Band des Bundes, Spreebogenpark und Reichstag

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Für mich hat auch der Richtige gewonnen, Schöne Farben und Materialkombinationen, Sehr gelungen.Insbesondere die puzzleartigen Ausfransungen der Teppiche. die dem Parkett Raum lassen.

    Die "Puzzle-Teppiche" sind interessant, aber ich bin noch nicht sicher. Einerseits verleihen sie den Räumen einen Hauch Dynamik, doch andererseits erinnert mich die auf "closure" getrimmte Anordnung der Sitzmöbel in Kombination mit bzw. auf den knappen Teppichen an den Ausstellercharakter von Möbelhaus-Kombinationen. Man muss sich Preislabels dazu vorstellen, dann wird das deutlich (Kaffeesaal und Arbeitszimmer).

    Dekoratives Anführungszeichen

    Der exzessive Gebrauch dieses Freischwingerstuhls ist mir rätselhaft. Es gibt nichts unpassenderes und unpraktischeres als einen solchen Stuhl, speziell im großen Saal für Staatsbanquette.

    Ich würde wetten, dass dies ein weiterer spezieller Wunsch Steinmeiers ist. So wie auch Steinmeiers Lieblingskünstler, Gotthard Graubner wieder einmal großzügig Gestaltungsfläche bekommt (großer Saal) für seine, ich nenne es mal: "Monochrome Pastelle in sanfter Bewegung". Eine durchaus synergetische Überleitung zum Hausherren, wie ich finde, da haben sich zwei gefunden.

    Schon 2021 hat sich Steinmeier zur Ernennung von Scholz mit einem riesigen Werk Graubners im Schloss gezeigt, im Prinzip derselben Art, wie sie auch an einer Wand im großen Saal zu sehen sein wird. Siehe: https://www.sueddeutsche.de/kultur/olaf-scholz-schloss-bellevue-gotthard-graubner-ernennung-zum-deutschen-bundeskanzler-1.548439

    Hier ist eine Auswahl von Graubners Werken zu finden (nicht auf die Preise gucken). https://www.van-ham.com/de/kuenstler/gotthard-graubner.html

  • Wenn ich mir die Visualisierungen der Platzierten bei Baunetz so durchsehe dann muss ich sagen gefällt mir persönlich gar keiner. Alles wirkt so "gehyggt" und ganz nah an der Mode, so als soll man auch noch mit dem Bundespräsidenten "#gern-per-Du" sein. Diese sonderbaren Möbelkreationen machen auf mich auf fast allen Bildern mehr den Eindruck als hätte ein Mömax-Möbellager eine unentschlossene Einrichtungsmischung für ein "Tagungs- und Wellnesshotel am See" zusammengestellt. Vor allem bei den immer gleichen Stühlen scheint es Rabatt gegen zu haben.

    Also mit Staatsrepräsentanz hat das in meinen Augen alles nicht viel tun. Hier empfehle ich mal die Ausstattungen der Ministerien und Botschaften in den 90er Jahren beim Umzug nach Berlin zu studieren, da wurde wirklich zeitlose und doch staatstragende Einrichtung konzipiert. Ich empfehle auch mal die bisherige Einrichtung in Bellevue zu studieren:

    https://www.bundespraesident.de/DE/amt-und-auf…levue_node.html

    Für meine Begriffe war die Einrichtung vielleicht etwas altmodisch, vielleicht nicht ganz dem Wunsch nach einer kurzfristigen 'Mode'rne entsprechend, aber genau das gab dem Ort und dem damit verbundenen Amt die Würde, die ja über den Dingen und auch über den Moden stehen sollte.

  • ^ Ich kann gut nachvollziehen, dass es für den ein oder anderen an etwas glorreicher Repräsentanz fehlt – die Einrichtung wirkt für mich wie der Élysée Palast light (Altbau und Stuck trifft auf Moderne und zeitgenössische Kunst). Alles etwas toned down natürlich. Vielleicht könnte man hier und da noch mit etwas imposanterer Kunst arbeiten.

    Dass die alte Einrichtung dem Amt und dem Ort Würde gegeben habe – dem würde ich allerdings ganz klar widersprechen. Da war auch nichts zeitlos. Die Einrichtung wirkte auf mich wie ein verstaubtes biederes Hotel aus den 1980ern.

    That said, finde ich den Entwurf von Henn eigentlich ziemlich passend. Es sieht „deutsch“ aus im besten Sinne: Möbel, die sich stark an Designklassikern der Bauhaus-Ära und Mid Century orientieren, nicht zu aufgesetzt, aber eben auch nicht zu modisch. Auch den Kanzler-Bungalow in Bonn sehe ich dort irgendwo wieder. „Hygge“ finde ich eher die darunter platzierten Zweit- und Drittgewinner.

  • Sehr amüsant, dass am Siegerentwurf von Henn kritisiert wird, er stehe für "formlose, ­sterile und ausufernde Architektur der modernen Kon­sumgesellschaft ohne Orts­bezogenheit und historische Tiefe" und dann ausgerechnet der Entwurf von Nidus gelobt wird. Auch eine Lobhudelei auf das Bauhaus darf im Text natürlich nicht fehlen (angeblich an Eleganz nicht zu überbieten). Schloss Bellevue stammt aus dem Jahr 1786, "Furchtlosigkeit", "Radikalität" und "kurz mal wehtun" sind da vielleicht gar nicht angebracht. Wie war das gleich mit "Ortsbezogenheit und historischer Tiefe"?

    Zum Schluss wird noch das Bla Bla der Jury-Begründung kritisiert (als wären nicht die allermeisten Jury-Texte "formuliert wie von ChatGPT oder Loriot"...). Besonders lustig, da der Artikel selbst inhaltsleere Phrasendrescherei betreibt.

    Ein Müll-Text aus einer Szene, die auf das Produzieren von Müll spezialisiert ist.

  • Zur Kritik von Ziegel: Ja, in dem Text stecken Widersprüche. Der Text enthält aber auch viel Richtiges - sicherlich keinen "Müll". Die generelle Aussage, dass gerade auch der Entwurf von Henn wenig wagt, ist doch sehr nachvollziehbar. Eine eigene Aussage, ein Entwurfsgedanke fehlt einfach. Ob der Entwurf von Nidus der Weisheit letzter Schluss wäre - ebenfalls fraglich. Ich habe jedenfalls Mitleid mit dem etwas verloren platzierten Ölgemälde. Egal welcher Entwurf - die Frage, ob sich Deutschland so präsentieren will, ist mehr als berechtigt.

  • Ziegel

    … das ist eben der Unterschied zwischen einem Artikel in einem wenn nicht dem führenden Interieur- Magazine wie es AD ist und einer eher architektonisch-kunsthistorischen Betrachtung, die ich Dir jetzt mal zu gute halte. Und da es sich hier um rein innenarchitektonische Betrachtungen geht, schwerverdaulich für ein Architekturforum, ich weiss, weil zu oberflächlich etc… muss ich mich trotzdem auf Seiten des AD Artikels schlagen. Eine andere Passion …

  • Die Kritik an dem Vorgelegten finde ich jedenfalls nachvollziehbar. Bieder, banal und ohne Stringenz. Natürlich war das Bauhaus und auch sonstiges 20er Jahre Design weitaus besser. Schade, dass Bellvue nichts Besseres abbekommt als ödes Hoteldesign.

  • Der AD-Text brilliert nach meinem Dafürhalten durch Zusammenhanglosigkeit und zielgenaues Danebentreffen.

    Mir ist schleierhaft, was, wie zuletzt von User "Rotes Rathaus" aufgegriffen, ein Pro oder Contra Bauhaus im Zusammenhang mit Bellevue zu suchen hat. Das ist ein klassizistisches Schloss und Amtssitz des deutschen Staatsoberhauptes. Die Innenausstattung sollte beidem gerecht werden. Also einmal dem Denkmal und seiner spezifischen Ästhetik. Dem kommt der Siegerentwurf mit der Gestaltung von Decken, Wänden und Böden nach, welche unmittelbar dem Gebäude zugehörig sind. Die ungegliederten Wände und überall gleichförmigen Decken bei "Nidus" sind die im AD-Artikel so wunderbar treffend in Worte gefasste "formlose, ­sterile und ausufernde Architektur". Und deren Holzvertäfelungen beamen uns in die 1970er und -80er-Jahre, hier mal ein Beispiel aus der Leipziger Stasi-Zentrale, an die ich sofort denken musste:

    https://matthaeikirchhof.de/images/article…ntisch-16-2.jpg

    Vergleich: wettbewerb-innenarchitektur-schloss-bellevue_1-anerkennung-amtszimmer.jpg (1920×1200)

    Dagegen sehe ich bei HENN dezenten Stuck, der zum Klassizismus passt, aber dennoch einen zeitgenössischen Touch hat. In jedem Raum ist er ein wenig anders gestaltet, aber nur in Nuancen, sodass das Gestaltungskonzept nicht zerfällt. Türen und Türrahmen bilden mit den Wänden einen Zusammenhang und sind nicht von der Innenarchitektur abgesondert, wie es ganz besonders "Nidus" zeigen.

    Neben der Einheit von Gebäude und Innenausstattung geht es natürlich auch um das Amt, um die Empfänge usw., die sich dort abspielen. Weder beim AD-Text, noch bei den Kritikern hier im Forum wird mir klar, was genau denn eigentlich gewünscht wäre. Dass der erstprämierte Entwurf unentschlossen sei, ohne Aussage oder Stringenz sei, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Der Entwurf mag einem nicht gefallen, aber diese Vorwürfe treffen jedenfalls nicht zu.

    Ja, der Entwurf sucht den Ausgleich und eine gewisse Zurückhaltung. Eine perfekte Ästhetik für das Amt des Bundespräsidenten, wie es seit Jahrzehnten praktiziert wird, was sich mit Blick ins Grundgesetz auch nicht großartig ändern dürfte. Heutzutage beliebte Designs bekommen im Entwurf ihren Platz in den Teppichen, den Coffee Tables und Konsolen, gemischt mit Antiquitäten. Alles Elemente, die später flexibel ausgetauscht werden können. Nach meinem Geschmack dürfte es gern historischer und "schlossiger" aussehen, andere hätten gern mehr "Avantgarde" (was auch immer das 2026 heißt, etwa Bauhaus?).

    Wie schreibt "Bauwelt" treffend: "Keiner der elf abgegebenen Entwürfe zeigt jenen feudalen Prunk, der so typisch ist für die republikanisch-demokratische Selbstdarstellung etwa im Pariser Elysée-Palast, in der Wiener Hofburg, im Weißen Haus oder im wiederaufgebauten Warschauer Belvedere-Palast."

    Auch zeitgenössischer Prunk wird vermieden. Ich denke, was hier im Forum einigen vorschwebt, hätte in die Luxushotel-Kerbe geschlagen, die HENN nach meiner Auffassung eben nicht bedienen. Moderne Luxushotels setzen viel stärker auf Überwältigung, ungewöhnliches Design usw. Alles Dinge, welche die Staatsgäste in Bellevue in- und auswendig kennen und daher wenig beeindrucken dürfte. Der HENN-Entwurf vermeidet jedes Beeindrucken-Wollen, das hat schon auch seinen Charme.

    Ja, ich finde genau so, wie HENN es vorschlagen, sollte sich Deutschland präsentieren. Die ulkigen Stolper-Teppiche und alt-modernen Freischwinger kann man noch rauskegeln und dann passt es doch ganz gut.

    Zum Vergleich mal die Amtssitze der Staatsoberhäupter großer Design-Nationen:

    Italien: Quirinalspalast innen - Google Suche

    Frankreich: Elyseepalast innen - Google Suche

    Dänemark: Schloss Amalienborg innen - Google Suche

    Die Formulierung "immerhin Sauerbruch Hutton" im AD-Artikel ärgert mich besonders. Deren Neubau für den Interims-Amtssitz des Bundespräsidenten ist nun wirklich an Biederkeit und Banalität kaum zu übertreffen.

    Wenn man schon die Frage stellt "Will sich Deutschland wirklich so präsentieren?" und in andere Länder schaut, dann drängen sich mir andere Vergleiche auf. Zum Beispiel dieser:

    Geplantes Empfangsgebäude für Besucher des Bundestags in Berlin:

    https://www.baunetz.de/meldungen/Meld…se_4921178.html

    Geplantes Empfangsgebäude für Besucher der Nationalversammlung in Paris:

    https://www.sitesetmonuments.org/Non-au-nouveau…ieux-et-illegal

    Das geradezu erstarrte Konservieren der Moderne in Deutschland scheint mir das Hauptproblem des mangelnden Stilempfindens hierzulande zu sein. Gegen den Entwurf für Paris haben allerdings auch schon über 100.000 Menschen unterschrieben, zu wenig Historie, zu viel Glas.

    Einmal editiert, zuletzt von Ziegel (1. Oktober 2026 um 18:13)

  • ^ …. Ach werter Ziegel …

    Wenn Du ein passionierter AD Leser wärest wie ich zum Beispiel, würdest Du unter der der entsprechenden Google Suche für den Elysee Palst zum Beispiel dieses hier finden:

    https://www.google.com/search?client=…2&bih=744&dpr=2

    Ich hatte es glaube ich schonmal erwähnt, dass in Frankreich die Ausstattung des Elysee Palasts, was die von Dir so explzit erwähnten „Republikanischen“ Räumlichkeiten betrifft, stets den besten und unkonventionellsten Interieur-Designern vorbehalten ist. Quasi ein „who ist who“ des Französischen Designs.
    Schade, dass es in Deutschland anscheinend nicht so gehandhabt wird. Ausgezeichnete Interieur-Designer gibt es auch in Deutschland und sie würden sich über eine solche erstklassige Möglichkeit sich im quasi Ersten Haus des Staates zu präsentieren und den Staat damit zugleich, ausgesprochen freuen.

    Einmal editiert, zuletzt von Camondo (1. Oktober 2026 um 19:41)

  • Die Google-Suche zu einem Interieur der 1970er-Jahre sagt jetzt was genau aus?

    Ja, das war ein unkonventionelles Design, damals. Ist jetzt ein halbes Jahrhundert her. Auf aktuellen Fotos aus Paris kann ich kein besonders "unkonventionelles" Design entdecken. Generell dominieren antike Möbel.

    Bellevue ist im Inneren nun einmal ausgesprochen schlicht. Es fehlt ein originaler (oder rekonstruierter) Stuck etc. pp. Daher funktioniert ein Kontrast mit flippigen zeitgenössischen Möbeln hier nicht. Es ist schlicht und es bleibt schlicht, alles andere würde das Haus erdrücken. Bellevue ist nicht der Elysee Palast.

    In den rekonstruierten Paraderäumen im Dresdner Residenzschloss waren anlässlich der Ausstellung "Fait à Paris" mit Möbeln des 18. Jahrhunderts auch einige aktuelle Erzeugnisse ausgestellt und zugleich benutzbar. War ganz nett und hat den Hersteller bestimmt gefreut.

    Schade, dass ansonsten eine inhaltliche Auseinandersetzung mit meinem Kommentar ausbleibt.