Beiträge von ulgemax

    Baukörper: Ich habe mich nicht für einen Abriss des Fernsehturms ausgesprochen, um das klarzustellen, sondern nur versucht auf den Punkt zu bringen, warum Berliner Altstadt- und Rekofreunde ein Problem mit dem Bauwerk bzw. ein Argument für einen Abriss haben. Und auch wenn ich persönlich den Turm für ein Wahrzeichen Berlins halte, gleichrangig mit KW-Gedächtniskirche, quasi das Symbol der City Ost, kann ich mir vorstellen, dass das Argument eines fernen Tages - etwa, wenn ihn die Telekom nicht mehr braucht als Sendemast und der Beton sanierungsbedürftig wird - zieht und zum Abbruch führt.


    @BauLcfr: Nur weil es in anderen europäischen Großstädten eine Altstadt gibt, muss Berlin kein entsprechendes Rekonstruktionsprojekt auf den Weg bringen - das wäre die gleiche Logik, mit der Berlin unbedingt Hochhäuser braucht, nur weil in Singapur und New York auch solche Gebäude stehen. Die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Entwicklung sollte sich meiner Meinung nach am jeweiligen Ort festmachen und der Bewertung des dortigen Bestands - das Ensemble Marienkirche/Fernsehturm/Rotes Rathaus ist beispielsweise sicher anders einzustufen als die Stadtautobahn Grunerstraße/Molkenplatz/Gertraudenstraße. Eher um das zu erkennen, lohnen sich Vergleiche mit Orten anderswo.

    Der Fernsehturm mag für sich betrachtet eine gelungene Version der Bauaufgabe sein, er steht aber der Rekonstruktion der Berliner Altstadt im Weg - das ist sein Problem. An der Rekonstruktion der Altstadt führt aber kein Weg vorbei, über kurz oder lang. Also muss der Turm weg, so einfach ist das.

    In den von Dir, "urbanfreak", bemühten 2000 Jahren Baugeschichte ist es nicht das bloße Vorhandensein von Schmuck (oder besser: Bauplastik), das uns mit Ehrfurcht und Bewunderung vor Jahrhunderte alten Gebäuden stehen lässt, sondern dessen untrennbare (man könte sagen: organische) Einbindung in die Struktur des Raums, des Lichts, der "Funktion" des Gebäudes. Diese untrennbare Verbindung war im Laufe des Historismus verloren gegangen, wo vielfach auf einen funktional und rationalistisch konzipierten Bau nur noch dieser (neuromanischer oder -gotischer) oder jener (Neorenaissance oder -barocke), zum Teil gar industriell produzierter Schmuck angebracht wurde. Dagegen wendete sich das Bauhaus, indem es eine neue Einheit von Entwurf, Gestaltung und Bauweise forderte auf der Grundlage der industriellen Massenproduktion. Das muss Dir nicht gefallen (wie konnten die Bauhaus-Meister vor hundert Jahren auch ahnen, dass es dereinst einen geschmacklich so höchst entwickelten urbanfreak geben könnte, vor dessen scharfem Blick ihre Leistungen bestehen müssen!), aber mit Deinen Verkürzungen wirst Du dem Sachverhalt nicht gerecht.

    Öde ist das, aber Läden in den Erdgeschossen dürften dort kaum funktionieren: nördlicher Rand von Spandau, jottwehdeh ist das, da verirrt sich niemand hin, der dort nicht wohnt. Meine Hoffnung gilt daher eher dem Grün - mit ein paar Bäumen und Beeten könnte die gestalterische Tristezza sicherlich kaschierbar sein, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Angesichts der Tradition des Berliner Siedlungsbaus von den 10er Jahren an freilich ein Offenbarungseid.

    Nun ist die vorherrschende und stadtauswärts ja auch noch weitgehend intakte Blockrandbebauung im Herzen der City West ja schon vor Jahren konterkariert worden, mit dem Ergebnis, dass heute städtebaulich weitgehendes Durcheinander herrscht: vom "Bikini-Haus" und den beiden flankierenden Hochhausscheiben aus den 50er Jahren übers Europacenter (Scheibe mit Fuß) aus den 60ern über das massige Ku´damm-Eck von Düttmann aus den 70ern mit seiner Indoor-Höhlenwelt, das Ende der 90er vom genauso massigen Swiss Hotel ersetzt wurde, dem gegenüber das Block-gebundene Hochhaus von Kleihues steht und auf der anderen Seite die querliegende Scheibe vom Kranzler-Eck, schließlich die beiden Türme an der Kantstraße - hier noch irgendwo Zusammenhang zu sehen, braucht es schon eine sehr rosige Brille. Von daher spricht in meinen Augen nichts dagegen, das Chaos noch weiter zu steigern, in der Hoffnung, dass es vielleicht irgendwann in eine neue Qualität umschlägt. Aber den weiteren Kurfürstendamm möge man bitte nicht der Beliebigkeit überlassen.

    @Theseus: Ich weiß nicht, worauf Du genau anspielst, aber dass seit rund 20 Jahren Baurecht besteht für die im Kollhoff-Plan festgelegten Bauflächen und sich bislang einfach kaum ein Investor für die Umsetzung der Pläne bereit gefunden hat, lässt sich nicht komplett ausblenden, wenn man den gegenwärtigen Zustand des Alexanderplatzes und seiner Umgebung sowie der weiteren Entwicklung betrachtet. Ob das wenige, was dort in den letzten zwanzig Jahren neu gebaut wurde - Alexa, der Saturn-Block oder, auf der Westseite, das Motel One und das Geschäftshaus unterm TV-Tower - oder sich in Planung befindet (Hines- und Monarch-Türme), so viel besser ist als das, was aus DDR-Zeiten überkommen ist, sei mal dahin gestellt. Mir persönlich erscheint eine gepflegte bzw. sorgfältig wiederhergestellte 60er-Jahre-Architektur als das kleinere Übel.

    Es ging mir nicht darum, ein spezielles Verständnis von Denkmalschutz zu befördern, natürlich ist die originale Substanz ein wichtiger Aspekt eines Baudenkmals (aber eben nur einer, der, wenn er entfällt, das Denkmal zwar in seiner Denkmalwürdigkeit schmälert, aber nicht aufhebt - am Kölner Dom etwa dürfte inzwischen durch Kriegsschäden und umweltbedingten Materialersatz nur noch relativ wenig mittelalterliches Steinmaterial zu finden sein, und dennoch ist die Kathedrale ein Baudenkmal auch der Hochgotik, aber ich will jetzt nicht abschweifen), es ging darum, Dunning-Kruger auf den Unterschied zwischen einer Baukonstruktion und einem Kunstwerk hinzuweisen - eine solche ist eben nicht mit einem Gemälde vergleichbar hinsichtlich ihres Kunstwertes.

    Dunning-Kruger: Danke für Deine Entgegnung, aber: Die Kirche ist meines Wissens nicht von KFS von Hand aufgemauert worden, so wie ein Gemälde von seinem Maler von Hand geschaffen wird, und mithin kein singuläres Kunstwerk, sondern eine grundsätzlich wiederholbare Baukonstruktion. Die Kunst des Architekten liegt im Konzept bzw. im Plan. Wenn eine Konstruktion Jahrhunderte später dem alten Plan gemäß ausgeführt wird, ist das Resultat eben eine Jahrhunderte später verwirklichte Ausführung dieses Plans, so wie beim Kölner Dom geschehen, der zugleich ein Monument der Gotik wie des 19. Jahrhunderts ist, oder wie jetzt beim Humboldtforum, wo die drei Fassaden und der Schlüterhof eine Umsetzung des Plans im 21. Jahrhundert darstellen. Bei der Friedrichwerderschen Kirche wäre dies im Falle einer Rekonstruktion eben so: Sie wäre dann ein Denkmal des 19. wie ein Monument des 21. Jahrhunderts. Für die Nachgeborenen erscheint der Verlust der Originalsubstanz des 19. Jahrhunderts wohl weniger schmerzlich als für unsere Zeit; sie hätten dann Auskunft darüber, wie der Schinkelsche Plan im 21. Jahrhundert umgesetzt wurde.

    Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass - oder wie? Die Altstadtrekonstruktion ist doch mehrheitlich gewollt, bis auf wenige Anhänger des Nachkriegsstädtebaus. Und die Aufwertung des Stadtzentrums auch mit Wohnungen für Bestensverdienende ist ebenfalls seit zwanzig Jahren ein so gut wie von keinem politisch Verantwortlichen in Frage gestelltes Ziel, was entsprechende Standards (Tiefgaragen zum Beispiel für die SUV und Porsche) mit sich bringt. Folgeschäden an vorhandener Substanz sind vor diesem Hintergrund hinzunehmen. Zur Not kann die Kirche auch abgerissen und nachgebaut werden, wie jetzt bei der Staatsoper geschehen. Authentische und gut erhaltene Substanz zu haben, ist nicht schlecht, aber die langfristigen Ziele stehen doch wohl höher. Und halten wir den Ball mal flach, die Kirche ist ein Bau des 19. Jahrhunderts und keine gotische Kathedrale.

    Danke für die aktuellen Fotos des fertigen Baus. Die Uhr finde auch ich stilistisch unpassend und an dieser Stelle überflüssig, aber was soll´s, sie stört mich auch nicht. Von der Haltung wirkt das Gebäude ziemlich atypisch im Berliner Stadtbild, eher etwas nachkriegs-italienisch auf mich, was ich aber gegenüber der unberlinerischen Bebauung auf dem debis-Areal und im Anschluss an das überall verortbare Hotel okay finde. Missraten erscheinen mir die Kolonnaden, die mal wieder viel zu schmal sind, um als Übergangsraum zwischen Gebäude und Stadt fungieren zu können. Mindestens so wie am Walter-Benjamin-Platz bei der Kollhoff-Bebauung müssten sie schon sein, sonst ist es verschenkte Fläche, für nichts gut. Gerade angesichts der italienischen Assoziationen ist das schade.

    Und die Optimierung und Effizienzsteigerung betrifft nicht nur die Geschosshöhen, sondern auch die Grundflächen: Wo es früher dem Architekten möglich war, eine gewisse Plastizität zu behandeln, etwa mit der Laibungstiefe von Fenstern/Eingängen, mit Vor- und Rücksprüngen, Loggien und Halbloggien zu arbeiten, gilt heute das Prinzip der maximalen Vermietungsfläche, sprich: die Fassade muss so dünnwandig wie möglich werden - da wird um jeden Zentimeter gefeilscht; ein Zentimeter weniger Fassadendicke bedeutet für den Investor, aufs ganze hochgerechnet, wieder ein paar Quadratmeter mehr Fläche und damit mehr Einnahmen.

    Ich begrüsse diese Entscheidung, die die Zukunft der AGB am Blücherplatz sichert. Nun sind wir also, 30 Jahre später, wieder am Punkt 1988, kurz vor (oder nach?) dem Wettbewerb zur Erweiterung des Standorts, den seinerzeit Steven Holl gewann...

    Der Eindruck drängt sich auf - und dürfte an der für die Fassadenbreite zu dominanten Auskragung Richtung Joachimsthaler Str. liegen, der das Gebäude "kippen" lässt. Ohne Auskragung bzw. mit einer Auskragung gen Hardenbergstr. wäre das Gebäude zum Bahnhofsplatz ausgerichtet worden und optisch "stabiler" am Ort verankert. Aber die Absichten eines Architekten sind manchmal unergründlich.

    Der abgerissene "Schwarzbau" war architektonisch für seine Zeit gar nicht so schlecht; vermutlich öffnete sich die Südfassade mit großen Fenstern und Balkonen in den Hof, während die "Schießscharten" auf der Nordseite den Lärmeintrag von der lauten Lietzenburger minimierten.
    Sein Problem war, dass er eine Architektur des Siedlungsbaus war und somit eine Vorstellung des Ortes halluzinierte, die sich nicht eingestellt hat, im Gegenteil. Nöfers Baulückenschließung ist architektonisch sicher nicht besser, aber nun eben ein klassisches Stadthaus, das sich mit einer artikulierten Sockelzone, Eingängen, vielleicht sogar einer kleinen Gewerbeeinheit dem Straßenraum zuwendet und nicht davon abkehrt. Das, immerhin, sehe in diesem Fall auch ich als Freund der Nachkriegsmoderne als Verbesserung gegenüber dem Vorzustand.

    Jedes Geschoss mehr tut der Proportion des Baukörpers gut, gerade in der Perspektive der Altonaer Straße, wo die Längsseite des Gebäudes im Blick ist. Schade, dass der Turm nicht noch höher wird - städtebaulich hielte ich das für Vertretbar, quasi als Auftakt der Punkthochhäuser entlang der Stadtbahn im Hansaviertel. Aber der Drops ist gelutscht.

    Der 70er-Jahre-Städtebau von Sauerbruch & Hutton kombiniert mit der Styropor-Schnitz-Klassik der Groth-Gruppe - ein ziemlich krudes Stück Siedlungsbau. Und die Glaswände, die vor Zug schützen sollen, führen das Ganze dann vollends ad absurdum... Für mich ein Tiefpunkt der zeitgenössischen Berliner Architektur, der allenfalls als architektonische Fortsetzung des Meininger-Hotels auf der Hbf-Südseite überzeugen kann. Traurig vor allem, wenn man dagegen die Gropius-Stadt oder das Märkische Viertel stellt (vom Berliner Siedlungsbau der 20er Jahre ganz zu schweigen). Tja, der Boom macht es möglich, dass selbst so etwas an den Mann gebracht werden kann.