Beiträge von jan85

    Berlin kommt relativ gut durch die Krise und holt weiter auf

    So kann man den ebenso überraschenden wie auch erfreulichen Trend wohl am besten zusammenfassen.

    Im Detail kann man es aber natürlich auch noch etwas konkreter ausführen:


    - Das Berliner BIP schrumpfte im zweiten Krisenjahr 2020 lediglich nochmals um 1,4 Prozent. Im Bundesschnitt waren es 3,4 Prozent und in der Spitzengruppe sogar jeweils gut 4 Prozent. Da Gastgewerbe und Gastronomie nur 2,5 Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung ausmachen, wirkte sich deren starker Einbruch nicht so dramatisch aus, wie viele (auch ich) wohl vermutet hätten. Zudem wird für 2021 ein Wirtschaftswachstum von gut 3 Prozent erwartet. 2022 will man Vorkrisenniveau erreichen.

    - Im Jahr 2020 lag das Berliner BIP pro Kopf bereits gut 5 Prozent über dem Bundesschnitt. Nur noch Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Hamburg und Bremen liegen hierbei vor Berlin, wobei der Abstand zuletzt etwas abgenommen hat.

    - Im abgelaufenen Juni fiel die Berliner Arbeitslosenquote erstmals wieder unter 10 Prozent (9,8) und die Gesamtzahl unter 200.000.

    - Allein in der ersten Jahreshälfte 2021 hat Berlin eine Rekordsumme an Risikokapital von gut 4,1 Mia Euro eingenommen (Gesamtdeutschland: knapp 7,6 Mia).

    - Nach wie vor versucht die Berliner Landespolitik, diese Erfolge für sich zu verbuchen, wohingegen die unabhängigen Experten durchgängig das Gegenteil behaupten und die Unternehmen schlechte Noten vergeben (das ist aber unabhängig von der jeweiligen Koalition bereits seit zig Jahren der Fall).

    Quelle Institut der Deutschen Wirtschaft Köln

    Tagesspiegel 1 (ergänzend zum IW)

    Tagesspiegel 2 (das Gleiche aus Sicht der Wirtschaftspolitik)

    Tagesspiegel 3 (zur Arbeitslosigkeit)

    Die Sueddeutsche zum Thema Venture Kapital

    Vielen Dank für die zahlreichen tollen Impressionen.


    Meine positiven Erwartungen wurden scheinbar eher noch übertroffen: Außen wie vor allem auch innen eine überaus wertige und vor allem atmosphärische Lösung und mE schon jetzt einer der schönsten (U-)Bahnhöfe der Stadt. Das hat absolut das Zeug zu einem neuen Klassiker. Ich freue mich schon darauf, meine Familie bald mal dorthin zu entführen.


    Besonders gut gefällt mir übrigens der farbliche Kontrast zwischen den Zügen und dem Sternenhimmel. Aber auch das Grau und Weiß/Beige fügt sich mE harmonisch ein. Insgesamt eine sehr gelungene Komposition.

    Rotes Rathaus Da kann ich einerseits mitgehen, dass insgesamt recht viel negative Energie fließt und meist das Haar in der Suppe gesucht (sowie natürlich auch stets gefunden) wird. Andererseits hat mich so manche Diskussion auch schon positiv überrascht (und sei es phasenweise). So lange beide Seiten überwiegend argumentieren, kommen eigentlich fast immer interessante Aspekte und Erkenntnisse hinzu, mitunter werden interessante Quellen verlinkt und Bezüge hergestellt - und sogar die Fotos belegen mE teilweise sehr eindrucksvoll die unterschiedlichen Blickwinkel/Sichtweisen.


    Das ist auch ein Grund, weshalb ich die Dialogstruktur von Foren so liebe und auch nicht vom DAF loskomme, selbst wenn ich viele Projekte und auch die Gesamterscheinung und -entwicklung Berlins wohl ebenfalls positiver als der Durchschnitt erlebe. Wenn es mal zu sehr nervt, muss man lernen, sich selektiv auszuklinken (was Du ja auch machst).


    BTT: Die U-Bahnstation Museumsinsel wirkt sehr wertig und insgesamt gelungen auf mich. Der Sternenhimmel eröffnet zunächst einmal im wahrsten Sinne des Wortes einen anderen Horizont. So etwas erwartet man eben allenfalls auf Bühnen (Darstellung von Zeitunterschieden) oder als Teil einer Inszenierung in sakralen oder kulturell bedeutsamen Bauwerken. In einer U-Bahnstation, genauer: über dem Fahrttunnel, überrascht das dann doch - und regt mE sofort die Phantasie an, da es im besten Sinne des Wortes merkwürdig erscheint.


    Die Frage, was genau die Leute dabei denken und assoziieren werden, ist ja durchaus spannend. Die gute Nachricht ist doch aber, dass sie im besten Fall überhaupt aufmerksam werden und die Station jedenfalls nicht völlig banal wirkt. Und es ist nun ganz sicher nicht der worst case, wenn viele Menschen nicht an Schinkel und sein Bühnenbild denken (das ist mE genau der vom Vorredner angesprochene Pessimismus).


    Ich stelle es mir beispielsweise einfach stimmungsvoll vor, wenn man am frühen Abend nach einem Kulturausflug den Bahnsteig betritt und den Sternenhimmel erblickt. Gerade für denk- und kulturaffine Menschen ist das doch eine wunderschöne Anregung, gerade auch weil es eine relativ offene Projektionsfläche bietet (was hat das Denken je mehr angeregt als ein weiter offener Sternenhimmel).


    Von mir aus sollen sie an Hogwarts mit dem großen himmelüberspannten Gemeinschaftsraum und den kauzigen Zentauren denken. Oder an Starwars und ferne, unbekannte Galaxien. Oder an den Stern von Bethlehem und das Licht der Welt. Oder an Shakespeares berühmte Zeile "All the world's a stage" und sei der gegenwärtige Ausschnitt der Welt auch nicht mehr als ein einfacher Bahnsteig. Und damit ist der Zug auch schon da. Abgang aller bis hierher wartenden Protagonisten und Statisten. Auftritt einer neuen Gruppe Träumer.

    ^Spontan würden mir als interessante und oft durchaus ansprechende Bauten u.a. diverse historische Highlights, einige Bürogebäude wie Medienfenster, Teile des sogenannten Europacenters, der innovative und außergewöhnliche ehemalige Solon-Sitz (jetzt Atos) oder das frische Projekt Brain-Box einfallen. Bei den Wohngebäuden gibt es u.a. mit dem Newton-Park auch mindestens solide Vertreter. Und mE entsteht auch eins der vielversprechendsten öffentlichen Schulbauprojekte in Adlershof.


    Aber ich verstehe ehrlich gesagt schon nicht den Vergleich zur Europacity. Adlershof hat ganz andere Voraussetzungen und eine völlig andere Entwicklung. Die Menschen dort identifizieren sich oft stark mit ihrem Umfeld und sind (mE zu Recht) häufig auch stolz darauf. Gerade hinter den Fassaden passierte und passiert jede Menge Spannendes und teilweise kann man das von außen auch durchaus erahnen. Ich finde die Gegend jedenfalls nach wie vor sehr spannend, trotzdem einige Projekte mich auch nicht besonders ansprechen.

    Camondo Vielen Dank für Deinen Beitrag. Wie ich wohl schon mehrfach schrieb, wirkt(e) die Reko bislang teils noch ein wenig wie ein riesiger Fremdkörper auf mich, auch wenn ich die Fassaden extrem wertig und insgesamt auch gelungen finde. Und wie gesagt war ich darüber zunächst sehr überrascht und auch etwas enttäuscht.


    Aber ich denke auch, die Rekos müssen jetzt ganz natürlich altern und zugleich muss die Umgebung endlich zur Ruhe finden und aufleben - mit intaktem Pflaster, angewachsenem Grün und vor allem mit jeder Menge (zunehmend weniger schüchternen) Menschen. Es braucht einfach etwas Alltäglichkeit. Aber das wird kommen, da bin ich inzwischen doch sehr zuversichtlich. Und Dein Beitrag bestätigt diese Erwartung.

    Stadtstruktur Hartnäckigkeit KANN eine wichtige Qualität sein. Hartnäckig gegen eine massive Wand anzurennen, wäre aber eher eine hohe 'Qualität' von Beschränktheit sowie Zeit- und Energieverschwendung. Und gerade die Mauern des Humboldtforums sind schon ziemlich massiv (was wohlgemerkt auch für die modern gestalteten Anteile gilt). Man spricht da manchmal auch von der normativen Kraft des Faktischen, was entsprechend mal gerne und mal mit Zähneknirschen akzeptiert wird (jeder findet sich da in wechselnder Rolle wieder).


    Ansonsten bin ich grundsätzlich durchaus oft fasziniert von Berlins vielen Brüchen und Kontrasten - gerade wenn sie wie bei der Reichstagskuppel tatsächlich eine besondere Form der Aneignung ermöglichen. Beim Humboldtforum hängt die Aneignung mE aber mehr vom inhaltlichen Konzept als von den äußeren Hüllen ab. Ich finde die inszenierten Brüche übrigens ok. Sie sind aber letztlich ebenso eine ('künstliche') Entscheidung wie es die Sprengung war und wie es eine Vollreko gewesen wäre.


    Und dass Brüche immer besser als harmonische Ensembles sind (vielleicht gar noch, je krasser, disharmonischer und unversöhnlicher, desto besser), würde ich so auch nicht unterschreiben. Bei besonderen Bauwerken wie besagtem Reichstag oder auch der Gedächtniskirche finde ich es ziemlich genial. Wenn man das aber um jeden Preis zur flächendeckenden Agenda macht, wird es mE irgendwann banal und erstickt zudem (künstlich!) die Entwicklung. Man kann Spuren der Zeit auch selektiv konservieren (wie beim Weinhaus Huth und Hotel Esplanade am Potsdamer Platz oder der Eastside Gallery) oder aber abstrahieren (wie bei Stolpersteinen zum Holocaust, einer Nachzeichnung von Grundrissen wie besonderer Pflasterung oder aber Grünstreifen entlang des alten Mauerverlaufs), Denkmäler und Gedenktafeln errichten. Immerhin wollen die Menschen auch in der Stadt leben und sich mit ihr identifizieren. Da finde ich demonstrative Hässlichkeit/ Disharmonie nicht den überzeugendsten Ansatz (je höher und redundanter der didaktische Zeigefinger ausgepackt wird, desto stärker nutzt es sich ab - spreche da durchaus aus Erfahrung).

    Endell Ich bin grundsätzlich auch sehr für eine (möglichst baldige!) Rekonstruktion. Ich fände es aber trotzdem auch äußerst spannend, wie die Architekten die Bauakademie bei einem Wettbewerb in die Zukunft projizieren würden (das könnte vielleicht sogar überhaupt mal Denk- und Erneuerungsprozesse anstoßen und uns etwas vom weit verbreiteten Einheitsbrei befreien). Nur wäre es dann wiederum hart, wenn man sämtliche Ideen (unabhängig vom jeweiligen Grad an Würdigung) verwirft und stattdessen doch das Original rekonstruiert.


    Vermutlich bin ich aber auch nur viel zu optimistisch und ein Wettbewerb würde ein durchwachsenes Ergebnis statt Aufbruchsignale hervorbringen. Von daher wäre eine zeitnah beschlossene originalgetreue Reko dieses tollen Baus vermutlich wirklich die beste Variante.

    Camondo Das sollte man sicherlich nicht pauschalisieren. Aber den von Timmi angesprochenen Trend zu etwas mehr gestalterischem Anspruch (ohne dass es gleich historisierend sein muss!) sehe ich vereinzelt auch. Ich hoffe, das setzt sich durch. Vielleicht würde eine Reko der Bauakademie (oder selbst eine moderne Interpretation, falls sie denn gut gemacht ist) den Trend ja sogar weiter befördern, gerade falls dort prägende Gestalter/Entscheider aus der Architektur-Kaste einziehen sollten.

    TwistedRoad Zumindest aktuell liegt der Entertainment District ja ohnehin ziemlich brach. Grundsätzlich ist er aber längst ein eigener Magnet. Dazu gibt es sogar belastbare Zahlen von vor der Pandemie: So frequentieren normal je nach Wetter, Wochentag und Event 10.000-30.000 Menschen den Platz mit unten herum steigender Tendenz (Schnitt bereits deutlich über 16.000). Vor allem das Fontänenfeld (tagsüber Wasserspielplatz und Abends Teil einer Licht-, Wasser- und Musikshow) wird während der warmen Monate gut angenommen und auch die Restaurants brumm(t)en nach eigener Aussage. Insgesamt gab es im ersten Jahr über 250 Events in den beiden Hallen und dutzende weitere Veranstaltungen/Angebote auf dem Platz selbst, die zusammen über 6 Millionen Besucher anzogen.


    Dass der Entertainment District auch u.a. von dem quirligen Umfeld, Spree, Eastside Gallery etc. sehr stark profitiert, ist sicherlich völlig richtig. Es lässt sich mE aber dennoch feststellen, dass er als Gesamtpaket attraktiv für viele Menschen ist. DerBe bezog die "introvertierte Leere" mE ja auch mehr auf die Nahtstellen zu den anderen Teilkomplexen. Jedenfalls kann man ein Fontänenfeld, riesige LED-Screens und diverse Boxen aber auch weitläufige (Dach-)Terrassen und Gruppen aus gut gelaunten Eventbesuchern sowie kreischenden Kindern mE kaum als introvertiert und leer bezeichnen (die "Dauerberieselung"/ "Reizüberflutung" war ja sogar umgekehrt einer der häufigeren Kritikpunkte).

    DerBe Das ist ja auch völlig ok, wenn man das Angebot selbst nicht attraktiv findet. Ich persönlich würde auch nicht gezielt zum Essengehen dorthin fahren und weiß nicht einmal mehr, ob ich dort damals auch gegessen habe. Ändert aber nichts daran, dass man es bei stoßweise auftretenden Menschenmassen irgendwie lösen musste (wie gesagt finden sich ja sonst bei Bedarf zahlreiche Alternativangebote im näheren Umkreis).


    Den Rest sehe ich sogar sehr ähnlich wie Du. Zwar gibt es immerhin überhaupt eine Mischnutzung im Areal aber die Übergänge könnten noch deutlich fließender sein. Ich bin generell ein großer Fan von möglichst öffentlichen Erdgeschosszonen. Dann lieber etwas höher bauen und dafür mindestens ein zugängliches Sockelgeschoss. Das betrifft dann aber weniger den Mercedes Platz selbst als die Verzahnung zu den Nachbarbauten.


    Regent Sorry, dann gehen wir da d'accord. Ich nehme auch an, dass die meisten Menschen das nicht so dogmatisch sehen werden und entweder direkt vor Ort glücklich mit dem Angebot sind oder aber sich einfach in der Umgebung umsehen (notfalls gibt es ja auch für Touristen genügend Apps, um sich zu orientieren).

    DerBe Ging oder geht es Dir in diesem Thread stets primär um Architektur? Den Eindruck habe ich nicht. Ebenso war der aktuelle Auslöser ja eher eine Gesamtbetrachtung als eine rein ästhetische Auseinandersetzung. Wer das anschließende Geplänkel ermüdend findet, muss sich ja nicht daran beteiligen. Ich finde es einerseits interessant (weil das Konzept des Areals neuartig für die Stadt ist und man das mE nicht allein mit der Architektur fassen kann). Andererseits finde ich die hartnäckig vorgebrachten und verteidigten (aber im Grunde nie belegten) Vorurteile bemerkenswert und irritierend genug, dass man sich darüber mE weiter austauschen sollte:

    Okay, nenn mir doch mal 2 Events in der Mercedes Benz Arena, wo du Publikum vermutest, das die Diskussion hier nachvollziehen kann.

    SirWallace und ich haben bspw. beide Eishockey "konsumiert" und nehmen ja trotzdem an der Diskussion hier teil (zwischen den Zeilen lese ich, dass womöglich auch andere Forenmitglieder schon Events vor Ort besucht haben). Und auch wenn mir bei dem besagten Spiel der Eisbären gerade einige der Damen und Herren auf der Stehkurve tatsächlich nicht sonderlich kultiviert vorkamen (vielleicht aber auch einfach nur gerne als Spieltagsritual mal richtig die Sau rauslassen), waren da ansonsten auch jede Menge aus meiner Sicht "völlig normale" Leute im Stadion. Basketball würde ich sogar eher noch einer anderen, relativ gebildeten Klientel zuschreiben. Aber auch das sind zugegebenermaßen im Grunde nur Vorurteile, da ich keine empirischen Befunde dazu kenne.


    Der Punkt ist mE aber eher, dass jedes Jahr hunderte Events in den Hallen und auf dem Platz steigen und Millionen von Besuchern anziehen (die Arena gehört zu den erfolgreichsten weltweit). Ich wüsste nicht, wie man bspw. bei einer Bandbreite von u.a. Revolverheld (die Rezension deutet jetzt auch nicht gerade auf einen hirnlosen Atzen hin), Elton John, André Rieu, Live (Zirkus-)Artistik, dem Sankt Petersburg Festival Ballet, einem Tango Cup, Zaubervorstellungen, der Fête de la Musique, Kinderprogramm (Märchen, Tabaluga, Bibi Blocksberg), Red Carpet Events wie bspw. bei Alladin oder den Coca Cola Christmastrucks durch die Bank auf einen besonders niedrigen Intellekt oder fehlende Affinität zu Bildung/ Kultur oder Geschmacklosigkeit schließen kann (halte ich ehrlich gesagt für extrem gewagt und durch nichts belegbar). Wenn man Massenkultur allein als Kultur (und den Entertainment District als Sammelpool) für anspruchslose Kulturbarbaren versteht, verfolgt man mE einen recht wirren und potentiell gesellschaftsspalterischen Ansatz.


    Sir Wallace bspw. war ja auch noch auf der Museumsinsel. Ich selbst habe neben dem Eishockey auch schon u.a. das Orgelkonzert in der Auenkirche oder hochklassige Musicals wie Wicked in Chicago besucht oder u.a. Chaucer, Shakespeare und Post-Colonial Literature in der Uni behandelt. Ironischerweise habe ich übrigens genau dort zugleich gelernt, den Dünkel gegenüber Popular Culture/ Mainstream-Culture noch mehr abzulegen (spätestens der regelmäßige Austausch mit jungen Menschen aus sozialen Brennpunkten pulverisiert solche Zuordnungen dann ohnehin). Eine meiner Lieblingsdozentinnen hat neben Grass und Herta Müller auch Serien wie The Wire, Game of Thrones oder sogar Friends und Big Bang Theory behandelt - und u.a. Umberto Ecos Faszination für modernes serielles Erzählen aber auch spannende intermediale Rückbezüge auf die griechische Tragödie angeführt. Es ist ja auch nicht so, dass bspw. eine J.K. Rowling (oder früher ein J.R.R. Tolkien bzw. ein C.S. Lewis) ihre populärkulturellen Werke für minderwertige Nebenbeschäftigung oder aber Perlen vor die Säue hielten. Im Gegenteil fließt/floss oft das gesamte theoretische Wissen mit ein - und unterschiedliche Rezipienten agieren dann auf unterschiedlichen Ebenen mit solchen Werken, was auch gezielt so im Werk selbst angelegt ist.


    Diese grundsätzliche Offenheit und Zugänglichkeit ist mE sogar eine Qualität von guter Kultur (ob Film, Musik oder Literatur aber auch diversen Unterhaltungsformaten). So entsteht ein breiterer Austausch und die verschiedenen Perspektiven ergänzen sich. Ich begrüße es daher auch sehr, dass die Berliner Museen kostenfreie Tage einführen werden. Egal ob Kulturforum, Museumsinsel oder aber Entertainment District: Kultur sollte Brücken bauen und niemandem schadet ein gelegentlicher Blick über den eigenen Tellerrand oder eine ordentliche Relativierung der vermeintlichen eigenen Überlegenheit. Schon ein Theodor Fontane (ich persönlich sehe ihn als einen der schärfsten Analysten der damaligen Zeit und ihrer gesellschaftlichen Strukturen) hat die vermeintliche kulturelle und moralische Überlegenheit der feinen Gesellschaft gerne als mehr Schein als Sein entlarvt und oft genug einfache, wenig formal gebildete Figuren wie einen Fabrikvorarbeiter oder eine einfache Schneiderin als moralisch mindestens ebenbürtig dargestellt und dabei so manchen elaborierten Habitus aus vermeintlich naiver Sichtweise sauber zerlegt. Und eine seiner Botschaften war: Wer hart arbeitet und auf wen andere ohnehin schon herabblicken, dem sollte man ruhig ein wenig Zerstreuung und Lebensglück gönnen, ohne moralisch darüber zu urteilen. Auf heute übertragen würde ich sagen, dass die Menschen ihre Euros ebenso in der steril-sauberen Sytemgastro wie in der rauchigen Kiezkneipe oder dem Kiezrestaurant mit Glücksspielautomat lassen können, ohne dass es mich tangieren muss. Ich habe in Berlin jedenfalls genügend Optionen, sodass ich darüber hinwegsehen kann, ohne einem solchen Viertel seine Existenzberechtigung abzusprechen.

    Ostkreuzblog In dem Punkt kann ich Dir nicht gänzlich zustimmen, auch wenn ich solche Entwicklungen grundsätzlich ebenfalls wichtig und wünschenswert finde und mir einiges ebenfalls zu langsam und zäh verläuft. Du bist mir da aber doch etwas zu pauschal in Deiner kritischen Haltung. Der Berliner Senat HAT die entsprechenden Notwendigkeiten inzwischen sehr wohl erkannt, potentiell starke und zukunftsfähige Wirtschaftssektoren identifiziert und auch entsprechende Flächen ausgewiesen (Adlershof ist nur der bekannteste und am weitesten etablierte Campus davon und der von Dir kritisierte Greentech-Park umgekehrt der am wenigsten etablierte und zugleich einer der wenigen, wo bislang eher zu viel als zu wenig frei ist). Ebenso unterhalten die großen Unis inzwischen alle Gründungszentren, fördern Gründer außerdem in diversen Verfahren und Wettbewerben. Auch der neue Campus in Tegel soll mW weiterhin in Kooperation mit der Beuth-Schule hochgezogen werden sowie die TU beim Euref-Campus mit aktiv ist und die HU in Adlershof. Der Ansatz der Navy Yards (Schlüsselstandorte der alten Industrie gehen auf in Zukunftsindustrien) gilt übrigens durchaus ähnlich auch für diverse alte Industriekomplexe in Berlin wie z.B. das Elektropolis in Oberschöneweide oder die geplante Transformation von Siemensstadt in Siemensstadt² (auch dort sollen staatliche Forschungseinrichtungen einziehen). Das Problem ist, dass solche Entwicklungen meist Zeit und immens Geld kosten und dabei die Großen und Schnellen die Kleinen und Langsamen fressen. Berlin liegt inzwischen immerhin europaweit mit London und Paris in der Spitzengruppe und beherbergt ein paar Marktführer (das von Dir mit Sorge betrachtete Zalando wächst aktuell übrigens immer noch, auch wenn mehrfach bewusst die Strategie angepasst wurde). An den Standorten London/UK und Paris/F ist das nationale Verständnis und die politische wie wirtschaftliche Unterstützung jedoch deutlich günstiger als bei uns. Die USA sind dann ohnehin noch einmal eine ganz andere Liga. Dennoch muss man sich nicht kleiner machen, als man ist. Inzwischen entwickeln große Konzerne ihre Produkte auch von Berlin aus (übrigens auch Mercedes - und auch Weltmarktführer wie Amazon sogar vom Edge dicht am kritisierten Standort). Falls der Flächendruck zunimmt, kann man die Riegel neben der Halle gerne gegen Hochhäuser ersetzen, wo über den Restaurants etc. dann Büroflächen, Wohnungen u.ä.m. entstehen. Das wäre sogar komplett in meinem Sinne, so lange es keine Schlafstadt wird und neben vielfältigen neuen Nutzungen möglichst vielfältige Freizeitangebote erhalten bleiben. Ich sehe auch keinen Grund, warum das bei entsprechendem Bedarf nicht in 15, 20 oder 30 Jahren auch so kommen könnte.


    Allerdings sehe ich nicht genau, wo Du mit Deiner rückblickenden Kritik hinwillst. Hier gab es ja historisch gerade keinen zusammenhängenden Gebäudekomplexe und die Entscheidung für Halle und Entertainment-Komplex wurde zu einer Zeit getroffen, als Kapital aus Berlin ABgeflossen statt EINgeflossen ist und man bspw. in London und Co noch nie von einem StartUp-Standort Berlin gehört hatte. Wer hätte damals ernsthaft vorausgesehen, dass man in Berlin an diesem Standort mit Wohnungen und Büros ein riesen Geld verdienen und den Bedarf der Stadt befriedigen kann? Und nochmals: Das jetzige Konzept füllt eine Lücke und ist durchaus erfolgreich. Weder von den Angeboten her noch aus ökonomischer Sicht sehe ich daher zum jetzigen Zeitpunkt einen Anlass zum Klagen. Der Aspekt der Architektur ist dann ein anderes Thema. Und mögliche künftige Entwicklungs- und Optimierungsmöglichkeiten nochmals ein anderes, wofür ich wie gesagt auch durchaus aufgeschlossen bin. Das hat für mich aber nichts mehr mit der hier teilweise ausgeführten Kritik zu tun, die auf einer ganz anderen Ebene arbeitete und die ich auch weiterhin nicht positiv aufnehmen werde, da sie mir persönlich nett ausgedrückt kleinkariert und ideologisch verengt vorkommt.

    Ostkreuzblog Welche Art Werkstätten meinst Du? Solche, die Kunsthandwerk herstellen und/oder Erfinderwerkstätten? Oder noch etwas anderes? Grundsätzlich gibt es in Berlin mW schon ziemlich viele Künstler und andere kreative Leute. Manche arbeiten aber sogar vorrangig von zu Hause aus. Ich kenne bspw. jemanden, der sogar vom WG-Zimmer aus Designs für Klamotten, Puzzles usw. entwirft und damit inzwischen international ziemlich gutes Geld verdient. Wo gute Ideen und ausreichend Förderung vorhanden sind, findet sich meist auch ein Platz (zumindest erst einmal, bei anhaltender Expansion kann es dann schon mal eng werden). Aber klar sollte man da auch immer Freiräume anbieten, wo kreative Leute zusammen kommen und sich gegenseitig bereichern können.


    Beim Entertainment District bin ich jedoch nach wie vor der Meinung, dass Berlin das auch gebrauchen konnte. Ich finde es auch etwas schade, dass man häufig Dinge gegeneinander ausspielt. Berlin hatte vorher keine Veranstaltungshalle in dieser Größe. Diese war bislang entsprechend eine einzige Erfolgsgeschichte. Auch zwei der führenden Berliner Sportvereine konnten sich so entscheidend weiter entwickeln. Aber auch die anderen Angebote werden genutzt. Deswegen finde ich auch den Vergleich zum Potsdamer Platz schwierig. Es ist ja bekannt, dass dort neben dem anderen Nutzungskonzept auch ein anderes Stadtkonzept verfolgt wurde: Im Sinne Kolhoffs galt (ironischerweise trotz bewusst amerikanisierender Architektur) das Leitbild der europäischen Stadt. Der Entertainment District hingegen pflanzt in der Tat ein amerikanisches Konzept in die Berliner Stadtlandschaft - und dazu wie bereits besprochen in deutlich weniger anspruchsvollem Gewand. Zumindest als Momentaufnahme muss man mE aber festhalten, dass dieses Konzept funktioniert (sogar besser als der Potsdamer Platz, der den meisten und auch mir insgesamt deutlich besser gefällt). Somit hat das Areal mE auch seinen Platz und seine Berechtigung.


    Umgekehrt kann ich auch mit bestimmten Strukturen und Gesellschaftsdynamiken wenig anfangen, aber ich spreche ihnen deshalb nicht ihr Existenzrecht ab. Beispielsweise beim Karstadtprojekt habe ich deutlich ausgeführt, weshalb ich für das Projekt bin - und den demokratisch gewählten Volksvertretern trotz dieser Differenzen dennoch nicht ihr Mandat und den darin artikulierten Wählerwillen in Frage gestellt. Nur seltsamerweise schreien einige Gruppen immer wieder nach Toleranz (bis hin zu regelrechten Zumutungen für die direkten Nachbarn besetzter Häuser o.ä.m.). Umgekehrt werden andere Lebensformen aber mindestens als spießig diffamiert, wenn nicht sogar ganz andere Feindbilder bemüht werden. Ich finde, das zieht sich auch durch dieses Forum und gerade diesen Strang.


    Zu guter Letzt möchte ich mal einen historischen Exkurs in die Ära Wowereit machen. Neben dem berühmten Outing ist er besonders bekannt für seine Aussage: "Berlin ist arm - aber sexy!" Damit hat er mE zunächst einmal einen interessanten Bezug hergestellt, den viele gar nicht so bewusst wahrgenommen hatten. Er hat zudem auch die Kulturlandschaft stark gefördert und die anderen Senatoren teilweise neidisch auf seinen Etat blicken lassen. Zugleich aber wurde seine Sicht oft verkürzt oder verfälscht wahrgenommen. Er hatte durchaus ein starkes soziales Bewusstsein und hat die Armut nicht gefeiert oder gar als nachhaltig erhaltenswerten Zustand angesehen. Im Gegenteil hat er deutlich gesagt, dass langfristig viel, viel mehr gute Jobs und entsprechende Gehälter gebraucht werden und eine gewisse Gentrifizierung sogar nötig und wünschenswert ist. Und auch wenn das jetzt einige ganz bestimmt nicht hören wollen: Man kann die Kultur nicht fördern, wenn kein Geld dafür da ist. Auch wenn bestimmte Parteien aktuell ein anderes Bild verkaufen: Was verteilt wird, sollte zunächst erwirtschaftet werden. Sonst bekommt man irgendwann aufgrund ökonomischer Gesetzmäßigkeiten massive Probleme und kann dann die mühsam und teuer(!) kumulierten öffentlichen Güter direkt wieder privatisieren (zu Ramschpreisen, da man in keiner guten Verhandlungsposition ist). Wowereit hat das - ebenso wie bereits ein gewisser Karl Marx - trotz seiner extrem großen Affinität zur Berliner Kulturlandschaft sehr gut verstanden. Es war damals auch viel realer im öffentlichen Bewusstsein und politischen Diskurs als aktuell! Und entsprechend hat er die Wirtschaftspolitik immer nach Kräften unterstützt und dies nicht notgedrungen, sondern aus Überzeugung und mit großer Leidenschaft und Erfolg UND sogar an der Seite einer damals ähnlich pragmatisch und realitätsnah agierenden LINKSpartei (wenn er das auch noch in der Bildungspolitik geschafft hätte, wäre er mein idealer "ewiger" Bürgermeister gewesen, weil er die Stadt voranbringen hätte können, wie niemand vorher oder seither ansatzweise vermocht hat).


    Und nun BTT: Der Entertainment District ist inzwischen ein wichtiger Teil der Wertschöpfung (gerade Tourismus aus In- und Ausland wirkt volkswirtschaftlich wie ein Exportprodukt) und somit mindestens indirekt u.a. auch wichtig für den Kulturetat. Er wirkt zudem wie ein Magnet und spült auch potentielle Kundschaft in die Umgebung. Entgegen manchem, was hier geschrieben wurde, gehen ja ganz normale Menschen zu Alba Berlin oder Beyoncé und keine kulturlosen Konsumzombies. Die schlafen dann teilweise im Friedrichshainer Hostel, steigen in den Clubs und Lokalen ab und kaufen sich noch das ein oder andere authentische Berliner Souvenir von einem lokalen Künstler. Durchschnittliche Menschen ohne Klassenkämpferbackground und moralischen Überlegenheitsdünkel erleben den Stadtraum in der Regel doch wohl am ehesten integriert und halten sich nicht an irgendwelche abstrakten Normen und Unterteilungen (böse Mainstream-(un-)Kultur vs. gute/ wünschenswerte/ authentische/ alternative Kultur oder böser Konsum vs. guter Konsum). Da war ja der alte Preußen-Fritz offener als mancher Diskurs hier. Berlin ist bunt und pluralistisch - und das ist auch verdammt gut so (und keine von irgendwelchen lautstarken Lifestyle-Eliten diktierte Einbahnstraße)!

    Ostkreuzblog Ich denke ebenfalls, dass sich das Areal im Zusammenspiel mit seinem dynamischen Umfeld städtebaulich wie architektonisch noch weiter entwickeln kann bzw. vermutlich wird. Auch die einfachen Fassaden werden in die Jahre kommen und könnten dann durchaus mit spannenderen ersetzt werden. Ich glaube zugleich aber nicht, dass gerade die Kritik primär auf die einfachen Fassaden abzielt. Man merkt eigentlich recht deutlich, dass einigen das gesamte Konzept zuwider ist. Das wird sich wohl auch bei einer möglichen Aufwertung nicht groß ändern.


    Interessant wäre mE dann auch, in welche Richtung eine mögliche Aufwertung gehen sollte. Endell hat ja Ansätze genannt. Aber so ganz überzeugen mich diese noch nicht. Bekanntlich war hier lange Brache, eine beschauliche bis spektakuläre, historisierende Gestaltung analog zum Pariser Monmartre oder Teilen von Vegas wäre daher stark fake-verdächtig und würde entsprechend kritisiert werden. Noch größere und poppigere Werbeflächen an den Fassaden wie bei Vegas, Broadway oder auch Blackpool in England würden dagegen den bereits vorhandenen Vorwurf der Reizüberflutung und Konsumorientierung potentiell weiter verstärken. Bliebe eigentlich primär eine wertigere und interessantere moderne Schale. Damit würde sich das Areal zwar bestimmt weiter entwickeln aber es wäre mE kein großer Umbruch. Wirklich spannend wird es mE am ehesten, wenn sich auch das Konzept irgendwann überholen sollte.

    Berlinier Da gehen wir völlig d'accord. Den Potsdamer Platz finde ich gerade auch WEGEN seiner Architektur attraktiv und gelungen. Beim Entertainment District ist es zumindest teilweise eher TROTZ seiner Architektur - ohne dass ich da alles nur grausam hässlich fände. Es wurde mE nicht viel mehr als nötig aufgeboten aber leider bei weitem nicht alles, was möglich gewesen wäre. Aber: Das Konzept funktioniert und die Menschen sind zu großen Teilen zufrieden damit, während andere Klientel in Berlin genügend passendere Angebote erhalten und ebenfalls glücklich werden können. Es müsste also überhaupt kein Problem geben.


    JimmyMcGill Wenn das für Dich niederschreien ist, dann solltest Du wirklich dringend an Deiner Selbstrefkektion arbeiten. Der Blick in den Spiegel scheint Dir ja mal gar nicht zu behagen. Ein Tipp: Dein Selbstzitat ist selbstverständlich NICHT der Stein des Anstoßes gewesen. Jenen hatte ich Dir netterweise als Zitatliste zusammengefasst aber scheinbar konntest Du Dich davon selbst nur abwenden/distanzieren und ziehst Dich jetzt allein auf diese annehmbare Aussage zurück. Kann ich gut verstehen und sehe ich als großen Fortschritt an.

    Berlinier Grundsätzlich hast Du völlig Recht. Selbst der Potsdamer Platz weist jedoch eine andere Konzeption/ einen anderen inhaltlichen Zuschnitt auf und das schlägt sich entsprechend in den gebauten Strukturen wieder: Musical Theater, Spielbank, Kinos etc. sind eine etwas andere Kategorie als Basketball/Eishockey und Großkonzerte. Beim Entertainment District MUSS auch immer mal wieder ein Pulk von tausenden Leuten aufgenommen, schnell räumlich orientiert und mit Essen u.ä.m. versorgt werden. Dieses Areal lässt sich mE ohne die Großarena sowie die Ergänzungsangebote schlicht nicht verstehen.


    Die Menschen wohnen logischerweise nicht auf dem Areal aber sie verbringen teils durchaus einige Stunden dort - und investieren bewusst ihre Zeit und ihr Geld dafür, ohne es zu bereuen oder gar zu schwören, es nie wieder zu tun (schockierend aber wahr). Andere dagegen kommen und gehen nur für eine Veranstaltung und kehren dann in einem der umliegenden Kieze in Clubs, Kneipen oder Restaurants ein (zur Freude der inhabergeführten Gewerbe). Wieder Andere nutzen gleich nur die Kiezangebote und ignorieren/meiden den Entertainment District. Das alles kann mE problemlos nebeneinander und auch miteinander funktionieren, wenn man es halbwegs pragmatisch sieht.


    Wolke Eins Bezüglich der Architektur kann ich Dir weitgehend zustimmen. Wobei ich die Gestaltung der Freiflächen sowie einzelner Highlights (Arena, umliegende Hochhäuser) schon als reizvoll und die Klinkerriegel als solide bezeichnen würde. Insgesamt aber sicher nicht herausragend, was ich bspw. der Architektur am Potsdamer Platz eher zugestehen würde.

    DerBe Wenn Du, Jimmy und Co es wirklich akzeptieren würdet, dann würdet Ihr Euch die (ab)wertenden Nachsätze sparen. Vielleicht fühlen sich die Kids nicht dauerberieselt, sondern entertaint. Vielleicht ziehen sie sich den Burger/das teils 12 Stunden zubereitete japanische Gericht nicht rein, sondern genießen es usw. Who's to judge? Oh, I forgot: That's you guys.


    Und Dein Einkeitungssatz gespiegelt: Nur weil Du und einige Andere es für schrecklich halten, muss es das natürlich für ALLE sein und diese Bewertung muss man dann konsequenterweise auch auf die Nutzer projizieren, die in ihrem Verhalten und Charakter ebenfalls schrecklich sein müssen? Ernsthaft?


    Nebenbei bemerkt waren wir mE schon mal weiter: Wenn man halbwegs objektiv messen will, wie gelungen oder lebendig ein Areal ist, dann geht es sicher nicht nur um Architektur (wobei man Fassaden auch irgendwann austauschen kann und vermutlich wird) und erst recht nicht um persönliche Aversionen. Wenn Menschen das Areal aktiv (durch Zahlen belegbar) und gerne (durch Referenzen in den neuen Medien zumindest wahrscheinlich) nutzen/beleben, dann IST es zunächst einmal lebendig und seinem Zweck nach gelungen. Wie nachhaltig das Ganze funktioniert, können wir vermutlich erst in einigen Jahren sagen.

    Du gönnst es mir, dass ich "subjektiv" meine Eckkneipe mag – "objektiv" bist Du aber ganz begeistert, dass die Zukunft den großen Ketten gehört, dass von Melbourne über Toronto bis Berlin alle im exakt gleichen Ambiente die exakt gleichen Gerichte angeboten bekommen. In nahezu gleichen Shoppingcentern. Indoor oder Outdoor. Mit tollem Spaß-Brunnen oder anderen tollen Kid's-Fun-Angeboten. Denn deren Überlegenheit redest Du hier – sorry – normativ das Wort.


    Du bist begeistert von einer Entwicklung, die mir, ganz ohne Witz, die Tränen in die Augen treibt.


    Nein, dann hast Du mich doch (teilweise) falsch verstanden. Ich habe doch nirgendwo(!) geschrieben, dass ich den Entertainment District genial/optimal oder auch nur "überlegen" finde. Du magst mich so verstanden haben, weil Du meine wiederholte Verteidigungshaltung evtl. nicht nachvollziehbar findest. Aber Du wirst dennoch nirgendwo eine entsprechende Aussage von mir finden.


    Was ich hingegen tatsächlich finde/ deskriptiv feststelle: Der Entertainment District ergänzt andere Angebote der Stadt und funktioniert zudem ziemlich effektiv als exakt das, was er sein möchte: Ein Entertainment Disctrict. Für mich hat Berlin auch(!) Platz für so etwas, so lange es die anderen Ausformungen nicht zu stark kannibalisiert (zur Erinnerung: hier war vorher Brache, ein "Kiez" mit "Eckkneipen" wurde hier nicht verdrängt und wäre hier auch gar nicht authentisch neu machbar gewesen). Und: Die Menschen (ob Touristen oder Berliner) stimmen mit den Füßen darüber ab, ob so etwas auch eine Berechtigung hat. Es ist mE völlig legitim, wenn einige/viele Menschen auch diese Angebote suchen und nutzen. Das sind nicht alles willenlose Konsumzombies, unkultivierte/geschmacklose Prolls etc. Wer in dieser Weise über Menschen schreibt, der erhebt die eigenen Vorstellungen zur Norm für Andere und das ist nun einmal normativ/präskriptiv. Auch in der Musik oder beim Film kann es ja durchaus vorkommen, dass ich eine Nischenproduktion gegenüber Mainstreamproduktionen authentischer und reizvoller finde. Ebenso ist es ok, mein subjektives Urteil argumentativ zu untermauern. Aber wenn ich dann im nächsten Schritt sämtlichen Fans der Mainstreamproduktion jegliches ästhetische Empfinden oder gar menschliche Qualitäten abspreche (auch das hatten wir in diesem Thread schon), dann ist das schlichtweg überhebliches, elitäres Gehabe.

    Architektenkind Über Deine Eckkneipe haben wir uns ja schon ausgetauscht und es ist für mich natürlich nach wie vor völlig ok und keinesfalls elitär, wenn Du diese subjektiv bevorzugst.


    Was ich hingegen nicht ok finde (sondern in der Tat herablassend und ekelhaft normativ), habe ich mehrfach sehr deutlich ausgeführt und ich halte gerade Dich für intelligent genug, dass Du es vermutlich auch schon beim ersten Mal verstanden hast. Zur Sicherheit: Niemand muss den Entertainment District feiern oder sich sachliche(!) Kritik daran verkneifen. Ich habe ihn wohlgemerkt selbst nie in den Himmel gelobt. Aber wenn man dabei derart herablassend über dessen Nutzer schreibt, dann werde ich eben dies kritisch spiegeln. Wer damit dann nicht umgehen kann, sollte vielleicht auch nicht ganz so hart gegen Andere austeilen.