Alexanderplatz: Diverses

  • ^^
    Wolfgang Joop ist übrigens ein sehr begabter Bildhauer. Er könnte sicherlich der Berolina den nötigen Schwung verpassen und ein überzeugter Preusse ist er auch.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Das Land Berlin hat sich bislang jeder Rückkehr von historischen Elementen verweigert.

    Das kann man noch nicht einmal mit Ostalgie oder DDR-Affinität erklären. Nehmen wir die Gute Stube der anderen einstigen Haupt- und Residenzstadt als Beispiel - etwa der Pranger wurde kurz nach dem Krieg als Feudal-Irgendwasdingens abgebaut, aber 1988, noch unter den Kommunisten, rekonstruiert. (Bereits 1956 wurde anstelle des preußischen Königs ein polnischer dichtender Graf aufgestellt, der nur ein paar Jahre unter Stalin nicht ganz genehm war.) In Berlin durfte in den 1980ern der Alte Fritz unter die Linden zurückkehren - es wäre lächerlich, wenn dies in der Spätkommunismus-Ära einfacher sein sollte als jetzt, nach der Wende.

    Ich glaube, unter den 500K-Einwohner-Metropolen in Deutschland sind Berlin und Düsseldorf die jüngsten - und auch weiter östlich haben Breslau, Posen, Prag wesentlich mehr Geschichte. Wenn man so wenig hat, sollte die Bestrebung ganz besonders sein, jedes Geschichtskrümmel aufzusammeln und zu pflegen - die Berolina inklusive. Batōs Idee des Standorts vor dem Schloss wäre ebenso nicht verkehrt, wenn uns dadurch das Symbol des Durch-Politiker-verschaukelt-zu-werden erspart bliebe. (Und die Mosaiken unter einem begehbaren Panzerglas gerettet.) Den Alex fände ich mit ihr dennoch nicht überladen, auf dem einstigen Forum Romanum gab es die -zigfache Monumente-Dichte.

    Die Briten haben übrigens neben Big Ben eine keltische Königin samt Töchtern auf einem Streitwagen - verglichen damit strahlt die Berolina selbst im Kettenhemd geradezu Pazifismus aus. [Scherz-Mode] Gibt es in Berlin keine Feministinnen mehr, die nach einer Parität männlicher und weiblicher Statuen im Stadtbild rufen würden? [/Scherz-Mode]

  • ^^Was hat jetzt Breslau mit meiner Aussage zum Umgang des Berliner Senats mit Geschichte zu tun? Verstehe ich beim besten Willen nicht.

    Auch die These, Berlin sei im Vergleich zu anderen Städten besonders jung, ist nur Legende: neben der Ersterwähnung der Stadt 1237 haben Grabungen vorletztes Jahr geschlossene Stadtstrukturen um 1150 bewiesen. Was daran "wenig Geschichte" sein soll: who knows.

    Offenbar aber gehört der Bau-Lcfr zu den vielen Zeitgenossen, die den Legenden um die angeblich junge Stadt aufgesessen sind. Das kommt davon, wenn man zuviel Literatur über die bauliche Moderne liesst: um sich von der Vormoderne abzugrenzen liessen die Autoren von 1900 bis 1925 (z.B. Karl Scheffler mit seinem häufig zitierten Satz Berlin habe das Schicksal "immerfort zu werden" und dürfe nicht sein. Warum eigentlich nicht?) kaum ein gutes Haar an der Berliner Stadtgeschichte, die aus ihrer Sicht eigentlich erst 1871 begann.

    Jedoch war nicht nur die Hohenzollernherrschaft seit 1415 spannend und stadtbildprägend, die Auseinandersetzungen des "Berliner Unwillens" atypische Berliner Besonderheiten, Stadtbrände, Judenverbrennungen auf dem Neuen Markt (der als vordemokratischer Platz nicht einmal als städtebauliche Form wieder zurückkehren darf), nein, auch das frühe Mittelalter birgt seine Überraschungen: Das Alte Rathaus (Erdgeschoss jüngst geschreddert) und die Gerichtslaube mit Kaak und offenem Raatssal (gut erhaltene Reste in 2014 zerstört, Teile durch Geschichtsverein geborgen) offenbaren viel über mittelalterliches Leben und Verfasstheit. Ähnliches gild für Alt-Kölln am Petriplatz (Rathaus Ratswaage) und das faszinierende Rathaus in der Mitte der Spreebrücke - ein Kuriosum einer Doppelstadt.

    Alles zusammengefegte "Geschichtskrümel"? Wer so redet ist entweder ignorant, böswillig oder ein Kind des Berliner Schulsystems, das die Landeskunde schon lange als überflüssig gestrichen und den letzten Lehrstuhl für Berlin-Brandenburgische Geschichte letztes Jahr abgeschafft hat.

    Welche explosive Mischung entsteht wenn sich eine Gesellschaft ihrer Geschichte verweigert ist bekannt: kein Vorbild, keine negative Erfahrung steht mehr als Messlatte für das eigenen Handeln. Die Witze über Feminismus und Pazifismus passen eben genau in diese treudoofe Haltung der Ignoranz, verbunden mit dem typischen Mir-kann-keener-wat. Das ist eben traurig, aber wahr.

  • ... ob eine Stadt ~ 780 Jahre oder ~ 1300 Jahre alt ist, spielt im Stadtbild i.d.R. keine Rolle. Es gibt auch in deutlich älteren Städten keine oder kaum sichtbare Bauten aus den Epochen der Romanik oder noch früher. Und wenn, dann sind sie überformt oder nur noch als Fragmente / bzw. in ihren Fundamenten erhalten. So auch die von Konstantin erwähnten 2014 " abgerissenen " Bauten. Das kann man dokumentieren, ggf. einzelne Stücke freilegen und in Neubauten einbeziehen. Die Beseitigung dieser Grundmauerreste halte ich aber für vollkommen in Ordnung. Man kann nicht jedes Fundament auf ewig konservieren. Lediglich in den alten Kaiserstädten, die sich nach dem Mittelalter nicht weiterentwickelt haben, gibt es noch sichtbare Zeugen früherer Architekturepochen.

  • ^Das ist eben genau die gleichgültige Haltung, die ich meine und kritisiere. Die "Grundmauern" des Alten Rathauses war immerhin die erdgeschossige Tuchhalle von 1430, mit Pfeilerbündeln bestens erhalten. Wer darin "Grundmauern" sieht erkennt wahrscheinlich im Brandenburger Tor die Einfahrt zu einer Hochgarage.

    Die letzten originalen Reste des Hochmittelaltes sind etwas anderes als "jedes Fundament auf ewig konservieren". Das ist eben die Grundhaltung, die Berlin schon seit 1840 zerstört hat: wech mit dem ollen Zeug, wir können es eh' besser. Arrogant, kulturlos und immer mit Sympathie für den ganz großen Wurf. Das nächste mal wird alles besser.

  • Nun gab es bei den Resten des alten Rathauses ja auch das praktische Problem, daß diese dem U-Bahnbau schlicht im Weg waren. Was hätte man tun sollen?
    Alles am Stück ausgraben und translozieren?
    Oder etwa den Bau der U-Bahn abbrechen?
    Wir wissen alle daß das mittelalterliche Berlin für Dich eine Art Fetisch zu sein scheint, aber die wesentliche Geschichte dieser Stadt umfaßt eben eher die letzten 200-250 Jahre, alles davor ist ein eher unbedeutendes Vorspiel.
    Wir sind nicht in Rom, wo sich die Situation genau umgekehrt darstellt, das Wesentliche geschah bis zum 18. Jahrhundert, alles danach ist in Relation zum Vorangegangenen eher banales Nachspiel.

  • @ Konstantin ... ja aber was willst Du mit den baulichen Überresten des ausklingenden Mittelalter ( Hochmittelalter war um das Jahr 1000 ) machen ? Ich habe nichts dagegen, wenn Mauerreste in Neubauten einbezogen werden, aber die Entwicklung der Stadt in zentralen Bereichen sollte m.E. nicht durch ausgebuddelte Mauerfragmente konterkariert werden. Eine vernünftige Dokumentation, von der ich annehme, dass sie geschehen ist und danach ist ein Abriß IMHO vertretbar.
    Wenn das so gut erhaltene Gemäuer von hohem historischen Wert gewesen wären, dann hätte man sicher andere Lösungen finden müssen.
    Du bist wahrscheinlich übersensibilisiert, was den Wert von historischen Bauten bzw. deren freigelegten Reste betrifft.

  • Na, in meinem Studium begann die Neuzeit erst mit Luther. Aber zur Sache: es wird doch durch die Senatsbaudirektorin gerade verhindert, dass eine Beziehung zwischen Originalfunden an Originalorten öffentlich sichtbar entsteht.

    - die Ratswaage ist am Petriplatz aus dem beschlossenen B-Plan wieder gestrichen
    - das Alte Rathaus hätte doch im Pflaster vor dem neuen, Roten Rathaus sichtbar gemacht werden
    - die Funde am Jüdenhof könnten in eine Neubeuung integriert werden

    All dies ist nicht gewollt, eine neue Freiflächenplanung von Monsigny-Levin betoniert 800 Jahre Stadtgeschichte einfach wieder sauber zu - an einer Ecke kommen ein paar Cortenstahlbänder für die unverbesserlichen zum Einsatz, aus denen man nichts erkennen kann.

    Es gibt doch wirklich vielel Beispiele, wie man Neubau und Geschichtsrelikte in situ verbinden, weiterbauen kann. Wenn man aber die Altstadt zwischen Alex und Spree für ein homogenes Gebiet der Moderne hält, in dem ein paar historische Stücke wie die Marienkirche und das Rathaus etwas dekorative Wirkung entfalten dürfen geht das natürlich nicht.

    Das ist die schöne, neue Welt der Senatsbaudirektorin: Beton, soweit man sieht - und keine historischen Störungen.

    (C) Selbst

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Es gibt auch in deutlich älteren Städten keine oder kaum sichtbare Bauten aus den Epochen der Romanik oder noch früher.


    Das wäre ein guter Grund, alles, was vorgefunden wird, möglichst zu erhalten (notfalls um einige Meter versetzt) und sichtbar zu machen. Gerade deswegen, weil es so selten ist.

    Dekoratives Anführungszeichen

    Alles zusammengefegte "Geschichtskrümel"? Wer so redet ist entweder ignorant, böswillig oder ein Kind des Berliner Schulsystems

    Das klingt, als ob die Spuren Berliner Vergangenheit im Stadtbild reichlich bzw. zu reichlich vorhanden wären. BTW: Die Geschichte der meisten Metropolen Europas beginnt nicht 1150, sondern zumindest im ersten Jahrtausend, wenn nicht gar vor Christi. Auch die wirklich alten Städte scheuen keine Mühe, die Vergangenheitsspuren zu zeigen - etwa in Athen gelang es, in den U-Bahnhöfen zu zeigen, was während des Baus ausgegraben wurde. In Zürich gibt es im Treppenhaus der in den letzten Jahren erbauten Tiefgarage vor dem Opernhaus eine Ausstellung, was dort vorgefunden wurde. In Neapel wird alles gezeigt, was die Griechen ab 600 vor Christi hinterlassen haben - Teile alter Straßen inmitten der Plätze usw. Es sind meist spannende Lösungen, die die Bauwerke interessanter machen.
    Dass man es erst recht tun sollte, wenn man weniger davon hat, sollte doch einleuchten?

    Dass der Verlauf der mittelalterlichen Mauer samt Tore im Boden der Fußgängerzone eingezeichnet wird, ist eigentlich Standard - das habe ich in unzähligen Städten gesehen. Wenn es gerade Berlin nicht tun sollte, wüsste ich nicht, weswegen.

    Und bitte nicht mit einer Stadt der Moderne als Attraktion kommen - wer nicht nachweisen kann, dass er schon mal Marl, Gladbeck & Co besuchte, sollte sowas nicht sagen.

    2 Mal editiert, zuletzt von Bau-Lcfr (10. Dezember 2014 um 09:31)

  • Dekoratives Anführungszeichen


    Dass der Verlauf der mittelalterlichen Mauer samt Tore im Boden der Fußgängerzone eingezeichnet wird, ist eigentlich Standard - das habe ich in unzähligen Städten gesehen. Wenn es gerade Berlin nicht tun sollte, wüsste ich nicht, weswegen.

    Dafür ist hier eine andere Mauer in dieser Art im Bodenbelag verewigt worden und die ist auch bekannter als die meisten anderen Mauern.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Nun gab es bei den Resten des alten Rathauses ja auch das praktische Problem, daß diese dem U-Bahnbau schlicht im Weg waren. Was hätte man tun sollen?
    Alles am Stück ausgraben und translozieren?
    Oder etwa den Bau der U-Bahn abbrechen?


    Man hätte z.B. auf den unsinnigen Bahnhof "Berliner Rathaus" verzichten können (und nebenbei auch noch Geld sparen). Bei der Distanz zum Alex würde man üblicherweise nicht einmal eine Bushaltestelle einrichten. Ein reines Prestigeobjekt.

    Ansonsten muß ich Konstantin zustimmen. Berlin ist leider ziemlich geschichtsvergessen, was die Baugeschichte angeht - im Kleinen wie im Großen. Gerade aus mittelalterlicher Zeit ist in Berlin kaum etwas erhalten.

    Platz für zeitgenössische Stadtgestaltung ist ja reichlich vorhanden, nur wird er genau an den Stellen nicht (oder nur sehr selten) dafür genutzt. Sattdessen wird Alt und Neu gegeneinander ausgespielt. Dabei gibt es in dieser Stadt wie in kaum einer anderen Stadt Platz für beides.

  • Immerhin. Ich sagte schon einmal in diesem Forum: dem Berliner ist das 20. Jahrhundert seine Antike (Grammatik bewusst gewählt).

    Das barocke und das mittelalterliche Berlin, beides Vorläufer der modernen Stadt sind jedoch selbstverschuldet versunken. Stadttore? Fehlanzeige. An ein, zwei Stellen gibt es zusammenhangslos Reste der Akzisemauer. Barocke Gebäude sind unter 10 geblieben, das letzte (Kammergericht) durch Überbauung bis auf die Frontfassade überformt.

    Ich gehöre nun beileibe nicht zu den Menschen die Flächenabrisse verlangen um etwas zu ändern, aber bei der völligen Neugestaltung des großen Leerraumes zwischen Alexanderplatz und Spree hätte man wirklich mehr machen können als eine größe Betonöde mit ein paar neuen Denkmalen als Kranzabwurfstelle. Luther wird zusammenhanglos am nicht mehr erkennbaren Neuen Markt stehen und das Flächendenkmal der gekippten Fassade des Wohnhauses Moses Mendelssohns (Ulmann) wird an nicht historischer Stelle ratlos machen. Ach, ja, ein paar Pfeilerbündel des AltenRathauses sollen vom Bahnsteig der neuen U-Bahn aus sichtbar werden, wenn das "archäologische Fenster" nicht noch wieder aus Geldgründen gestrichen wird, wie andernorts in der Stadt.

    @ Bau-Lcr: Bitte nicht Städte mit römischer Besetzung und ohne vergleichen: es ist hinlänglich bekannt, dass die römische Kultur auch deutsche Städte zu einer frühen Blüte geführt hat. Östlich der Elbe und Donau sind die Referenzen aber eher andere, die Brandenburg ist erst Mitte des 12. Jahrhunderts von Albrecht dem Bären erobert worden. Insofern ist die Entwicklungs Berlins typisch und dynamisch, im übrigen auch als Hansestadt. Viele Besonderheiten Berlins lassen sich auf den Doppelstadtcharakter zurückführen.

    Aber zurück zum Thema, dem Alex. Hier ist ja schon einmal ein kleiner Bronzebalken für eine Barrikade der 48-er-Revolution eingelassen (vor Saturn), durch die Änderung der Straßenführungen natürlich zusammenhanglos. Die Berolina wäre ein schöner Konstrast zum modernen Platz (Konstraste werden doch von den Modernisten an historischen Plätzen immer gefordert, aber an modernen Plätzen darf natürlich nichts Historisches wiederkommen). Die Berolina würde auch die Frauenquote aufbessern (sonst geht es doch bei jedem Straßennamen um Mädchen oder Junge). Aber es werden sich gewiss Gründe finden, warum die Rückkehr eines Zeugnisses der Vergangenheit - natürlich nur in diesem Fall und an diesem Ort - leider, leider gar überhaupt nicht möglich ist.

    Hier (Klickmich) im überigen mal eine Überlagerungen aus der neuen Histomap.

    2 Mal editiert, zuletzt von Konstantin (10. Dezember 2014 um 10:54)

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Östlich der Elbe und Donau sind die Referenzen aber eher andere

    Deswegen nahm ich zuerst andere Städte aus der Region als Referenz, die touristischen Magneten (Prag, Krakau, Breslau, Posen - Krakau und Prag wurden im WKII kaum zerstört) haben bereits eine Geschichte vom Ende des ersten Jahrtausends. Dass es irgendwo (wie in Berlin) etwas weniger Geschichte vor dem 20. Jh. als woanders gibt, kann natürlich keine Rechtfertigung sein, diese zu vergessen. Gerade umgekehrt, das Vorhandene und das Mögliche muss besonders stark in Szene gesetzt werden, um den Nachteil gegenüber reicheren Städten auszugleichen.

    Konkret: Ich hoffe, dass das Geld für die Pfeilerreste des Alten Rathauses in der U-Bahn-Station reicht, derer Gestaltung würde dadurch gewinnen. Was hätte man aber in diesem Fall mehr machen können? Eine Rekonstruktion auf der Erdoberfläche würde den Blick auf das zum Wahrzeichen gewordene Rote Rathaus stören.

    Ich wüsste nicht, wieso das Einzeichnen der Berliner Mauer das Markieren der mittelalterlichen Wehrmauer ausschliessen sollte - oder umgekehrt. In der Londoner City ist jedenfalls die Römische Stadtmauer in großen Teilen vorhanden. Wenn man aus der U-Bahn an der Station Tower Hill hinausgeht, sieht man gleich eine in der Neuzeit aufgestellte Statue eines Römischen Kaisers - wieso etwa in Berlin am Alex nichts an den Albrecht dem Bären und Zeitgenossen erinnern sollte, wüsste ich nicht. Oder ersatzweise Berolina, die ja bereits mal am Alex stand.

  • Erstens liegt Prag nicht östlich der Elbe und Krakau und Breslau haben eine vergleichbare Geschichte ab dem Ende des 10. Jahrhundert, also etwa 150 Jahre mehr als Berlin. Das macht den sprichwörtlichen Kohl nun wirklich nicht fett, ist jedenfalls nicht hinreichend deshalb von einer geschichtslosen Stadt zu plaudern.

    Das Alte Rathaus hätte natürlich vor dem neuen Rathaus erhalten, rekonstruiert oder modern ergänzt werden können. Aus dem Rathaus der Reichshauptstadt auf die Anfänge der Stadt zu schauen hätte ein schöner Kontrast sein können. Mindestens hätte man die Funde in situ erhalten können, für die U-Bahn sollte im Großen Leerraum auch 1,50 weiter nördlich Platz gewesen sein. Gleiches gilt für die Gerichtslaube, die heute in Babelsberg steht. Was spräch gegen eine Rückführung auf die historischen Grundmauern? Also: Grundmauern entfernen, damit die Historiker nicht mehr nerven.

    Die Königskolonnaden hätten wunderbar am alten Standort integriert werden können. Fehlanzeige. Städtebaulicher Rekonstruktion des Neuen Marktes? Nein, die schräge Freifläche der Feifläche der 70er darf nicht zerstört werden (wer hat hier eigentlich was zerstört?). Neptunbrunnen zurück vor's Schloß? Ach was - schierer Revanchismus, wir fahren ja auch nicht mehr mit Kutschen (Regula Lüscher). Historischer Sockel für's Lutherdenkmal? Unsinn: wir brauchen einen internationalen Wettbewerb für einen modernen Sockel, wenn der alte Antisemit zum 500. Jubiläum der Reformation schon wieder aufgestellt werden muss.

    Und in dieser Art geht es ja seit mehr als 6 Jahren tagein, tagaus weiter, auch in anderen Ecken des Stadtkernes. Petriplatz, Klosterstraße, Franziskanerkirche, Rosenstraße, Kliner Jüdenhof, Großer Jüdenhof: am besten (wie bei letztem) nach der Ausgrabung wieder Asphalt drüber und einen Parkplatz, den man vermieten kann. Das ist Geschichtfeinlichkeit pur. Diese Politik kannst Du nicht ernsthaft auf einen Fall reduzieren.

    Deshalb halte ich eine Rückkehr der Berolina, so wünschenswert sie wäre, für ausgeschlossen.

    Einmal editiert, zuletzt von Konstantin (10. Dezember 2014 um 20:58)

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Neptunbrunnen zurück vor's Schloß? Ach was - schierer Revanchismus, "wir fahren ja auch nicht mehr mit Kutschen" (Regula Lüscher).

    Wenn die Begründung so wirklich fiel, ist sie denkbar unsinnig - im August 2014 habe ich vor einem Neptunbrunnen Kutschen fotografiert, übrigens die einzigen auf dem Platz geduldeten Fahrzeuge:

    Dieses stupide Symbolisieren der Zukunft durch engstirnigste Äußerlichkeiten beobachte ich auch im Ruhrgebiet - eher werden Sichtbeton-Glas-Klötze hingestellt als etwas rekonstruiert und die offizielle Geschichte beschränkt sich auf Zechen&Hütten (obwohl manche Städte mindestens so alt wie Berlin sind). Als Touristenmagnet gilt keine von den sterilen verhunzten Innenstädten, Leerstände und Verödung sind das Hauptthema. (Kein Wunder, dass die Revier-Städte neben Berlin zu den bankrottesten deutschlandweit gehören.) Erlebbare authentische Geschichte ist das einzige, was weder Internet noch Grüne-Wiese-Malls nachmachen können - die Malls versuchen es sogar, aber authentisch kann es nur in einer echten Altstadt wirken.

    Wieso man die U-5-Haltestelle nicht um 1,5 Meter verschieben konnte, um die Rathaus-Überbleibsel zu retten, ist mir ein Rätsel - die Ausgrabung gab es doch noch bevor die Station betoniert wurde?

    Wo genau gab es die Gerichtslaube und die Königskolonnaden?

  • Regula Lüscher & die Kutschen

    Frau Lüscher äußerte sich zum Neptun und dem Schloßumfeld z. B. im Tagesspiegel vom 11.7.14. Lüscher betonte die "zeitgenössische Nutzung im historischen Kleid" sei ein "Projekt des 21. Jahrhunderts". Deshalb solle der öffentliche Raum der Umgebung zeitgenössisch gestaltet werden, schon "weil die Straßen und Plätze heute nicht mehr von Kutschen befahren" werden. Das ist doch deutlich, oder, wenn auch nicht wirklich schlüssig.

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/intervi…t/10182892.html

    Bei der U-5-Baustelle ist in der zwanziger Jahren ein Stummel Röhre als Vorleistung erbracht worden, der vom Alex bis zur Jüdenstraße reicht. Diesen wollte man - ohne Kurve - weiterführen und als die Geschichtsvereine und das Bürgerforum auf den Plan trat war die Planung natürlich schon abgeschlossen und die BVG wollte nichts mehr ändern.

    Zum Alten Rathaus / Gerichtslaube: https://de.wikipedia.org/wiki/Altes_Rathaus_%28Berlin%29

  • Zum Problem der Kaugummibeseitigung, ich habe eine Antwort von der BSR enthaelt:

    Dekoratives Anführungszeichen

    Die Entfernung von Kaugummi ist speziell auf öffentlichen Plätzen ein wichtiges Thema, insbesondere vor Geschäften.

    Zur Entfernung von Kaugummirückständen ist eine Hochdruckreinigung erforderlich. Diese ist allerdings, aufgrund des in Berlin vorzufindenden, sandverfugten Pflasters, nicht anzuwenden.

    Wir haben bereits sämtliche am Markt verfügbaren Geräte getestet. Das Bezirksamt ist dabei ebenfalls stark einbezogen und bisher konnte keine wirksame bzw. praktikable Technik gefunden werden, ohne dabei den Bodenbelag zu beschädigen.

    Habt ihr dazu eine Meinung oder Vorschlaege?

  • Die Berliner Morgenpost berichtet heute über das Ansinnen der Gesellschaft Historisches Berlin e.V., einen Teilbereich des Platzes zwischen dem Roten Rathaus und der Marienkirche nach historischem Vorbild wieder zu bebauen. Grundlage soll der Grundriss aus dem 17. Jahrhundert sein.

    Die Gebäude sollen in traditioneller Architektur errichtet werden. Allerdings versperrt man sich auch nicht, vereinzelt Gebäude mit zeitgenössischer Architektur zu bauen.

    Der Vorstandsvorsitzende des Gesellschaft kritisiert gleichzeitig die Senatsbaudirektorin Lüscher, indem er ihr "böse Absichten beim Verfolgen ihrer Verzögerungsstrategie" unterstellt, "weil sie ihre Stadtplanung in der Idee der 50er- und 60er-Jahre mit aufgelockerter Bebauung statt Blockrandbauten, Freiflächen und viel Grün durchsetzen will".

    Lüscher ihrerseits weist die Kritik zurück. Angeblich laufen die Arbeiten für den Beteiligungsprozess Berliner Mitte basierend auf dem Beschluss des Abgeordnetenhauses auf Hochtouren.

    http://www.morgenpost.de/bezirke/mitte/…-entstehen.html