Spittelmarkt-Thread

  • Fassaden der Hochhäuser

    Nun will ich klar stellen, was ich mit Umgesaltung meine. Es ist durchaus denkbar, die starke waagerechte Gliederung durch geschickte Gestaltungsansätze etwas auf zu brechen, sowie den abschluss der Gebäude etwas zu überdenken. Imo wirken die HH eher wie aufeinandergestapelte Geschosse ohne gestalterisches Prinzip. Es gibt heutzutage viele Mittel und Wege, mit unterschiedlichsten Materialien und Gestaltungsprinzipien, Bestandsbauten ein neues Aussehen zu verleihen. Damit meine ich nicht nur Farbkonzepte. In der Hafencity verschönert man ja derzeit ein recht ödes Gebäude. http://www.deutsches-architekt…thread.php?t=7155&page=48 mit einer netten, zweiten Fassade. Auch die Verkleidung mit edleren Materialien oder asymetrisch angeordneten Außenbalkonen (dadurch vergrößerung der Wohnfläche) sind Mittel, die ich im Hinterkopf hatte. auch Kunst am Gebäude, ganz in der Tradion der DDR (Haus des Lehrers) wäre doch denkbar. Was mir noch spontan einfiele, wäre eine Tiefgarage für die Anwohner, damit das oberirdische Areal mehr gestaltungsfreiräume lässt.

  • Danke NewUrban,


    genau darauf wollte ich hinaus. Wer sich zum Beispiel mit dieser Thematik beschäftigt hat ist das Büro lacaton & vassal. hier mal ein paar links.


    Oftmals wird das Wohnhochhaus analysiert, fehlende Raumangebote und Raumqualitäten analysiert, und dieser so hinzugefügt, dass das Hochhaus auf einmal wieder eine ansprechende Form plus moderne Fassade hat, von der Rotor Form zum Quadrat...


    http://www.daskonstruktiv.at/p…nstruktive/k270/46-47.pdf hier der zweite Beitrag


    http://www.ggili.com/ficha_amp.cfm?IDPUBLICACION=1187_EN die Publikation, bitte unter dem Buchbild auf "ver páginas interiores" klicken, das rechte obere stellt sowas dar, das könnte die Future Leipziger Straße sein...



    http://www.lacatonvassal.com/index.php?idp=46 deren eigene Seite




    und mal ein konkretes Beispiel, man beachte bild 2 und 3 als vorher nachher
    http://www.lacatonvassal.com/index.php?idp=56

  • Nochmal kurz zu meinem Rendering

    Mein Entwurf war bewusst etwas überzogen. Ob nun gerade auf der Fischinsel so hoch gebaut werden sollte sei mal dahin gestellt. Die Speer-Assoziation kann ich nicht ganz nachvollziehen, da gerade die räumliche Dichte doch dagegen spricht. Die Assoziation mit der Manhattan-Südspitze kann ich schon eher teilen (gerade mit dem Battery Park-Verschnitt auf Nordost).
    @Bato: es gibt übrigens noch einen weiteren grünen Platz (neben dem Hochhaus).
    Wie auch immer, ich fände es toll wenn man den Fischerkiez als urbanen, dichten Ort wieder gewinnt, zumal er nicht nur historischer Ursprung Berlins ist, sondern auch geografisch mitten in der Stadt liegt. Und eine Stadt sollte IMHO die Eigenschaft haben zum Zentrum hin dichter zu werden als an ihren Rändern.

  • @ Vertical


    besonders dadurch, dass du anfängst fassaden zu gestalten, schieß du dir ein eigentor, und solche megablöcke mit naturstein und kleiner lochfassade wecken nunmal assoziationen mit speer senior...


    ich frage mich, woher das ammenmärchen kommt, dass urbanität direkt aus dichte resultiert, wer das glaubt sollte sich mal die berliner bezirke und kieze beispiel für beispiel vornehmen.


    deine ganze kunst besteht darin, irgendeine der strukturen die hier mal vorherrschte als grundlage zu nehmen, und dann jeden block in die höhe zu extrudieren. wenn man irgendeine neuplanung für ein gebiet wie dieses in betracht zieht, sollte man meiner meinung nach folgendes überlegen:


    - höhe der gebäude, parzellierung?
    - öffentliche räume, stadtplätze!
    - nutzungsmischung? (BauNVO)
    - gestaltungsvorgaben?
    - wenn stadtgrundrissreko, dann teilreko gebäude?


    wenn man sowas beachtet, dann gelingt vielleicht sowas wie am hackeschen markt (obwohl da auch das umfeld stimmte), und man erhält nicht eine ansammlung von friedrichstraßen-blöcken à la maritim, spreedreiecken und doppelt hoher reichsbank.

  • Für mich hat diese Grundrissrekonstruktion einen sehr bitteren Beigeschmack, es ist so wie kaktus sagt, nur weil man einen historischen Grundriss extrudiert hat der Ort deshalb noch lange nicht an Identität gewonnen. Außerdem weiß ich nicht wieso man sich hier einen zweiten Hackeschen Markt wünscht. Ich frage jetzt ernsthaft, wer hält sich denn tatsächlich dort auf außer Touristen? Es handelt sich hier doch um einen Ort des reinen Kommerzes, ein gewachsener Ort der Kunst und Kultur wurde von der Stadt zu einem Konsumtempel verarbeitet, der seiner eigenen Vergangenheit das Blut aussaugt. Ich weiß dass es diese Orte wohl immer in einer Touristenstadt geben wird, das ist ja auch in Ordnung, aber wie schrecklich wäre es wenn jetzt alle neu zu denkenden Orte in Mitte sich an solch einem unauthentischen, mehr Schein als Sein transportierendem Projekt orientieren. Die Unterschiedlichkeit macht es doch spannend. Ich wundere mich auch, dass hier die jetzigen Bewohner nur als eine Art Bremsklotz zur anscheinend gewollten Gentrifikation des Raumes angesehen werden. Wie soll denn jemand von den vielzähligen älteren Leuten, der Singles oder der ganz normalen Familien ein Townhouse, oder nach dem Hackeschen Markt Modell eine Wohnung über einem Hugo Boss-Geschäft bezahlen können? Ist das wirklich so egal? Ist das wirklich hier eine breite Meinung dass es egal ist wenn die Bevölkerung bei einer Neuplanung komplett in Besserverdiener ausgetauscht wird? Ich verstehe nicht wie man an einem Ort, an dem es wenig Mietfluktuation und keinen Leerstand gibt ernsthaft über einen Abriss und einen Neubau nach des Planers Laune nachdenken kann. Ein Paradebeispiel für planerische Allmachtsphantasien, die drei K's Kommandieren Kontrollieren Korrigieren werden also immer noch gerne angewandt, auch wenn man genau dieses Planungsverständnis an der Moderne kritisiert, die Respektlosigkeit und fehlende Sensibilität im Umgang mit Bestand und gewachsenen Strukturen.

  • kaktus
    Urbanität kann in der Tat aus Dichte resultieren. Kommt drauf an was man unter Urbanität versteht. Urbanität im städtebaulichen Sinne impliziert Funktionsmischung und Vielfalt, keine Monofunktionalität (wie momentan auf der Fischerinsel). Je höher die Dichte ist umso höher kann die Vielfalt sein. Ein Beispiel gibst du ja selbst mit den Berliner Kiezen. Die „Vorzeigekieze“ wie Bergmannkiez oder Kollwitzplatz zeichnen sich ja gerade durch eine relativ hohe Dichte aus.
    Und was spricht gegen den historischen Grundriss? Der historische Grundriss wird ohnehin teilweise durch die Umgebungsstraßen / Brücken vorgegeben. Teilreko einzelner Gebäude wäre auch möglich, wobei es auf der Fischerinsel keine herausragenden Einzelgebäude gab und alles sehr verschachtelt war.

  • Wogegen ich mich nur wehren möchte, ist die Mutlosigkeit. Es stehen dort Betongerippe, die wie Leinwände oder ein Klumpen Tohn. Klar ist dieser Ort eine Keimzelle, aber das darf keine Rolle spielen, da es auch vorher schon drastische Veränderungen im Stadtbild gab. Das Berlin des Jahres 1700 unterscheidet sich drastisch von dem 200 Jahre später. Das was heute schützenswert scheint, war früher die Gründerzeitliche Überformung der viel beschworenen, behutsam gewachsenen Stadt. Ich bin durchaus dafür, Korrekturen an gewissen Misständen vor zu nehmen, gleichzeitig aber sollte man die Realität auch annehmen. Wenn man jetzt diese Gebäude, welche zweifellos vollkommen intakt, bewohnt und beliebt sind, einfach abreisst, weil sie dem Zeitgeist nicht entsprechen, dann ist das genauso falsch wie die Planierung der Fischerinsel und der Bau dieser Hochhäuser. Es gibt kein Universalrezept, wie man vorzugehen hat, man muss probieren. Leider bin ich nicht so geschickt im Umgang mit Grafiksoftware. Ansonsten würde ich gerne einige Gedankenspiele visualisieren. Ich bin halt nur ein interesierte Laie.

  • Ich hab mich mit meinem Speer-Kommentar bewusst auf die Masse bezogen, was man hier sieht ist nicht "etwas überzogen", sondern locker 10 oder 11-geschossig auf einer Länge von 100 oder 150 Metern, beidseitig von 15- 20 Metern breiten Straßen. Ein derartig gewaltiges Bauvolumen schafft nicht etwas Urbanität, sondern eine wirklich finstere Gegend, die einen geradezu erschlägt. So etwas würde man nirgendwo auf der Welt bauen, mit Qualität hat das definitiv nichts zu tun. Der Kontext zwischen Urbanität (in seiner landläufigen Definition von quirlig und belebt) und Dichte besteht durchaus, resultiert aber eben nicht daraus, daß man mittelalterliche Grundrisse einer 3-4-geschossigen Bebauung auf 10 Geschosse aufbläst. Stell dir einfach eine reine Büronutzung vor, und du hast trotz der Masse eine tote Gegend. Eine gutes Resultat erzielt man eher mit dem richtigen Verhältnis von Bebaungshöhe, Straßenbreite, der richtigen Nutzungsmischung und clever eingesetzten Freiräumen. Als gute Beispiele (meiner Meinung nach) seien dir die Innenstädte von Oldenburg, Leipzig oder Wernigerode ans Herz gelegt, hier kann man gut beobachten, wie wenig Dichte und Urbanität von reiner Masse abhängig sind.

  • Ich möchte dringend davor warnen, die ganze Innenstadt in eine Serie Hackescher Märkte oder Variationen ach so beliebter Prenzlauer-Berg-Habitate verwandeln zu wollen; für die Zentren großer Metropolen ist eine Vielfalt von "Urbanitäts"dichten bzw. Nutzungsfrequenzen durchaus üblich, und das ist auch zu begrüßen...
    Heute abend habe ich mich tatsächlich mal auf die Fischerinsel begeben, um mal einen wirklich genauen Blick zu werfen, und ich muß sagen, daß die Ruhe dort an diesem Abend im Vergleich zur dummdreist alkoholisierten Partykrawalligkeit entlang der Schönhauser Allee (dort war ich vorher) eine WOHLTAT war...
    Mein Eindruck der Fischerinsel war aber auch, daß von einem auch nur halbwegs kohärenten Freiraum im jetzigen Zustand kaum die Rede sein kann; zur Zeit findet sich dort ein Konglomerat von abgezäunten Spielplatzen, verwilderten und nicht nutzbaren Büschen, jede Menge Parkpaletten, und das ganze durchsetzt von Infrastrukturen wie Altglascontainern etc...
    Der Bereich zum Alten Hafen ist als einziger parkähnlich gestaltet, aber auch hier weitgehende Verwahrlosung mangels Pflege, die Spree ist durch die wuchernden Büsche kaum noch zu sehen...
    Ich denke, der ganze Bereich leidet in seinem öffentlichen Raum neben einem eher schlechten Grunddesign an seit 20 Jahren dauernder Vernachlässigung und bestenfalls schlecht improvisierten Anpassungen...
    Kein Wunder, daß dieser Raum momentan kaum genutzt wird. Wie New Urban bereits ansprach, ist der ruhende Verkehr ein großes Problem, die Anlage einer Tiefgarage oder eines Sammelparkhauses ist die Grundvoraussetzung, um die Fischerinsel von den raumgreifenden Parkplätzen und Erschließungswegen zu befreien; wenn dieses Problem gelöst ist, sollte die Fischerinsel Gegenstand eines grundlegenden landschaftsplanerischen Redesigns werden, bei dem man sich von den ganzen jetzigen Strukturen dort lösen sollte um die Fischerinsel im Prinzip als kohärenten Park mit fließenden Räumen aufzufassen, als Grünraum mit segelartig darin aufgestellten Wohnscheiben...
    Dann kann dieser Raum auch die Attraktivität gewinnen, die nötig ist, damit er auch etwas für die benachbarten Quartiere "leisten" kann, wobei sicher auch die eine oder andere Dienstleistung oder Gastronomie in Pavillons o.ä. dort untergebracht werden kann, aber bitte in einem familienfreundlichen Format und in Maßen, also lieber Milchbar als Biergarten, Besoffene und Remmidemmi gibt es in Berlin mittlerweile wirklich genug...
    Ich denke, als Standort für ein Sammelparkhaus bietet sich das Grundstück Gertraudenstraße/Fischerinsel an, welches ja auch im Planwerk als Baugrundstück vorgesehen ist; an dieser Stelle kann der Verkehr quasi von der Gertraudenstraße kommend "abgesaugt" werden, bevor er sich im Gebiet verteilt, der Standort liegt für die ganze Fischerinsel relativ zentral und der entstehende Fischerinselpark würde gegen den Lärm der Gertraudenstraße abgeschirmt...
    Es gibt andernorts sehr smarte Lösungen für solche Parkhäuser, bei denen das eigentliche Parkhaus mit eine Schicht Wohnnutzung und kommerzieller Nutzung überzogen wird, so daß nutzungsgemischte und belebte Hybriden entstehen, die die Nachteile herkömmlicher Parkhäuser vermeiden, wie z.B. das Projekt Borgergade in Kopenhagen von Bjarke Ingels Group zeigt...

  • Urbanität im Sinne von 'städtischer Lebendigkeit' wird im Fischerkiez in seiner derzeitigen Gestalt niemals aufkommen - dies entspricht überhaupt nicht seiner Konzeption. Man sollte nicht vergessen, dass es sich hier im Grunde um eine völlig beliebige Großwohnanlage handelt mit dem typischen Ensemble sozialistischer Einheitsbauten vom WHH bis zur Normkita. Und genau wie in allen anderen Siedlungen dieser Art wurde und wird hier nicht auf der Straße gelebt. Da gibt es nämlich nichts. Von daher helfen natürlich auch keine Parkhäuser, adrettere Grünanlagen oder Wanderwege.
    Die Frage ist natürlich inwiefern eine derart monostrukturelle Nutzung an so einem doch historisch bedeutsamen Ort noch wirklich zeitgemäß oder überhaupt notwendig ist.

  • Und ich stelle noch einmal die Frage, ob an "solch bedeutsamen historischen Orten" nur noch Vorstellungen von Stadtentwicklung "zeitgemäß" bzw. "notwendig" sind, die auf die immer gleiche Reproduktion der Vorstellungen von "städtischer Lebendigkeit" hinauslaufen, die letzten Endes nichts anderes als die sattsam bekannten Abziehbildchen allseits propagierter Latte-Macchiato-Urbanität sind...
    Langsam glaube ich, daß für einige tatsächlich die Bewohner dieser "sozialistischen Wohnkomplexe" das eigentliche Problem zu sein scheinen, weil sich diese mit ihrer Lebensführung partout weigern, den Regieanweisungen für das große Theaterstück "Urbanität" Folge zu leisten, welches an diesem "historischen Ort" ja scheinbar ohne Alternative ist...
    Da ist Abriß mit folgender Verdichtung und "Aufwertung" dann tatsächlich die sicherste Methode, das Darstellerpersonal durch Urbanitätsperformer auszutauschen, die in dieser Hinsicht einfach zuverlässiger sind...

  • Verschiede Ansichten zu Urbanität hin oder her, letztlich kann man wohl davon ausgehen, daß sich hier die nächsten Jahrzehnte nichts ändern wird, die Wohnungen sind begehrt,belegt und saniert. Ist nicht die Idealsituation, aber auch nicht grad die schlimmste Ecke Berlins. So historisch bedeutsam ist die fischerinsel eigentlich auch nicht, die historische Keimzelle Berlins ist der Molkenmarkt und das Klosterviertel, nicht die Insel, die war bis ins 20. Jhd hinein auch ein Armenviertel, welches nicht wirklich große Aufmerksamkeit erfahren hat.

  • Die Fischerinsel ist die Keimzelle Cöllns, von daher kann man die kulturhistorische Bedeutung wohl kaum ignorieren. Natürlich wird man dort in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten kaum mit der Abrissbirne antreten - dazu ist die Bausubstanz einfach viel zu langlebig. Und selbstverständlich sind diese Wohnungen begehrt und voll belegt - wie im Übrigen in den meisten sanierten Plattenbauarealen, so sie denn nicht zu weit ab vom Schuss sind.
    Dennoch sollte man vielleicht nicht vergessen, dass gerade in diesem Teil Berlins ein Akt kultureller Barbarei vollzogen wurde, der die Stadtstruktur nachhaltig zerstört hat und der nun mühsam und auch nur teilweise wieder korrigiert wird (re: Spittelmarkt, Gertraudenstraße).
    Mittlerweile hat man hoffentlich erkannt, dass Architektur eben ein wenig mehr ist, als nur mehr oder minder schicke Häuser hinzustellen. Straßen, Plätze, Blockstrukturen - das sind die bestimmenden und prägenden Grundelemente an die sich auch die Bebauung anzupassen hat. Für höherfliegende Träume gibt es heutzutage genügend andere Freiflächen auf dieser Welt - Dubai, China etc. bieten jedem ambitionierten Häuschenbauer hinreichend Spielwiesen. Mit spaßigen Begriffen wie 'Latte-Macchiato-Urbanität' trifft man den Kern des Problems in keinster Weise.

  • ... die Insel, die war bis ins 20. Jhd hinein auch ein Armenviertel, welches nicht ... Aufmerksamkeit erfahren hat.


    Was ist das für ein Argument: nur ein Armenviertel?
    Ist das nicht genau so ein Teil der Stadtgeschichte wie das Schloss oder die Linden? Oder die Gaststätte "Nußbaum", die mitten im Fischerkiez stand?
    Straßen und Parzellen sind das Gedächtnis einer Stadt.
    Wer sie aufgibt, der venichtet einen wichtigen Teil der kulturellen und sozialen Erinnerung.

  • Stadtplaner BLN
    Die Aussage „So historisch bedeutsam ist die fischerinsel eigentlich auch nicht“ zeugt von ziemlicher Geschichtsunkenntnis. Die Fischerinsel ist historisch genauso bedeutsam wie ihr Gegenpart (Nikolaiviertel). Es handelte sich um eine Doppelstadt, die etwa gleichzeitig entstanden ist. Im Gesamtkontext der Großstadt Berlin war beides zusammen die Altstadt, das Zentrum schlechthin.

  • Exakt. Hier nochmal eine kleine Abhandlung über Berlin und Cölln (wobei der cöllnische Teil der Altstadt als der geringfügig ältere gilt).


    http://www.brandenburg1260.de/berlin.html


    Diese Details scheinen mir aber für die Zukunft der Fischerinsel nicht wirklich von Bedeutung zu sein, denn hier sollte ja ausgehend von heutigen Nutzungsansprüchen eine Bebauungssitutation erdacht werden, die der jetzigen überlegen ist. Wichtiger als der historische Grundriss (wie weit auch immer man da jetzt zurückgehen mag) ist die Grundsatzfrage, ob man an dieser Stelle noch Wohnraum im Niedrig- bis Mittelpreissegment haben möchte oder nicht. Wenn ja (wofür es ja auch einige Berechtigung gibt), dann gibt es keine wirkliche Alternative zu der jetzigen Bebauung. Man kann an Kubatur und Optik etwas rumwurschteln, doch substanziell wird sich dadurch kaum was ändern. Was bliebe wäre eine Kosmetik vor allem im "grünen" Anteil. Damit könnte man auf Dauer sicher ganz gut leben.
    Attraktiv klingt aber auch die Vision, diesen zentralen Ort nicht nur der Wohnnutzung zuzuführen, sondern belebter und dichter zu gestalten. Denkbar wäre es ja, die touristische Attraktivität der gesamten Spreeinsel zu erhöhen und demnach den Südteil langsam dem Nordteil anzunähern. In der Mitte (zwischen Humboldt-Forum und Gertraude) würde dies auf eine ungefähre Rückführung zu historischen Straßenverläufen, Ufern und Bebauungen hinauslaufen. Dort könnte touristischer Einzelhandel, Cafés o.ä. Platz finden. Teilweise sieht man ja noch in der Brüderstraße erkennen, welches Potenzial da brachliegt. Der Südzipfel ist in dieser Vision ein blankes Blatt Papier. Townhouses, Dichter Blockrand, großer Park - vieles ist denkbar. Sollte man aber die Platten entfernen, um das Quartier zu verändern, sollte man danach aber nicht jene dominante Wohnnutzung in anderer Gestalt wiederholen. Sie einfach durch hochwertigen Wohnraum zu ersetzen, wäre langweilig und gegenüber jetzigen Bewohnern irgendwie unredlich. Vielleicht landet man ja am Ende bei einer Museumshalbinsel Teil 2 und baut zwei drei schicke Bauten - Exponate gäbe es ja genug. Ein paar unausgeführte Schinkelentwürfe neben Zaha Hadid und fertig wäre ein geniales Paket ;)


    Grüße, Jan

  • Was ist das für ein Argument: nur ein Armenviertel?
    Ist das nicht genau so ein Teil der Stadtgeschichte wie das Schloss oder die Linden? Oder die Gaststätte "Nußbaum", die mitten im Fischerkiez stand?
    Straßen und Parzellen sind das Gedächtnis einer Stadt.
    Wer sie aufgibt, der venichtet einen wichtigen Teil der kulturellen und sozialen Erinnerung.


    Die selbe Logik lässt sich genauso auf den jetzigen Zustand anwenden, auch der gehört zum kulturellen und sozialen Erbe der Stadt. In beiden Fällen heißt das aber noch lange nicht. daß die Strukturen in irgend einer Weise besonders wertvoll wären. Die mittelalterlichen Grundrisse dienen den Rekonstruktionsfanatikern hier im Forum wohl eher als Projektionsfläche für - wie auch immer geartete - historische Sehnsüchte.


  • [Dennoch sollte man vielleicht nicht vergessen, dass gerade in diesem Teil Berlins ein Akt kultureller Barbarei vollzogen wurde, der die Stadtstruktur nachhaltig zerstört hat und der nun mühsam und auch nur teilweise wieder korrigiert wird (re: Spittelmarkt, Gertraudenstraße).]


    Der Abriß des Ahornblattes und das Ersetzen durch 2 höchst banale Investorenblöcke war kein minder schwerer Akt der Barberei, ich höre hier aber keinen deswegen aufschreien. Für mittelalterlich Strukturen wird hier hingegen eine kulturhistorische Bedeutung herbeigeredet, die allein durch das Alter gerechtfertigt wird und nichts sonst. Letztlich geht es hier aber nicht um den Schutz einer erhaltenen Altstadt, sondern um eine mögliche Neugestaltung, da sollte man schon bessere Gründe haben als eine ominöse historische Bedeutung.

  • @Stadtplaner. Dir ist der Unterschied zwischen über Jahrhunderte hinweg gewachsenen Strukturen und einzelnen Profan- bzw. Zweckbauten bewusst? Ich hatte es weiter oben bereits ausgeführt - es geht doch überhaupt nicht um Gebäude oder deren Alter, sondern einzig und allein um den städtebaulichen und kulturhistorischen Zusammenhang eines derartigen Areals.
    Warum sollte es verkehrt sein, die in einem geschichtlich sehr kurzen Zeitraum vollführten Zerstörungen wieder zugunsten eines ursprünglicheren geschlossenen Stadtbildes zu korrigieren? Warum sollte man nicht versuchen, Berlin wenigstens im zentralsten Bereich sein Gesicht zurückzugeben?

  • Lieber Stadtplaner BLN
    Den "Rekonstruktionsfanatikern" ging es lediglich um die Wiederherstellung einer "Urbanität", wie sie in den vergangenen Beiträgen mehrmals definiert wurde. Ausser der Rekonstruktion von Staßenzügen wurde hier keinerlei Art des in deinen Augen so verpönten Historismus/Rekonstuktionismus angesprochen. Und weil die Urbanität, wie sie genannt wurde in erster Linie durch Blockstrukturen und festen Straßenzügen gelingen soll, ergibt sich die Wiederherstellung der historischen Staßenverläufe fast von selbst, wie auch bereits mehrmals genannt. Scheint fast so, als hättest du die Situation der maßgeblichen Bauwerke immer noch nicht studiert.
    Klar könnte man die Blockstruktur auch anders als vorkriegs gestalten, vielleicht sogar minimal optimaler - allerdings verstehe ich nicht, wieso man, wenn man schon derartige Strukturen herstellen will, sogar dieses Zitat, das sich mehr als anbietet, ignorieren sollte.


    Ausserdem gab's hier Proteste im Forum gegen den Abriss des Ahornblattes. Allerdings nicht von mir. Ich kann mit der weißgetünchten Betonkunst (wie zB. auch das Basement des Fernsehturms) nicht viel anfangen - verstehe aber, dass man sich daran erfreuen kann.