Beiträge von TowerMaranhão

    Gut, dass Expertise und Erfahrung im Bereich Stadtentwicklung und Architektur immer weiter zunehmen, sich in Leuchttürmen wie Frau Lüscher manifestieren und unsere Städte immer schöner und lebenswerter werden lassen. *hust*

    "Früher" ist keine gute Kategorie des historischen Vergleichens. Wann, wo, wer? Die stehende Gesellschaft gerät in Europa gegen Ende des 18. Jahrhundert aus den Fugen.

    Ich würde sagen, dass dieser Prozess vielmehr bis heute andauert. Meine Mutter hat, als sie klein war, noch mit ihren Großeltern zusammen im Haus gewohnt. Meine Oma hat ihr Leben lang in diesem Haus gewohnt, das ihre Vorfahren Ende des 19. Jhd. erbaut hatten. In Großstädten gab es sowas sicher seltener als in ländlicheren Gebieten. Vielleicht hat die Entwicklung der Architektur ja auch erst mit Verzögerung stattgefunden. Wenn das überhaupt ein Faktor ist, was schwer zu sagen ist. Heute stellen sich selbst Häuslebauer die primitivsten Kisten in die Neubaugebiete, mit Gabionen-Schallschutzmauer um den Schottergarten oder gleich einem Kunststoffzaun mit aufgerucktem Mauerwerk. Lieber investiert man in Flugreisen und ständig neue Elektrogeräte und dicke Autos, als in solch bleibende Werte. Das ist Ausdruck des Elends unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft, die Kollhoff auch kritisiert und da bin ich ganz bei ihm.

    Wieso, ich finde den Gedankengang zumindest interessant. Früher haben Familien über Generationen hinweg ein Haus bewohnt. Heute ist es normal, dass Menschen regelmäßig umziehen, sich an keinen Ort mehr binden, oft alleine und isoliert wohnen. Auch seine These mit der Verantwortungsdiffusion finde ich plausibel. Das sehen wir ja auch zunehmend in anderen Bereichen.

    ^ Apropos Dauervorwurf "kulturpessimistisches, ressentimental durchfinstertes und latent aggressives Dauerlamento". Ich erinnere an das Wehklagen, das nach den Beschlüssen zum Wiederaufbau des Dresdner Neumarktes, des Berliner Stadtschlosses oder der Frankfurter Altstadt anhob, als die Wiederkehr des Kaiserreiches oder von noch Schlimmerem in Aussicht gestellt wurde, weil mal kein moderner Entwurf zum Zuge kam. Mein Eindruck ist, dass auf dieser Seite die Schmerztoleranz weit geringer ist als bei leiderprobten Anhängern traditionellem Städtebaus und Architektur.

    Die Flut an gehässigen Kommentaren, die alle sehr ähnlich klingen, überrascht mich auch. Neubauten die wie neu aussehen. Geht ja gar nicht! Und dann versuchen die Investoren, nachdem sie das ganze Geld in die hochwertigen Fassaden gesteckt haben, auch noch Geld damit zu verdienen. Und wo bleibt der nette Frankfurter von nebenan, der seine Fäkalien auf die Straße kippt? War doch früher auch so. Anstatt dass die mal Geld in die Schulen stecken.


    Hier wurde der Stadt und all ihren Bewohnern wirklich mal ein Geschenk gemacht. Die Fassaden sind der Teil eines Gebäudes, der für alle erfahrbar ist, unabhängig vom Geldbeutel.

    Da hat man da schon ein schönes altes Fabrikgebäude, das man nur noch umbauen muss... Eigentlich ein No-Brainer möchte man meinen. Und dann klatscht man da einen lieblosen Kasten drauf und schafft es so noch das ganze irgendwie zu verschandeln. Man hätte den Aufbau (wenn er schon sein muss) nur unauffällig in das bestehende Bauwerk integrieren müssen, so dass er nicht sofort aufällt oder gar den vorhandenen Stil nach oben hin fortsetzt. und hätte ein schönes Wohngebäude erhalten. Aber nicht einmal zu dieser kleinen Anpassungsleistung ist man bereit / in der Lage.

    Frage mich ohnehin, wie ein Bau mit reiner Glasfassade nachhaltig sein kann. Da geht doch total viel Energie verloren. Und was bringt ein bisschen Gestrüpp an der Fassade außer grünem Schein? Für frischere Luft wird's nicht reichen und gestalterischen Anspruch ersetzt man damit auch nicht (wobei ich hier schon welchen erkennen kann).

    ^ Boddien wirkte ziemlich aufgebracht bzw. emotional, ich denke nicht, dass er das nur kühl strategisch vorgebracht hat.


    Das glaube ich auch nicht. Die Gegenseite ist ja in ihrer Wortwahl auch nicht gerade zimperlich. Da gibt es eine zunehmend lautstarke Gruppe, die am liebsten sämtliche deutsche Geschichte ausradieren will. Sie meinen mit Verweis auf das Grundgesetz sei die Sache erledigt. und wettern ziemlich undifferenziert und einseitig gegen alles Christliche, Westliche, Deutsche. Dazu zählen auch nicht enden wollende Angriffe auf die Schloss-Reko, Versuche sie unmöglich zu machen oder im Nachhinein zu sabotieren. Auch wenn ich Herrn Boddiens Äußerung nicht zustimme und auch das Spruchband nicht wiederhaben möchte, kann ich verstehen, wenn sich bei ihm inzwischen Wut aufgestaut hat.

    Als Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper, davon hörte, war seine erste Reaktion schallendes Gelächter

    Hast Recht, Freude und Gelächter sind nicht ganz das selbe. Aber er hätte sich ruhig mal freuen können...

    Juden, die ihre Kinder in der Vergangenheit von öffentlichen Schulen nehmen mussten, weil Senat / Bezirke angesichts des grassierenden Antisemitismus dort keinen Handlungsbedarf sahen, für die hatte der Senat dieses Mal ein versöhnliches Chanukka-Geschenk: eine Liste mit 290 Straßennamen, die einen antisemitischen Bezug haben. Bei 100 wird die Umbenennung empfohlen. Dem jüdischen Intendanten der komischen Oper Barrie Kosky treibt das Freudentränen in die Augen:


    https://www.faz.net/aktuell/fe…n-in-berlin-17726720.html

    https://www.berliner-zeitung.d…tisemitisch-ist-li.204685

    Ich halte das für selektive Wahrnehmung. Schiller-, Reuter- und Graefekiez befinden sich seit mindestens zehn Jahren in einem rasanten Aufwertungsprozess. Schau Dir mal Bilder von der Schillerpromenade anno 2000 an – von "herunterkommen lassen" kann seitdem keine Rede sein. Und "Aufwertung nutzt allen" ist leicht dahingesagt, wenn Du seit 20 Jahren mit einem Busfahrergehalt in der Gegend lebst und dann Dein Block verkauft und aufgewertet wird. Dann bleibt meist nur noch Speckgürtel... Aber die Debatte können wir in der Lounge führen.

    Dann antworte ich dir mal hier. Interessanterweise sind die von dir angesprochenen Quartiere ja allesamt gut erhaltene attraktive Altbauquartiere. Wenn nun offensichtlich sehr viele dort wohnen möchten, warum tun wir nicht etwas dafür, dass wieder mehr solcher attrativen Quartiere entstehen, sprich das Angebot erhöhen? Stattdessen gibt es heute wie mir scheint einen "Race to the bottom". Nicht das Angebot erhöhen und so die Preise stabilisieren, sondern lieber unattraktive Häuser und Quartiere, in denen kaum jemand wohnen möchte und so die Preise niedrig halten. Ganz so einfach mag es nicht sein, aber ich frage mich schon, warum 1000 Dinge eine Rolle spielen, bevor es um städtebauliche und Gestaltungsfragen geht, wenn sich doch offensichtlich alle zunehmend um die selben attraktiven Quartiere reißen.


    Edit: Übrigens trifft die Problematik der hohen Mieten ja jeden, der gezwungen ist umzuziehen, aus welchen Gründen auch immer. Ich bin kürzlich nach Braunschweig gezogen, in das schöne östliche Ringgebiet. In eine WG - da ich selbst nur wenig Geld habe. Anders Könnte ich es mir dort nie leisten. Trotz der beengten Verhältnisse empfinde ich es als Gewinn. In einem der seelenlosen und sterilen Neubauviertel würde ich mich weit weniger wohl fühlen.