Potsdam: Garnisonkirche - Der Diskussionsthread

  • (ich möchte mir gar nicht ausmalen, welchen Protest es hier im Forum gegeben hätte, wenn Werbung zum Bürgerbegehren von der VIP ausgestrahlt worden wäre [im übrigen bediente sich man wahrscheinlich den gleichen Argumenten - Einhaltung der Richtlinien - wie im jetzigen umgekehrten Fall]).


    Das ist eine reine Unterstellung. Ich habe doch gerade erst geschrieben, dass ich den umgekehrten Fall natürlich ebenso legitim finde. Wenn in England Humanisten auf Bussen mit Aussagen wie "There probably (very likely) is no God, so simply enjoy your life." werben ist mir das ebenso egal wie eine Werbekampagne für einen Kirchenbau. Und wie gesagt: In Berlin wurde ein Volksbegehren in dem öffentlichen Nahverkehr beworben, das auch nur etwa die Hälfte der Bevölkerung unterstützte. Ebenso wie dort religiöse Werbung neben anderen Werbeanzeigen anzutreffen ist. Gestorben ist mW bisher keiner von diesen vermeintlich kontroversen Kampagnen, ernste Proteste habe ich auch keine vernommen. Also was soll diese Behauptung, Hinz und Kunz würden gleich auf die Barrikaden gehen, sobald mal nicht die eigene Position beworben wird? Werbung ist doch kein Zwangsumerziehung. Meine Güte, man fühlt sich doch auch nicht bei jeder kommerziellen Werbung zum Kauf gedrängt oder nimmt Anstoß, weil man das Produkt nicht will/ die Konkurrenz klar bevorzugt. Man wird auch nicht krank, wenn man mal anderslautende Meinungen aufnimmt und muss sich deshalb auch nicht die Köpfe einschlagen (hier geht es immer noch um ein reines Gebäude, nicht etwa um Asylantenhetze, Abtreibungsgegner oder ähnliches). Und wofür andere spenden wollen oder nicht, ist doch deren Sache. Wenn Potsdam die Kirche angeblich mehrheitlich ohnehin nicht will, wird so eine Aktion doch eh nichts einbringen - also wovor fürchtet man sich? So ein kleinkariertes Denken. Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden - habe ich mir mal sagen lassen. Warum das im öffentlichen Nahverkehr weniger gelten soll als im öffentlich-rechtlichen Fernsehen soll mir mal jemand plausibel erklären. Architektenkind: Was das mit einem Rathaus o.Ä. zu tun hat, ist mir auch jetzt noch nicht wirklich klar. Klar verbietet sich jegliche Form von Werbung bei einem offiziellen Regierungsgebäude (wo aber auch eine Regenbogenfahne gehisst wird, ohne dass jemand von den vermeintlich intoleranten Religiösen da groß gegen aufmuckt). Aber was hat denn eine Tram etc. damit zu tun? Die fährt auch an zig Werbeplakaten vorbei, sie finden sich teils sogar auf Bahnhöfen.


    Und dann möchte ich Ihnen noch den Zahn ziehen, dass privatrechtlich geführte Unternehmen verpflichtet sind jeden dahergelaufenen gemeinnützigen Verein Werbung zu ermöglichen. Womöglich noch kostenlos! Vollkommen weltfremd.


    Danke, meine Zähne behalte ich lieber drin. Und wieder solche Strohpuppenargumente! Hast Du das wirklich nötig? Ich schrieb, dass es zumindest einen nachvollziehbaren Grund geben sollte, wenn ein mW öffentlich getragenes und offenbar an politische Weisungen (oder wer hat dieses Verbot politischer Inhalte beschlossen?) gebundenes Unternehmen die eine Form der Werbung zulässt und eine andere kategorisch nicht. Hier ist man wohl immerhin konsequent auf einer Linie, wobei ich diese eben aus besagten Gründen schade bis kontraproduktiv finde. Von kostenlos schrieb ich gar nichts.


    Was müssten wir für Werbung von Trachtenvereinen, Deutsche Schäferhund Besitzern, Bund der Apnoe-Taucher etc. ertragen.


    Du meine Güte, dann sollen die halt alle werben, wenn sie das Geld übrig haben. Wie gesagt ist man so was in Berlin (übrigens auch in England) alles gewöhnt und ertragen kann ich das ebenso gut wie die Werbung von Senioren-Stiften, Arzneimittelstudien oder skandinavischen Regalsystemen, die mich alle ebenso wenig jucken. Etwas Gelassenheit würde manchen Leuten mE sicher nicht schaden.


    Und ganz gut auch, dass religiöse Werbungen ausgeschlossen sind. Sollten mir auf den Weg zur Arbeit Suren aus den Koran vorgebetet oder Nudelgerichte der Kirche des Spaghettimonster empfohlen werden, würde ich doch öfters zum Autoschlüssel greifen!


    Vielleicht hilft dagegen ja auch Knoblauch(sauce) oder eine Augenbinde (dann aber vielleicht lieber nicht mehr Auto fahren). So wie Du teils die Scheuklappen runterfährst (Argumente bewusst verfremden und immer pauschal das Schlimmste unterstellen), musst Du doch eigentlich gar keine Werbung/ Propaganda etc. Andersdenkender fürchten. Da würde vermutlich ohnehin nichts durchdringen. Ich persönlich denke ja, dass ein halbwegs selbstbewusster und kritisch denkender Mensch mit anderen Meinungen und Standpunkten umgehen können sollte. Vielleicht ist manchmal sogar was dran. Drüber nachdenken schadet jedenfalls nicht. Und ich gestehe auch meinen Mitmenschen zu, dass sie sich selbst ein Bild machen können und nicht blind jedem Rattenfänger nachlaufen. Und wer so einfach manipuliert werden kann, den schützt man (leider) auch nicht allein durch Werbeverbote.

  • Seltene Einigkeit zwischen Befürwortern und Gegnern

    Zwischen Wiederaufbaubefürwortern und -gegnern herrscht laut einem MAZ-Bericht derzeit seltene Einigkeit: Beide Seiten lehnten am Donnerstag das vom Beratungsbüro Complan vorgeschlagene "Dialog- und Beteiligungsverfahren Plantage - Rechenzentrum - Garnisonkirche" mit großer Mehrheit als intransparent ab. Gleichzeitig droht bei weiteren Verzögerungen des Verfahrens der Verlust von Fördergeldern in Millionenhöhe, die zur Umgestaltung der Plantage in eine Spiel- und Parkanlage benötigt werden.


    http://www.maz-online.de/Lokal…sparentes-Dialogverfahren

  • Die Fördergesellschaft lädt am Samstag um 11:00 Uhr in der Nagelkreuzkapelle an der Breiten Straße zur zweiten Auktion zugunsten des Wiederaufbaus der Garnisonkirche ein. [/URL]


    Ich finde es unerträglich, dass diese Auktion unter dem Motto "Summ Cuique - jedem das Seine, aber Potsdam seine Kirche" steht. (http://www.auktionshaus-eichelkraut.de/) Für mich war es immer fraglich, wer sich an diesem Ort mit wem oder was versöhnen soll? Aber die Wahl solcher Mottos ist natürlich sehr erhellend.

  • ^ Ich kann deine Reaktion zwar nachvollziehen, teile sie aber dennoch nicht. "Suum cuique" ist eine auf Platon zurückgehende, grundlegende Formel der Gerechtigkeitstheorie mit einer fast 2500 jährigen Tradition. Ihn zu tabuisieren, weil die Nazis ihn in zynischer und monströser Weise pervertiert haben hieße, diesen unterbelichteten Gimpeln eine destruktive Macht zuzubilligen, die sie nicht verdienen.

  • Warum wird nicht gleich Deutsch als "Täter-Sprache" tabuisiert? Wenn es bereits Täter-Gebäude, wie die Garnisonkirche, gibt...


    Luftpost

    2 Mal editiert, zuletzt von Luftpost ()

  • Auch wenn ich den Wiederaufbau sehr unterstütze finde ich die wortwahl unglücklich. Wie so vieles was die Stiftung macht und tut.


    Genauso finde ich aber auch das reflexartig Verhalten der Gegner wieder so typisch. Es zeigt einmal mehr dass dieses Land noch immer nicht wirklich zu sich selbst gefunden hat. Ein etwas souveränerer Umgang und etwas weniger reflexartige Zeigefingerkultur wären vielleicht durchaus hilfreich. Aber vermutlich braucht es einfach noch etwas mehr zeit.

  • ^ Ich gehöre nicht zu den Leuten, die Aufbau-Befürwortern per se unterstellen, den NS verharmlosen zu wollen (obwohl es die natürlich auch gibt). Aber dieses Motto für eine Auktion zur Garnisonkirche ist angesichts des Tages von Potsdam eine Instinktlosigkeit, auf die man erstmal kommen muss – das ist, als würde man ein Resozialisierungsprojekt für Strafgefangene mit "Arbeit macht frei" betiteln.


    Und zu sagen, es handele sich doch um ein Platon-Zitat oder um den preußischen Wahlspruch, löst nicht das Problem: Begriffe oder Wendungen sind mehr als reine Wortbedeutungen, in ihnen schwingt stets ihre Geschichte mit. Und "Jedem das Seine" wird die Geschichte der Konzentrationslager niemals ablegen können – so wie der Begriff des Kommunismus immer die stalinistischen Säuberungen und den Gulag mit sich schleppen wird, obwohl er doch ursprünglich nichts anderes meinte als eine Gesellschaft unter der Prämisse "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen".


    Und, Luftpost, natürlich hat das Deutsche im Nazi-Reich Elemente einer Tätersprache angenommen. Zur Lektüre empfehle ich Klemperers "Lingua Tertii Imperii" und Adornos "Jargon der Eigentlichkeit". Heute hat es sich weitgehend von diesem Einfluss befreit und ist eher von einem Volkswirtschaftler-Sozialpädagogen-Plapperjargon bedroht – aber ursprünglich unverfängliche Sprichwörter wie "Jedem das Seine" sind ebensowenig zu retten wie das Wort "Endlösung".


    Ich frage mich ernsthaft, wie die Stiftung auf diese Idee gekommen ist. Übermut? Todessehnsucht? Oder komplett verunglückte Ironie nach dem Motto: "Haha, Ihr haltet uns ja eh' alle für Nazis, dann können wir auch mal einen Witz drüber machen."? Denn dass der Beiklang von "Jedem das Seine" bei der Auswahl schlicht übersehen worden sein sollte, kann ich mir nur schwer vorstellen...


    EDIT Nachtrag @ ElleDeBE: Platons Gerechtigkeitstheorie selbst ist damit natürlich nicht verloren. Und auch "suum cuique" als lateinische Formel nicht. Nur die deutsche Übersetzung steht eben seit dem NS so ziemlich für das Gegenteil von Gerechtigkeit.

    Einmal editiert, zuletzt von Architektenkind ()

  • Bevor die Diskussion hier eskaliert:


    Die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche e.V. hat die für morgen geplante Benefizauktion zugunsten der Garnisonkirche abgesagt.


    Das Auktionshaus Eichelkraut hat eigenmächtig den Werbespruch „Suum cuique – Jedem das Seine, Aber Potsdam seine Kirche“ für die Auktion auf seine Internetseite gesetzt. Die Stiftung und Fördergesellschaft hat sich von diesem Werbespruch, der historisch belastet ist, distanziert.


    Der Vorsitzende der Fördergesellschaft, Prof. Dr. Matthias Dombert, hat dazu erklärt: „Sowohl das Vorhaben der Auktion wie auch deren Ankündigung haben keinen Hinweis auf derartige Formulierungen enthalten. Die Gestaltung der in Bezug genommenen Internetseite des Auktionshauses ist nicht mit der Fördergesellschaft und der Stiftung Garnisonkirche abgestimmt gewesen.“

  • Also Adorno muss mann wirklich nicht gelesen haben um Genese, Anwendung und Absicht der sog. Faschismuskeule - auf allen Ebenen - zu verstehen. Das war nie richtig und ist auch heute nicht richtig.


    An dem Ort der Kirche hängt heute der Slogan "Gegen alte und neue Nazis" - ich bin mal gespannt darauf, was hier los wäre wenn hier statt Nazis gegen alte und neue Kommunisten aufgerufen würde.



    (C) FWG


  • EDIT Nachtrag @ ElleDeBE: Platons Gerechtigkeitstheorie selbst ist damit natürlich nicht verloren. Und auch "suum cuique" als lateinische Formel nicht. Nur die deutsche Übersetzung steht eben seit dem NS so ziemlich für das Gegenteil von Gerechtigkeit.


    Dann bist du sehr oberflächlich. Man sollte schon unterscheiden können zwischen genuiner NS-Sprache und völlig sinnentfremdet bis pervertiert verwendeten Zitaten oder Sprüchen. Und dann noch zu sagen "lateinisch ja, deutsch nein" ist ja so ziemlich die Krönung der Inkonsequenz.

  • Also Adorno muss mann wirklich nicht gelesen haben um Genese, Anwendung und Absicht der sog. Faschismuskeule - auf allen Ebenen - zu verstehen. Das war nie richtig und ist auch heute nicht richtig.


    An dem Ort der Kirche hängt heute der Slogan "Gegen alte und neue Nazis" - ich bin mal gespannt darauf, was hier los wäre wenn hier statt Nazis gegen alte und neue Kommunisten aufgerufen würde.
    (C) FWG


    Ich bin gegen alte und neue Kommunisten & Nazis. Ich kann mir vorstellen -- am meisten von euch sind auch dabei. Es gab/ist keine Unterschied zwischen die zwei.


    Leute die glauben, dass die Kommunisten "nicht so schlecht wie die Nazis" wäre, sind entweder ignorant oder propagandists.


    Das ist mir immer peinlich, weil wir Amis zur Anfang (1912 & 1923 bzw.) beide die Bolschewiken und die Nazis finanziert haben.

    3 Mal editiert, zuletzt von Gatriel ()

  • Es gab/ist keine Unterschied zwischen die zwei.


    Du hast in einem Punkt, der in Deutschland mit seiner dominierenden Gesinnungsethik gern übersehen wird, vollkommen recht. In ihren Methoden waren die real-existierenden Regime des Sozialismus in Europa faschistoid, man denke alleine nur an die Verfolgung Andersdenkender durch Geheimpolizeien, die mit perfiden Methoden arbeiteten (inkl. Folter), die vielfach auch direkt von der NS Gestapo übernommen wurden oder den in Beton gegoßenen Zynismus der "Mauer" inkl. Schießbefehl.


    Nicht ganz grundlos nannte Hitler seine Ideologie auch "National-Sozialismus", er addiert zum Kollektivismus der Sozialisten - "Du bist nichts, dein Volk ist alles" hätte durchaus auch ein sozialistisches Motto sein können - noch die völkische (lat. nationale) Komponente. Die DDR war zudem auch hochgradig militaristisch, man hielt ebenso Fackelzüge am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig ab, Militärparaden mit Stechschritt über hierfür extra breit angelegte Straßen in Ostberlin, die NVA der DDR hatte umgerechnet auf 100.000 Einwohner auch doppelt soviele Soldaten wie die westdeutsche Bundesrepublik, ein Gegenstück zur paramilitärischen Jugendorganisation der Pioniere hatte die Bundesrepublik schon gar nicht, ebenso wie der Grenzschutz in Westdeutschland Polizeiaufgabe war (die DDR "Grenztruppen" waren der NVA zugeordnet, Militärs und keine Polizei). "Antifaschistischer Schutzwall" als Mauerbezeichnung der DDR Propaganda entbehrte da nicht einer gewissen Ironie.


    Wenn man nicht einfach nur Übel aufrechnet, wo natürlich der NS Holocaust und der 2. Weltkrieg beispiellos sind, sondern sich überlegt, wie wir die DDR beurteilen würden, hätte es den NS Staat zuvor nicht gegeben, dann kommt man schnell dazu, dass es u. a. in Potsdam einen seltsamen Doppelstandard diesbezüglich gibt; dass sich an jeden Stein aus DDR Tagen nostalgisch verklärt geklammert wird, während andererseits die Garnisonkirche alleine deswegen nicht rekonstruiert werden solle, weil Hitler da mal einen Fototermin mit Hindenburg hatte, dann erkennt man darin durchaus eine Schieflage - die ein Ausländer wie du, der ohne diesen Doppelstandard aufgezogen wurde dann eben einfach geradeheraus anspricht.


    Gelegentlich sollte man mal zuhören, wenn Externe mit frischem Blick auf eine Sache blicken und eigene Betrachtungen in Frage stellen. Man kann in Potsdam nicht jede poplige Gaststätte aus DDR Tagen ("Minsk") wie einen Heiligenschrein verherrlichen und erhalten wollen, nur weil die DDR nicht ganz so übel war wie Nazideutschland davor, aber die Rekonstruktion einer kunsthistorisch unzweifelhaft wertvollen Kirche massivst bekämpfen, weil da Hitler mal durchgelaufen ist. Da passt die Abwägung irgendwie nicht.

  • ^ Andererseits: Der Hauptfeind des NS war der vermeintlich jüdische Marxismus, eine der ersten Taten Hitlers an der Regierung war die Zerschlagung der Arbeiterbewegung und zu seinen großzügigsten und frühesten Förderern zählten die Arbeitgeberverbände – was sich später in phänomenalen Gewinnen vor allem der Schwer- und Chemie-Industrie auszahlte. Sogar das Dir heilige Privateigentum, Pumpernickel, haben die Nazis nicht angetastet (sofern es "arisch" war) - was sie ja wohl getan hätten, hätte es sich um Sozialisten gehandelt.


    Zu Kontinuitäten & Brüchen: Der Chef des US-Raumfahrtprogramms war ein Altnazi, der Gründer des BND war ein Altnazi, der Kanzleramtschef unter Adenauer war ein Altnazi, und der Bau der Mauer war zwar ohne Frage eine monströse Maßnahme, bewirkte aber aus der Warte aller Großmächte im Kalten Krieg eine gewaltige Entspannung. Weshalb Verantwortungsethiker die Politik der DDR-Führung in der die Menschheit bedrohenden Situation der frühen 1960er durchaus nachvollziehbar fanden, während die Gesinnungsethiker im Furor wider den Sozialismus einen Aufmarsch westlicher Panzer forderten.


    Und "nicht ganz so übel" wie der NS? Keinen Weltkrieg angefangen, keine Vernichtungslager gebaut, am Ende sogar die Todesstrafe abgeschafft – dieses "fast gleich, aber doch nicht ganz" ist völlig lächerlich. Es gibt ja durchaus kluge Gedanken zur Totalitarismustheorie (z.B. die von Hannah Arendt oder dem schon öfter zitierten Adorno), aber Du fütterst hier nur die allerstumpfesten – womit Du Gatriel natürlich entgegen kommst...

    4 Mal editiert, zuletzt von Architektenkind ()

  • ^ Sogar das Dir heilige Privateigentum, Pumpernickel, haben die Nazis nicht angetastet (sofern es "arisch" war) - was sie ja wohl getan hätten, hätte es sich um Sozialisten gehandelt.


    Die Nationalsozialisten wollten die konservativen Eliten auf ihre Seite ziehen, da sie bei einen direkten Konfrontation den Kürzeren gezogen hätten. Hitler hatte aus seinen früheren Versuchen gelernt. Enteignungen hätten genau das Gegenteil verursacht, sodass diese folgerichtig unterblieben sind. Gleichwohl gab es durchaus in der frühen NSDAP, als Hitlers Rolle noch nicht unantastbar war, heftige Diskussionen über solche Fragestellungen. Insbesondere auch über die Verstaatlichung der Industrie. Hitlers Prämisse war jedoch den Industriellen und Eigentümern formell ihr Eigentum zu überlassen, ihnen aber seinen Willen aufzuzwingen. Das Geschäftsführungs-Know-How blieb in den jeweiligen Unternehmen erhalten, aber die Zielsetzung erfolgte durch die Nationalsozialisten. Bei der klassischen Enteignung hätten irgendwelche Politfunktionäre die Unternehmensführung übernommen, welche höchstwahrscheinlich die Unternehmen heruntergewirtschaftet hätten, wie auch so viele Beispiele in der Weltgeschichte zeigen. Letztendlich hat sich die Variante Hitlers als die "richtige Strategie" herausgestellt, da einerseits nahezu die komplette deutsche Indutrie hochleistungsfähig blieb und andererseits zum willigen Helfer Hitlers wurde und in keinster Weise Hitlers Politik entgegenstand. Die Industrie wurde durch Staatsvorgaben gelenkt und geführt, ganz wie im Sozialismus.


    Nachzulesen in "Hitler: eine Biographie" von C. Fest.



    Zu Kontinuitäten & Brüchen: Der Chef des US-Raumfahrtprogramms war ein Altnazi, der Gründer des BND war ein Altnazi, der Kanzleramtschef unter Adenauer war ein Altnazi, [...]


    Was im Bezug auf Kontinuitäten nicht unterschlagen werden sollte ist, dass in den 50er, 60er Jahren 30% der SED-Mitglieder ehemalige NSDAP-Mitglieder waren. Eine signifikante ideologische Nähe bestand sehr wohl und eine erhebliche Menge totalitären Gedankenguts hat in der DDR ihre Fortführung gefunden.



    [Die DDR hat] am Ende sogar die Todesstrafe abgeschafft


    Ganze 3 Jahre bevor die DDR abgeschafft wurde :lach:. Maßgeblich sind wohl eher die 38 Jahre vorher (bzw. 42 Jahre, wenn die Todesurteile deutscher Gerichte in der Sowjetischen Besatzungszone mitgezählt werden). Auch wurde der Schießbefehl auf Zivilisten an der Mauer bis zum Ende der DDR nicht abgeschaft.

  • Es ist ja schön, dass sie sich an den beiden, aus meiner Sicht nicht vergleichbaren Diktaturen abarbeiten. Ich sehe das Hauptargument das Kapitel Garnisonkirche endgültig zu schließen in der systemischen Erkrankung des Gebäudes von Anbeginn. Man kann es noch so sehr versuchen, dass Gebäude als hübsch und stadtbildprägend zu erklären (womöglich war das Gebäude es sogar, egal es wäre drittrangig), es bleibt DIE preußischen Hof- und Millitärkirche, die für Tugenden wie Pflichterfüllung, Disziplin, Expansionspolitik, Kadavergehorsam, Treue bis zum Endsieg, moralinsauren Protestantismus der es eben nicht geschafft hat mit seinem Wertekanon uns vor den Katastrophen des 20. Jahrhundert zu schützen. Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Gleichstellung von Mann und Frau wurden nicht mit, sondern gegen die Kirche erkämpft. Gerade der Ort Garnisonkirche bündelt dies wie ein Parabolspiegel.
    Wenn es eine Kirche in Deutschland nicht verdient hätte aufgebaut zu werden, dann diese!


    Und noch ein Wort zum Tag von Potsdam. Es ist wie mit Alkoholikern. Der "Tag von Potsdam" war ein gemeinschaftliches Komasaufen mit anschließenden Kotzen und Urinieren in der Öffentlichkeit. Natürlich beschwichtigt jeder alles am nächsten Tag. Man bestätigt sich gegenseitig, es wäre nur ein Ausrutscher gewesen und man hätte den Alkohol jetzt voll unter Kontrolle. Mal schaun wie lange sie nüchtern bleiben... wenn man jetzt die Bar originalgetreu wieder aufbauen möchte.



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    Kommentare:
    21.12.2015 Ohne Tugenden wie Pflichterfüllung, Disziplin und Arbeitsmoral würden arbeitscheu Linke in Deutschland keine staatliche Stütze bekommen, sondern müssten sich ihr Brot selbst verdienen.

    3 Mal editiert, zuletzt von Potsdamer ()

  • ^ Lieber Potsdamer, ich denke mal abgesehen davon ob einem die Idee des Wiederaufbaus der Garnisonkirche gefällt oder nicht, ist es sehr gut möglich die Kirche in ihrer Architektur wiedererstehen zu lassen und sie gleichzeitig als mahnendes Denkmal für die Vergangenheit zu nutzen. Es plant doch niemand dieser Kirche nach einem Wiederaufbau die Funktion einer Preußischen Hof- und Militärkirche zurückzugeben.


    Und wenn ich das sagen darf, ich glaube dass gerade der Tag von Potsdam ein Argument für den Wiederaufbau als mahnendes Denkmal darstellt. Ein Ort der Dokumentation an dem die Geschichte sichtbar gemacht werden kann, mit dem 21. März 1933 und darüber hinaus.


    Sozusagen ein Ort an dem sich der Tag von Potsdam und die Nacht von Potsdam begegnen, ein sich schließender Kreis, beides Symbole für den Beginn und das Ende einer Ära. In welchem Gebäude Potsdams spiegelt sich dies den deutlicher als in der Garnisonkirche und ihrem Schicksal?


    Ob dafür die Rekonstruktion der Kirche oder ein anderer Weg kraftvoller sind, das wäre dann eine andere Diskussion. Ich persönlich halte die Rekonstruktion der Kirche in ihrem äußeren Erscheinungsbild für das bessere Mahnmal, wenn es eine entsprechende Dokumentation ihrer Bedeutung in unserer Geschichte gibt.

  • [...]
    Ich sehe das Hauptargument das Kapitel Garnisonkirche endgültig zu schließen in der systemischen Erkrankung des Gebäudes von Anbeginn. Man kann es noch so sehr versuchen, dass Gebäude als hübsch und stadtbildprägend zu erklären (womöglich war das Gebäude es sogar, egal es wäre drittrangig), es bleibt DIE preußischen Hof- und Millitärkirche, die für Tugenden wie Pflichterfüllung, Disziplin, Expansionspolitik, Kadavergehorsam, Treue bis zum Endsieg, moralinsauren Protestantismus der es eben nicht geschafft mit seinem Wertekanon uns vor den Katastrophen des 20. Jahrhundert zu schützen. Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Gleichstellung von Mann und Frau wurden nicht mit, sondern gegen die Kirche erkämpft. Gerade der Ort Garnisonkirche bündelt das wie ein Parabolspiegel.
    Wenn es eine Kirche in Deutschland nicht verdient hätte aufgebaut zu werden, dann diese!


    Tja, wer mit so einem teleologischen Geschichtsbild auf hohem Ross durch die Historie streift, wird wohl seines Lebens nicht mehr froh.
    Mit den gleichen Argumenten, mit denen die Kommunisten nach dem Krieg die Geschichte weggesprengt haben, agitieren Sie hier gegen den Wiederaufbau. Kirche=böse, Preußen=böse, preußische Militärkirche=Error!

  • ^
    Oh da muss ich Ihnen widersprechen. Mir liegt nichts an einer pauschalisierenden Religionskritik. Gegen Trost spendende, hoffnungsvolle, gegen den Unbill des Lebens verteidigende Religion, friedvoll und mit Verantwortung gegenüber der eigenen Historie, dagegen lässt sich nichts sagen. Christliche Initiativen wie "Christen brauchen keine Garnisonkirche" sind ermutigende Zeichen.
    Auch positive preußische Tugenden lassen sich aufzählen: Fleiß, Bescheidenheit, Sparsamkeit, Unbestechlichkeit, Sinn für Ordnung, Weltoffenheit. Es ist eben nicht so schwarz/weiß wie Sie es hier darstellen. Es ist in der Regel grau und die Garnisonkirche ist dunkelstes grau. Auch der Vereinfachung, nur weil etwas zu Unrecht abgerissen wurde, folgt daraus zwangsweise eine Verpflichtung für den Wiederaufbau, kann ich nicht folgen. Mit einem originalgetreuen Wiederaufbau errichtet man eine Symbolik, gibt ein Statement ab, knüpft an Kontinuitäten an, zeigt das man Traditionslinien bewahren möchte. Infantil jener der glaubt, ein Gebäude wie die Garnisonkirche nur wegen ihrer Schönheit wieder aufbauen zu können. Er macht sich zum Handlanger.


    Und um auch auf Dunning-Kruger Argument einzugehen, "gerade der Tag von Potsdam ist ein Argument für den Wiederaufbau als mahnendes Denkmal".
    Ich verstehe die Logik nicht. Einem Ort der Scham und Schande nur wieder aufzubauen weil er so schön und stadtbildprägend war? Ein Gebäude welches seinen funktionalen Sinn verloren hat und für die freie Religionsausübung abkömmlich ist? Ein Gebäude welches in der äusseren Gestalt nach Willen des Bauherren gerade NICHT die Brüche der Geschichte aufzeigen soll? Ein Projekt wo schon heute Bundeswehr, Militärbischof und Rechtsradikale, wie die Wölfe um ein Lagerfeuer kreisen. Man baut solche Ort nicht wieder auf, wenn nicht von vornherein architektonisch sichergestellt ist, dass jeder Versuch der Vereinnahmung, Missbrauch, der reflexionsfreier Übernahme der Ursprungssymbolik verhindert ist.

    Einmal editiert, zuletzt von Potsdamer ()