aber sie sollten sich doch bitte wieder als das sehen, was sie sind: eine Interessengruppe unter vielen, die Wahrheit und Demokratie nicht für sich gepachtet haben.


    Ansonsten gebe ich dir Recht, es wird sich nicht automatisch alles zum Besseren wenden. Ich bin da sogar sehr vorsichtig mit Optimismus und warte lieber erstmal die Entwicklung in der nächsten Zeit ab. Zumindest hoffe ich, dass diese unheilige Allianz aus Renditeoptimierung und minimalistischer Geschmackspolizei im Baukollegium aufhört und dort tatsächlich wieder auf interessante und anspruchsvolle Architektur hin gewirkt wird. Vielleicht wird der Wechsel allein schon bewirken, dass sich die Vielfalt der eingereichten Entwürfen bei Architekturwettbewerben wieder erhöht, die mit Blick auf Erfolgsaussichten zuletzt alle ziemlich einheitlich trist daherkamen.

  • -Sie verdient nur 3000€ als Professorin an der Beuth

    -Von work life balance hält sie nichts, Arbeit ist Leben, Leben ist Arbeit

    -Wenn einer anruft, eine alte Villa angucken, dann ist das wie koksen für sie

    -Chefinnen schmeißen keine Ordner durch Büros und sind deshalb besser als Chefs


    Zitate:

    "Rom, die Mutter aller Städte, dem Haupt der Welt"

    "von Freitag Abends bis Montag morgens hab ich ne bomben Rekreationsphase"


    Find die symphatisch, die Kahlfeldt!

    Bei Lüscher-Interviews wär ich schon drei mal an der Kaffeemaschine gewesen. Lüscher gegen Kahlfeldt ist aber wie rhätische Bahn gegen Transrapid. Esprit, Humor, Coolness, alles vorhanden. Sie plaudert hier aus dem Nähkästchen über das Leben als Architektin, die Wettbewerbe ect. pp. Sehr interessant und zu empfehlen und das kann ich guten Gewissens tun, obwohl es eine reine Frauenrunde ist.


    https://www.youtube.com/watch?v=Zzl02G2cc8o (ab min. 27:30)

    *gefunden von dubaibobby im SCC forum

  • Berlinier Interessanter Beitrag. Ich habe da für mich auch einige neue Eindrücke ableiten können. Sie hat klare und starke Standpunkte und ein gesundes Selbstbewusstsein aber sie wirkt gleichzeitig reflektiert und menschlich nahbar.


    Ich finde es beispielsweise schön, wenn sie beschreibt, wie ihr Team zusammenarbeitet. Jeder wird gebraucht. Alle holen zusammen was rein (mit unterschiedlichen persönlichen Stärken) und am Ende wird gerecht verteilt. Trotzdem arbeitet sie als Chefin immer etwas mehr. Zudem: Sie freut sich über jede Schwangerschaft und jede Geburt im Team wie über einen gewonnenen Wettbewerb. Und ihr glaube ich irgendwie auch, dass bei ihr tatsächlich keine Ordner fliegen. Ich habe entgegen ihrer These aber auch schon Chefinnen erlebt, die nicht besser waren als solche Chefs.


    Auch schön, wie sie über verschiedene Schwerpunkte schreibt. Sie habe für sich selbst damals irgendwie den Trampelpfad mit den modernisierten Altbauten gefunden. Aber sie spricht auch mit großer Anerkennung und Leidenschaft über Architekten, die ihren Schwerpunkt auf Schulen oder Kindergärten legen. In dem Kontext finde ich auch ihren Ansatz zu Wettbewerben interessant, wo andere Damen meinten, dass sei typisch so männlich kompetetiv. Sie merkt nur an, dass sie da immer wieder von den verschiedenen Ansätzen der Büros und dem jeweiligen Lob und der Kritik der Preisrichter/Bauherren lernt - und selbst als Siegerin dann gerne sinnvolle Dinge und Stärken von den Anderen übernimmt. Das lässt hoffen, dass sie auch jetzt als gute und vermittelnde Siegerin auftritt. Es ist ja schon interessant, dass sie erstmal wartet, bis der ganze Rauch sich legt und nicht direkt zurück auskeilt. Für mich ist sie damit aktuell schon tendenziell die souveräner wirkende Seite. Wenn sie jetzt weiter alle Türen offen lässt und trotz der persönlichen Angriffe nicht nachtragend wird, kann sich vielleicht trotz des schwierigen Starts noch ein gutes Miteinander entwickeln. Die Angreifer sind selbst ja auch darauf angewiesen und hoffentlich auch ausreichend reflektiert, dass sie da menschlich-sozial ganz schön in die Grütze gegriffen haben.


    Zu guter Letzt gefällt mir neben der positiven und pragmatischen Grundhaltung gerade auch ihr Selbstverständnis: Sie zitiert Schinkel, wonach Architekten die Verhältnisse der Menschen verbessern sollten und nimmt dabei sogar direkt Bezug auf die damalige Kanalisation. Neben der sinnlichen Seite sieht sie also auch klar die soziale Frage. Ebenso sagt sie, man müsse mit dem auskommen, was reinkommt. Wenn man mal wenig einnimmt, kann man auch nur wenig verteilen. Wenn man dagegen mal 185 Mio Budget für ein Projekt habe, dann müsse man das hohe Preisschild aber auch selbstbewusst vertreten können.


    Fazit: Selbst wenn man einen anderen Zugang zu den Themen haben mag, kann man sich meiner Ansicht nach toll mit ihr unterhalten. Das merkt man auch an den Reaktionen der Gesprächspartnerinnen. Sie pflichtet den anderen nicht immer nur brav bei, sie wirkt aber zugleich doch auch zugänglich für andere Sichtweisen. Was ich persönlich wahrnehme, eignet sie als Persönlichkeit für ihr Amt. Was dann aber letztlich wirklich so läuft, muss man natürlich erstmal abwarten.