Sie "hinkt" möglicherweise insofern, als dass ich hier keine Abhandlungen posten will, meine Posts sind eh schon ziemlich ausufernd finde ich. Außerdem ist das hier ja eigentlich eine Freizeitbeschäftigung, so dass ich jetzt nicht den Anspruch hatte, empirisch und wissenschaftlich zu erörtern. Ich denke, es wird auch so klar, was ich aussagen will. Wir haben da halt einfach divergierende Positionen, ist doch nichts schlimmes. Problem dabei: deine Position kann sich als flächendeckend berücksichtigt betrachten während ich mit meiner in der absoluten Minderheit bin, zumindest was das gegenwärtige Stadtbild angeht. Man könnte also einfach auch mal erwarten, dass Mitbürger mit anderen Positionen daher trotzdem hinnehmen, dass vielleicht mal was Anderes ausprobiert wird und "mir das lassen". Es bliebe trotzdem mehr als genug flächendeckender rechtwinkliger Stahlbeton in Berlin übrig. ![]()
Umgestaltung Rathausforum / Marx-Engels-Forum
-
-
-
beides sind keine rekonstruktionen, sie wurden niemals zerstört. sie wurden nur vollendet. dagegen ist auch nichts einzuwenden, sie taugen aber nicht als argument. und weltwunder würde ich sie nicht nennen wollen.
Bitte? "Vollendungen" sind erlaubt aber Wiederaufbauten nach Zerstörung "Geschichtsklitterung"? Die Mehrheit der Denkmalpfleger denkt da aber gerade umgekehrt. Der herrschene Substanzfetischismus der Denkmalpflege ist ja gerade in der großen Zeit der "Vollendungen" entstanden und Georg Dehio hat gegen gerade diese gekämpft.
Aber natürlich sind Rekonstruktion ein legitimes Mittel der Stadtentwicklung, gängige Praxis überall in der Welt.
Ich würde aber gern wieder zum Thema kommen. Erst einmal muss überhaupt ein Vorschlag her, ob und wenn ja welche Gebäude im "Großen Freiraum" rekonstruiert werden sollten. Für mich sind jedenfalls das Wohnhaus Moses Mendelssohn (Spandauer Straße), das Hotel "König von Portugal" (Burgstraße) und der Hohe Steinweg 15 kunst- und zeithistorisch wichtige Bauten. Auch das ehemals Giebelständige Haus auf der Westseite des Neuen Marktes. Es gibt aber noch mehr Kandidaten...
-
Falls du die Zerstörungen im 13. und 14. Jahrhundert meinst,...
Ich meinte die Zerstörung 1812 beim großen Brand von Moskau.
Und was ist mit meinen anderen fünf Beispielen? -
Zur letzteren Vermutung möchte ich sagen, dass man zwar immer von "moderner Architektur" spricht aber inzwischen hat diese Art des Bauens bereits grob ein Jahrhundert auf dem Buckel. Das allgemeine Empfinden bzgl. des ästhetischen Werts hat sich seitdem nicht verändert (in der breiten Bevölkerung waren die nie populär, ..............
Die "breite Bevölkerung" baut ihre Einfamilienhäuschen seit dem Krieg bis Heute auch anders als vor 100+ Jahren. Baugemeinschaften und Baugruppen die sich jetzt neue Mehrfamilienhäuser bauen orientieren sich glaube ich in der Regel auch nicht an der Fassadengestaltung vor dem Jahr 1920.
Das darf auch keinen überraschen, wenn unsere "Wegwerfgesellschaft" auch "Wegwerfarchitektur" hervorgebracht hat.
Die Architektur wurde rationalisiert und nutzen-, renditeoptimiert. Das hat es u.a. ermöglicht heute mehr Fläche pro Person zu nutzen als jemals zuvor. Abgesehen davon finde ich die Idee Gebäude schon für kommende Generationen mitzubauen auch ein wenig selbstherrlich. Eigentlich wäre es nett künftigen Genrationen die Entscheidung über ihr Stadtbild jeweils selbst zu überlassen. Naja, geht aus wirtschaftlichen Gründen nicht so einfach.Aber natürlich sind Rekonstruktion ein legitimes Mittel der Stadtentwicklung, gängige Praxis überall in der Welt.
Ich würde aber gern wieder zum Thema kommen. Erst einmal muss überhaupt ein Vorschlag her, ob und wenn ja welche Gebäude im "Großen Freiraum" rekonstruiert werden sollten. ..
Falls man sich aufrafft den derzeitigen alten Kram abzureißen muss man doch nicht noch älteren Kram aus der Mottenkiste hervorkramen. Man kann einfach etwas neues schönes bauen. Es ist doch egal was da irgendwann früher einmal stand oder nicht.
Es ist doch Einschränkung genug sich bei neuen Entwürfen mit den Bestandsbauten auseinandersetzen zu müssen da muss man sich nicht auch noch mit schon lange nicht mehr vorhandenen Gebäuden belasten.
Naja, egal.
-
Prinzipiell beharre ich auch nicht auf Rekonstruktionen, die Erfahrung hat aber gezeigt dass was "neues" eben nicht unbedingt was "schönes" ist. Also wieso nicht auf was Bewährtes zurückgreifen? Als Rekonstruktionen kommen doch auch nur die "Sahnestücke" früherer Epochen überhaupt in Frage. Gerade wenn es, ganz pragmatisch, einfach nur darum geht schöne Gebäude und Straßenzüge zu errichten, verstehe ich die ganzen akademischen Gedankengebäude, die dem immer entgegensetzt werden, nicht. Warum bricht uns denn ein Zacken aus der Krone, wenn wir anstatt das Rad immer zu neu erfinden einfach fertige und allgemein als ästhetisch empfundene Entwürfe früherer Baumeister heranziehen? Eine echte und plausible Antwort darauf habe ich noch nie gehört.
Und ich finde schon bedenklich wie wir uns verhalten. In 100 Jahren haben wir und unsere Vorfahren die die Industrialisierung mitgestaltet haben, mehr natürliche Ressourcen verbraucht als alle Menschengenerationen zuvor addiert (was auch an der Bevölkerungsexplosion liegt - die ja aber auch nur durch die Industrialisierung möglich und von ihr befeuert war, die "Alterspyramide" die immer so als ideal hingestellt wird gab es eigentlich nur in der Hochzeit der Industrialisierung - nie zuvor und vermutlich auch nie wieder).
Dass wir Städte hinterlassen, die aus Infrastruktur und Gebäuden mit "eingebautem Verfallsdatum" bestehen: geplante Obsoleszenz wird ja, wie du das auch tust, als besonders effizienzt und daher vernünftig dargestellt. Vollgestopft mit Giftmüll: Bauchemie, Dämmverbundsysteme, mit Sicherheit wird es irgendwann auch ein "zweites Asbestproblem" bzw. ein Stoff den man aktuell für harmlos hält und breit verwendet sich als ähnlich problematisch herausstellen. Das ist in jeder Hinsicht typisch für unsere Zeit und wahrhaft "selbstherrlich". Nach uns die Sintflut. Soll doch die Generation unserer Urenkel schauen, wie sie mit dem ausgeplünderten, vergifteten, überbevölkerten Planet und bröckelnden Städten sowie leeren Staatskassen klarkommt - wir hatten die große Party. Evtl. gehört es einfach auch zur häufig gehörten "Nachhaltigkeit" auch bleibende Werte zu hinterlassen. Wenn man dann z.B. weiss dass Ziegelkonstruktionen, selbst skandinavische Holzbauweise, eine längere wirtschaftlich vertretbare Nutzungsdauer hat als Stahlbeton, wieso bauen wir dann selbst Einfamilienhäuser so, als handelte es sich um Atomschutzbunker, mit massiven Betonplatten usw? Aber das führt hier, zu dem Thema, tatsächlich zu weit. Um den Schluss zur Rekonstruktion zu finden, wir könnten von unseren Vorfahren lernen, wie man erneuerbare Baustoffe nutzt und dabei trotzdem prachtvolle, auch "cleane", Architektur erhält. Die ganze Art, wie wir bauen (nicht nur optisch, auch bautechnisch!) ist doch nicht nachhaltig und spiegelbildlich zu unserer Wegwerfgesellschaft. Es ist meiner Meinung nach in der Tat selbstherrlich, wenn wir meinen Jahrhunderte, ja Jahrtausende von Ingenieurwissen bis zurück zu den Römern, einfach vom Tisch wischen zu können, weil wir jetzt Verbunddämmsysteme, Kunststofffenster und Ortbeton haben.
-
Oder wie kommt es sonst daß z.B. in der Spandauer Vorstadt mit Verve jede vor- oder frühgründerzeitliche Hinterhofremise erhalten und saniert wird?
Das waren bestimmt nicht die Sahnehäubchen ihrer Epoche.Nein. Höchstwahrscheinlich sogar billige Massenfertigung. Und dennoch scheint allein das äußere Erscheinungsbild auch heutzutage Erhalt und Sanierung zu rechtfertigen.
Ehrlich gesagt, kann ich das Gejammer garnicht verstehen. Es ist der Moderne nun mal wesensfremd erhalten zu werden, eben weil ihr das erhaltenswerte Kernelement anderer Architekturstile fehlt: Funktionslose Ästhetik. -
Man kann einfach etwas neues schönes bauen..
Haha... na dann. Nur bedauerlich, dass 'Schönheit' kein Kriterium heutiger Architektur ist. Und es fällt offensichtich auch niemandem etwas dazu ein. -
Die Franzosen haben ein wunderbares Credo zum Thema Ästhetik der Architektur: "le superflu chose la plus nécessaire".
-
@Berchen
Auch vor über hundert Jahren haben die Menschen gemacht was gerade in ihrer Macht stand. Also in Deutschland die Flüsse begradigt, die Auen gerodet und trockengelegt, die übrigen Wälder in Holzplantagen verwandelt, viele Tier- und Pflanzenarten ausgerottet usw.Auf den besten und ertragreichsten Äckern wurden die Städte gebaut.
Dass weniger Chemie angewendet wurde lag schlicht daran, dass man es noch nicht konnte. Dafür hat man die Flüsse und Böden mit ungeklärten Fäkalien und den Abfällen aus Färberei, Gerberei usw. usf. belastet.
Ich denke jedenfalls nicht, dass die Menschen damals besser und umweltbewußter usw. waren oder bewußt nachhaltiger wirtschafteten.
-
Die Franzosen haben ein wunderbares Credo zum Thema Ästhetik der Architektur: "le superflu chose la plus nécessaire".
in frankreich fällt auch das bauen ins ressort des kulturministers und es ist eher eine disziplin die der kunst zuzurechnen ist und die staatspräsidenten können einfach so entscheiden á l'allure ob ein tolles großes projekt gebaut wird. schon toll dieses frankreich.

-
Man kann schlicht und einfach auch stolz darauf sein, ein zerstörtes Gebäude wiederaufgebaut zu haben. Dies ist auch Zeugnis einer Zeit.
Leude, hier wird viel zu wenig die subjektive und wertende Ebene des Ganzen berücksichtigt. Immer dieses formalistische Getue. Entscheidend ist eben unsere subjektive Wertschätzung und was wir mit den Gebäuden verbinden. Zumindest wird dies von den Modernisten hier nicht wirklich begriffen und ausgeblendet.
Wer den Karl-Liebknecht-Riegel toll findet, soll es sagen, statt mit fragwürdigen Argumenten kritische Rekonstruktionen zu delegitimieren. Es ist mehr als offensichtlich, daß in dieser Diskussion die Moderne-Befürworter ihre Gebäude behalten wollen - was auch ihr gutes Recht ist - dafür aber jedes noch so schwache und beliebige Argument zu verwenden bereit sind. Argumente, die man mit größter Leichtigkeit zu Fall bringen kann.
Es gibt übrigens tolle moderne Gebäude - und das merkt man recht schnell, daß die erhaltenswert sind. Da braucht man nicht 100 Jahre für.
Wie kommt das wohl?! Glaubt hier jemand ernsthaft, daß die sozialistischen Platten dereinst als schön empfunden werden? Für den Fernsehturm ham wa nich so lange jebraucht.Die Erfahrung spricht dafür, daß die drei Monsterplatten dereinst abgerissen werden.
-
^
sehr schön, ich versuche zu verstehen.
aber ich habe überhaupt keine beziehung zu den gebäuden die konstantin gerne rekonstruiert sehen möchte. ich habe keinen visuellen eiindruck, okay ich könnte archivarbeit machen aber ich meine etwas anderes. ich habe keinen sinnlichen eindruck. also vermisse ich sie auch nicht.
ich mag die platten nicht, den großen freien platz schätze ich sehr!ich war da, hab gefühlt gesehen, gerochen. habe am neptunbrunnen gesessen und geschwitzt mich am kühlen brunn erholt. habe genossen.
wer vermisst gebäude die er noch nie ERLEBT hat?????
ich glaube so empfinden viele in berlin.
ich finde das war jetzt ein gefühlsbetonter nicht formalistischer beitrag werther echter berliner! -
^ Genau, Camondo. Stell Dir vor: Du könntest dein Wissen um Berlin so unendlich erweitertern, wenn Du dich auf eine Auseinandersetzung mit seiner Geschichte einlassen würdest. Und Du würdest so viele neue Dinge erleben, die dich viel reicher machten.
Und das Erlebnis Neptunbrunnen ginge dir nicht verloren. Der bleibt in Mitte. Ob am Schloßplatz oder anderswo.
P.S. "Archivarbeit" ist ja gar nicht nötig. Statt vor dem Rechner zu dichten einfach einmal die zitierten Gebäude in die Google-Bildersuche eingeben...
-
ich war da, hab gefühlt gesehen, gerochen. habe am neptunbrunnen gesessen und geschwitzt mich am kühlen brunn erholt. habe genossen.
wer vermisst gebäude die er noch nie ERLEBT hat?????
ich glaube so empfinden viele in berlin.
ich finde das war jetzt ein gefühlsbetonter nicht formalistischer beitrag werther echter berliner!Da kann man schon leichter drauf reagieren. Weißt du was? Ich war noch nie in Paris. Und du wirst es nicht glauben: Ich würde den Eiffelturm vermissen, wenn ein Unternehmen Gomorrha zu seiner Beseitigung führen sollte.
Dein Empfinden ist ja legitim - wenn es dir so geht. Aber vielen Leuten reicht es bereits aus, schöne Bilder vom alten Berlin gesehen zu haben, die heutigen Lücken gefühlt zu haben und den meist schlechten modernistischen Ersatz erlebt zu haben.
Ich finde die Weite übrigens auch okay und es recht unrealistisch, diesen Ort in Gänze bebauen zu wollen. Man kommt hier im Forum auch oft durcheinander, weil ja auch Leute für den Erhalt der drei Monsterplatten eintreten.
Ich war neulich am Areal und halte es durchaus für möglich, daß man dem Fernsehturmareal seine totalitäre Weite etwas nimmt und die Marienkirche umbaut. Allerdings wird dies wohl erst in 30 Jahren möglich sein, wenn Berlin wieder deutlich näher an seiner zerstörten Geschichte dran sein wird. Mein Vorschlag wäre durchaus realisierbar, wenn man die Ecke zu den Kaskaden öffnet und wenn man die Dreiecksbeete auf der Panoramastraße neu anordnet bzw. verkleinert. Für mich wäre das ein bewußter geschichtlicher Fingerzeig, eine Assoziationshilfe, ohne das sozialistische Areal wirklich zu beschädigen, vielmehr wird es bereichert. Aber wie gesagt: Im Moment wäre das utopisch, und außerdem auch kontraproduktiv. Ich bin sowieso dafür, dort 20 Jahre lang einfach gar nichts zu machen, abgesehen von Verschönerungen.
Auch wenn ich mich wiederhole: Die Wiederauferstehung Berlins braucht einfach ihre Zeit. (Und Wiederauferstehung bedeutet auch nicht, zwanghaft zu rekonstruieren.)
-
Ich war noch nie in Paris. Und du wirst es nicht glauben: Ich würde den Eiffelturm vermissen, wenn ein Unternehmen Gomorrha zu seiner Beseitigung führen sollte.
ich glaube das ist eine völlige verzerrung der wahrnehmung und fakten.
wohlgemerkt, wir unterhalten uns hier nur über die fläche zwischen schloss an der westseite, fernsehturm an der ostseite dem rathaus an der südseite und den platten an der nordseite mit der eingeschobenen marienkirche und der teilenden spandauer strasse.
ich glaube nicht, dass das was hier einmal auf der fläche stand irgendeine identätsstiftende wirkung auf die stadt oder gar das land gehabt hat wie der von dir angeführte eiffelturm oder zum besispiel die rekonstruierte warschauer altstadt. was hier stand kann man noch nichteinmal altstadt nennen weil die weiter südlich verortet war um nicolaikirche und parochialkirche. es gab keine ikonen von übergeordnetem architektonischen rang, keinerlei gebäude, wie zum beispiel das knochenhauer amtshaus in hildesheim, das es wahrlich wert war rekonstruiert zu werden. auch sind mir keinerlei gravuren wie zum beispiel von jean rosenberg aus dem 18.ten jahrhundert bekannt und er hat ettliche berliner ansichten gefertigt, die diesen umschriebenen bereich betreffen. wohl aus den angrezenden gebieten.
warum nur muss mann diesen bereich zu etwas hochstilisieren das er augenscheinlich so nicht verdient?
für das erfahren was an diesem ort war, das habe ich ja schon geschrieben würde ich mir eine profunde informationsstätte wünschen wenn nicht sogar etwas wie ein berlin museum. in der mitte der stadt der richtige ort.
und ich bin kein freund von ständigen brunnenverschiebereien. da wo er jetzt ist ist's gut. auf der südseite des schlosses eher fehl wenn auch original. -
Camondo: Ich glaube nicht, dass jeder Bezug unbedingt einen hundertprozentig stimmigen Vergleich darstellen muss, damit man ihn aufnehmen kann. Da finde ich echter Berliner manchmal sogar erfrischend unakademisch, weil er so mE mitunter Fragen offen anspricht die auch ohne ewige Abhandlungen und hieb- und stichfeste Vergleiche Relevanz besitzen. Die Frage inwiefern sich Menschen mit einer gewissen Form von Architektur identifizieren und heimisch fühlen können, gehört für mich dazu und umschließt nicht nur aber eben auch ikonische Bauwerke wie den Eiffelturm. Zudem ist er mE zumindest offen genug die Möglichkeit einer Rekonstruktion neben die einer ästhetisch anspruchsvollen Neubebauung zu setzen. Vermutlich zieht er Rekos einfach vor, weil viele Neubauten leider nicht die gestalterische Qualität besitzen wie etwa der Eiffel- oder auch der Fernsehturm (im übrigen beides moderne Gebäude, die eine ganze Stadt prägen und schon lange nicht mehr in Zweifel gezogen werden).
Ich verstehe überhaupt viele Kritiker der Moderne ähnlich wie Du es selbst ja mal angedeutet hast ganz einfach als Menschen die von der uninspirierten Umsetzung vieler Gebäude abgeschreckt sind. Es gab immerhin auch Zeiten wo selbst Fabriken und Arbeiterkasernen interessanter gestaltete Fassaden erhielten als heute viele mittel- bis hochpreisigen Wohnanlagen. Heute ist vieles nüchterner meinetwegen ehrlicher und zeigt nach außen vor allem die Funktion an. Aber auch das kann und sollte mE eine gewisse ästhetische Qualität haben, indem gliedernde Elemente genutzt und ein gewisser Wiedererkennungswert geschaffen wird. Manchmal ist es auch einfach eine Frage der Anordnung im Stadtraum und einiger besonders prägender Bauwerke die einen großen Unterschied macht. Für mich hat auch ein industriell gefertigter Bau gewisses ästhetisches Potential. Es ist mE eher eine Frage der Umsetzung und auch des Umfeldes. Wie Du mE an anderer Stelle richtig geschrieben hast, werden in anderen Städten moderne Bauwerke teils besser angenommen. Dabei müssen es nicht einmal immer gleich gewaltige Ikonen der Architekturgeschichte sein. Aber es muss einfach passen. Ich denke da immer wieder an Le Havre an der französischen Atlantikküste wo ein ganzes Stadtzentrum zerstört und dann wie aus einem Guss in einem Einheitsstil neu gefertigt wurde - inklusive Rathaus und Kirche. Das Ganze hat es sogar als einziges modernes Stadtensemble des 20. Jahrhunderts komplett in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes geschafft! Hier mal ein paar Bilder zum Vergleich:


Quelle: Wikipedia
Im Grunde sind es also viele Bauten im Stile unserer Plattenbauten. Aber sie zeigen mE zugleich doch fast durchweg einen gewissen gestalterischen Anspruch und es sind gerade mit dem Kirchturm aber auch dem etwas klobigen Rathausgebäude einige charakteristische Bauwerke dabei. Dort hatte man eben den Anspruch aus den gleichen Bausteinen auch wichtige Bauwerke sowie schicke Strandhäuser und relativ teure Einkaufsstraßen zu gestalten. Zudem war eben das ganze Umfeld platt und die Neubauten mussten nur in sich stimmig sein. Mein Besuch dort war für mich sozusagen ein (aber nicht das einzige) positive Aha-Erlebnis mit modernen Bauten
Am MEF haben wir aber wie Du schreibst eine Mischung aus Rathaus, Marienkirche und (bald) Schloss auf der einen Seite und Fernsehturm und den Platten auf der anderen. Die Platten reichen weder an die Qualität der Altbauten heran, noch an die des Fernsehturms oder anderer prägender Bauten wie denen an der ehemaligen Stalin-Allee. Das gleiche gilt leider für viele der neuen Bauten die in der näheren Umgebung entstehen. Es ist also mE verständlich, dass viele eher Hoffnung in alten Postkartenmotiven oder Archivbildern erkennen als in modernen Neubauten. Dabei gibt es mE auch in Berlin Beispiele wie es gelingen kann stimmige moderne Ensembles zu errichten. Für mich gehören da wie gesagt Frankfurter Tor & Co dazu, aber auch das Hackesche Quartier, die Mediaspree und teils die Gegend um den Hauptbahnhof (ich weiß, das sehen nicht alle so). Für mich ist aber auch eine Mischung aus neu und historisierend möglich, wie sie mE am Potsdamer Platz gelungen ist. Du findest offenbar historischen Zitate generell nicht gut, aber für mich muss es primär optisch stimmig sein. Zudem sind die intellektuellen Rechtfertigungen für diese oder jene Architekturstile (also z.B. was zeitgemäß oder kitschig sei) oft trotz vieler Argumente noch angreifbarer als das Empfinden von Ästhetik. -
Die Bilder untermauern doch nur meinen Standpunkt, dass ich kein "Moderne-Hasser" bin sondern ganz speziell die Art, wie moderne Architektur IN DEUTSCHLAND gebaut wird ablehne. Keine Ahnung woran es liegt. Ist auch mühsig zu erörtern. Fakt ist, die Architekten der Gegenwart hatten Jahrzehnte lang die Möglichkeit sich zu entwickeln und den gestalterischen Willen, der in dieser französischen Stadt z.B. sichtbar wird, zu zeigen. Irgendwann ist meine Geduld aber erschöpft, wenn es "modern" offenbar nicht geht, dann sollen eben Rekonstruktionen von Glanzstücken vergangener Architekturperioden her. Zumindest als Ankerpunkte des Stadtbildes, besonders einer so exponierten Lage wie dieser. Abgesehen vom Fernsehturm sind alle städtebaulichen Ankerpunkte und Gebäude, mit der sich sowohl die Berliner identifizieren als auch Touristen anziehen, vor dem zweiten Weltkrieg errichtet worden.
Man sieht es gut an in ihrer Grundstruktur erhaltenen, historischen Stadträumen wie Unter den Linden und Pariser Platz. Insgesamt ist von der historischen Bebauung kaum noch etwas vorhanden, dadurch dass aber zumindest die alte Parzellierung, Raumsprache, Traufhöhe etc. beibehalten wurde vermögen die modernen Gebäude zumindest nicht besonders negativ aufzufallen (was das Beste ist, was ich über sie sagen kann) und die wenigen historischen bzw. historisierenden Gebäude besonders hervorzustechen und den städtischen Raum aufzuwerten. Was wäre Berlin ohne Brandenburger Tor, Charlottenburger Tor, Oberbaumbrücke, Tiergarten, Reichstag, Goldelse, alte Statuen hier und dort, Gebäude der Museumsinsel, Dom, Bebelplatz, Französischem Dom, Rotem Rathaus, Gründerzeitvierteln und Mietskasernen mit Hinterhaus und Stuck oder auch den gründerzeitlichen Hochbahnstrecken und Untergrundbahnhöfen, mit genieteten Stahlträgern, Emaile an der Wand und Gußasphaltfußböden?
Und jetzt versuche bitte jemand eine ähnliche Aufzählung mit Gebäuden und Gestaltungsbestandteile öffentlichen Raums zu machen, die die letzten 50 Jahre entstanden sind und für Berlin gleichermaßen unverzichtbar wie identitätsstiftend sind. Ich bin gespannt.
-
jan85
danke für die bilder. ich bin ein großer fan von le havre, auch der wiederaufbau von brest ist gelungen ebenso der von st-malo. es ist etwas in dieser architektur der frühen 50er in frankreich, dass auf klassische regeln zurückgreift. ich mag die umlaufenden balkone auch die läden. auch stimmen die deckenhöhen. der städtebau in deutschland und berlin war hier viel konfrontativer. bewusst gegen die alten strassenraster, die schmalseiten der gebäude zur strasse orientiert etc. deswegen auch der oft vorstädtische und nicht urbane charakter dieser gebiete, siehe lietzenburger strasse, teile der martin-lutherstrasse. ein besispiel das dem gezeigten noch am nähesten kommt allerdings aus den 80ern ist der walter-benjamin platz in charlottenburg von kleihues. den liebe ich sehr, auch weil er ein platz ist für menschen und keine kreuzung für autos.
http://www.architektur-bauphysik.de/fileadmin/gall…jamin-Platz.jpg@berchen.
in deiner aufzählung ist der französische dom glaube ich das alpha und sagen wir untergrundbahnhöfe mit stahlträgern das omega der zeitleiste. ungefähr sagen wir eine zeitspanne von gut 120 jahren.
eingedenk der tatsache dass, berlin in dieser zeitspanne die haupstadt eines könig- dann kaiserrreiches war die um entsprechenden pomp und repräsenation angereichert wurde-ich mache mal einen anfang einer aufzählung von gebäuden der letzten 50 Jahre die du eingefordert hast und die für mich einen identitätsstiftenden charakter haben:
die neue nationalgalerie, die neue staatsbibliothek, die philharmonie, der kammermusiksaal, die deutche oper, der ernst reuter-platz, das europa-center, der breitscheidplatz, der flughafen tegel, diekongresshalle, das icc, das tempodrom, das bundeskanzleramt, das band des bundes, das hochhaus der gsw, das bfa-hochhaus, der steglitzer kreisel, das hansaviertel, das sony-center, das holocaustmahnmal, der hauptbahnhof, der fernsehturm, das park-inn, der palast der republik... -
Camondo: Ja ich war auch richtig beeindruckt, zumal ich vorher keine große Ahnung von der Stadt und ihrer Geschichte hatte. Havre hat so einen rauen Charme, der gerade zu dem Klima und den etwas rauen Küsten dort in der Gegend passt - aber andererseits gar nicht billig und lieblos oder gar elend wirkt. Bei Paris hingegen war ich zwar auch beeindruckt von der großen Pracht der vielen klassischen Fassaden, fand es aber irgendwie schneller langweilig und auch eng! Das hat schon meine Erwartungen also etwas auf den Kopf gestellt und auf der anderen Seite bin ich so hoffnungsvoller und anspruchsvoller in Bezug auf moderne Architektur geworden. Ein Anspruch der in Berlin leider oft mehr frustriert als befriedigt wird. Dabei gefallen mir auch viele moderne Ecken hier besser als vielen anderen. Den Walther-Benjamin-Platz finde ich auch gut, aber den kenne ich real noch gar nicht. Nur wenn es zu "konfrontativ" - nette Umschreibung
- wird, dann kann ich irgendwann auch nichts mehr damit anfangen. Ich glaube, dass mitunter einfach zu rigoros und unreflektiert gegen die angesprochenen klassischen Regeln verstoßen wurde was sicher ein Teil des Dilemmas ist und für viele zu dieser Entfremdung mit moderner Architektur geführt hat. Für das MEF wünsche ich mir ein stimmiges Konzept das entweder historisierende oder anspruchsvollere moderne Bauten bringt. Aber die Weite und Großzügigkeit sollte man dem Areal mE nicht komplett nehmen.Edit: Ist doch irgendwo gut, dass es für Berlin zwei solch gegensätzliche Listen mit guter Architektur geben kann. Für Berlin wünsche ich mir gerade eine stimmige Mischung zwischen diesen und jenen Arealen sowie einige gemischte wo auch Brüche deutlich werden (ist für mich viel spannender als ein Rom oder Kern-Paris auf der einen oder eine rein moderne Stadt auf der anderen Seite). Beim MEF wird es aber sicher nicht so einfach einen wirklich großen Wurf zu landen...
-
Camondo: Nur zur Korrektur, der Walter-Benjamin-Platz ist eine "Schöpfung" von Hans Kollhoff und wurde 2001 eingeweiht. Davor lagen diese Grundstücke brach.
-