Das Designtagebuch hat dazu nun auch einen Artikel veröffentlicht, dem ich weitgehend zustimme.
Das ist ein sehr schwacher Artikel im Designtagebuch. Fast alle Aussagen über das Design, und darum geht es ja, sind lediglich Wertungen. Es fehlen mir die fachlichen Begründungen. Es hapert schon an der Beschreibung des Designs, so hätte ich Erläuterungen zur Farbsymbolik und den eckigen Einbuchtungen verschiedener Größe und Platzierung mit Spannung gelesen.
Falsch gibst du Schaffrina wider, dass "die Lösung in Designfragen aber kaum eine Publikumsbeteiligung sein" könne. Im Gegenteil schreibt er von "Einbindung von Bürgern und Mitgliedern des Stadtrates" und schlägt z. B. einen "Bürgerdialog vor Ort" vor. Bei Online-Abstimmungen sieht er eine "technische Problematik", ohne dass klar wird, was er meint. DIPAS ist in Leipzig erprobt und wurde bisher sehr gut angenommen.
Einige Aussagen des Artikels sind m. E. nicht zu Ende gedacht. So heißt es: "Weitere Farben in das Corporate Design aufzunehmen ist schon deshalb sinnvoll, da Chemnitz und Dresden ein sehr ähnliches Stadtwappen haben, und Chemnitz zudem die gleichen Grundfarben nutzt."
Tja, woran liegt das wohl? Ist das blanker Zufall? Oder kommt in dieser Heraldik nicht vielmehr ein Moment der historischen und regionalen Verbundenheit zum Ausdruck? Jetzt haben wir ein weiß-blaues Element mit Löwen, das "Verwechslungsgefahr" zu bayrischen Kommunen provozieren könnte. Aber mal ehrlich, niemand verwechselt irgendwas, auch vorher nicht, das Wappen-Logo taucht ja nicht kontextlos irgendwo auf.
Eine bemerkenswerte Feststellung macht er, wenn er schreibt: "Wenn Städte und Gemeinden ein neues Erscheinungsbild präsentieren, ist der Anteil derer, die das neue Design ablehnen, immer größer."
Mögliche Rückschlüsse könnten sein: man muss besser kommunizieren, man muss die Dummheit der Leute aussitzen, Menschen in den Sozialen Medien sind ferngesteuert und ganz andere Menschen als die auf der Straße... Man könnte aber auch daraus lernen, dass die Menschen mit den angestammten Symbolen ihrer Kommune sehr verbunden sind und dass diese Verbundenheit Respekt verdient.
Man könnte sich als Fachmensch mal selbst hinterfragen und die eigenen Gestaltungsambitionen etwas zurückstellen. Und hier liegt der Bezug zur Architektur auf der Hand. Auch dort schaut die Fachwelt seit Jahrzehnten verdutzt auf die Sehnsucht vieler Menschen nach klassischer Architektur und arbeitet dagegen mit Argumenten vermeintlicher funktionaler Vorteile und moralischer Überlegenheit an. Die Stichworte, wir brauchten ein Logo der "Zugänglichkeit", "Nahbarkeit" und "Offenheit" und auf keinen Fall etwas "Majestätisches", kommen mir sehr bekannt vor.
Hinterfragen möchte ich auch die Aussage: "Logos sind vom Prinzip her reduzierte, simple, einfache grafische Zeichen. Dies ist ihr Wesen. Minimalismus ist in dieser Designdisziplin kein von Marketing-Leuten ausgedachter Gag, sondern das Grundprinzip." Es gab immer schon komplexe Logos und gibt sie auch heute noch, das Logo der NASA fällt mir dazu spontan ein. Es ist wunderschön und weltbekannt, war zuletzt sogar häufig im Leipziger Stadtbild zu sehen, weil viele Leute Mode mit NASA-Logo getragen haben. Außerdem erfüllen die Vorgänger heutiger Logos, Siegel und Wappen ja im Grunde die selbe Funktion und das nach wie vor auch sehr gut.
Das Logo der Uni Leipzig ist zwar auch eine Vereinfachung des Siegels, aber immer noch reichlich komplex. Der Wiederkennungswert in Verbindung mit der Wortmarke ist gegeben, zumal es nicht so viele Unis in Deutschland gibt, die so ein traditionelles Siegel haben. Im Fall der Uni Marburg wurde das vereinfachte Logo im Designtagebuch wie folgt kritisiert: "Vielfältige technische Anforderungen bestehen auch heute noch, doch es ist ganz sicherlich nicht so, dass Detailfülle auf mobilen Endgeräten nicht darstellbar sei. [...] Eine zu stark vereinfachte Form jedoch bedeutet Verlust von Individualität, auch von Identität [...] Im Markenkosmos führt Simplifizierung oftmals zur Selbstentfremdung, und zur Loslösung vom Markenkern. Im Zeichnerischen besteht zudem die Gefahr der Trivialisierung und Fehldeutung. Gerade wenn es ins Figürliche geht tendiert die Gestaltung oftmals zum Comic-haften, allgemein gesprochen. [...] Es kommt nicht von ungefähr, dass wir im Kommunikationsdesign seit einigen Jahren die Entwicklung sehen, weg von der schlichten, glatten, flachen Grundform, hin zu üppigeren, plastischeren Darstellungsformen [...]"
Tja, und all das lässt sich auch über das neue Leipziger Logo kritisch sagen. Aber der Reflex war wohl schneller, die eigene Zunft gegen die Kritik der Laien verteidigen zu wollen und die Schuldigen lieber in der städtischen Kommunikation zu suchen.