Lieber Chandler,
Identität geht vor allem aus historischer Kontinuität und Referenz hervor. Ich empfinde größte Glückseligkeit, wenn hier in Berlin alte Plätze und Straßen rekonstruiert werden. Und das gilt auch für das Marienviertel West. Es ist mir völlig schnuppe, daß es sich dabei um eine Neuinterpretation handeln wird, da das ursprüngliche Stadtgefühl nun wieder spürbar ist.
Beantworte doch bitte einmal die Frage, ob du in Berlin geboren ist.
Ich finde eine Neuinterpretation sogar meist besser, da sie eben auch eine heutige Authentizität in die Sache bringt.
Mir kommt es so vor, als ob manche Leute sich keine große Mühe geben, Begriffe wie Identität, Seele, Berliner DNA etc. zu verstehen. Ich glaube, da besteht ein großes Defizit.
Viele Menschen empfinden eben die Wüste zwischen Spreeseitenarm und Alex als ein Stück zerstörte Stadt, wo der Geist der Vergangenheit nur darauf wartet, wiederbelebt zu werden. Und genau das geschieht ja auch überall im Zentrum. Deshalb wundert mich dieser Widerstand in bezug auf das Marienviertel West.
Eine Stadt ist nun mal keine Phantasie, sondern historische Materialität. Bestimmte Strukturen legitimieren sich ganz einfach durch die Geschichte. Das können nur Menschen leugnen, die glauben, man kann sich eine Stadt zusammendichten, wie man will. Unter Mißachtung ihrer Gewordenheit. Für mich ist die Mitte voller Wunden, die endlich geheilt werden müssen.
Und nur noch zur Erinnerung: Überall in der Mitte finden sich die Überreste der alten Stadt, die die jahrhundertealte Gewordenheit Berlins repräsentieren. Die Stadt schreit geradezu danach, diese Dissonanzen wieder aufzulösen.
PS: Und einige Leute sollten sich wirklich mal genauer mit dem Begriff der Metapher beschäftigen. Das haben wir doch schon hundertmal erörtert. Mein Eindruck ist jedenfalls, daß geborene Berliner nicht eine solch sterile Haltung einnehmen können, wie es manche Foristen tun, die offenbar eine Weltstadt ohne Seele haben wollen.
Vielleicht täuscht sich da auch mancher, was andere dann tatsächlich als weltstädtisch empfinden. Vielleicht ist es ja gerade das liebevoll und kreativ wiedergewonnene Herz einer ehemals völlig zerstörten Stadt.
Platz für "Weltstadt" hat Berlin noch genug. Oder soll das Marx-Engels-Forum Weltstadt sein?