Wilhelmstraße - Plattenbaumoderne vs Neubebauung

  • ^^
    In den (in der Regel hessischen) Kleinstädten in denen ich bisher war stehen keine achtstöckigen Wohnblöcke dieses Ausmaßes. Daher wirken sie auf mich schon allein wegen ihrer Größe großstädtisch.



    Als Jugendlicher und junger Erwachsener fand ich die besagten Blöcke übrigens immer überaus hässlich und konnte die hier inzwischen herausgestellte bauliche Qualität wie auch das eher junge Baudatum nicht erkennen. ......


    Als ich zum ersten Mal dort entlangging waren meine Gedanken auch, dass die Gebäude recht hässlich seien und dass es gerade an so zentraler Stelle interessant wäre sie durch Schönere nach meinem Geschmack zu ersetzen die dann von allen Passanten bewundert werden könnten. Abgesehen davon, dass ich weder das Geld noch die Macht habe so etwas umzusetzen waren mir die dem entgegen stehenden Interessen der Bewohner aber immer bewusst. Sich damit herauszureden, dass ein Teil der Bewohner vor 22 Jahren mal staatstragend die DDR unterstützt habe finde ich nicht ausreichend.


    ..... aber es zeigt wie Bato es schon andeutete eine innere Widersprüchlichkeit: Wie würde man sich selbst als Mieter eines solchen Blocks fühlen, der eine tolle Lage und Wohnqualität zum attraktiven Preis hat. Sicher würde man für den Status quo kämpfen und das ist völlig legitim, mE vermutlich sogar legitimer als alleinig die eigenen ästhetischen Bedürfnisse als Flaneur o.Ä. .


    Das sehe ich auch so.


    Außerdem habe ich (wie immer) ein Problem mit dem starken Vorvergangenheitsbezug im Hinblick auf eine künftige Bebauung den viele Foristen in den Vordergrund rücken. Dass man in Zeiten der Wohnungsknappheit abgerissene Wohnungen wieder durch Wohnungen ersetzen sollte finde ich naheliegend. Aber dass man sich bei der Nutzung und Architektur jetzt noch an den Vorvorgängergebäuden von vor 80 oder 100 Jahren orientieren sollte ist für mich nicht nachvollziehbar.


    Ich habe oft das Gefühl, dass einige Foristen auch politisch und gesellschaftlich der Zeit vor dem ersten Weltkrieg nachtrauern was zuweilen zu etwas emotionalen Postings meinerseits führt. Naja. Andere sehen sich anscheinend von DDR Ostalgikern umgeben und reagieren dementsprechend.

  • Das wäre in der Tat eine Möglichkeit, um die Fassaden aufzuwerten, aber aus meiner Sicht ist auch die Kubatur der Gebäude an sich ein Problem wie auch die großen Freiflächen zwischen den Bauten.


    Die Freiflächen könnte man ja aufwerten, bspw. durch gartenähnliche Bepflanzungen und einen Brunnen an der Wilhelmstraße, wo der Block U-förmig nach hinten gesetzt wurde (als Reminenz an die alten Palais, die ja auch einen Vorhof hatten?).


    Ansonsten könnte man durch kleinere Mauern mit schönen Zäunen den Blockrand wieder herstellen. Dieses durch Bäume und parkende Autos Undefinierte an der Wilhelm erinnert in der Tat eher an Außenbezirk.

  • Chandler
    Dann schau dir mal Kleinstädte außerhalb von Hessen an, z.B. in der Uckermark, der Prignitz oder Berlin-Lichtenberg, du Scherzkeks. Bei einer Sanierung bekämen sie sicher einen hellgelben Anstrich bekommen verziert mit Sonnenmotiven. Sehr großstädtisch, trotz der 8 OGs...Das von dir beschriebene Gefühl um 180° gedreht haben andere sicher auch bei deinen Ansichten.


    Müssen wir das Geld und die Macht besitzen, um einfach nur darüber nachzudenken, wie es aussehen könnte? Hier gehts in erster Linie um Architektur, nicht um Demographie und sozialen Wandel. Andere haben diese Macht und das Geld. Wenns darum ginge, müsste man das Forum eh schließen, weil wohl keiner von uns die Macht und das Geld hat...
    Orientieren sich diese Häuser denn etwa nicht an dieser Zeit? Blockrandbebauung, Fassadengliederung mittels Erkern, unterschiedlicher Fensterformen, Giebel...Es wird schon seinen Grund haben, wieso diese ganzen Luxusneubauten aussehen, als stammten sie aus dem 19.Jh. Die Nachfrage nach einem solchen Aussehen spielt da sicher auch eine Rolle.


    @Hobby
    Das war nicht an dich gerichtet.

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  • ^^
    Außerdem habe ich (wie immer) ein Problem mit dem starken Vorvergangenheitsbezug im Hinblick auf eine künftige Bebauung...
    .... Ich habe oft das Gefühl, dass einige Foristen auch politisch und gesellschaftlich der Zeit vor dem ersten Weltkrieg nachtrauern was zuweilen zu etwas emotionalen Postings meinerseits führt. Naja. Andere sehen sich anscheinend von DDR Ostalgikern umgeben und reagieren dementsprechend.


    ich kann nachvollziehen was du meinst. wir können nicht überprüfen ob diese straße jemals als reine wohnstrasse funktioniert hat. die häuser wurden exakt zu wendezeiten fertiggestellt. als ich damals von hannover nach berlin ging wurden diese wohnungen zu schleuderpreisen von ostdeutschen wohnungsgenossenschaften angeboten. geplant waren die wilhemstrassenplatten quasi als propagandistischer schutzschild gegen den westen auch optisch. und zu der zeit war es das non plus ultra was die platte an ästhetik hergab. dann kam die wende.
    dass die gegend nicht als wohngegend funktioniert sieht man daran dass es garkeine dementsprechende infrastruktur gibt von dem ulrichs supermarkt abgesehen. aber ein grosstädtisches wohnquartier in innenstadtlage sieht nunmal anders aus.
    das, meine ich muss man beachten in der diskussion. es geht auch um die funktionen. wohnraum hin oder her. die ganze gegend ist seit sie im 18. jahrhundert mit den plätzen pariser platz, potsdamer platz/leipziger platz, belle alliance platz/mehring platz, als mischgegend, verwaltung, öffentliche bauten, kasernen, private palais, angelegt, in die sich dann später die zirkel der macht zurückzogen. auf westberliner gebiet der wilhelmstrasse gibt es ähnliche probleme mit der wohnbebauung die durch die iba87 erfolgte. sie wirkt künstlich implantiert, vorstädtisch und leblos.


    wenn man vorher gemachte fehler nur durch neue schönere fehler ersetzt finde ich das nicht sehr zielführend.


    das hat also nichts mit rückwertsgewandter einstellung zu tun sondern mit der optimalen funktionalität für dieses gebiet. es hat ja einmal funktioniert. und sah auch gut aus.

  • .Es wird schon seinen Grund haben, wieso diese ganzen Luxusneubauten aussehen, als stammten sie aus dem 19.Jh. Die Nachfrage nach einem solchen Aussehen spielt da sicher auch eine Rolle.


    Kann man das denn verallgemeinern oder ist es eher eine Berliner Besonderheit? Im Frankfurter Osthafen und Westhafen oder im Hamburger Hafen sehen die teuren Wohnungsneubauten z.B. nicht so aus.


    .....dass die gegend nicht als wohngegend funktioniert sieht man daran dass es garkeine dementsprechende infrastruktur gibt von dem ulrichs supermarkt abgesehen. aber ein grosstädtisches wohnquartier in innenstadtlage sieht nunmal anders aus.


    Den Supermarkt mag ich allerdings und habe da vorhin erst eingekauft. Unsere Kanzlerin kauft da übrigens auch ein.



    das hat also nichts mit rückwertsgewandter einstellung zu tun sondern mit der optimalen funktionalität für dieses gebiet. es hat ja einmal funktioniert. und sah auch gut aus.


    Klingt vernünftig aber es funktioniert auch als Wohngebiet da die Wohnungen aufgrund der Lage begehrt sind und die Menschen in der Regel Angebote wie Cafés, Restaurants und Wochenmärkte zwar gern in der Nähe aber nicht im oder vor dem eigenen Wohnhaus haben möchten.


    Die Erdgeschosse könnte man wohl auch mit einer Renovierung und Umgestaltung attraktiver für die Gastronomie machen. Bei neu gebauten Wohnhäusern könnte man es auch gleich entsprechend planen. ; By the way, Wie ist eigentlich die Zukunft der provisorischen Gastronomiezeile am Mahnmal geplant?

  • Ich habe jetzt eher an Berlin (und Potsdam) gedacht...Rosenhöfe, Pestalozzistr., der Entwurf für den Barbarossaplatz, Sybel-/Dahlmannstraße, "Archilleion", Emser Str., Pfalzburger Str., "Queens Garden", Teltower Damm, KolleBelle, Fellini (und 80% der restl. Neubauten in der Ecke), Oxford Residence, Pergamon Palais, Palais Behrens, Hackesches Quartier, Ritz Carlton, Leibnitz Kollonaden, UpperEastside, einige Townhouses (die sind wohl am aussagekräftigsten, weil das ja private Projekte sind) usw. usf...Sicher nicht alles gründerzeitlich, aber mit Art-Deco-Anleihen o.ä. zumindest rückwärtsgewandt. Und wenn dann schon vor Vollendung 80% verkauft sind (was natürlich auch sehr gut einfach Marketing sein kann), spricht das wohl für sich. Sicher ist dies auch bei Glaswänden nicht ausgeschlossen, aber das eine schließt ja das andere nicht aus und Grundriss und Ausstattung können auch eine klitzekleine Rolle spielen ;).


    Beim Ulrich kann man dann ja ne Gedenktafel anbringen.


    Was in HH und vor allem in F läuft, weiß ich nicht...Hafencity ist eben ein Großprojekt mit irgendwelchen Stararchitekten und Gesamtkonzepten, da läuft das sicher anders, als bei einzelnen "Lückenfüllern", die so aussehen, weils eben passt. Zumal ja auch dort viel Backstein genutzt wird, wie vor 1000 Jahren...


    Aber das geht wieder in Richtung OT...

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  • Die Platten bleiben!


    http://www.tagesspiegel.de/ber…ird-geschont/7390302.html


    Für mich persönlich furchtbar ärgerlich. Das sind absolute Schandflecke mitten in der Mitte (sic!) der Hauptstadt. Wie oft ich inzwischen schon verwunderte Touri-Blicke auf diese Häuser gesehen habe, möchte ich lieber nicht erwähnen. Aber auch dem "normalen" Berliner sollten diese absolut unästhetischen Dinger nicht wirklich gefallen.


    Der Satz der Linke-Politikerin Lompscher ("Ein stadtgeschichtlich bemerkenswertes Ensemble, das seinesgleichen sucht.") ist einfach nur absoluter Hohn!

  • Ich denke, dass der Erhalt des Gebäudes eine gute Nachricht ist. Ein Wohnhaus ist ja nicht in erster Linie dazu da, um Touristen zu gefallen, sondern es soll gute Wohnungen zu bezahlbaren Mieten bieten. Und diese Qualitäten bietet das Gebäude ja offensichtlich, sonst würden sich die betroffenen Mieter ja nicht gegen einen Abriss wehren.


    Ich finde aber auch, dass der Erhalt des Gebäudes eine gute Nachricht für die Gesamtstadt ist. Schließlich wird deutlich gemacht, dass die Politik den Verlust preiswerter Wohnungen in der Innenstadt nicht mehr klaglos hinnimmt wie noch in den letzten Jahren, sondern dass sie sich ernsthaft um eine soziale Stadtentwicklung und die Einbeziehung der betroffenen Bürger bemüht. Daher macht diese Entwicklung Hoffnung, dass wir künftig eine sozialere Politik erleben werden.

  • Wenn die Mieter einen Kündigungsschutz haben dann ist das so. Für den Städtebau kann man ja nicht eben mal das Recht über Bord werfen nur weil es einem gerade passt.


    Dass der Erhalt dieser Blöcke, wie es Frau Katrin Lompscher von der Linken sagt, "aus städtebaulichen Gründen" gut sein soll, lässt mich hingegen heftig mit dem Kopf schütteln. Sie mögen als letztes gebaut worden sein aber Gebäude des selben "angepassten" Stils finden sich zuhauf. Der architektonische Wert dürfte gleich null sein.

  • Das ist zwar eine sehr vorhersehbare und geradezu lächerlich klischeehafte Äußerung der Fr. Lompscher von der SED... ähm... 'Linke', aber dennoch sollten sich Plattenbaufans nicht zu früh freuen. Es ist mir nicht ganz klar, worin der besondere Wert der Bauten liegt, mal von rein architekturhistorischen Aspekten abgesehen. Es fände unwahrscheinlich, dass das gesamte Ensemble unter Denkmalschutz kommt, was vermutlich langfristig die einzige Möglichkeit wäre, den Abriss zu verhindern. Der Kündigungsschutz in diesem Fall ist, soweit ich das beurteilen kann aus rechtstaatlicher Sicht schon recht bemerkenswert und grenzwertig. Dass das Recht des Eigentümers so mit den Füßen getreten wird, ist bezeichnend für das Rechtsverständnis der Beteiligten.

  • Ich bin zuversichtlich, dass die Platten in spätestens 3 Jahren weg sind. Wenn die Mieter nicht freiwillig mit Abfindung gehen, werden dem Eigentümer schon Methoden einfallen wie er die verbleibenden Mieter rausekelt.


    Protektionismus, Verbote, Regulierungen sind Sozialpolitik von vorgestern und hat der Menschheit nie etwas gebracht. Moderne Sozialpolitik liegt im Fördern und Gestalten und nicht im Verhindern und Blockieren. Letzteres ist zweifelsfrei eindeutig bösartiger Natur und wird von der 2. Natur (die ultimative weltgestaltende Kraft die bspw. für Globalisierung sorgt und somit die Welt enger miteinander vernetzt und damit friedenssensitiver macht, den Postmaterialismus befördert siehe Cloud-Computing, Car Sharing usw. usw.) ausgemerzt. Es gilt den Flussstrom der 2. Natur zu folgen und diesen zu verbessern und ihn nicht (wie gesagt: bösartigerweise) zu bekämpfen.
    Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass auch Klarenbach, der wohl wahrscheinlich gerade seinen sozialistischen Frühling erlebt, das alles begreifen wird.


    Ich bin auch gespannt wie der Senat bitte das mit den Ferienwohnungen/"Zweckentfremdungen" kontrollieren will....

  • Wenn die Platten nun doch erhalten bleiben, sollte man aber wirklich mal darüber nahddenken deren Fassaden zu modernisieren. Dieses grau-braun ist nun wirklich nicht mehr zeitgemäß.

  • Schade eigentlich. Ich hätte mir durchaus eine Aufwertung in der Wilhelmstraße gewünscht.
    Doch Papier ist nunmal geduldig. Verträge noch mehr. Wenn sich WBM und B.Ä.R. im Grundstückskaufvertrag 2002 darauf geeinigt hatten, dass Mietern wegen einer „angemessenen wirtschaftlichen Verwertung des Grundstücks“ nicht gekündigt werden darf, muss man das wohl erstmal so akzeptieren.
    Ich kann mir vorstellen, dass bei ausreichend Entschädigungs- bzw. Abfindungszahlungen der Senat auf sein Klagerecht verzichten würde. Fraglich ist, ob das ganze Projekt für den Investor dann noch rentabel ist.


    Ein seriöser Investor verzichtet hoffentlich auf "Methoden mit denen man Mieter rausekeln" kann - so sie denn gesetzwidrig sind.

  • Ich bin zuversichtlich, dass [...] dem Eigentümer schon Methoden einfallen wie er die verbleibenden Mieter rausekelt.


    Protektionismus, Verbote, Regulierungen sind [...] bösartiger Natur...


    Interessante Einstellung. Regulierung ist bösartig. Zweifelhafte Methoden, Mieter rauszuekeln aber begrüßenswert. Beachtlich, wie sich manche hier ihr Weltbild zurechtbasteln.

  • Ich konnte zur B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft und deren Plänen leider nicht sehr viel finden. Denen gehört der Straßenzug ja quasi, wenn ich richtig informiert bin? Gab es von denen denn auch öffentlich einsehbare Entwürfe für das Areal?


    Ich bin zwigespalten, aber eigentlich doch eher froh, dass dort kurzfristig nicht schnell schnell etwas auf Gewinnmaximierung ausgelegtes hochgezogen wird. Dafür ist die Wilhelmstraße mit der Lage gleich neben Botschaften, Mahnmal, etc. eigentlich zu wertvoll und hat etwas langfristig geplantes, hochwertiges verdient.

  • Interessante Einstellung. Regulierung ist bösartig. Zweifelhafte Methoden, Mieter rauszuekeln aber begrüßenswert.



    Der Flusslauf der 2. Natur (Gentrifizierung bei dieser 1AAA-Lage in einer stark prosperierenden Stadt, ist eben bei Nicht-Sozialwohnungsbau nun mal nicht zu vermeiden) bahnt sich seinen Weg, wenn es nicht auf die sanfte Tour geht, gehts eben auf die harte.
    Ich habs nicht erfunden aber so ist es halt einfach.

  • Öh, also von der Selbstregulierung (unsichtbaren Hand) des Marktes hab ich ja schon so Einiges gelesen aber vom "Flusslauf der 2. Natur" hab ich noch nie was gehört. Und das hast du wirklich nicht erfunden? ;)

  • Na ja, die Zeiten, in der man eine wie auch immer missliebige Mieterschaft auf solche Art und Weise behandelt, sind Gott sei dank seit 67 Jahren vorbei. Man muss die Platten nicht toll finden und auch kein Sozialstaatsromantiker sein, um ein solches Vorgehen durch den Vermieter als asozial zu bezeichnen. Flyn wird sicher das Rausekeln von Mietern nur so lange tolerieren, wie es ihn/sie selbst nicht betrifft. Alles eine Frage des Umgangs miteinander.


    Im übrigen kann man durchaus zufrieden sein dort am Abend nicht durch ein vollkommen ausgestorbenes Büroviertel gehen zu müssen. Toplage hin oder her. Die Seitenstraßen der Friedrichstraße reichen als Anschauungsobjekt für solche Leute, die Fuchs und Igel beim Gute-Nacht-Sagen beobachten wollen.