Jugendstil- und Arts&Crafts-Architektur in Frankfurt

  • Jugendstil- und Arts&Crafts-Architektur in Frankfurt

    Seit einigen Monaten befasse ich mich mit der Jugendstil- und Arts&Crafts - Architektur in Frankfurt. Dass Darmstadt und Bad Nauheim die eigentlichen Hochburgen sind, setze ich als bekannt voraus, trotzdem war ich nach einigen Erkundigungstouren durch Frankfurt positiv überrascht, wie viele derartige Gebäude es hier gibt. Inzwischen habe ich ein Foto-Archiv von ca. 100 Häusern - etwa 1/3 der Stadt, Nord- und Nordost, habe ich bereits abgesucht. Nun, die Ästhetik kommt bei den modernen Gebäuden oftmals zu kurz. Das beliebteste Argument lautet "Kein Geld", in aller Regel mangelts nur an Phantasie. Im Gegensatz zu Adolf Loos ist das Ornament für mich nicht nur kein Verbrechen, sonden im Gegenteil Beweismittel menschlicher Schaffenskraft. Das mag sich alles etwas altmodisch anhören, aber es ist kein Zufall, dass alte Jugendstilvillen mit ihrem Stuck und 3 Meter hohen Decken und Türmchen im Immobilienmarkt eindeutig die wertvollsten Objekte sind.
    Suche Gleichgesinnte aus FFM, Darmstadt und Bad Nauheim.

  • War das alles?
    Ich dacht du zeigst uns eigene Bilder ;)


    Na ich freu mich dann einfach mal auf das, was da noch kommen möge.
    Bin übrigens ebenso bekennender Jugendstil & Art Decó - Liebhaber!

  • Nun, die Ästhetik kommt bei den modernen Gebäuden oftmals zu kurz. Das beliebteste Argument lautet "Kein Geld", in aller Regel mangelts nur an Phantasie. Im Gegensatz zu Adolf Loos ist das Ornament für mich nicht nur kein Verbrechen, sonden im Gegenteil Beweismittel menschlicher Schaffenskraft. Das mag sich alles etwas altmodisch anhören, aber es ist kein Zufall, dass alte Jugendstilvillen mit ihrem Stuck und 3 Meter hohen Decken und Türmchen im Immobilienmarkt eindeutig die wertvollsten Objekte sind.


    Ich denke auch, dass die Menschen ein gewisses natürliches Bedürfnis nach Ornamentik haben. Wir stammen von Steinzeitmenschen ab, die in einem visuell komplexen und anregenden Umfeld (der Natur) lebten.


    Große kristalline, puristische Gebäude können sehr interessant sein und beim ersten Sehen einen Oh-Effekt auslösen, aber wer täglich von eigenschaftsloser Architektur umgeben ist, dürfte das eher als unangenehm empfinden. Rebellion gegen allzu kahle Wände äußert sich in Graffiti.

  • Hübsche Häuser... aber könntest du vielleicht auch kurz dazu sagen aus welcher Gegend die stammen damit man die auch zuordnen kann? Mich zumindest würd es schon interessieren...

  • Hm.. Typische Jugendstilelemente sind bei den gezeigten Exemplaren aber Mangelware.
    Da gibt es doch besseres aus Mainhattan ;) (Speziell in Sachsenhausen)

  • Wenn wir ein Quiz draus machen wollen:
    #6 Bild 1 ist die "Alte Wartburg" Friedberger Landstraße, Ecke Rat-Beil-Straße
    #7 Bild 1 die Nordseite der Hügelstraße, gleich westlich der Grafenstraße (Aufnahme von hier: Hügelstraße/K809 @50.148469, 8.668844)

  • Es gibt in Frankfurt nur wenige Häuser, die zu 100 % den Anforderungen des kritischen Jugendstilfans entsprechen. Florale Elemente, Türmchen etc. sind eher die Ausnahme. Doch ich kann versprechen, dass alle hier gezeigten Häuser in nature weitaus schöner sind als dies meine 30 Jahre alte Nikon zu zeigen vermag.
    Alle Aufnahmen stammen ausschließlich aus dem Norden und Nordosten Frankfurts, insgesamt um die 180 Bilder, etwa 100 Gebäuse.
    Zu den jeweiligen Bildern:
    Die Gebäude auf Bild Nr. 1 + Nr. 7 stehen direkt nebeneinander und sind phänomenal gut erhalten. Das Gebäude auf Bild Nr. 7 beherbergt, soweit ich mich erinnere, eine städtische Kindereinrichtung. (Bornheim/Nordend)
    Bild 2 = Seckbach (auch wunderschön)
    Bild 3 = Niederursel (das einzige Arts & Crafts Haus, das ich gefunden habe, erinnert stark an Williams Morris's Red House)
    Bild 4 = Friedberger/Rat Beil (das weiße Haus wurde kürzlich renoviert)
    Bild 5 = Eschersheim
    Bild 6 = Häusergruppe Hügelstraße, wunderschöner Komplex
    (Fortsetzung folgt)

  • Es gibt keinen einheitlichen Jugendstil. Die Frankfurter Variante ist wesentlich schlichter wie etwa die Brüsseler, Pariser oder die in Nancy und Wien.


    Bedeutendste Persönlichkeiten:
    in Schottland Charles Rennie MacIntosh


    http://www.crmsociety.com/


    Die Glasgow School of Arts:



    By lesbos


    In England der dichter, Architekt, Designer, Schreiner, Gärtner und glühender Sozialist William Morris:


    http://www.nationaltrust.org.u…/w-findaplace/w-redhouse/
    http://www.morrissociety.org/



    By lesbos


    Sein berühmtes Red House:




    By lesbos



    In Katalonien Antoni Gaudí, sog. Modernismo (Sagrada Familieu.v.m.)

  • das nur innen ausgebrannte schumanntheater war ein wunderbarer jugendstilbau. da in dieser stadt aber nur der profit zählt, wurde es in den 50er jahren abgetragen und ersetzt. architektur zählt in frankfurt nicht viel. die architektonische perle leipzig (dort hat es viel gründerzeit-jugendstilbauten) geht einen anderen weg.

  • Natürlich hätte man auch in Frankfurt sämtliche nicht kriegszerstörten Bauten vierzig Jahre lang vor sich hin gammeln lassen können, um auf eine Besinnung hin zum Erhalt historischer Bausubstanz zu warten.


    Allerdings hätte dann die wirtschaftliche Entwicklung, über die heute der Wiederaufbau historischer Baudenkmale (nicht nur) im Osten finanziert wird, auch hier nicht stattgefunden.


    Im Übrigen hast Du völlig recht: Als man die Flächen in Frankfurt in den 50ern und 60ern einer neuen Nutzung zuführte, hatte man keinerlei Interesse am erhalt historischer Bausubstanz sondern wollte nur Platz zum Geldverdienen schaffen. Und das war auch gut so!


    Man wollte sich dabei auch ganz bewußt vom althergebrachten und überkommenen lösen - und nicht zuletzt galten bespielsweise die heute gern geschmähten Gebäude an der Nordseite der Berliner Straße damals als architektonische Leistungen erster Güte (Klare Strukturen, helle große Wohnungen, Integration von Läden in Wohnbebauung, Ladenstraße zur Trennung des Großstadtverkehrs von den Fußwegen des Wohnbereichs...).


    Dass in der ganzen Zeit auch jede Menge Gebäude herausgekommen sind, die weder nach Substanz noch nach architektonischen Ansprüchen Bestand haben (sollten) ist nur natürlich und eröffnet die Chance auf Ersatz durch Besseres.

  • Zustimmung, Xalinai!


    Wobei die Abrisse der Nachkriegszeit definitiv Fehler waren. Fehler, die aber Geschichte sind und deshalb als solche einfach respektiert werden müssen. Ich denke aber, dass wir uns heute ganz gut eingestehen können, dass es eben viel Falsches gab, aber unsere Geschichte, seit Kriegsende bis heute, als ganzes betrachtet dennoch positiv zu sehen ist.
    Dies spricht auch nicht prinzipiell gegen heutige Rekonstruktionen. Es geht nur darum, dass pauschalisierte Aussagen nicht ausreichen können, um architektonische Entwicklungen im historischen Kontext zu werten.
    Wo gehobelt wird da fallen Späne - zynisch aber wahr! So ist eben die Realität. Wenn wir uns dessen jedoch bewußt sind, dann können wir auch ohne den Vorwurf "ewig gestrig" zu sein rekonstruieren, reparieren und mit unserer Gesellschaft und Geschichte ins Reine kommen.


    Um mal zum Thema zurückzukommen: Ich habe bisher in Frankfurt kaum ein Gebäude im Stil des Darmstädter Jugendstils gesehen.
    ( http://de.wikipedia.org/wiki/D…dter_K%C3%BCnstlerkolonie )



    Bei der räumlichen Nähe doch sehr interessant. Es scheint eine sehr unterschiedliche kulturelle Orientierung der Städte gegeben zu haben.
    Darmstadt scheint mehr die Idee des "Freigeistes" zu verkörpern, mit anthropomorphen Stilelementen. Also mehr am abgehobenen Adel und Bildungsbürgertum, als an bodenständigen Kapitalbürgern und Aufsteigern orientiert.
    Frankfurt hingegen besinnt sich wohl wesentlich konservativer auf "Arts and Crafts", vor allem mit diesen überdeutlichen Zitaten englischen Fachwerks Beitrag 5. Frankfurts große avantgardistische Zeit scheint dann in den Zwanzigern gekommen zu sein, durch Schütte-Lihotzky und Ernst May. Da könnte man in diesem sozialen, bodenständigeren Anspruch der Zwanziger (im Vergleich zum abgehobenen Jugendstil) ja fast eine Kontinuität zur englisch inspirierten Reformbewegung reininterpretieren. Seht ihr das ähnlich, oder liege ich da total falsch? Ist dieser Frankfurter Stil vielleicht doch nur die Gründerzeit mit anderen Ornamenten und es gab dann den großen stilistischen Bruch?



    Nebenbei ist hier noch ein sehr interessanter Artikel zum Thema Design in Rhein Main, der auch die Verflechtung der wirtschaftlichen und künstlerischen Entwicklungen betrachtet:


    http://kultur.inm.de/prs/WebOb…=145001429&entity=Artikel

  • mik, ich sehe das eher so das Darmstadt zur Zeit des Jugendstil Residenz (oder auch Hauptstadt) des Großherzogtums Hessen-Darmstadt war und Frankfurt gehörte zum Königreich Preussen, hatte als Provinzstadt nicht die selben Möglichkeiten wie die Residenz Darmstadt. Deshalb mag Frankfurt was Avantgarde-Bauten anging (Jugendstil war damals Avantgarde) nicht mit Darmstadt mithalten können. Allerdings hat Mannheim auch ein sehr schönes Jugdenstil Ensemble (Rosengarten) und war zur Zeit des Jugendstil ebenfalls nicht Residenz, wenn auch vermutlich wichtigste Stadt im Großherzogtum Baden.

  • Möglichkeiten hätte das begüterte Frankfurter Bürgertum sicher auch gehabt. Darmstadt hatte eben einen engagierten und wohlhabenden Mäzen, nämlich Großherzog Ernst Ludwig. Der machte die Künstlerkolonie finanziell möglich und holte Olbrich und die anderen nach Darmstadt.

  • Berücksichtigt man die Zerstörungen des 2. Weltkriegs, kann man froh sein, dass überhaupt noch etwas übrig geblieben ist. Die Menschen hatten andere Sorgen als sich um Ornamente und Poesie zu kümmern.


    Die folgenden beiden Häuser stehen an der U-Bahn Station Lindenbaum, sind stark renovierungsbedürftig. Wenn man davor steht kann man jedoch ahnen wie edel sie mal gewirkt haben müssen.



    By lesbos



    By lesbos