Ich will auf die Argumente der Garnisonkirchenbefürworter eingehen.
Erst einmal würde ich den Nutzern zustimmen, die argumentieren, dass man die Garnisonkirche nicht auf einen Tag reduzieren sollte. Das sehe ich genauso. Allerdings bin ich der Meinung, dass die übrige Geschichte der Garnisonkirche auch nicht gerade positiv ist. Die Garnisonkirche diente von Anfang an vor allem einem Zweck: Der Verherrlichung des Krieges. Hier wurde der "Heldentod fürs Vaterland" als erstrebenswertes Ziel verklärt, hier wurden Waffen gesegnet, von hier aus wurden Regimenter in den Krieg geschickt. Hier wurden erbeutete Trophäen feindlicher Armeen ausgestellt und Siegesfeiern abgehalten. Deshalb war die Garnisonkirche eine Kultstätte des rechtskonservativen Militarismus.
Daher war es auch kein "historischer Zufall", dass die Garnisonkirche den Rahmen für den "Tag von Potsdam" abgab. Sie wurde ganz bewusst gewählt, weil nur hier der Schulterschluss zwischen den rechtskonservativen Schichten, die im Offizierskorps stark vertreten waren und die die Nazis für ihre Kriegspläne brauchten, und den Nazis inszeniert werden konnte. Der "Tag von Potsdam" war daher kein "Ausrutscher", sondern er war nur der Höhepunkt einer durch und durch negativen Geschichte.
Vor dem Hintergrund dieser Geschichte finde ich es schon seltsam, wenn sich Bürger für den Wiederaufbau ausgerechnet dieser Kirche engagieren. Einige behaupten zwar, dass sie vor allem von der Liebe zu schönen alten Gebäuden geleitet würden. Nur stelle ich mir dann die Frage, warum sie sich nicht für die Sanierung der vielen verkommenen und einsturzbedrohten Baudenkmäler in Potsdam engagieren, wie den Marstall im Park von Babelsberg, das Machinenhaus in Babelsberg, die Villa Liegnitz, die Römischen Bäder, die Meierei im Park von Sanssouci, die Friedenskirche, und und und. Angesichts dieses Missverhältnisses habe ich schon den Eindruck, dass es der Wiederaufbau ein revisionistisches Projekt ist, das den alten Ungeist nach Potsdam zurückbringen soll.
Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn ich den "Ruf aus Potsdam" lese.
http://garnisonkirche-potsdam.org/wp-content/upl…fauspotsdam.pdf
Dieser Text offenbart doch ein sehr seltsames Geschichtsverständnis. Erstens fällt auf, dass die militaristische Geschichte der Kirche systematisch ausgeblendet wird. Stattdessen wird die Geschichte des Gebäudes zu einer positiven Geschichte umgedeutet, die lediglich vom "Tag von Potsdam" beschmutzt worden wäre. Eine Auseinandersetzung mit dem Militarismus und seinen Folgen fehlt völlig.
Im Gegensatz dazu fällt die Auseinandersetzung mit dem Bombenangriff vom 14. April 1945 und dem Kirchenabriss 1968 umso schärfer aus. Hier werden schärfste Formulierungen gewählt, sogar von einer "Hinrichtung" der Kirche ist die Rede. Nun kann vom Abriss der Kirche halten was man will, und man kann ihn sicher auch als einen Fehler betrachten. Bedenklich wird es aber dann, wenn ein vielleicht bedauerlicher Abriss eines Gebäudes schärfer verurteilt wird als eine militaristische Tradition, die millionenfaches Sterben mit sich gebracht hat, die einen großen Anteil nicht nur am Zweiten Weltkrieg, sondern auch am Ersten Weltkrieg hatte.
Auch in dem weiteren Text setzt sich diese Tendenz fort. Zwar wird ganz allgemein "Krieg und Gewalt" abgelehnt, als sehr viel schlimmer wird aber die "ideologisch motivierte Zerstörung Potsdams" gebrandmarkt. Letztendlich erscheint die Garnisonkirche als unschuldiges Opfer, das völlig sinnlos zerstört wurde. Die Tatsache, dass diese Zerstörung mit einem Krieg zusammenhing, der auch von der Garnisonkirche seinen Ausgang genommen hat, wird völlig ignoriert, die Ursache und Wirkung wird vertauscht.
Ich denke daher, dass der "Ruf aus Potsdam" ein Dokument der Geschichtsklitterung darstellt. Vor diesem Hintergrund kann ich nicht erkennen, dass der Wiederaufbau der Garnisonkirche zur Versöhnung und zur Wiedergutmachung gegenüber den Opfern der NS-Terrorherrschaft beitragen könnte.

