Leipzig: St. Trinitatis (realisiert)

  • um das beispiel thomaskirche aufzugreifen:


    statt innenhof verfügt sie über den sich zur stadt öffnenden thomaskirchhof und nach niederlegung der stadtmauer wurden im 19. jahrhundert in die bis dahin geschlossene westfassade fenster und ein neues hauptportal eingesetzt. es hat ihr nicht geschadet.

  • ja geschadet hat es nicht aber der zweck und nutzen der kirche ist der gleiche geblieben - es war reine gestaltung in der zeit des historismus.


    es wird wohl eine geschmacksfrage bleiben und wir werden nochmal argumentieren koennen wenn sie denn gebaut ist.

  • Die Ausstellung im Gemeindehaus der Propsteigemeinde St. Trinitatis läuft noch bis zum 3. Januar. Wer noch nicht da war, sollte sich definitiv mal auf den Weg machen, es bietet sich auch die Gelegenheit zum direkten Gespräch und/oder der Kommentierung per ausgefülltem Kärtchen. Ich wurde darauf hingewiesen, dass die Propsteigemeinde eine Flickr-Seite mit Bildern der drei vorderen Plätze sowie der Austellung anbietet. Ein Blick dürfte sich lohnen, wenn man es nicht selber zur Ausstellung schafft.


    Mein Eindruck: beim Wettbewerb wurde m.E. ein wenig zu provinziell bzw. in Gemeindesicht gedacht. Die Kirche soll nicht weiter groß auffallen, es fielen Argumente wie "momentan geht der Trend eher wieder dahin, einen Ort zum zurückziehen zu schaffen" oder "so bombastisch möchten wir nicht auftreten". Da stellt sich mir einerseits die Frage, für wieviele Jahre denn der Bau gedacht ist (bis zum nächsten Trend?) und inwieweit der Gemeinde bewusst ist, dass man, wenn man an dieser Stelle baut, der Stadt auch etwas zurückgeben sollte. Auch wenn der Gewinner soweit okay ist und sogar einige ganz nette Details (Innenhof samt Wasservorhang zum Abschirmen des Martin-Luther-Rings) vorweist, sollte man sich bewusst sein, dass in diesem Jahrhundert nicht allzuviele Kirchen im Zentrum von deutschen Großstädten entstehen werden. Insofern wäre es hier angebracht gewesen, nicht nur die praktische Gemeindesicht zu sehen, sondern etwas Neues zu schaffen. Ich will jetzt nicht den Bilbao-Effekt bemühen, der passt hier nicht, aber die folgenden zwei Entwürfe hätten m.E. etwas geschafft, was der nun entstehende Schulz & Schulz Bau nicht erreichen wird - sie würden selbst zu Sehenswürdigkeiten und damit auch Interesse in nicht-kirchlichen Kreisen wecken, so ähnlich wie man es beim Paulinum beobachten kann. Weiterhin hätten sie dem modernen Kirchenbau an sich, der seit 100 Jahren beinahe keine neuen Aspekte erfahren hat, eine neue Richtung aufzeigen können und nicht zuletzt hätte Leipzig mit zwei herausragenden Kirchbauten zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Zeichen gesetzt.


    Nichts weniger hätte Leipzig verdient gehabt, insofern hätte ich hier auch liebend gern auf die geschlossene Blockrandbebauung verzichtet.


    Perfekt sind die Entwürfe sicherlich nicht, aber unter dem ebend erwähnten Aspekt hätten sie der Stadt weitaus mehr geboten und hätten einen fulminanten Auftakt für den Wiederaufbau des Königsplatzes geboten.


    Teilnehmer 1004 / Hascher + Jehle


    wirkt beinahe, nennen wir es mal 'Futuregotisch', ist im 1. Rundgang der Phase 2 ausgeschieden, hier die Beurteilung des Preisgerichts:

    Zitat

    Die Entwicklung eines Baukörpers für ein kirchliches Zentrum als organische Form, der es geling, alle Hauptnutzungen auf einer Fläche unter einer homogenen Dachkonstruktion unterzubringen, verblüfft und fasziniert zunächst. Allerdings bleibt die Ausformulierung des Sakralraumes und des Gemeindesaales trotz des funktionalen Vorteils einer Zusammenschaltbarkeit hinter den Erwartungen zurück. Die Anordnung der profanen Nutzung erscheint schematisch. Die baukonstruktive Durchbildung ist rudimentär dargestellt und erschliesst sich dem Preisgericht nicht.


    Sollten solche Details nicht in der Ausarbeitung geklärt werden? Hier ging es doch um einen städtebaulichen Wettbewerb? Für mich absolut nicht nachvollziehbar und scheinbar einfach nur vorgeschoben, weil der Bau zu auffällig ist.


    Sehr sympathisch bei diesem Entwurf: es wurden weitaus mehr Fahrradstellplätze als Parkplätze ausgewiesen. Andere Entwürfe haben trotz Tiefgarage weitaus mehr auf den PKW gesetzt. Dazu eine Frage: wieso braucht eine so hervorragend durch dne öffentlichen Nahverkehr angeschlossene Gemeinde eine Tiefgarage? Wieviel Geld geht für so einen Quatsch drauf?


    Lageplan:


    Ansicht Nordost:


    Ansicht Nord:


    Ansicht Ost:


    Ansicht West:


    Schnittzeichnung von Nord:


    Dachaufsicht:


    Innenraum:


    Energiekonzept:


    Teilnehmer 1008 / kadawittfeldarchitektur


    besticht durch das Dach und das damit verbundene 'Lichtdesign', ist ebenfalls im 1. Rundgang der Phase 2 ausgeschieden, hier die Beurteilung des Preisgerichts:

    Zitat

    Die Kirche als "Zukunftswerkstatt" ist der Anspruch für den Neubau der Propsteikirche St. Trinitatis, der durch die besondere Form zum Ausdruck kommen soll. Während das Kirchendach etwas noch nie Dagewesenes verkörpert, offereieren die darunter liegenden Baukörper eine recht konventionelle räumliche Konfiguration, die zum Teil erhebliche Einschränkungen in der Nutzbarkeit aufweist.


    Auch hier wieder: Details wie die "konventionelle räumliche Konfiguration" können doch in der Ausarbeitung geklärt werden. Wegen solchen Details wird dann ein wirklich so noch nie dagewesenes Dach abgeschossen. Es ist zum verzweifeln. Gerade, wenn man dann noch nach der "besonderen Form" beim Wettbewerbssieger sucht.


    Lageplan:


    Ansicht Nordost:


    Ansicht Nordwest:


    Ansicht West:


    Innenraum:


    Innenraum im Modell:



    Schematische Darstellung:


    Energiekonzept:

  • volle zustimmung.
    allerdings hat die gemeinde nicht nur zu wenig mut, sondern auch zu wenig geld.
    die beiden entwürfe sehen zwar gut, aber leider auch arg nach budgetüberschreitung aus.
    es bleibt das ärgernis, die öffentlichkeit im vorfeld mit allzu grossspurigen sprüchen getäuscht zu haben. man kann nur hoffen, dass die ausstehenden feinplanungen dem siegerentwurf wenigstens etwas von dessen krematorium-charme nehmen werden.

  • ^ Tiefgaragen kosten auch Geld... sicherlich muss die Kirche Stellplätze nachweisen, in Zusammenarbeit mit der Stadt hätte sich da aber sicherlich etwas drehen lassen. Zumindest in der Ausstellung hatte ich nicht das Gefühl, dies wäre ein Aspekt gewesen. Da wurden dann eher die bereits dargelegten genannt.


    Grundsätzlich bin ich ja überrascht, dass es doch einige innovative Entwürfe gab, in der 1. Phase waren es sicherlich noch mehr. Umso ärgerlicher, dass sich der konservative Modernismus durchgesetzt hat.

  • @ DaseBLN: Da wir gerade unter uns sind: dieses aufgebäumte Gürteltier von Teilnehmer 1004 / Hascher + Jehle können Sie sich doch wohl nicht wirklich in der Leipziger Innenstadt vorstellen?! Oder doch? Na dann ....:cool:

  • ^ Gegenfrage: können sie sich eine 6 stöckige fensterlose Wand zum künftig wichtigsten Innenstadtnahen Platz vorstellen? Zu ihrer Frage: ja, kann ich, mir ging es ja eben um die Wirkung als Solitär, die für den Wiederaufbau des Wilhelm-Leuschner-Platzes einen wichtigen Auftakt hätte bilden können. Wie gesagt, die beiden Entwürfe hätten der Stadt eine Attraktion zurückgegeben, da kann ich persönlich dann auch mit einer nicht so guten städtebaulichen Einbindung bzw. Anpassung leben.

  • Ich verstehe nicht, warum seit werweißwieviel Jahren nicht mehr existente Raumkanten ein ach so wichtiges, unerschütterliches Kriterium darstellen...
    Kreativität wird zubetoniert und alles Künstlerische gerastert, so dass am Ende hübsche Würfelchen bleiben, gut stapelbar und gerade ausreichend, um das so schön bequeme Schubladendenken zu befriedigen. Die Gerade scheint eine Projektion der Sehnsucht nach Geordnetem im Leben zu sein. Aber überall wo man hinsieht ist es gerade das verschwenderische in der Natur, das die Fantasie anregt, das überbordende Schauspiel und die farbigen Bilder.
    Aber eignet sich eine glatte Porphyrwand zur Entstehung von Ideen? Meiner Ansicht nach nur sehr begrenzt.
    Lieber klotzt man einen weiteren in Grundschulgeometrie entworfenen pseudokünstlerischen Block in die Stadt - seeehr zurückhaltend, natürlich, als Symbol für Ruhe und Gelassenheit, in stoischer Starre und unangreifbar Weitsicht versperrend, so wie es sich für die katholische Kirche geziemt.
    Kann mir das jemand erklären?

  • Klar definierte Raumkanten sind wichtig für die Definition von öffentlichem und privatem Raum. das mag banal klingen, hat aber erhebliche Auswirkungen auf das Leben in der Stadt. Klar definierte öffentliche Räume werden von den Beutzern der Stadt angeeignet, stehen ihnen (weitgehend) bedingslos offen, für alle Tätigkeiten, die zum öffentlichen Leben gehören, auch psychologisch gesehen Raum für alle. definierter privater Raum wird von Besitzern und Benutzern als solcher wahrgenommen und als überwacht, was wichtig für die soziale Stabilität ist.
    Zusätzlich zu diesen sozial-psychologischen Gründen sind Raumkanten auch für das bauliche Gefüge des Organismus Stadt wichtig, stark aufgeweitete oder ausgefranzte Stadträume führen zu einer Barrierewirkung, die der größten Stärke der europäischen Stadt, Vernetzung und Durchmischung, erheblichen Schaden zufügen kann (wobei natürlich ein Einzelbauwerk solche Schäden nicht auslösen kann, hier geht es eher um den Quartiersmaßstab).


    Überprüfen kann man diese Thesen schön an den "stadtlandschaftlich" organisierten Quartieren der Nachkriegszeit, denen Raumkanten und Definitionen meist fehlen.

  • Man sollte auch den stadtlandschaftlichen Aspekt nicht zu sehr mit dem architektonischen vermischen. Dass der erstplatzierte Entwurf für viele hier missraten erscheint, hat m.E. nichts mit der peniblen Wiederherstellung historischer Raumkanten zu tun. Letztendlich kommt es immer darauf an, was man architektonisch daraus macht. Und ein Würfel in Blockrandbauweise kann auf einem dreieckigen Grundstück auch nicht entstehen.


    Das aufgebäumte Gürteltier (DrZott) mit, ich setz noch einen drauf, Ku-Klux-Klan-Zipfelmütze vom Büro Hascher+Jehle nimmt die fehlenden Raumkanten mit dem "Zickzack" geschickt und ganz selbstbewusst auf, was städtebaulich für mich auch vollkommen in Ordnung ginge. Der zweite Platz vom Büro Allmann/Sattler hingegen negiert weitgehend die Wiederherstellung des historischen Grundrisses. Die Architektur ist zudem gewöhnungsbedürftig und die Kehrseite ist ebenso zum WLP ausgerichtet. Man fragt sich, wie dieser Entwurf es überhaupt auf den zweiten Platz schaffen konnte und ist wiederum erleichtert, dass es dann doch nicht der erste war.

  • Danke erstmal für die Erklärung, Stadtplaner und Cowboy.
    Aber selbst ein dreieckiges Grundstück scheint einen Bauklötzchenbau nicht verhindern zu können. Gerade die Grundstückform hätte zu kreativeren Lösungen führen müssen, wie Roßbach das bei der deutschen Bank geschafft hat (damit meine ich nicht Prunk und Schmuck).

  • den an sich richtigen ausführungen von stadtplaner bln ist nichts hinzuzufügen - ausser, dass kirchenbauten gerade aufgrund ihrer herausgehobenen stellung zumeist nicht dem schema der blockrandbebauung folg(t)en.


    davon abgesehen, sollte ein positives detail des siegerentwurfs nicht unerwähnt bleiben: der porphyr für die fassaden wird nicht geschnitten, sondern gehauen. dies dürfte für eine vergleichsweise etwas lebendigere oberflächenstruktur sorgen.


    ( Cowboy : ersetzt man deine assoziation mit einer "ku-klux-klan-zipfelmütze" durch den - naheliegenderen - gedanken an eine mönchskutte, erscheint der entwurf von hascher+jehle für eine katholische kirche durchaus massgeschneidert.)

  • Glückwunsch, Ihr seid an prominenter Stelle genannt und zitiert. Dankward Guratzsch hat einen Artikel über den Kirchenneubau St. Trinitatis verfasst, in dem die Kritik des DAF am Wettbewerbsergebnis aufgenommen wird.


    http://www.welt.de/die-welt/ku…zigs-schreitet-voran.html


    Wie viele Artikel Guratzschs greift auch dieser ein wichtiges Thema auf und führt zu interessanten Reflektionen über die Hintergründe der Leipziger Wettbewerbsentscheidung.


    Also, liebe Leipziger, weiter so mit Euren hochwertigen Diskussionen. Herzlich Willkommen im DAF, Herr Guratzsch.

  • vielen dank für den glückwunsch und die links.


    zur überschrift vom artikel in #158:
    leider neigt herr guratzsch mitunter zu verdrehungen.
    stahlbauer hat hier im forum wörtlich geschrieben, dass er (trotz allem) "eine ruhrpottisierung nicht erkennen kann".
    daraus mit hinweis auf das daf eine überschrift zu basteln, die als zitat(!) "die ruhrpottisierung leipzigs schreitet voran" daher kommt, ist schon arg grenzwertig.

  • ^ Die Überschrift in besagtem Artikel ist ein Zitat von User Valjean. Von daher denke ich, ist es in Ordnung, wenn Herr Guratzsch mit Hinweis auf dieses Forum auch diese Überschrift wählt.


    Was ich eher grenzwertig finde, ist, dass der Artikel, wie alle von Guratzsch, wieder viel zu einseitig ausgefallen ist. Mit Verlaub, aber selbst hier im Thread gibt es eine breitere Meinungspalette als der Artikel suggeriert.

  • In der Tat, es lässt sich nicht verhehlen, dass ich es war, der User "Valjean", der sich zu jener Äußerung hinreissen ließ. Allerdings hatte ich diesem Ausspruch den relativierenden Hinweis vorausgeschickt, dass ich dies „mit einem gerüttelt Maß an Polemik“ konstatiere und zudem die ausschlaggebenden Wörter kursiv abgebildet.


    Hier ist noch das darauf Bezug nehmende vollständige Zitat von Stahlbauer:

    Eine NRWsierung von Leipzig kann ich zwar nicht entdecken, dass der Entwurf aber schon an einige der mehr als hundert zur Schließung vorgesehen Gotteshäuser im Ruhrbistum erinnert, kann ich nicht verhehlen.


    Obwohl die "Welt" mitnichten zu den von mir geschätzten Zeitungen zählt, finde ich den Artikel von Guratzsch keineswegs so verdammungswürdig, wie der ein oder andere hier. Eher im Gegenteil, allerdings bin ich auch kein Architekt. Den geplanten Neubau von St. Trinitatis finde ich banal und schlichtweg unattraktiv, insbesondere an dieser Stelle. Ja, ja ich weiß, dies ist nur ein „geschmäcklerisches“ Urteil, womöglich „kleinbürgerlich“ (dancingdwarf).


    In dem Sinne, dass auf einen groben Klotz mitunter auch ein grober Keil gehört, heisse ich solchen Journalismus gut, der derartige Architektur kritisch thematisiert und diese bei Bedarf überzeichnend umreisst. Für Lobeshymnen sind dann wieder andere, (evtl. BDA-nahe) Journalisten zuständig.


    Weiterhin bin ich der Auffassung, dass es besser gewesen wäre, an dieser Stelle keinen Kirchenneubau ins Auge zu fassen, wenn man überhaupt solch ein Projekt als notwendig erachtet.


    Hinzufügen möchte ich, dass ich keineswegs zeitgemäße Architektur per se ablehne. Die Marktgalerie halte ich z.B. für sehr gut gelungen.

  • He Valjean, das, was ich über weltliche, existente Architektur am Brühl denke, lässt sich nicht einfach auf einen projektierten sakralen Bau auf der grünen Wiese (wenn auch an denkbar herausragender Stelle) übertragen ;)


    Das hochgradig Absurde ist ja, dass Leipzig die Stadt der sterbenden und darbenden Kirchen ist. Der Erhalt der Kreuzkirche ist, wenn ich das aus der Ferne richtig mitbekomme, eher ein Drama. Und sollte die Lutherkirche nicht mangels Verwendbarkeit sogar entweiht werden? Gleiches meine ich von der Philippuskirche in Lindenau gehört zu haben. Der Erhalt zweckbefreiter Gotteshäuser ist in Leipzig ein Problem. Ein neues Haus mildert das Problem nicht, sondern stärkt es bloß, oder?


    Dass Regionen mit hohem Atheistenanteil und gleichzeitig mit überdurchschnittlicher sozialer Not für christliche Missionare besonders interessant sind, mag bei diesem Neubaugelüste eine gewisse Rolle spielen. Entschuldigt aber nichts.


    Über Architektur muss man wohl gar nicht groß nachdenken, um das Vorhaben abzulehnen. Wer Ehrfurcht vor der Schöpfung hat, wird an dieser Stelle doch wohl auch mit (aufgehübschter) Vegetation leben können?


    Die von Dir kritisierte HTWK-Bibliothek halte ich übrigens für ausgesprochen gelungen.