Freiheits- und Einheitsdenkmal (in Bau)

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Also ganz ehrlich... Zitat gekürzt.

    Bitte hier keinen Aufruf zur Zensur! In unserem Land wir unter dem Begriff "Fake news" schon viel zu viel über Zensur nachgedacht. Nur weil einer mit Begriffen aus der rechten Ecke hantiert, ist er noch kein Nazi. Im oberen Teil war auch viel Marcuse vorhanden, wie auch immer, wir sollten das ohne großes Stöhnen aushalten.

    Zurück zum Thema!
    Bato

  • Das Planungsbüro Milla richtet eine Art "Myth-Buster" Papier an die Öffentlichkeit, dort heißt es zu den Mosaiken:

    Dekoratives Anführungszeichen

    Falsch ist:
    Wegen des Entwurfes des Einheitsdenkmales mussten die historischen Mosaiken entfernt werden. Richtig ist, dass Milla & Partner 2013 eine alternative Entwurfsvariante vorgelegt hat, die den Erhalt der Mosaiken vorsah. Dieser kostete allerdings 1,2 Mio. € mehr als der jetzt vorgesehene Entwurf. Das MBUB lehnte diesen Entwurf aus Kostengründen ab. Es war dann der Wunsch der Kulturstaatsministerin Grütters, die Mosaiken wegen zweier Wappen von Wilhelm II zu entfernen. Die Entfernung und Einlagerung der Mosaiken kostete mindestens 1,3 Mio. €. Die tatsächlichen Kosten und der Ort einer Wiedererrichtung sind bisher nicht bekannt.

    (http://www.milla.de/uploads/static…d_Irrtuemer.pdf)

    So haben also auch ideologisch motivierte Zerstörungen am Baudenkmal am Ende zu Kostensteigerungen geführt. Wie objektiv dieses an Presse und Öffentlichkeit gerichtete Papier von Milla & Partner ist kann man natürlich schwer beurteilen. Es zeigt aber, dass v. a. der Informationsmangel in der Öffentlichkeit zu Ablehnung führt. Es reicht eben nicht mehr, etwas im Elfenbeinturm von "Expertiengremien" oder intern im MBUB zu entscheiden und dann durchzuziehen. Sofern die Gegendarstellungen von M&P nämlich vollumfänglich den Tatsachen entsprechen wäre ein großer Teil der öffentlichen Kritik substanzlos gewesen.

    Indes, die Befürworter fahren weiterhin keine sachliche Infokampagne, sondern emotionalisieren und stellen Gegner der Wippe oder Waage so dar, als wären diese einfach ignorant gegenüber dem Andenken der Wendezeit, wenn sie dieses Einheitsdenkmal ablehnen oder auch nur nicht darüber jubeln.

    Dabei wissen wir zB bis heute nicht, wie das Denkmal denn konkret aussehen soll. Auf Visus schwebt die Schale immer recht ätherisch über dem Sockel. Dass das baulich so am Ende nicht aussehen kann ist evident. Auch vom Netz und anderen Sicherungseinrichtungen, von denen zB M&P im o. g. Papier schreiben, ist auf den Visus kaum etwas zu sehen.

    Nicht einmal Grundzüge der Optik sind klar. So wurde die Schale im Architekturmodell als sehr dunkel, mit güldenen Lettern dargestellt:
    http://www.freiheits-und-einheitsdenkmal.de/images/galerie…eitsdenkmal.jpg

    auf der aktuellsten Visu ist die Schale hingegen einfach weiß:
    http://www.milla.de/uploads/projec…sdenkmal_01.jpg

    ebenso wie bei einem anderen Architekturmodell, zumal dort die Lettern auf einmal silbrig sind:

    http://www.freiheits-und-einheitsdenkmal.de/images/galerie…eitsdenkmal.jpg

    was stimmt denn nun? Hier wird uns als Steuerzahler und Bürger ernsthaft zugemutet, raten zu müssen. Und das ist ja nur ein Beispiel für die mangelhafte Öffentlichkeitsarbeit - über das konkrete Bauprojekt Einheitsdenkmal.

    Die Macher und Befürworter müssen sich den Schuh anziehen, v. a. mit emotionalem Druck für ihre Sache zu werben, während selbst grundlegende Dinge über das beworbene Denkmal bis heute der breiten Öffentlichkeit nicht klar kommuniziert wurden. Bis hin zum groben Aussehen. Und eine solche "Wundertüte" macht natürlich von vorneherein deutlich skeptischer, als z. B. die liebevoll und bis in jedes Detail ausgearbeiteten Visus und Dokumentationen zum Humboldtforum direkt nebenan. Daran hätte man sich ein Beispiel nehmen müssen. Solange sich die Öffentlichkeitsarbeit nicht grundlegend ändert wird das Projekt, selbst wenn es doch noch politisch durchgedrückt wird, auf wenig Gegenliebe oder Enthusiasmus in der Öffentlichkeit treffen und bei Einweihung mehr wie ein Politikerdenkmal, als wie ein politisches Denkmal, wirken.

  • Also, diese Ideen, entweder das alte Herrscherstandbild Wilhelms I. wiederherzustellen oder an seiner Stelle ein modernes Denkmal der deutschen Einheit zu bauen, scheinen mir gleichermaßen abwegig, und die "mittlere Lösung" der Wiedererrichtung der Kolonnaden drängt sich m. E. auch nicht auf:

    - Standbild Wilhelms I:
    Wir leben in einer Republik, und die Wiederaufstellung des Standbildes eines ehem. Herrschers kann m. E. überhaupt nur in Frage kommen, wenn es dafür zwingende historische bzw. ästhetische Gründe gibt. Die sehe ich hier ehrlich gesagt nicht.

    - Denkmal der deutschen Einheit:
    Das national wie international anerkannte Denkmal der deutschen Einheit ist das Brandenburger Tor. Es hat eine reiche Geschichte, eine jedermann plausible Symbolik (geschlossenes Tor/offenes Tor) und steht an einem Ort, an dem die Wiedervereinigung erkämpft und gefeiert wurde. Da braucht es keine Wippen oder ähnliches an einem für die deutsche Einheit (Wiedervereinigung) völlig unbedeutenden Ort.

    - Kolonnaden:
    Gut, es gibt noch Reste dieser Anlage. Man möge sie in Gottes Namen erhalten. Aber hatten die Kolonnaden einen solchen Stellenwert, der es rechtfertigen würde, sie heute in toto wieder aufzubauen? Das zu glauben, fällt beim Anblick dieser uneleganten spätborussischen Anlage schwer.

  • Was rechtfertigt einen würdigen Schlossplatz?

    ^
    Sehe ich ganz anders. Der Stellenwert in Bezug auf die Architektur ist nicht zu verachten, da man aufgrund der erhaltenen Mosaike die durch die Kolonnaden eingefasst werden, einen nachvollziehbaren Bezug zum Schloss herstellen und damit den Ursprung nahe kommt, ohne als "Fremd" wahrgenommen zu werden. Nein nein die Kollonaden geben dem Schloss einen würdigen Abschluss und wird verbindendes Element mit der schlüterischen Brücke Unter den Linden.
    Darüber hinaus finde ich es immer beachtlich wie wenig in diesem Forum scheinbar das Thema "Aufenthaltsqualität" eine Rolle spielt.
    Diese Wippe ist doch "eiskalt" und völlig deplatziert - ich kann nichts finden was mir diese Wippe erklären würde - warum an dieser Stelle dieses prominente defunktionalte Monster den ganzen Vorplatz des Schlosses aufs übelste verschandeln sollte. Gut das die Wippe nicht kommt.
    Die Kolonnaden können gerne auch etwas später kommen, aber Sie machen Sinn und Sie sind in Bezug auf die Aufenthaltsqualität - wenn man im Sommer durch die Kolonnaden spazieren kann, mit Blick auf die Schinkelakademie und Blick auf das Schloss und Dom...stelle ich mir herrlich vor.

    Bitte auf sinnfreie Vollzitate des vorigen Beitrags verzichten. Danke
    Bato

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Es zeigt aber, dass v. a. der Informationsmangel in der Öffentlichkeit zu Ablehnung führt. Es reicht eben nicht mehr, etwas im Elfenbeinturm von "Expertiengremien" oder intern im MBUB zu entscheiden und dann durchzuziehen. Sofern die Gegendarstellungen von M&P nämlich vollumfänglich den Tatsachen entsprechen wäre ein großer Teil der öffentlichen Kritik substanzlos gewesen.

    Es zeigt für mich in erster Linie, wie man die (interessierte) Bevölkerung aufhetzen kann, indem man Falschbehauptungen verbreitet. Offensichtlich ist das ganze Thema Mosaike eine große Chimäre, da die in Frage stehenden Mosaike mit einem geringeren Geldbetrag als dem jetzt ausgegebenen hätten integriert werden können. Mir ist es schleierhaft, wie man mit bloßen Annahmen hier ganze Diskussionsstränge füllen konnte und zu pingeligen Rechtsfragen hochstilisieren konnte, wenn das Corpus delicti offensichtlich besser mit als ohne Einheitsdenkmal erhalten werden könnte/konnte.

  • Denkmal für die Dynastie oder Denkmal für die Nation?

    War dieses Denkmal einem Kaiser gewidmet? Oder einer Nation? Die Wortschöpfung "Kaiser-Wilhelm-National-Denkmal" zeigt, dass hier wohl Dynastie und Nation verquickt werden sollten. Ein Denkmal kann entweder einer Dynastie oder einer Nation gewidmet sein kann. Aber nicht beiden Interessen gleichzeitig. Dieses Denkmal war ein merkwürdiges Zwitter-Wesen, dass zwei Dinge unter einen Hut bekommen wollte. Dieses Denkmal zeigt den Versuch der Hohenzollern'schen Dynastie, mit dem Verweis auf Patriotismus die eigene Macht zu legitimieren. Hier wurde das Motto in Stein gemeißelt, wonach nur derjenige ein guter Patriot sei, der auch die Dynastie der Hohenzollern unterstützte.

    Aus Sicht der herrschenden Hohenzollern war dieses Vorgehen nachvollziehbar. Andere Herrscherhäuser in der Geschichte haben es ähnlich gemacht. Und auch heute noch gibt es Politiker in so manchen Ländern, die ihren persönlichen Machterhalt mit Verweis auf Vaterland & Patriotismus legitimieren. Aber letztendlich ist dieses Verhalten heuchlerisch. Es ist Heuchelei auf höchstem Niveau.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    War dieses Denkmal einem Kaiser gewidmet? Oder einer Nation? Die Wortschöpfung "Kaiser-Wilhelm-National-Denkmal" zeigt, dass hier wohl Dynastie und Nation verquickt werden sollten.

    Wieso sollten?

    ...sie waren es und das bei jeder Monarchie auf der ganzen Welt (meist seit Jahrhunderten), somit für diese Zeit völlig normal.
    Das sahen übrigens zu dieser Zeit nicht nur die Herrschenden sondern auch das gemeine Fußvolk so.

    Ich finde, daß ist wieder ein von mir weiter oben beschriebener Versuch heutige Maßstäbe und Wertvorstellungen unseren Vorfahren und ihren Denkmalen abzuverlangen anstatt diese als Zeugnisse unserer Vergangenheit zu begreifen.

    Insofern, lieber Architektur-Fan, bin ich dir dankbar für deinen Beitrag, denn ein passenderes Beispiel der Argumentation über den Umgang mit unserer Geschichte hätte mir nicht einfallen können.


    Gruß, Jockel

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Ich finde, daß ist wieder ein von mir weiter oben beschriebener Versuch heutige Maßstäbe und Wertvorstellungen unseren Vorfahren und ihren Denkmalen abzuverlangen anstatt diese als Zeugnisse unserer Vergangenheit zu begreifen.

    Dein Argument ist mir gut bekannt und in diesem Punkt sind wir einer Meinung.

    Die entscheidende Frage ist allerdings, warum wir dieses Denkmal wieder aufbauen sollten? Weil es ein Zeugnis unserer Vergangenheit ist? Um welche Vergangenheit geht es hier? Das Maria-Theresia-Denkmal in Wien ist auch ein Zeugnis deutscher Vergangenheit und befindet sich in einem anderen Land, welches Österreich heißt.

  • Ja, genau aus diesem Grund.
    Weil auch, oder gerade diese Vergangenheit uns entscheidend geprägt hat.

    Und weil es eben auch eines der bedeutendsten Denkmale seiner Zeit war und somit halt auch ein bedeutendes Zeugnis unserer Vergangenheit.

    Und vielleicht auch deshalb weil es politischer Verblendung zum Opfer fiel bzw. dem Irrglauben man könne Vergangenheit nach eigenen Maßstäben zurechtbiegen oder manipulieren.

    Und sicher auch, weil es wunderschön war und in Bezug zur Schlossfassade genau dorthin gehört.

    Sorry, daß ich denem Post nicht entnehmen konnte, daß wir in einem Punkt einer Meinung sind. ;)


    Gruß, Jockel

  • Ich glaube, es reicht argumentativ für einen Wiederaufbau nicht aus, "nur" bedeutendes Zeugnis unserer Vergangenheit zu sein. Es muss darüber hinaus auch eine Relevanz für die Gegenwart besitzen.

    Beim Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ging es nicht allein um die Bedeutung in der Vergangenheit. Ein wiederaufgebautes Stadtschloss stellt auch heute noch den städtebaulichen Fixpunkt Berlins dar. Es gibt also eine Relevanz für die heutige Zeit.

    Und damit möchte ich zurückkommen zum Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal. Welche Relevanz besitzt dieses Denkmal für uns heute? Städtebaulich ist es irrelevant. Vom künstlerischen Aspekt her ist es leider unterirdisch schlecht. Die pompöse Ausführung des Denkmals ist ja nicht gleich zu setzen mit künstlerischer Qualität.

  • ^ Jockel, so weit sind unsere Positionen ja nicht auseinander. Ich kann mit einem Wiederaufbau des Denkmals gut leben. Normalerweise bin ich ja immer für Rekonstruktionen. Und auch beim Wiederaufbau dieses Denkmals wird wieder ein altes Stück Berlin zurückkehren.

    Was mich gegen dieses Denkmals Position beziehen lässt, ist die Tatsache, dass doch eigentlich auch schon zu Kaisers Zeiten die Wahl des Ortes für dieses Denkmal verunglückt war. Direkt vor dem Eosander-Portal. Die Häuserzeile auf der Schlossfreiheit hat man abgeräumt, weil die räumliche Situation an dieser Seite des Schlosses völlig beengt war. Und dann hat man zu Kaisers Zeiten dieses Denkmal hin geklatscht. Gab es damals keinen anderen Ort in Berlin, der für ein solches Denkmal geeignet gewesen wäre? ich halte die komplette Platz-Situation vor/neben dem Eosander-Portal für ein Denkmal völlig ungeeignet, damals genauso wie heute.

    Wie du aber selbst sagst, Jockel HB, kann da jeder seine eigene Meinung dazu haben.

  • Dekoratives Anführungszeichen


    Was mich gegen dieses Denkmals Position beziehen lässt, ist die Tatsache, dass doch eigentlich auch schon zu Kaisers Zeiten die Wahl des Ortes für dieses Denkmal verunglückt war. Direkt vor dem Eosander-Portal. Die Häuserzeile auf der Schlossfreiheit hat man abgeräumt, damit diese Schlos-Seite mit dem Eosander-Portal richtig wirken kann. Und dann hat man da dieses Denkmal hin geklatscht.

    Gerade das ist aber problematisch nahe an der Geschichtsklitterung. Entweder man rekonstruiert als ein Fenster in die Geschichte oder man lässt es. Selektive Rekonstruktion nach dem Motto, die Barockfassade ist ok aber vom Wilhelm, der darin residierte, soll man nichts sehen oder auch Verfälschungen, wie der historische Sockel mit einem ganz anderen Denkmal drauf, von solchen "Mischwesen" halte ich nichts.

    Es gibt gute Gründe gegen und für Rekos, aber man muss sich schon entscheiden und kann es sich nicht ahistorisch hinmodellieren, wie es zeitgenössisch gerade opportun ist.

    Mit der Rekonstruktion der Fassade hat der Bundestag ganz klar für eine Rekonstruktion des alten Königs- und Kaiserschloss im Stadtbild votiert. Inklusive Monarchie-Verherrlichung durch manchen Fassadenschmuck.

    Das soll man halt bitte konsequent durchziehen und so zu tun, als wäre direkt vor dem Koloss Preußens Gloria die vergleichsweise kleine Kolonnade, die den Stil der Barockfassade aufnahm, ein Fremdkörper oder ein Machwerk, das nicht an diesen Ort passt, ist sachlich nicht nachvollziehbar. Während gerade das hier für die Wippe gelten muss.

    Man hat sich den Konflikt auch selbst eingebrockt, weil man offenbar keine Koexistenz von historischer Substanz und neuem Denkmal bei wollte, sondern das neue sollte triumphierend auf dem alten thronen. Anders ist ja auch nicht zu erklären, dass man lieber historische Mosaike für mehr Geld abschlägt und wegsperrt, als sie in situ zu präsentieren und einzubinden. Und nichtmal jetzt wird auch nur ein Kompromiss vorgeschlagen, zB zu prüfen ob man die Rekonstruktion der Kolonnaden mit einem zeitgenössischen Denkmal, an Stelle von Wilhelm, kombinieren kann. Das soll jetzt mit dem Kopf durch die Wand durchgesetzt werden und schon deshalb sollten wir Bürger dazu nicht die Hand reichen.

    Ein über die Köpfe und gegen laute, valide Kritik durchgedrücktes Denkmal kann nicht authentisch die Freiheit und Einheit des Volkes repräsentieren. Über diese programmatische Schwäche dieses top down Ansatzes haben sich Frau Grütters und andere scheinbar keine Gedanken gemacht.

    Not in my name.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Selektive Rekonstruktion nach dem Motto, die Barockfassade ist ok aber vom Wilhelm, der darin residierte, soll man nichts sehen oder auch Verfälschungen, wie der historische Sockel mit einem ganz anderen Denkmal drauf, von solchen "Mischwesen" halte ich nichts.

    Aber solche "Verfälschungen" haben wird doch ohnehin schon. Ich muss dir nicht erklären, daß das rekonstruierte Schloss an der Ostseite eine moderne Fassade besitzt. Ich denke, solche "Verfälschungen", also nachträgliche Änderungen sind ok, solange man offen zugibt, daß es sich um nachträgliche Änderungen handelt. Eine "echte" Verfälschung wäre es nur dann, wenn man heute behaupten würde, der nachträglich geänderte Zustand hätte früher auch schon so bestanden. Aber das tut doch niemand.

  • ^ich finde, es ist schon ein Unterschied, ob man sich dafür entscheidet die drei städtischen "Außenräume", mit der Barockfassade als "Wandtapete", liebevoll und detailiert zu rekonstruieren - und konsequenterweise die Ostfassade komplett neu baut, da diese keiner einheitlichen Entstehungszeit eindeutig zuzuordnen ist und im Gegensatz zu den anderen drei Seiten in ihrer "Blickrichtung" auch keinerlei korrespondierende historische Restsubstanz mehr im Umfeld gegenüberstehen hat - oder ob man dem weiterhin markant sichtbaren alten Denkmalsockel ein ganz neues, umgedeutetes Denkmal aufpflanzt. Das ist dann solch ein unangenehmes "Mischwesen" (wie zB das Staatsratsgebäude mit dem Schlossportal). Und wie gesagt, das finde ich auch hochgradig inkonsequent.

    Die alte, neue Barockfassade wird voller Gloria sein, voller Ornamentik, die die Monarchie und die alte Ordnung verherrlicht und nicht nur für Kenner so erkennbar sein wird. Und dann stellt man sich so an, auf gut Deutsch, weil ein paar Bodenmosaike das Wappen des alten Wilhelm gezeigt haben? Das passt einfach hinten und vorne nicht zusammen, das ist nicht konsistent. Man will den alten Sockel nicht rekonstruieren, gut. Aber vorhandene Substanz aktiv zu entfernen und zu überformen, während man mit solchem Aufwand eine solch gigantische Reko direkt gegenüber hinstellt, eine riesige Barockwand? Wenn man schon nicht rekonstruieren will, dann hätte man den Sockel wenigstens einfach in Ruhe lassen können, mit freigelegten und restaurierten Mosaiken.

    Noch inkonsistenter wird es, wenn dann die Bauakademie prominent sichtbar und detailiert rekonstruiert sein wird, am ebenfalls rekonstruierten Schinkelplatz und somit in einem weiten Panorama, in dem der alte Denkmalsockel ja weiterhin gut sichtbar sein wird, eigentlich nur eines fehlt, um das Fenster in die Geschichte zu vervollständigen und einen Eindruck dieses Stadtraumes zu haben, wie ihn unsere Vorfahren ersannen und genossen, eine Reko zumindest der Kolonnaden als eine den Stadtraum gliedernde Struktur, die fast sowas wie einen zusätzlichen Schlosshof schufen, der im Raum zwischen Eosanderportal und dem Innenraum entstand, den die Kolonnaden einfassten. Ein "Forum Wilhelminum" wenn man so will, in freier Anlehnung an das Fridericianum.

    Wenn man sich das vor Augen hält, dann sieht man, wie unvollständig und somit inkonsequent die Rekonstruktion des öffentlichen Raumes - um etwas anderes kann es ja bei der Reko bloß der Fassade nicht gehen - hier am Ende bleiben wird. Und wenn man hier auch noch die Wippe aufstellt, immerhin ein neues Nationaldenkmal nach dem Willen der Politik, dann wird es "dauerhaft" so bleiben. Sowas reißt dann niemand mehr ab, mittelfristig kommt solch ein neuer nationaler Schrein der Bundesrepublik dann natürlich auch unter Denkmalschutz und wir werden nie wieder diesen städtischen Raum so erleben, wie er von Begas vergegenwärtigt wurde.

    Ironischerweise wird es aber trotzdem ein Nationaldenkmal der Deutschen bleiben, sogar in dieser Bedeutung "erneuert", durch das Einheitsdenkmal. Statt ein Denkmal im Ruhestand wird daraus ein aktiver Ort nationaler Repräsentation der Bundesrepublik, inklusive den unvermeidlichen Staatsakten zum Tag der deutschen Einheit und einer unauflösbaren Ambilvanz (ist unser Deutschland eine Weiterführung des alten Deutschland und deswegen haben auch wir dort unser neues Nationaldenkmal oder soll unser Deutschland auf den Ruinen des alten Deutschland stehen, dieses alte Deutschland überformend und verdrängend? Kann man so wie auch anders verstehen, solch eine ambivalente Chiffre ist aber genau eines nicht: ein würdiges und heiteres Andenken nur an die heitere Wendezeit und die mutigen Bürger dieser Zeit, diesem Denkmal wird stattdessen dauerhaft die Bürde der gesamten deutschen Geschichte auflasten, unlösbar).

    Damit wird dieser Ort also all das werden, was Linksgrüne an einem Nationaldenkmal grundsätzlich und immer stört. "Pomp and circumstance" mit repräsentativem Popanz. Aber trotzdem kein Ort, der wenigstens denen, die kein fundamentales Problem mit nationaler Identität und Repräsentation haben, schlicht und einfach optisch gefällt, gefällig ist, selbst wenn der eigentliche Denkmalsockel im "Inneren" der Kolonnaden dauerhaft leer bliebe und somit aus einem Nationaldenkmal ein reines Baudenkmal würde, das nichts weiter ist, als Schmuck für das Schlossumfeld (was, eine weitere Ironie, die stärkste und nachhaltigste Entwertung des alten Denkmals in seiner Nationaldenkmalsgestalt wäre, die vorzustellen ist, aus einem Denkmal mit politischem Gehalt reine, apolitische Dekoration zu machen, eine Kolonnade für Spaziergänger - frei angelehnt an "Schwerter zu Pflugscharen" könnte hier gelten "Nationaldenkmäler zu Kulturdenkmälern", statt dem Nationalen wäre dieser Ort langfristig nur noch Schmuck und Zeugnis des Könnens von Begas und dem Kunsthandwerk des 19. Jahrhunderts im Andenken gewidmet).

    Mit Wippe wird dieses angebliche "Bürgerdenkmal" aber von einer Mehrheit der Bürger, wenn auch aus verschiedenen Motiven, abgelehnt werden. Die einen weil sie generell gegen Nationaldenkmäler sind und die Weiternutzung des kaiserlichen Nationaldenkmals ambivalente Signale sendet, die anderen weil ihnen dieses Nationaldenkmal "Wippe" optisch nicht gefällt. Aber hauptsache der Bundestag hat es beschlossen, als wäre das alleine schon ein valides Argument wird das wieder und wieder von den treibenden Politikern wiederholt. Damit ist dann ironischerweise der historische Kreis zum Wilhelminismus und alten Preußen wieder geschlossen, top-down, das wurde so angeordnet, da könnte ja jeder kommen wenn man das jetzt nochmal überdenkt und überhaupt, was die Obrigkeit einmal beschließt wird auch so gemacht, Zack Zack! Befehl - Gehorsam!

    5 Mal editiert, zuletzt von Pumpernickel (11. Februar 2017 um 10:26)

  • Dekoratives Anführungszeichen

    ^ich finde, es ist schon ein Unterschied, ob man sich dafür entscheidet die drei städtischen "Außenräume", mit der Barockfassade als "Wandtapete", liebevoll und detailiert zu rekonstruieren - ... - oder ob man dem weiterhin markant sichtbaren alten Denkmalsockel ein ganz neues, umgedeutetes Denkmal aufpflanzt.

    Aber ich möchte gar keine Aufpflanzung eines umgedeuteten Denkmals auf den alten Denkmalsockel. An dieser Stelle möchte ich einfach gar kein Denkmal. Der Raum vor dem Eosander-Portal soll frei bleiben, damit das Portal richtig wirken kann. Weniger ist mehr!

  • Das ist wirklich ein Bärendienst, den man der Stadt da erweist. Rückhalt hat das Projekt nicht, weder seitens der Politik noch in der Bevölkerung. Warum man es jetzt trotzdem baut. Ich glaube so richtig weiß das niemand.

    Da man sich aber die Diskussion um die Kolonnaden ersparen wollte, beißt man jetzt in den sauren Apfel und baut diese Wippe, die vermutlich nach 2 Monaten defekt sein wird und als übergroßes Ärgernis nach 10 Jahren wieder abgebaut wird.

    Das Ende vom Lied werden nicht nur Millionen an verbranntem Steuergeld sein, man hat den Sockel irreparabel beschädigt, die Mosaike verschwinden irgendwo im Depot bis auch diese im Eimer sind und man wird sich in 10 Jahren fragen, wie es zu einem solchen Projekt kam, das eigentlich niemand wollte!

    Grotesk ist manchmal die Welt der Politik!