Mediaspree: Diskussionsthread

  • Ich habe bei der Initiative eines gelernt, es gibt Themen bei denen ich KEINE Meinung habe. Und zwar KRASS-Gar-Keine-Meinung. Verblüffend, denn ich wohne im Epizentrum. Die "Mediaspree Versenken" Flaggen hängen an der Außenwand und im Innenhof meines Hauses.


    Mehrmals habe ich mich geistig aufgefordert gefühlt mir die Pro und Kontra Argumente anzueignen. Es hat nix geholfen, komplettes Desinterresse. Allein das Dilemma gestern abstimmen zu sollen. Auf der einen Seite bin ich Vertreter der "Mediaspree Versenken"-Versenker, also Pro-Bebauung, auf der anderen Seite war klar das mit meiner Stimme die Wahlbeteilung steigt und das mein Kreuz eh massiv in der Unterzahl ist.


    Letztlich ist meine Prognose wohl so: Die Neuberliner hatten Ihren Revoluzzer Spaß und konnten mit Ihren Gummibooten gegen die bösen Investoren einen Pappe-Sieg feiern. Anderseits wird sowieso weitergeplant und bei konkreten Projekten grünes Licht gegeben, entweder vom Bezirk oder vom Land Berlin. Da es noch unzählige weitere hochattraktive Brachen in der Stadt gibt dürfte eine Komplettbebauung der umstrittenen Areale nicht zu erwarten sein. Zumindest nicht in den nächsten 10 Jahren. Es wird also auf absehbare Zeit loungig an der Spree bleiben. Fazit aus meiner Sicht: Ein Sturm im Wasserglas das Ganze.


    Nochwas: Mein Balkon wurde heute neugemauert und der Handwerker hat die Wohnung versaut. Musste ich noch loswerden....

  • Ich bin Kreuzberger mit Leib und Seele und bin gegen die Mediaspree Versenken Initiative. Und in meinem Umfeld hier ist das genauso.


    Dann ist Dein Umfeld entweder sehr klein, oder Euer "gegen" ist rein virtueller Natur und hat gestern nicht dafür genügt, mal in ausreichender Zahl beim Wahllokal vorbeizuschauen.


    Ich bin selbst vor kurzem noch Friedrichshainer gewesen. Auch in meinem alten Umfeld gibt es genügend Leute, die die Forderungen der BI für illusorisch und weltfremd halten. Die hatten aber gestern scheinbar auch keine Lust, für ihre Meinung mal das Haus zu verlassen.



    Wenn Frau Junge-Reiher den Investoren heute in einem ziemlich lauen Statement Planungssicherheit verspricht, dann übersetze ich das mit "Abwarten - der Sommer in den Bars geht vorbei und ein Großteil der Szene-Heuschrecken hat morgen wieder ganz andere Beschwerden. Jede Party geht einmal zuende".

  • Spätestens die Millionenabfindung für das Spreedreieck und die politische Blamage haben Frau Junge-Reyer klargemacht, dass die Verwaltungsgerichte häufig eine ganz andere Meinung haben.

  • Wäre es sehr verwerflich vorzuschlagen, dass, falls es wirklich zu 160 Mio. Euro Schadensersatzforderungen kommt, diese Summe NUR von dem Bezirk Kreuzberg bezahlt wird (oder wäre das eh der Fall)?
    Wäre interessant zu sehen, was Mediaspree-Versenken sagt, wenn alle öffentlichen Leistungen daraufhin auf ein Minimum gesenkt werden, um die 160. Mio Euro abzustottern... aber wahrscheinlich schreit man dann wieder nach Hilfe von außen... :D

  • Es gibt bereits ein Radiointerview mit Herrn Meyer (Geschäftsführer des Investorenzusammenschlusses) zu etwaigen Schadenersatzforderungen. Er sagt es würde nicht bei den 165 Millionen Euro bleiben, da ja bei jeder Änderung ein "Vertrauensschaden" entstanden wäre der sich zusätzlich auf die Schadenersatzsumme auswirken würde. Man lasse sich derzeit rechtlich beraten und keiner der Investoren werde wohl eine Gegenleistung ohne Schadenersatzforderung erbringen.


    Inforadio.de


    und noch ein paar deutlichere Worte der Investoren beim Tagesspiegel

  • Bei allem Verständnis für den Ärger, den das Abstimmungsergebnis bei vielen hier im Forum (und natürlich auch außerhalb des Forums) verursacht hat:


    Zunächst mal bin ich sehr froh, dass es bei uns das demokratische Element eines Bürgerentscheid gibt. Ich will wirklich keine Verhältnisse wie z. B. in China haben, wo Staat und/oder Investoren über die Köpfe der Bevölkerung hinweg bauen können, was sie wollen, und das ohne Rücksicht auf Verluste.


    Das Votum war eindeutig und ist zu respektieren, auch wenn man selber anderer Meinung ist. Auch die Befürworter hätten ja ihren Hintern in die Wahllokale bewegen können. Und anstatt (auf teilweise peinlichen Niveau) auf den Mediaspree-Gegnern rumzuhacken und sie zu diffamieren, sollte man sich mit dem Projekt sachlich und fair auseinandersetzen.


    Ich bin nicht für den ewigen Erhalt der alternativen Strandbars (zumal die dann nicht mehr alternativ wären) und habe auch nichts gegen Investitionen und Bebauung in dem Bereich. Ich kann aber verstehen, dass anderen die Pläne zu massiv und investorenfreundlich sind.


    Jetzt werden natürlich von den "Verlierern" Schreckenszenarien an die Wand gemalt von immensen Entschädigungsforderungen, Vetrauensverlust, dem endgültigen wirtschaftlichen Untergang Berlins... Und wenn man mit etwas Abstand dann wieder sachlich-nüchtern herangeht, wird es garantiert deutlich weniger dramatisch aussehen.


    Warten wir es mal ab, ich denke, letztendlich wird dort an der Spree sicherlich etwas entstehen, mit dem wir alle leben können.

  • Also ich glaube auch, dass man mit beiden Vorschlägen irgendwie leben könnte und letztendlich ja sowieso müsste. Ich verstehe aber nicht ganz, wie die Initiative auf 50m Abstand und 22m Höhe (Berliner Traufhöhe) kommt. Ist das nicht etwas übertrieben? So würden viele Projekte wirklich ins Wasser fallen (inklusive potentieller Arbeitsplätze, Milloneninvestitionen und positiver Sogwirkung für den Standort). Falls dann tatsächlich Schadenersatz anfällt, gehen Millionen für nichts verloren, die dann wieder woanders schmerzlich fehlen. Das kann doch auch keiner wirklich wollen :confused:


    Es ist aber durchaus im Interesse aller, dass der unmittelbare Uferbereich (und seien es teilweise nur einige Meter) attraktiv und etwas grün gestaltet wird. Das kann ich aus den mir bekannten aktuellen Projektskizzen nämlich leider auch nicht entnehmen. Ich hatte aber wegen vieler Prüfungen bisher auch zu wenig Zeit, mich genauer zu informieren. Kennt jemand konkrete Angaben, wie dieser Bereich geplant ist? Vielleicht kommt es hier zu einigen positiven Impulsen, ohne dass Großprojekte verloren gehen.


    In meinen Augen ist nämlich gerade die Mischung aus aufregender und vielfältiger Architektur auf der einen und vieler angenehmer und beruhigender Grünflächen auf der anderen Seite ein Markenzeichen von Berlin. Fast alle Studenten und Freunde aus anderen Großstädten (u.a. Tokyo, London und Hamburg) beneiden mich dafür, wenn sie hier sind. Einige würden sogar gerne hierherziehen, wenn es irgendwie möglich ist.

  • Da das Thema "attraktiver zugänglicher Uferweg" ja ein wesentliches Thema ist:


    Die Spree ist von der Wiesendammbrücke in Ruhleben bis zur Jannowitzbrücke, und dann wieder von der Arena Treptow bis zum Baumschulenweg bereits durchgängig an mindestens einer (meist sogar beiden) Seite mit Uferwegen zugänglich gemacht. (Eine kurze Lücke gibt es noch am Spreekreuz und den Abschnitt Jannowitzbrücke bis Michaelkirchbrücke am Heizkraftwerk Mitte hat man leider immer noch nicht fertiggestellt.)


    Die Gesamtstrecke ist sehr abwechslungsreich von naturnah (Unterspree) über schon etwas angestaubt (z. B. Iburger Ufer, Moabit West) bis elegant/schick/gepflegt (Moabit Ost, Regieungsviertel) und von Sehenswürdkigkeiten gerahmt (hist. Mitte). Nette Kneipen, Strandbars, Restaurants, Schiffslokale gibt es fast entlang der gesamten Spree. Richtig "alternativ" bzw. "szenig" sind aber nur die Bars im geplanten Mediaspreecity Gebiet.


    Daher kann ich absolut verstehen, dass viele daran hängen. Zumal der Bedarf an Büros zumindest fragwürdig ist und die "Atmosphäre" am Ufer der geplanten Mediaspreecity eine ganz andere, vermutlich sogar eine eher sterile werden dürfte.


    Ich denke da an die Hamburger Hafencity, die gefällt mir durchaus gut, aber "Flair" gibt es dort nun wirklich nicht. Zumindest bisher nicht.

  • Mediaspree kann man aber nicht ausschließlich am Thema Büro festmachen. Die Entwicklung des Gebietes dauert ja auch gerade deshalb so lange. So blind wie in der Vergangenheit wird nicht mehr in Büros investiert. Da sind auch schon die Banken dagegen.
    Viele Investoren sehen inzwischen, auch anhand der Einwohnerentwicklung, ein großes Potential im Wohnungsbau oder zumindest in der Mischnutzung. Wie schnell wird heute von der ursprünglichen Planung abgewichen. Das BEHALA-Gelände - Viktoriaspeicher - mit 4 ha soll z. B. eine hohe Wohnnutzung haben. In der direkten Nähe des Heizkraftswerks Mitte eine Wohnnutzung zu planen, dürfte aber einigermaßen marktfern sein.

  • Der Bürgerentscheid hat keine bindende Wirkung, sondern dient nur als Anstoß für eine Diskussion. Schwer zu verstehen, warum jetzt ein solche Untergangsstimmung gemacht wird. Die Welt fantasierte sogar, dass der Traum von 40.000 neuen Arbeitsplätzen geplatzt sei.


    Bleibt mal alle am Boden ;) Voraussichtlich wird das Mediaspree-Projekt zu 90% wie geplant umgesetzt. Dort wo Verträge geschlossen wurden, werden die natürlich auch umgesetzt. Viele der Grundstücke sind aber im Besitz von städtischen Gesellschaften und mit denen kann durchaus nachverhandelt werden, ohne dass mit Schadenersatzansprüchen zu rechnen wäre.


    Wenn jetzt erstmals darüber gesprochen wird, ob hier und da noch nachgebessert werden kann, wird das nur von Vorteil sein. Immerhin geht es um eine Entscheidung, mit der in Zukunft ALLE leben müssen. Das lässt sich praktisch nie mehr rückgängig machen. Also sollte ein Kompromiss gefunden werden, der alle Interessen (auch zukünftige) halbwegs berücksichtigt, anstatt dass die Filetstücke der Stadt auf nimmer wiedersehen veräußert werden.


    Von den MS-Versenkern mag man halten, was man will. Fakt ist aber, dass die nie eine Aufrechterhaltung des Status Quo gefordert haben, sondern ein alternatives Entwicklungskonzept, in dem durchaus eine Öffnung der Ufer und eine Bebauung vorgesehen war.


    Bei so einem gigantischen Areal muss die Frage erlaubt sein, warum überall auf 10 Meter ans Ufer herangebaut wird. Immerhin ist das Spreeufer nicht nur für Alternativos, sondern für alle Berliner ein wichtiges Freizeitziel und auch ein Touristenmagnet. Der Tourismus ist immerhin der größte Wachstumsmarkt überhaupt in Berlin und schafft wahrscheinlich mehr Jobs als die Medienbranche.


    Nicht zuletzt kommen viele Touristen auch weil sie von den Strandbars und dem Kulturangebot gehört haben, also sollten sie dieses auch am Spreeufer geboten bekommen. Man sollte also eher über einen Ausbau der Strandflächen am Ufer nachdenken. Wie wäre es z.B. mit einem 1km langen Sandstrand mitten in der Stadt?

  • Man kann doch die Strandbars in die Park- und Freiflächen integrieren. Funktioniert in Mitte auch. Es handelt sich ja nicht um eine geschlossene Bebauung.
    Die 50 m breiten Uferstreifen muss man außerdem nicht nur anlegen, sondern auch in Ordnung halten. Nicht nur Kreuzberg überschreitet am Wochenende häufig die Grenzwerte zur Müllkippe.

  • Naja, die Strandbars in Mitte (ich nehme an, du meinst u. a. den Bundespressestrand, Capital Beach und die im Monbijoupark nach dessen Umgestaltung) kann man eigentlich nicht mit den jetzigen im Mediaspree-Gebiet vergleichen.


    Und auch nach einer abgespeckten Realisierung der Mediaspreecity wird sich das Müllproblem kaum stellen - da wird nämlich nichts "alternatives" mehr bleiben und die zukünftigen Ufergastromie-Besucher werden brav die Papierkörbe nutzen.

  • Wowereit persönlich hat jetzt laut Tagesspiegel so etwas wie ein Machtwort gesprochen.
    Für etwaige Schadensersatzzahlungen ist somit alleine der Bezirk zuständig, und man werde "ihm nicht den Gefallen tun" die Sache in die Hände des Senats zu nehmen.
    Des weiteren werde der Senat drauf achten, daß "geltendes Recht eingehalten und Regressforderungen vermieden würden".
    Und zu Abstrichen bei den Grundstücken der Landesbetriebe Behala und BSR sagt er, "Warum sollen unsere landeseigenen Unternehmen auf etwas verzichten, das ihnen zusteht?"


    Da Friedrichshain-Kreuzberg schlicht kein Geld hat bleibt also wohl alles wie gehabt. Vielleicht läßt sich der ein oder andere Investor zu kleinen Zugeständnissen überreden, ansonsten warte ich jetzt gespannt auf das 138m Anschutz-Hochhaus an der Warschauer Brücke. ;)

  • ein artikel zum thema:


    Störaktionen an der neuen Großarena erwartet / Erste Investoren der Mediaspree sagen ab


    http://www.berlinonline.de/ber…g/berlin/105557/index.php



    Inzwischen verabschieden sich bereits erste Investoren von der Mediaspree. So haben Interessenten für das Viktoriaspeicher-Areal in Kreuzberg deutlich gemacht, dass sie vergleichsweise Grundstücke in Bratislava ohne Probleme kriegen. Auch im Osthafen gab es Rückzieher, sagte Behala-Chef Peter Stäblein. "Ein Interessent für das Hochhaus, das nach dem Bürgerentscheid vermutlich nicht gebaut wird, hat sich verabschiedet."




    noch mal vielen Dank an all die Bewohner, denen ein verlotterter Grünstreifen mehr wert ist als die Weiterentwicklung ihres Bezirks. Muss ja sehr schön sein, wenn man es sich in seinem Biotop eingenistet hat... dabei sollten si doch selber wissen, dass die Evolution die Individuen abstraft, die sich nicht verändern (wollen). Diese Leute haben die Zukunft dieses Gebiets als heruntergekommendes Innenstadtghetto zementiert.
    :applause:

  • Sehe ich auch so. Natürlich ergibt sich jetzt für einige Grundstückseigentümer die Gelegenheit, bisher eher unglücklich verlaufende Verhandlungen mit potentiellen Investoren öffentlich zuzugeben bzw. sogar als Druckmittel zu nutzen. Die im Mediaspree e. V. eingetragenen Unternehmen haben ihre dem gegenüber gegensätzliche Stoßrichtung bereits klar gemacht.

  • Deutsche Medienunternehmen in Bratislava ansiedeln? Das hört sich wirklich sehr weit hergeholt an. Davon abgesehen spricht es schon für Berlin, wenn sich die Grundstückspreise mit denen in osteuropäischen Städten messen können.


    schwede
    Um zu sehen, wie massiv die Bebauung laut Plan ausfallen soll, empfehle ich die "ungeschnittene" Fassung der gesamten Fahrt entlang des Uferbereichs von der Website des Media-Spree e.V. - hier zu sehen.


    Erst als ich dieses Video gesehen habe, ist mir klar geworden was für ein gigantischer Bereich des östlichen Berliner Zentrums hier mit Investorenkisten zugebaut werden soll, und wie sehr sich viele der Bauten ans Ufer drängen. Entstehen würde eine Bürostadt, wie sie normalerweise nur am Stadtrand vorkommt.


    Deshalb habe ich meine Meinung zu dem Projekt überdacht - ich bin für maßvolle Eingriffe in den jetzigen Bebauungsplan, zumindest dort wo noch keine bindenen Vereinbarungen bestehen.

  • Julian
    Danke für deine letzten beiden Beiträge zum Thema. Kann dir da nur zustimmen. Zumal es doch für Investoren anscheinend bisher kein Problem gewesen zu sein scheint ihre Projekte auch tatsächlich zu realisieren. Die Frage ist letztlich ob das Zögern mancher Investoren auf den Unwillen einiger Anwohner oder eher auf Finanzierungsprobleme und mangelnder Renditeerwartungen zurückzuführen ist. Bei einigen Großprojekten die da noch ausstehen (Postareal, Spreeurban, Gebiet um O2-World, Neue Spreespeicher, ...) würde ich eher auf Letzteres tippen. Aber immerhin hat man ja jetzt mit der bösen Bürgerinitiative den Hauptverdächtigen für etwaige Projektabsagen schonmal gefunden.