Virtuelle Altstadtmodelle

  • Unter "geschichtsverachtend" verstehe ich Architektur, die sich ohne jeglichen Bezug auf den baulichen Kontext, und die Geschichte des Ortes auf dem bzw. in dem sie gebaut wird, auf geradezu pubertäre in den Vordergrund drängt, ohne auch nur im entferntesten in ihrer Qualität mit dem baulichen Umfeld gleichziehen zu können. Wie eben das Historische Museum.


    Ich jedenfalls kenne kein einziges Beispiel, wo moderne Architektur genau das nicht tut. Und sich einfach mal dem städtebaulichen Umfeld unterordnet, wie es bis vor 50 Jahren noch normal war.

  • ^^ Ähm, ich bin nicht unbedingt ein Verachter alter Architektur, aber gehört zum städtebaulichen Umfeld nicht auch die Infrastruktur? Wären mittelalterliche Gassen seit den letzten 50 Jahren nicht ein enormes Hindernis? Die Anforderungen haben sich halt in den letzten 50 Jahren verändert. Normal ist seit 50 Jahren etwas anderes! So zu pauschalisieren und die neuen Zeiten so zu verdammen ist nicht fair, auch NICHT in anbetracht eines häßlichen "Historischen Museums"! Du pauschalisierst hier wirklich sehr stark!!!

  • Normal ist sicherlich etwas anderes in der heutigen Zeit. Leider ist es uns allen nicht vergönnt zu erleben wie das Ursprüngliche in das heute "normale" gewachsen wäre. (Stichwort Krieg) So haben wir eben nur die Schwarz-Weiß Sicht. Auf der einen Seite die "alte Welt" in alten Maßstäben an denen sie sich ausgerichtet hat. Auf der anderen Seite die Maßstäbe von heute und die Städte die nach ihnen gebaut wurden. Ich denke das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Deutschland und anderen Ländern. Hier wurde alles zusammen mit den neuen Anforderungen aufgebaut. Ohne Krieg hätte sich das Alte langsam anpassen müssen.
    Nun, wenn "Moderne" bedeutet genau das weiter zu praktizieren und sich den von Tag zu Tag neu definierten Maßstab anzusehen und nach ihm zu bauen, auch wenn die Umgebung nach ganz anderen gebaut und gestaltet wurde, dann werden wohl immer wieder Fehler wie das technische Rathaus gemacht.


    Im Lichte dieser Überlegungen kann es wohl nicht schaden sich wenigestens zu fragen wie es an einer Stelle wohl ausgesehen hätte, hätte sich alles mitentwickelt. Dazu bedarf es aber erstmal der Kenntnis und der Anerkennung des Alten. Von vornherein zu sagen es ist unbrauchbar für heutige Anforderungen und sich statt dessen wieder sklavisch den neuen Maßstäben zuzuwenden,führt zu allem anderen als einer Identität.


    Und fern ab von alldem muss man sich die Größenverhältnisse des diskutierten Gebietes zur gesamten Stadt vor Augen halten und dass "Rekonstruktion" ja nicht heißt mach macht eine gesamte Fläche ohne Rücksicht auf bestehende Infrastruktur platt, also Straßen, U-bahnen Plätze um dann neu zu bauen.



    Nur mal ein paar Gedanken

  • Es gibt schon Orte in denen man das Alte RICHTIG erleben kann (Rothenburg ob der Tauber u.s.w....), aber in Frankfurt halt (noch) nicht so richtig. Eine Rekonstruktion macht schon Sinn, allerdings darf diese in keiner Weise als Maßstab für heutige Bauvorhaben dienen. So viel Rücksicht auf moderne Errungenschaften wie das Automobil muss schon sein!

  • Ich sehe in der in Frage stehenden Ecke zwischen Main und Berliner Straße keine Probleme mit "modernen" Anforderungen. Die Straßen und Gassen waren allermeistens breit genug, um zumindest ein heutiges Feuerwehrauto aufnehmen zu können. Privater Autoverkehr ist in dem Areal sowieso nonexistent, von der Braubachstraße mal abgesehen. Von daher wäre bei einer Rekonstruktion weiterer Gebäude im fraglichen Bereich Rücksichtnahme auf moderne Anforderungen nicht zwingend erforderlich.

  • Interessant, von Pauschalisierungen zu sprechen, wenn du selber direkt aus der Schublade heraus argumentierst. Im Bereich der Altstadt, wo der Verkehr praktisch nonexistent ist, mit "Anforderungen der Infrastruktur" zu argumentieren, wirkt schon arg an den Haaren herbeigezogen. Bzw. erinnert an das 50er Jahre-Argument der "autogerechten Stadt", die uns solchen Mist wie die Berliner Straße beschert haben.


    Ansonsten harre ich noch immer eines Beweises, dass die modernen Zeiten irgendetwas besseres gebracht haben, außer einer totalen kostenmäßigen Rationalisierung des Bauens. Die unsere Städte zunehmend so aussehen lässt, wie als hätte man jeden Neubau beim gleichen Händler gekauft.

  • ^^
    Ich jedenfalls kenne kein einziges Beispiel, wo moderne Architektur genau das nicht tut. Und sich einfach mal dem städtebaulichen Umfeld unterordnet, wie es bis vor 50 Jahren noch normal war.


    Deine Vorstellung von einem städtebaulichen Umfeld braucht man nicht weiter diskutieren. :nono: Meine Meinung ist außerdem Menschen die kreative Freiheit schätzen bekannt genug als das man darüber reden sollte. Wer so pauschal urteilt, der läßt sowieso keine andere Meinung zu... Achso, die Rekonstruktion habe ich NICHT in Frage gestellt, sondern nur die pauschale und stark engstirnige Aburteilung moderner Architektur. Siehe meine vorigen Posts... :nono:

  • In der Tat, wenn du dich einer Diskussion aus vorgeschobenen Gründen einfach verweigerst, braucht man nicht zu diskutieren. Also Ende Gelände hier.

  • ^^ So sieht es aus... ich habe meinen Teil gesagt, bin tolerant und die Rekonstruktion wird hoffentlich ihren Weg gehen, wie der Hochhausbau in Frankfurt auch. Das macht mich glücklicher als eine Kompromisslösung wie "das Haus am Dom"! Erfreuen wir uns (hoffentlich) vorerst an der gerenderten Altstadt!

  • Wären mittelalterliche Gassen seit den letzten 50 Jahren nicht ein enormes Hindernis?


    Ich möchte bei dieser Gelegenheit noch einmal daran erinnern, dass in Engels modernistischem Entwurf die Gassen auf dem TR-Areal teilweise enger gewesen wären als die ursprünglichen mittelalterlichen.

  • Ich glaube das mit den Straßenbreiten war allgemein gemeint und nicht auf die Altstadt bezogen. Es geht unterm Strich doch eben darum: Die Zeiten haben sich geändert. Es gibt eben Autos und Computer und unsere Kultur unterscheidet sich wesentlich von der Anfang der 20.Jhd.
    Wir haben keinen Kaiser mehr, die wenigsten sind gläubige Christen, fast jeder kann englisch sprechen etc.
    Die Architektur sieht sich selbst als Kunstform und Ausdrucksmittel der Kultur. Punkt!
    Das ist alles worum es geht. Das begründet auch warum Modernisten Originale respektieren und Rekos ablehnen.
    Ob die moderne Architektur zur Zeit unsere Kultur angemessen wiedergibt ist eine andere Frage. Aber zurück zu der Architektur des Kaiserreichs ist von diesem modernen Standpunkt aus einfach inakzeptabel.
    Vielleicht wäre eine Rückkehr zum "Ornament" angebracht, aber dann nicht mehr in Form von Putten sondern in Form von meinetwegen Computerchips oder sowas.
    Ach ja tolles Modell.
    Da wir grad ziemlich Offtopic sind, möchte ich dazu mal sagen, dass in diesem Zusammenhang virtuelle Architektur und virtuelle Rekonstruktion in wenigen Jahren eine sehr bedeutende Rolle spielen könnte!

  • Ich glaube das mit den Straßenbreiten war allgemein gemeint und nicht auf die Altstadt bezogen.


    Gut, aber wenn es tatsächlich so gemeint wäre, dann wäre die Aussage aber banal. Denn wer will schon enge Gassen außerhalb der Altstadtbereiche? Außerdem ist dann auch die Angabe "seit den letzten 50 Jahren" unsinnig, denn so enge Gassen wie im Mittelalter baut man schon seit erheblich längerer Zeit nicht mehr.


    Wir haben keinen Kaiser mehr, die wenigsten sind gläubige Christen, fast jeder kann englisch sprechen etc.


    Diese Tatsachen sind unbestreitbar. Bloß die Schlüsse, die zuweilen aus ihnen gezogen werden, sind teilweise geradezu abenteuerlich.


    Die Architektur sieht sich selbst als Kunstform und Ausdrucksmittel der Kultur. Punkt!


    Überspitzt formuliert: Der Elfenbeinturm versucht zu definieren, dass er die Realität sei und der Rest der Welt sei mit Unwissenheit geschlagen und daher in solchen Fragen irrelevant.

  • Sicherlich ist die Richtung und Ästhetik der aktuellen Architektur absolut Weltfremd, wie der Rest der ganzen Kulturszene (Theater, Malerei etc.) auch.


    Das ist eine Szene die zwar auf hohem Niveau nach ganz eigenen, schwerverständlichen Kriterien beurteilt, wie denn die "Kultur" aussehen müssse.
    Der einfache Bürger, der in diesen Städten leben muss, bleibt da außen vor.
    Bestes Beispiel ist das Rebstock-Gelände. Super komplexe, philosophische Planung, die wahrscheinlich niemand außer Eisenman selbst je verstehen oder genießen können wird.
    Sowie ich diese Richtung für einen Irrweg halte, so sehe ich aber auch Rekonstruktionen im großen Stil als falsch.
    Ich habe nichts gegen die Reko von Baudenkmälern, solange sie Denkmäler bleiben. Aber in stilistischer Richtung denke ich, dass man nicht mehr so wirklich zurück kann, schon ganz einfach weil ich überzeugt bin, das beständiger Fortschritt, Entwicklung und Veränderung eine natürliche Eigenschaft unserer Art ist.

  • Das stimmt schon. Aber ohne Besinnung auf Geschichte und Tradition gehts nunmal nicht. Schaut man sich die ganzen Baustile an, gab es immer ein Aufgreifen von Themen älterer Epochen. Bekanntestes Beispiel dürfte ja der Klassizismus mit seinem Bezug zur Antike sein. Es sah zwar jede Epoche anders aus, aber man hat sich nie bewusst vollkommen anders dargestellt, als die Vorgänger. Ergebnis waren Städte die wie aus einem Guss wirkten. Gerade auch Frankfurt konnte man vor dem Krieg bedenkenlos zu den schönsten Städten der Welt zählen. Die Bauhaus-Moderne war da ganz anders, die bewusst jeglichen Bezug zur Geschichte ablehnt, was neben der "autogerechten Stadt" mit der Hauptgrund an der vollständigen Verschandelung der Zentren vieler deutscher Großstädte während dem Wiederaufbau ist. Außer Leuten wie Mäckler folgen halt noch viel zu viele Architekten diesem Irrweg.

  • libero:
    Ein so großes Fass wollte ich eigentlich nicht aufmachen - was das Angst und Bange werden betrifft, würde ich es gar nicht so tragisch sehen. Ich bin kein Vertreter eines architektonsichen Ewigkeitsanspruchs und ich denke, dass die "Mittelalter-Klassizismus-Vorhängefassaden-Städtchen", die einigen vielleicht als Schreckgespenst erscheinen, in fünfizig Jahren genauso unbarmherzig beurteilt werden würden, wie die "Ich-will-und-kann-nicht-Brutalismus-Klötzchen" heute.


    RMA2000:
    Danke für die Antwort. An dieser Stelle käme man eigentlich nicht umhin dem Begriff "modern" wirklich zu definieren, auch damit ich Deinen Rundumschlag (die Sache mit dem pubertären Nicht-Einfügen) einordnen kann - das würde den Thread aber wohl völlig off-topic bringen...


    Eigentlich wollte ich den Eindruck formulieren, dass diese Debatte - nicht nur hier im Forum - auch mal gern dazu genutzt wird, ein Unbehagen gegenüber einem irgendwie schwammigen Begriff vom Moderne zum Ausdruck zu bringen. In den werden dann alle - vor allem stadtplanerischen - Fehler der letzten sechzig Jahre gepackt und munter mit einem genauso schwammigen Begriff von "klassisch" oder einfach nur nicht-modern draufgehauen.
    Das ist im eigentlichen Sinne nicht zeitgemäß, denn wenn man schon so gerne die Historie heranziehen möchte, sollte man auch in der Lage sein die komplette Geschichte gelten zu lassen und nicht nur ausgewählte Teile.


    Bezogen auf das TR-Areal hielte ich es für eine vertane Chance, von vorne herein alles auszuschließen, was nicht konform mit dem eigenen Meinungsbild geht - das gilt für die Befürworter einer Komplettrekonstruktion nicht minder, wie für die (sehr uninspirierten) KSP-Leute.


    Ich habe für eine Komplettreko bisher zwei Argumente gefunden:
    Das Ensemble hat schonmal "funktioniert" (allerdings letztmalig vor 65 Jahren), halte ich für durchaus stark.
    Die Sache mit dem Touristenstädtchen halte ich für sich genommen nicht für erstrebenswert, zumindest würde ich sie dem Kontext, den die zukünftigen Bewohner und Nutzer definieren unterorden.
    Der Rest (nochmal: vor allem das historische "Argument") ist meiner Ansicht nach sachfernes und daher kontraproduktives Gepolter.


    Zuletzt:
    Sorry joerg für das "Threadjacking", ich wollte es nur einfach nicht so einseitig werden lassen, von jetzt an gehts mir hier nur noch ums Altstadtmodell, versprochen.

  • joerg


    Vielen Dank für dieses tolle Modell der Frankfurter Altstadt und den sehr illustrativen Renderings. Ich bin ja nur durch Zufall auf diesen Thread bzw. das Forum gekommen, ein Glückstreffer. Hab mich gleich mal angemeldet ...


    Wenn ich so die Beiträge lese, bin ich doch sehr überrascht, wie viele Menschen sich für eine weitgehende Rekonstruktion der verlorenen Stadtbilder einsetzen, das gibt doch sehr viel Hoffnung.


    Mit dem Abriß des alten Technischen Rathauses eröffnet sich eine einzigartige, fast schon historische Chance. Zum ersten Mal in der Geschichte der Nachkriegsrepublik, mit Ausnahme der unmittelbaren Wiederaufbauzeit nach 45, stellt sich die Frage nach einer kompletten Rekonstruktion eines Altstadtviertels. Es steht also nicht nur die Wiederrichtung einzelner herausragender Bauten zur Debatte, wie sie ja z.B. in Hildesheim erst neulich erfolgreich vorgeführt wurde; nein, es geht um die Rekonstruktion des Gesamtensemble inkl. Gassenstruktur und bau- und kunsthistorisch weniger relevanten Füllbauten.


    Liebe Leute, was sich hier anbahnt ist eine ungeheure Provokation für das versammelte Architekten- und Stadtplanerestablishment! Habt Ihr Euch mal gefragt, warum diese Seite das Altstadt-Projekt so wehement bekämpfen?


    Hätten Sie mit Ihren Argumenten Recht, könnten Sie sich entspannt zurücklegen und die ewiggestrigen Traditionalisten ihr Disneyland bauen lassen, das unmodernistische, schlecht funktionierende Ergebnis gäbe letzlich Ihnen Recht und niemand in Deutschland würde zukünftig je wieder etwas derartiges fordern.


    Aber das Gegenteil ist der Fall, sie haben Angst vor dem Erfolg des Altstadt-Projektes, sie fürchten die Begeisterung der Menschen für die wiedererstandene Teil-Altstadt. Denn wenn diese wirklich rekonstruiert werden sollte, wird Stadtplanung in Deutschland unter anderen Prämissen diskutiert werden !!

  • @ export


    Ich stimme mit allem was du sagst 100%ig überein. Eine Ensemblerekonstruktion könnte einen Dammbruch auslösen und einiges verändern. Ob das für die Architekturszene gut oder schlecht ist, vermag ich allerdings nicht zu beurteilen.

  • Folgenden Beitrag hatte ich schon mal am 3.12.2006 eingestellt. Er war aber nach der Zeit, in der das DAF offline war, nicht mehr da. Daher habe ich ihn noch einmal für euch zusammengestellt.


    SAALGASSE


    Das erste Bild zeigt den östlichen Eingang der Saalgasse am Weckmarkt. Ganz links am Rand sieht man ein Ecktürmchen vom Leinwandhaus (errichtet im Jahre 1399), das nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde. Dann folgt das Haus zum Storch mit einem Restaurant, das heute ebenfalls noch existiert, allerdings in einem 50er Jahre Neubau. Das Hauszeichen, der an der Ecke angebrachte Storch hat den Krieg übrigens auch überstanden. Der Blick geht in die Gasse hinein. Rechts außerhalb des Bildes befindet sich der Dom. Nach dem Krieg wurde in den 80er Jahren eine postmoderne kleinteilige Bebauung an der Saalgasse errichtet. Heute durchquert man die Gasse u.a., wenn man das Parkhaus Dom-Römer verlässt. Man biegt dann nach links Richtung Mainkai ab.



    Für das nächste Bild gehen wir geradeaus in die Saalgasse hinein und kommen an einen trichterförmigen Platz, der früher sehr oft fotografiert wurde, weil er zu den schönsten Orten Alt Frankfurts gehörte. Bekannt unter dem Namen Saalgassenplatz trug er im Mittelalter die Bezeichnung "Brotmarkt". Beachtet bitte bei den nachfolgenden Renderings die zahlreichen Details der Randbebauung wie Fensterläden, Durchfahrsperren u.a. und schaut nicht nur auf den Domturm, auch wenn er noch so beeindruckend ist! Das grell gelbe Haus (es war wirklich so intensiv angestrichen) trug den Namen Hl. Geist-Eck und hatte seine Bezeichnung vom daneben liegenden Hl. Geist-Hospital, das zu Beginn des 19. Jhds. abgebrochen wurde. Auch der Name der Gasse "Am Geistpförtchen" kommt davon. Links die Durchgangshäuser Zum Scharnhaus (außen) und Zum Häringshock (daneben). Dann die Einmündung der Langen Schirn und das blau angestrichene Haus Zu den drei Fischen.



    Das folgende Bild zeigt die andere Blickrichtung (um 180° gedreht). Zu sehen ist der trichterförimge Zuschnitt des Plätzchens, bevor am Knick hinten die Saalgasse als Gasse weitergeht. Der Brunnen ist - wie alle anderen Brunnen auch, barock und ersetzte einen alten Ziehbrunnen. Er befindet sich heute an der Ecke Hasengasse/Töngesgasse und ist vollständig erhalten.



    Zwischen Saal- und Bendergasse befand sich bis 1944 ein etwa 20 Meter breiter und dicht bebauter Hausstreifen. Die beiden Bilder, die nun folgen stellen die Häuser Zum Scharnhaus und Zum Häringshock vor, die mit ihren jeweiligen Hinterhäusern bis zur Bendergasse reichten und im Erdgeschoss Durchgänge besaßen, in denen sich vom Mittelalter an bis zur Aufhebung des Zunftzwangs im 19. Jhd. Metzgerschirnen befanden. Die Lange Schirn, in denen alle Metzger ihr Fleisch verkaufen mussten, lag ja direkt neben diesen beiden Häusern.



    Nachdem er in Leipzig Jura studiert hatte, führte der junge Johann Wolfgang Goethe seinen ersten und einzigen Prozeß um das Haus Zum Häringshock (Saalgasse 20/Bendergasse 11). Danach durfte er sich ja in Thüringen schriftstellerisch betätigen. Der Höhenunterschied zwischen Saal- und Bendergasse betrug an dieser Stelle etwa 1,10 m, wodurch in den Durchgängen Stufen notwendig wurden. Beide Gebäude wurden barockisiert, sind aber eigentlich gotisch, wie man an den Auskragungen und den Bereichen an der Langen Schirn bzw. der Bendergasse sehen konnte (dazu später) Rechts die Lange Schirn.



    Stilmischmasch an der Einmündung der Metzgergasse in das Saalgassenplätzchen. Die klassizistischen Steingebäude auf der rechten Gassenseite standen auf dem Bereich des abgebrochenen Hl. Geist-Hospitals. Der unregelmäßige Gassenverlauf links resultiert aus Erschließungswegen für die großen Häuser an der Saalgasse, die hier mündeten. Ein Tor ist auf dem Bild auch zu sehen, es gehörte zu Saalgasse 9.



    Das nächste Bild zeigt die Gasse "Am Geistpförtchen" mit Blick Richtung Main. Das klassizistische Torhaus mit einem Belvederchen auf dem Dach ersetzte einen alten Torturm. Die Aussicht vom Belvederchen muss traumhaft gewesen sein, denn von hier aus konnte man den gesamten städtischen Mainbereich überblicken. Heute befindet sich an dieser Stelle erneut ein Torhaus - aus den 50er Jahren und ohne Belvederchen.



    Dieser Blick zeigt die Gassensituation westlich des Saalgassenplatzes. Auf dem Bild ist der langgestreckte gotische Marstall zu sehen, der zum Saalhofkomplex gehörte. Links davor das Doppelhaus "Im Saal". Heute hat der hässliche Erweiterungsbau des Historischen Museums dieses Areal komplett überdeckt. Die Saalgasse mündet aus diesem Grund heute dort, wo einst die Bendergasse auf den Römerberg traf. Die Kamera steht etwa im Bereich der Tiefgaragenausfahrt.



    Das nachfolgende Bild zeigt den westlichen Eingang der Saalgasse am Römerberg. Links das mächtige Haus Landeck, Römerberg 2 (danach, außerhalb des Bildes, die Einmündung der Bendergasse). Das klassizistische Haus rechts befand sich am Fahrtor (Nr. 6), hatte den Krieg unversehrt überstanden und wurde dann zugunsten des Erweiterungsbaus des Historischen Musems abgerissen. :nono: In der Saalgasse befinden sich der Marstall und das Haus "Im Saal".



    MAINKAI UND FAHRTOR


    Angesichts des großen Verlustes im 2. Weltkrieg tut es gut, wenigstens noch ein wertvolles Fachwerkhaus in der Altstadt zu besitzen, nämlich das Haus Wertheym am Fahrtor 1. Links kommt man zum Eisernen Steg, rechts geht es in die Alte Mainzer Gasse



    Gut, zum folgenden Bild brauch ich wirklich nichts zu sagen, das dürften die meisten von euch trotz nachkriegsbedingter Veränderungen erkennen. Das Bild ist vom Eisernen Steg gemacht und man kann nur jedem empfehlen, es sich auszudrucken und übers Bett zu hängen. :lach:



    Die nächsten drei Grafiken zeigen dem mittleren Mainkai. Die Bebauung ist mit wenigen Ausnahmen klassizistisch und hat keine erwähnenswerten Geschichten zu bieten. Die Kamera befindet sich an der Einmündung der Gasse "Am Geistpförtchen".





    BENDERGASSE


    Na, ist das ein Bild?! Da bekommt man richtig Wehmut beim Anblick der schönsten Frankfurter Altstadtgasse! Die durchgängig fünf- bis sechsgeschossigen gotischen Häuser beherbergten im Mittelalter die Fassbinder, daher der Name Bendergasse. Hinter den Häusern rechts liegt die Saalgasse, auf der linken Seite befanden sich Fünffingerplatz und Handwerkerhöfchen. Heute ist die Bendergasse mit der Kulturschirn restlos überbaut.



    Hier der entgegengesetzte Blick nach Westen Richtung Nikolaikirche, die aber selbst kaum zu sehen ist.



    Die Rückgebäude von Häringshock und Scharnhaus (siehe hierzu Abschnitt Saalgasse) in der Bendergasse, die hier nach links weitergeht und von der man einen Großteil der südlichen Randbebauung sehen kann. Rechts die Lange Schirn.



    Die nördliche Bebauung der Bendergasse (dahinter - wie bereits erwähnt - Fünffingerplätzchen und Handwerkerhöfchen.



    LANGE SCHIRN UND METZGERHÖFCHEN


    Dieser Blick geht die Lange Schirn hinunter Richtung Bendergasse und weiter zum Saalgassenplatz. Die Häuser, in denen die Metzger ihr Fleisch verkauften, waren besonders schmal. Mehrere "Hackklötze" sind auf dem Bild zu sehen. Diese Steine symbolisierten im Mittelalter die wirtschaftliche Selbständigkeit eines Metzgers, auf dem er sein eigenes Fleisch zuschlagen konnte. Da der Metzgereiberuf eine hohe Gewinnspanne hatte, waren die Hackklötze auch eine Menge wert, wenn z.B. Kredite aufgenommen werden mussten. Meist gehörten nur die Schirnen den Metzgern, nicht aber die darüberliegenden Häuser. Die Metzger selbst wohnten nämlich in der Metzger- und Schlachthausgasse, die südlich der Saalgasse lagen und wo sich auch der Schlachthof befand. Nachdem die Metzger sich ab dem 19. Jhd. überall in der Stadt niederlassen durften, verlor die Lange Schirn ihre wichtige Bedeutung. Die unter den Erdgeschossfenstern stehenden Hackklötze (z.B. an dem Roten Haus mit dem Fachwerkgiebel links) dienten bis zur Zerstörung 1944 nur noch touristischen Zwecken, denn in der Langen Schirn gab es keine Metzgerei mehr (außer unter dem Roten Haus, das aber am Markt lag).



    Die nächsten beiden Bilder zeigen das Metzgerhöfchen, und zwar zunächst mit Blick nach Süden und dann mit Blick nach Norden. Es ist eine Nachreichung zum Technischen Rathaus-Areal, weil das Metzgerhöfchen im Zuge dieser Neugestaltung wieder aufgebaut werden könnte. Es befand sich hinter dem Roten Haus.




    FÜNFFINGERPLÄTZCHEN


    Hinter dem Römerberg liefen fünf kurze Gässchen zu einem kleinen Platz zusammen, der aus der Luft betrachtet die Gestalt einer Hand mit gespreizten Fingern hatte und so zu seinem Namen kam. Die Häuser zählten zur Goldhutgasse. Das auf zahlreichen Fotos verewigte trapezförmige Haus zum Widder (Nr. 16) ist sicherlich der spektakulärste Bau. Es folgten dahinter das Haus Haderkatze (Nr. 18) und das Haus Hörhorn (Nr. 20). Daneben in grün die "Wilde Frau" (Nr. 7) und hinter dem Baum schaut noch das Haus Goldenes Unterhähnchen (Nr. 5) mit seinem freigelegten Fachwerk heraus. Rechts geht es ins Handwerkerhöfchen, das erst 1938 durch eine Auskernungsmaßnahme entstand.



    Das folgende Bild ist aus der Drachengasse gerendert und zeigt das Haus Zum Widder (links) vor den Rückfronten der Häuser an der Bendergasse, zunächst (in der Mitte) das Haus "Zum Hasen unter den Bendern" (Bendergasse Nr. 24) und daneben - mit einem Durchgang zur Bendergasse - das Pesthaus (freigelegtes Fachwerk, Nr. 26). Hier soll einer Legende zufolge das erste Mal in Frankfurt die Pest ausgebrochen sein. Belegt ist die Geschichte indes nicht. Auf dem Plätzchen standen ein Brunnen und der einzige Baum im Bereich zwischen Dom und Römer.



    Zuletzt auf Wunsch noch ein Luftbild des Areals zwischen Dom und Römer. Die Kamera steht in etwa über dem neuen Haus am Dom in 45 m Höhe (über dem Niveau des Maines). Der Blick geht nach Südwesten. Unten in der Mitte der Hühnermarkt mit dem Roten Haus. Der schräg verlaufende Markt ist noch recht gut zu erkennen. Nach links zieht der Tuchgaden, der unter dem Roten Haus auf den Markt mündet. An dem grüngelben Haus mit den blauen Fenstern beginnt die Lange Schirn ihren Weg nach schräg links oben und wird von der Bendergasse gekreuzt. Oberhalb des grüngelben Hauses mit den blauen Fenstern befinden sich Handwerkerhöfchen und ganz am oberen rechten Bildrand das Fünffingerplätzchen.



    So, mehr gibts dann an Weihnachten ;)
    Bis dahin dürft ihr wieder schreiben und bewerten.

  • Mein Gott, ich bin sprachlos. Was da an Zeit, Liebe, Akribie und Engagement drinsteckt, kann ich bestenfalls erahnen. Lieber joerg, ich bin ja kein Politiker, aber wenn ich könnte, würde ich Dich für eine Auszeichung vorschlagen. Egal wie die Sache mit der Reko ausgeht, mit Deiner Arbeit erwirbst Du Dir ein bleibendes Verdienst um die Stadt Frankfurt, Respekt !!