Stadtschloss Berlin: Der Thread für den Wiederaufbau

  • Bis ins Jahr 2019 sind alle Entscheidungen gefallen

    Dekoratives Anführungszeichen

    Der einzige große Schwachpunkt sind aus meiner Sicht die viel zu trivial geratenen modernen Fassaden. So raffiniert und durchdacht die Grundstruktur des Gebäudes ist, so wenig überzeugen die Fassaden leider. Es ist einfach zu wenig Detail.

    Ich sehe es umgekehrt. Gerade weil die modernen Fassaden trivial sind, werden die rekonstruierten, barocken Fassaden umso spektakulärer und prächtiger wirken. Wenn ich mich richtig erinnere, war dieses Thema bereits Gegenstand der Diskussion auf irgendeiner der vorhergehenden 193 Seiten dieses Threads.

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    OnTopic ist hingegen, dass ich auf eine Barockisierung der Stella-Fassade in 1-2 Generationen hoffe, selbst wenn ich diese nicht erlebe. Das werde ich nicht mal besonders begründen, nur mit dem Recht auf freie Meinung.

    Auch die Barockisierung der Ostfassade wurde hier bereits mehrfach diskutiert. Jetzt fehlt eigentlich nur noch, daß jemand den Braunfels-Entwurf wieder aus der Schublade holt. Dann hätten wir wieder (fast) alle alten Themen aufgewärmt.

    Hoffentlich beschimpft mich jetzt niemand als Forumspolizist. Aber es macht einfach keinen Sinn mehr, immer wieder die gleichen Themen aus der Versenkung zu holen. Vielleicht macht es Sinn, diesen Thread vorläufig zu schließen und zur Fertigstellung bzw. Eröffnung des Humboldtforums dann wieder zu öffnen. Dieser Thread ist mittlerweile ein Kreiseldreher, der sich um die eigene Achse dreht und doch nicht vorankommt.

    Bis ins Jahr 2019 sind alle Entscheidungen gefallen! Wir können hier diskutieren, wie wir wollen. Es wird an den weiteren Entwicklungen bis 2019 nichts ändern. Insbesondere wird sich nichts daran ändern, daß der Wiederaufbau in den nächsten fünf Jahren in Gestalt des geplanten Humboldtforums erfolgt. Das Beste ist, wir warten bis zur geplanten Fertigstellung im Jahr 2019 ab. Im Zeitpunkt der Fertigstellung können wir dann mit neuen Erkenntnissen wieder frisch weiter diskutieren.

  • Jau, das sähe dann aber auch genau so aus wie verputztes Styropor. Bekommt man Kopfschmerzen von...

  • @ Architektenkind: Dann musst du aber viel Aspirin schlucken, wenn erst einmal die drei regulären Barockfassaden fertiggestellt sind...

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    Mit der Barockisierung der Ostfassade ist wohl der angekaufte Entwurf von nps tchoban voss Architekten aus dem Wettbewerb gemeint:

    Daran zeigt sich doch sehr schön die Crux mit der heutigen Architektur - einfach nur Fensterreihen kopieren funktioniert eben nicht, Barock hin oder her. Es fehlt das wesentliche Element der anderen Seiten - ein Portal.

  • @ Architektator: Nö, die rekonstruierten Fassaden finde ich in Ordnung. Das Tchoban-Ding wirkt aber völlig unproportioniert. Wer sich ein bisschen mit barocken Fassaden-Strukturen auskennt, sieht sofort, dass diese Drittelung mit einem rückversetzten Mittelteil ohne Risalit oder Portal weder original ist noch nachgebaut, sondern von modernen Architekten ziemlich phantasielos erfunden. Daher das Kopfweh...

  • Ost-Fassade

    Dass es einem Promi-Architekten wie Tchoban passiert, ist schon peinlich:
    Die von ihm gezeichnete Ostfassade schließt mit den barocken Original-Seiten glatt ab.
    Es bleibt also innen nur knapp halb(!) so viel Raum zum Schlüterhof hin wie beim Stella-Entwurf.
    Das Giganten-Treppenhaus würde also knapp hinter der Tchoban-Fassade liegen.

    Und: Ja, es fehlt ein "Portal VI", das dem Ganzen Halt gibt.

  • Na ja, ehrlichweise muss man allerdings auch zugeben, dass Tchoban die Rekonstruktion des Treppenhauses in seinem Plan nicht vorgesehen hat. Der geringe Platz spielt also keine Rolle. Entscheidender war wohl auch, dass das Kellergeschoss bei Tchoban eine große Rolle bei der Erschließung spielen sollte und hier an der Ostfassade wurde dies eben nach außen präsentiert.

    Bei eventuellen Umgestaltungsplänen werden aber Raumvolumen und praktische Nutzbarkeit schon eine Rolle spielen. Ich glaube daher nicht, dass man die Ostfassade jemals orginalgetreu rekonstruieren wird. Und auch das jetzige eigentliche Gebäude an der Ostseite wird wohl bleiben. Ob die äußere Hülle auf Dauer eine historisierende Neuschöpfung im Stile des Barock, der Renaissance oder was auch immer zieren wird, da brauch man frühestens in 20/30 Jahren wieder drüber zu diskutieren.

  • Die Ostfassade auf der Visu des Entwurfes von nps tchoban voss Architekten, die sicherlich nur ein erster Entwurf sein könnte, Defizite wurden hier angesprochen, ist auch nicht monotoner, als "Rückseiten" einiger anderer Schlösser in Europa. Trotzdem habe ich was gegen komplett der Fantasie entsprungenen Ergänzungen, die auf den ersten Blick stilistisch wie ein Originalentwurf aussehen/man Probleme bekommt, Originalentwurf und freie Ergänzung zu unterscheiden. Da bin ich etwas "vorbelastet" von einem deutlich älteren Königspalast, nämlich dem von Knossos auf Kreta, ganz furchtbar, wie dort die heutigen Griechen im "Disneylandstyle" willkürliche Fantasieergänzungen auf die originalen, antiken Palastruinen gesetzt haben - sogar betoniert wurde auf die ca. 5.000 Jahre alten Ruinen! Man fasst es nicht! - was nicht nur ein Frevel an dem Baudenkmal war, sondern man sich auch bei allem anderen dort auch fragt "Was das wirklich so, oder haben die das hinterher nach Bauchgefühl, a lá 'so könnte es vielleicht gewesen sein' reingebastelt?"; sowas ist nie eine gute Idee; man will hier ja der meisterlichen Barockfassade dazu verhelfen, aus dem Vergessen der Archive zurück zu kehren, gibt sich dabei auch größte Mühe dies handwerklich authentisch zu machen zB mit echtem Sandstein und aufgemauerter Ziegelwand als Tragestruktur usw. - man würde diesen ganzen Gedanken sabotieren und zerstören, wenn man nun eine Fantasiefassade dazu basteln würde!

    Die jetzige Ostfassade ist ebenso unbefriedigend.

    Also würde ich einen Rückgriff auf kleinteilige Bebauung machen. Zumindest perspektivisch. Das hätte auch den Charme, dass damit das Humboldtforum zumindest eine gewisse Erweiterungsmöglichkeit hätte (zeigt mir ein Museum, welches nicht auf kurz oder lang den Wunsch entwickelt, sich baulich zu erweitern bzw. sich über Platznot beklagt).

    Alleine die Bebauung zwischen Ostfassade und Spree würde ich überschlägig auf addierte Bruttogeschossflächen taxieren, die auch nicht kleiner sind, als so manches Kunstmuseum insgesamt an Ausstellungsflächen zu bieten hat. Auch hier zeigt sich wieder einmal die Weitsicht von Stella, er hat diese Möglichkeit durch nichts verbaut. Es gab ja auch Entwürfe, die an der Ostseite zum Ufer hin massive Tiefbauarbeiten vorgesehen hätten. Stella hat es einfach bei einem normalen Erdgeschoss auf Straßenhöhe belassen, ein Anbau nach historischem Vorbild um die Flächen des Humboldtforum zu erweitern (sei es auch nur in der Kubatur nach historischem Vorbild) bleibt also möglich. Darüber reden wir dann aber eher in 20 als in 2 Jahren nochmal.

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    Darüber reden wir dann aber eher in 20 als in 2 Jahren nochmal.

    ...dann sollten wir das auch tun. Hat ja auch Architektur-Fan in #2905 geschrieben. Stella wurde ausgewählt und Stella baut. Dem einen gefällts, dem anderen nicht. Tut alles nichts zur Sache. Insofern sollen wir vielleicht hier http://www.deutsches-architektur-forum.de/forum/showthre…ht=stadtschloss weiter diskutieren und uns hier in 20 Jahren wieder Treffen. :lach:

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    Da bin ich etwas "vorbelastet" von einem deutlich älteren Königspalast, nämlich dem von Knossos auf Kreta, ganz furchtbar, wie dort die heutigen Griechen im "Disneylandstyle" willkürliche Fantasieergänzungen auf die originalen, antiken Palastruinen gesetzt haben - sogar betoniert wurde auf die ca. 5.000 Jahre alten Ruinen! Man fasst es nicht!

    Na klar, "die heutigen Griechen" sind natürlich zu doof, um ihre eigenen Vorfahren zu verstehen - hätten sie die Ausgrabungen mal vernünftigen nordeuropäischen Wissenschaftlern überlassen, wa? Tja, genau das hatten sie leider getan, und der Typ, der seine blühende Phantasie an den Ruinen von Knossos auslebte, war kein "heutiger Grieche", sondern ein imperialer Brite namens Sir Arthur Evans. Schade um das schöne Vorurteil! ;)

    Aber, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, inhaltlich gebe ich Dir völlig recht...

  • Super, dass du so sensibel für "Vorurteile" bist, dass du dies unbedingt noch einmal "richtigstellen" musstest, aber das war mir natürlich bekannt und egal, wer beauftragt wurde (er war kein "Besatzer"...), die Verantwortung dafür liegt natürlich bei den Griechen. Ebenso wie die Tatsache, dass man bis heute nicht einmal den Versuch unternommen hat, diesen Unfug rückgängig zu machen und zumindest Schadensbegrenzung zu betreiben, was sichtlich nötig wäre, denn wenn du einmal dort gewesen wärst müsstest du zB gesehen haben, dass diese Ergänzung das Originaldenkmal sukzessive ruinieren, da zB die originalen, erhaltenen Sandsteine und Überreste antiker Stützpfeiler, auf die einfach ergänzte Betonpfeiler gebastelt wurden um das neue Fantasiedach, ebenfalls aus Beton, zu tragen, unter dem Gewicht regelrecht zersplittern.

    An verfügbaren Geldern dürfte es hierzu angesichts der Besuchermassen, die dort im Sommer durchgeschoben werden, sowie den entsprechenden Eintrittspreisen auch nicht mangeln. Schön, dass dich das Thema also so interessiert, dass es dir wichtig war, gegen vermeintliche "Vorurteile" zu schreiben (keine Sorge, es gibt für mich eine Welt jenseits von Boulevard und Eurokrise, ich würde Griechenland nicht bereisen und diese Mißwirtschaft nicht beweinen, wenn ich Ressentiments gegenüber Griechen hätte), auch wenn du gar nicht so richtig weisst, worum es eigentlich geht. Ist ja nur eine der lediglich vier für Griechenland ausgezeichneten, d. h. handverlesenen, Stätten "Europäisches Kulturerbe", was dort fortgesetzt kaputt gepfuscht wird. Danke für deine Bemühungen.

  • ...zurück zum Schloss...

    Vom Apothekerflügel mal abgesehen, bezweifel ich doch sehr stark, dass ein historischer Wiederaufbau wirklich mehr nutzbare Fläche gegenüber dem Stella-Bau ergeben würden. Stella hat immerhin auch den Garten überbaut und die paar Quadratmeter, die sich die historische Ostfassade teilweise mehr Richtung Spree erstreckte, würde wohl garantiert durch zusätzlich notwendige innere Erschließung (Treppen, Aufzüge, Lichthöfe) wieder einkassiert. Wenn man sich dabei auch noch gleich von einer möglichen Rekonstruktion der Innenräume verabschieden müsste (um wenigstens halbwegs Platz zu haben), würde die Zahl der Befürworter einer solchen reinen Fassadenreko wohl auch schrumpfen.

    Es gibt genügend Beispiele, wo an Gebäuden auch Generationen später noch Anbauten vorgenommen wurden, die sich sinnvoll zu einem Gesamtbild ergänzen, auch das Schloss um das es hier geht, stammt ja nicht aus einem Guss. Wenn das Geld gereicht hätte, wäre auch wohl die Ostseite schon in früheren Zeiten neu gemacht worden.

    Nur weil es Beispiele für misslungene Erweiterungen gibt, heißt dies ja nicht, dass dies immer so sein muss. Zumal das Beispiel auch absolut unpassend war, weil es von den antiken Palästen nun mal außer Ruinen nichts mehr gibt. Wie Renaissance- oder Barockarchitektur aussieht, kann man sich aber noch an genügend Gebäuden in Gänze anschauen.

    Wenn man mal die ideologischen Scheuklappen (nur modern ist gut / nur "historisch korrekt" ist richtig) beiseite schieben würde und genügend Geld für eine Umgestaltung der Ostfassade bereitstellen würde, bekäme man auch wohl einen vernüftigen Entwurf hin. Zur Zeit ist dies nicht möglich...wie dies in 20/30 Jahren aussieht, darüber hüllt sich meine Kristallkugel auch in Schweigen.;)

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    ...Ostfassade... Auch hier zeigt sich wieder einmal die Weitsicht von Stella, er hat diese Möglichkeit durch nichts verbaut. Es gab ja auch Entwürfe, die an der Ostseite zum Ufer hin massive Tiefbauarbeiten vorgesehen hätten. Stella hat es einfach bei einem normalen Erdgeschoss auf Straßenhöhe belassen, ein Anbau nach historischem Vorbild um die Flächen des Humboldtforum zu erweitern (sei es auch nur in der Kubatur nach historischem Vorbild) bleibt also möglich. Darüber reden wir dann aber eher in 20 als in 2 Jahren nochmal.

    Man kann den guten Stella gerne für seinen (umgesetzten) Entwurf loben,
    allerdings ihm nun alle "Nebeneffekte" als weitsichtige Wohltaten zu unterstellen halte ich doch für arg aus der Hüfte geschossen.

    Umfangreiche Tiefbauarbeiten hätten (egal für welchen Entwurf) immer stattfinden müssen, wenn man den historischen Uferverlauf der Spree hätte wieder herstellen wollen.

    Die Verschmälerung der Spree und der damit gewonnene Freiraum vor der Ostfassade haben nichts, aber auch garnichts mit einer Weitsicht Stellas zu tun.
    Der neue Uferverlauf ist einzig und allein der alten sog. Palastwanne beim Bau des Palast der Republik geschuldet.
    Aus reinen Kostengründen bei der Baugrundvorbereitung (-abdichtung) hat man diese für das neue Schloss mit verwendet.

    Deinen Thesen folgend könnte man nun auch behaupten "Stelle habe die Hauptschuld an der Rathausbrücke bzw. bei der Verhinderung der historischen Kurfürstenbrücke" wegen der Nichtwiederherstellung des alten Uferverlaufs.

    Das wäre natürlich genauso Quatsch.

    Richtiger wäre zu sagen "Stella hat die bestehenden Umstände angenommen und das vielleicht Beste daraus gemacht".
    Aus seinem Endergebnis im Zusammenspiel mit den Umständen ergeben sich für die Zukunft noch weitere Möglichkeiten.


    Gruß, Jockel

  • @ Pumpernickel:

    Auch wenn Du Dich über meine Einwände lustig machst und Dir natürlich alles schon bekannt ist – was Du über Evans, Knossos und die Griechen schreibst, stimmt einfach nicht. Evans war zwar kein Besatzer, aber er wurde auch nicht beauftragt (schon gar nicht von "den Griechen", denn Kreta war bis 1898 Teil des Osmanischen Reiches und danach bis 1913 weitgehend autonom). Nein, er hat das Gelände, unter dem sich die Ruinen befanden, im Jahre 1900 schlicht gekauft. Es war mithin sein Eigentum, und was das in einer bürgerlichen Gesellschaft bedeutet, hast Du ja gestern selbst ausführlich dargelegt: Er konnte dort machen, was er wollte.

    Dass die evans'schen Ergänzungen nicht wieder entfernt werden, ist tatsächlich fatal für die Substanz der Ruinen, aus der Warte der heutigen "Betreiber" aber nachvollziehbar: Millionen von Touristen kommen und zahlen, um genau die Säulen und Räume und Wandmalereien zu sehen, die sie für minoisch halten, obwohl sie in Wahrheit von Evans stammen. Reißt man sie ab, sähe es in Knossos aus wie in Phaistos – und dort kann man als Tourist auch in der Hauptreisezeit durchaus mal ganz allein sein, obwohl es zweifellos der viel authentischere Palast ist...

    @ alle:

    Und jetzt, ob Ihr's glaubt oder nicht, finde ich tatsächlich einen Übergang zurück zum Schloss: Pumpernickels Kritik an Tchoban ist ja richtig – wie Evans sein Knossos "ergänzt" hat, um eine Art romantizistische Idealruine zu errichten, so will Tchoban die Schlossreko "ergänzen" und dem Betrachter ein Idealschloss vorgaukeln, dass es so nie gegeben hat. Die ohnehin auf einem Drahtseil balancierende Symbolik des Humboldtforums würde damit auf die Seite "gebaute Lüge" kippen.

    Wenn man schon rekonstruiert, dann bitte nur das, was es früher einmal wirklich gegeben hat, und keinen geglätteten Fake – das wäre wirklich reiner Kitsch. Fast könnte man Tchoban zugute halten, dass seine Ostfassade derart uninspiriert daherkommt, als hätte er deren Fensterachsen einfach per copy + paste aus einer der anderen Fassaden eingefügt (gut möglich, dass er das tatsächlich getan hat...). Zumindest Leute, die zuvor schon zwei oder drei andere Barockschlösser gesehen haben, erkennen den Fake damit auf den ersten Blick.

    Anders als Pumpernickel halte ich aber wenig davon, wenn eine Rekonstruktion möglichst bis ins Detail dem Original folgt – wenn also, im Falle des Schlosses, auch noch die romantisch-zerklüfteten Fassaden der alten Renaissance-Burg rekonstruiert werden würden. Das wäre meiner Ansicht nach der Absturz vom Seil in die andere Richtung. Der gelungene Balanceakt beinhaltet bei allen Rekonstruktionen einen Bruch, der sie auf den ersten Blick als Rekonstruktion erkennbar macht; nie sollte der Eindruck erweckt werden: "Ich bin ein Original".

    Das neue Braunschweiger Residenzschloss sagt ganz offen: "Ich bin eine sehr hübsche Fassade für eine Bücherei und ein Einkaufszentrum." Das finde ich ehrlich. Das Potsdamer Stadtschloss verschleiert leider nach außen, dass es ein modernes Parlaments- und Verwaltungsgebäude im historischen Kleide ist – rettet sich aber durch den freundlichen Hinweis "Dies ist kein Schloss" in geschwungenen, güldenen Lettern. Das Wahrheitsmoment beim Berliner Stadtschloss liefert die Stella-Fassade: Sie ist, für sich genommen, nicht besonders gelungen, sondern ziemlich langweilig. Doch sie macht unübersehbar klar: Dies ist ein modernes Gebäude, dass an drei Seiten von rekonstruierten Fassaden umfasst wird. Genau durch seinen schlichten, modernistischen Anhang an der Ostseite entgeht das Humboldtforum der Falle, eine potemkinsches Dorf zu werden. Möge sie uns länger als zwanzig Jahre erhalten bleiben!

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Der gelungene Balanceakt beinhaltet bei allen Rekonstruktionen einen Bruch, der sie auf den ersten Blick als Rekonstruktion erkennbar macht; nie sollte der Eindruck erweckt werden: "Ich bin ein Original".

    Bei allen???

    Die von dir aufgeführten Beispiele würde ich sicher nicht zur allgemeingültigen Regel erklären.


    Gruß, Jockel

  • Bei allen Fragezeichen? Wie auch immer: meine "allgemeingültige Regel" wäre, dass Rekonstruktionen nicht den Eindruck erwecken sollten, es handele sich um Originale; sie sollten auch nach Außen als Rekos erkennbar sein. Das ist in Berlin dank Stellas Ostfassade der Fall. Und fertig ist die Laube (bzw. das Schloss)...

  • ^^ich halte das für einen sehr streitbaren Begriff von Originalität. Anders, als bei einer Skulptur eines Bildhauers, der in aller Regel mit eigenen Händen das Material abträgt um seine Skulptur zu erschaffen, haben auch die Architekten, d. h. hier der Bildner der Barockfassade, historische Gebäude nicht eigenhändig erschaffen. Die Barockfassade wurde von zahlreichen Handwerkern, nach Plänen der Architekten, geschaffen. Solange nach diesen Plänen gearbeitet wird, mit der selben Materialtreue und Akribie wie seinerzeit, ist eine 2015 aufgemauerte Fassade genauso original, wie eine von Anno Dazumal.

    Auch am Material lässt sich dies nicht festmachen; der Sandstein ist immer gleich alt, nämlich Urzeiten alt, ob du ihn jetzt aus einem Sandsteinbruch löst oder dies im Barock gemacht wurde (nach erdgeschichtlichen Zeiträumen, wo es Menschen erst seit einem Wimpernschlag überhaupt auf Erden gibt, ein nicht nennenswerter Zeitunterschied; das Material hat sich seitdem geologisch entsprechend kein bischen verändert).

    Originalität und Authentizität liegt bei Architektur im Entwurf des Architekten. Solange sich daran gehalten wird ist an der Originalität nicht zu deuteln.

    Nur wenn man unbelebte Materie mit menschlichen Begriffen und Emotionen überlädt, "was der Stein schon alles gesehen haben muss" und ähnliche, eher ätherische, Beurteilungen, dann mag man dies anders sehen. Aber damit kann ich nichts anfangen, das ist mir zu subjektiv und unsachlich. Sachlich ist, wenn hier werktreu rekonstruiert wird, eine Originalfassade zu attestieren. Andernfalls dürftest du im Übrigen auch keinerlei Denkmalpflege betreiben, keinerlei Restauration, wenn man die Philosophie der "Zeitspuren" wirklich konsequent durchzieht, dann sind nicht einmal Renovierungen und Reparaturen von Schäden mit diesem sehr subjektiven, die menschliche Biographie zum Maßstab für "Originalität" erhebenden, Begriff von Originalität vereinbar. Du würdest konsequent angewendet in einer sukzessive verfallenden Umgebung leben.

    Wenn man diesen vermenschlichten Maßstab für Originalität (a lá "Die Barockfassade ist nicht original, weil die von Stein X reflektierten Photonen des Sonnenlichtes nicht die Augen der alten Preußen trafen") an ein unbelebtes Werk anlegt, dann musst du zu dem Fazit kommen, dass alles um dich herum nur noch "fake" ist, schon jede Reparatur eines Baudenkmals versetzt dieses in einen Zustand, den es Anno Dazumal bei Erbauung nicht hatte (da mag ein ähnlicher oder nach menschlichem Auge sogar identischer Stein an Koordinate X im Mauerwerk gewesen sein, nachdem man diesen aber wegen eines Schadens oder im Rahmen einer Renovierung austauschen musste ist dies nicht mehr der Fall, wenn es also danach geht, zu welcher menschlichen Jahreszahl Stein Y an Koordinate X im Mauerwerk verbaut wurde bereits "fake" und "Kulissenzauber"!). Man denke das konsequent mit besonders pflegebedürftigen Baudenkmälern durch, zB dem Kölner Dom, an dem kontinuierlich und massiv korrodierte Teile ausgetauscht werden. Konsequenterweise müsste man dies auch "fake" nennen!

    Du weisst aber natürlich, dass auch die größten Kritiker von Rekos so nicht mit Baudenkmälern umgehen. Sie bleiben demnach ihren eigenen Prinzipien nicht treu, nicht konsequent treu, sondern ändern diese nach Belieben ab - wie es halt gerade nach Bauchgefühl in den Kram zu passen scheint. Da ist jener Maßstab für Originalität, der sich rein sachlich an der Werktreue und der geistigen Kreation des Architekten orientiert, doch in jeglicher Hinsicht überzeugender, meinst du nicht?

    Und genau das würde man im Übrigen zu einer Travestie verstümmeln und allen Kritikern recht geben, wenn man nun anfängt an diesem Originalentwurf herumzubasteln, nur um Kulissenzauber für Touris zu erzeugen (und was Kritiker sonst noch so alles vorwerfen). Indem man zB eine Fantasie-Ostfassade kreiert, die so tut, als wäre sie aus dem Barock.

    Wir werden hier die originale Barockfassade des Stadtschloss Berlin wieder bekommen, sie wird auch genauso patinieren und altern, wird ebenso mit den historischen Gebäuden der Umgebung korrespondieren und mit diesen jenes Ensemble bilden, welches sie auch gebildet hätten, wäre Berlin nicht vom Faschismus, Krieg und Sozialismus verwüstet worden.

    2 Mal editiert, zuletzt von Pumpernickel (8. August 2015 um 12:16)