Innovative Architektur

  • Innovative Architektur

    Wo entsteht zur Zeit in Deutschland aufregende, innovative, noch nie dagewesene Architektur?
    Es kann doch nicht sein, daß moderne Architektur sich in rücksichtslos in die Städte gekippten, besonders hohen, viereckigen oder runden Türmchen eines Anker-Steinbaukastens erschöpft oder das Kunstmuseum Stuttgart in Form und Fassade das Wartehäuschen der S-Bahn-Haltestelle Böblingen-Goldberg zitiert.
    Sind nur noch die Bauigel innovativ?

  • BERLIN, BERLIN:
    Jüngste Vergangenheit & Gegenwart:
    - Kanzleramt
    - Diverse Gedenkstätten
    - Diverse Mahnmale
    - zuletzt Reichstagsumbau (inkl. Verhüllung)
    - Sony-Center
    - Restauration diverse Altbauten:
    z.B. Adlon, Alte Kommandantur
    - Lehrter Bahnhof
    - Britische Botschaft
    - Diverse andere Botschaften
    - Hackesche Höfe
    - Unzählige weitere Gründerzeit-Restaurationen


    Und es sind Großprojekte in Planung:
    - Aufbau Stadtschloß
    - Flughafen Schönefeld
    - Museumsinsel
    - Neubebauung Alexanderplatz


    Bestimmt habe ich noch einige vergessen, aber insgesamt macht Berlin damit auf mich den Eindruck der innovativsten Architekturspielwiese.


    Was die preußischen Antidemokraten begannen, Herr Speer planerisch perfektionierte, wird nun endlich in Stein gegossen. Leider ist bis zum Finale der Fußball-WM 2006 noch nicht alles umgesetzt, aber schon mit dem derzeitigen Bestand ist Berlin ein ansehnliches Aushängeschild und kann seine Hauptstadtfunktion würdig erfüllen.

  • "aufregende, innovative, noch nie dagewesene Architektur"


    Es fragt sich ob diese Kriterien im Vordergrund stehen müssen. Für Deutschland halte ich derzeit städtebauliche Maßnahmen im Sinn eines "re-urbanism", die sich meist im Hintergrund der aufsehenerregenden Einzelprojekte abspielen, für weit wichtiger als das Streben nach noch nie dagewesener Sensations- oder Avantgarde-Architektur. Die Wiederbelebung eines städtischen Platzes mit vergleichsweise einfachen Mitteln kann viel aufregender sein als ein Neubau a la Gehry in Düsseldorf oder Behnisch in Hannover.
    Das einzige architektonische Projekt das mich derzeit wirklich mitreißt ist der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden und die Frage wie der Neumarkt gestaltet wird. :)
    Solltest du mit innovativ jedoch eine Architektur meinen, die sich von dem derzeitigen Glas/Stahl/Kuben Einheitsbrei abhebt...dann gebe ich dir recht, die bräuchten wir allerdings. Darüber wie diese aussehen sollte sind wir vielleicht unterschiedlicher Meinung. Am Beispiel Stuttgart hätte ich beispielsweise eine zumindest "kritische" Rekonstruktion des Kronprinzenpalais befürwortet, nach dem Vorbild der Neubauten am Pariser Platz in Berlin. Also eine Besinnung auf bewährte Qualitäten anstatt innovativ und aufsehenerregend um jeden Preis, mit dem großen Risiko des Mißlingens und damit zum langfristigen Schaden eines Ortes.

  • Ich dachte gerade nicht an Restaurierungen. Es muß auch kein Großprojekt sein.
    Es geht doch um die Frage, können zeitgenössische deutsche Architekten ein sehenswertes Gebäude bauen und gleichzeitig einen städtischen Platz wiederbeleben oder schließt sich das zwangsläufig aus.

  • Ein gutes Beispiel für "Innovation durch Tradition" fällt mir der Hackesche Markt in Berlin ein. Die Architekten haben hier einen ganzen Straßenzug inklusive eines platzfassenden Eckgebäudes geschaffen der heute - gerade wegen abwechslungsreicher Fassadengestaltung, die sich dem Charakter der Altbauten sehr gut anpaßt - angenommen und wahrgenommen wird als wäre hier nie eine Brachfläche gewesen. Warum dieses absolut erfolgreiche Projekt nicht vielfach nachgeahmt wurde ist mir bis heute ein Rätsel.



  • Wenn ich die Beiträge hier sehe, dann sind wir uns einig wir wollen die alten Sachen wieder haben? Wo es alte Gebäude gibt oder gab, hält jeder eine Restaurierung für besser als einen modernen Kontrapunkt?

  • Zitat von derstuttgarter

    Wenn ich die Beiträge hier sehe, dann sind wir uns einig wir wollen die alten Sachen wieder haben? Wo es alte Gebäude gibt oder gab, hält jeder eine Restaurierung für besser als einen modernen Kontrapunkt?


    Auf mich trifft das jedenfalls zu...

  • Für mich ist es wichtig, das sich die Architektur der Umgebung anpasst, aber dort, wo die Umgebung potthässlich ist wie z. B. das Märkische Viertel in Berlin provoziert.

  • Zitat

    Wo es alte Gebäude gibt oder gab, hält jeder eine Restaurierung für besser als einen modernen Kontrapunkt?


    nein, sicherlich nicht. schön sind rekonstruktionen und wiederherstellung historisch bedeutsamer gebäude und ensembles scoön, für viele städte auch wichtig. aber ich bin kein befürworter der nichts-ist-besser-als-reko-fraktion. ich würde gerne sehen, wie die moderne architektur, wie auch immer man sie definiert, großartige gebäude schafft, die weder umgebung noch menschen stören, sondern sich dennoch selbstbewusst präsentieren, jedoch dem gegebenen stadtraum unterordnen. natürlich kann diese architektur aus sehen wie man will, aber eines ist zumindest für mich klar: bezug auf historische architektur und aufgreifen von althergebrachten formen sollte zum architekturgeschehen maßgeblich gehören.

  • Zitat von derstuttgarter

    Wenn ich die Beiträge hier sehe, dann sind wir uns einig wir wollen die alten Sachen wieder haben? Wo es alte Gebäude gibt oder gab, hält jeder eine Restaurierung für besser als einen modernen Kontrapunkt?


    Ich glaube, es gibt fast Niemand, dem Altbauten nicht gefallen würden oder der sich gegen Restauration und Denkmalschutz wendet. Und mir jedenfalls gefallen die schönsten Altbauten verglichen mit den schönsten Neubauten besser.


    Manchmal wird es Streitpunkte über den Grad an Originalgetreuheit bei Restaurationen geben. Ein weiterer erklärlicher Streit kann sich ergeben, wenn heruntergekommene Altbauten abgerissen werden, weil sie nicht unter Denkmalschutz stehen oder sich keine Erhalter-Investoren finden. Gleiches gilt, wenn ein enormer wirtschaftlicher Vorteil daraus entsteht, also wenn z.B. ein Altbau einen erforderlichen Verkehrsweg oder eine Multi-Millionen-Großinvestition verhindert.


    Darüber kann man sinnvollerweise streiten und wird gestritten.



    Mir ist hingegen völlig schleierhaft, wie vehement sich Manche gegen eine zeitgenössische/moderne Bebauung selbst brachliegendster Areale bzw.Schandflecke wehren. Als stünden auf solchen Flächen massenweise Investoren Schlange, die ausgerechnet dort stattdessen historische Viertel hochziehen möchten. Da werden Argumente vorgebracht, die geeignet wären, jedes bisher entstandene Gebäude zu verhindern. Die ehedem wirtschaftsliberale Einstellung gewisser Einzelhändler pervertiert schnell zur kommunalen Angebotsplanwirtschaft. Da wird verlangt, daß Bürobauten eine ganze Palette sozialer Funktionen miterfüllen. Eben erst fertiggestellten Gebäuden am Rand eines Stadtentwicklungsgebiets wird noch vor der offiziellen Übergabe "vorgehalten", kein pulsierendes Leben zu bieten.


    Denkmalschutz und Restauration ist übrigens ein Zuschußgeschäft, dessen Finanzierung irgendwo erwirtschaftet werden muß - auch in Zukunft !

  • Zitat von Max BGF

    Ein weiterer erklärlicher Streit kann sich ergeben, wenn heruntergekommene Altbauten abgerissen werden, weil sie nicht unter Denkmalschutz stehen oder sich keine Erhalter-Investoren finden.


    Häufig werden Altbauten abgerissen, obwohl sie unter Denkmalschutz stehen. In einigen Fällen lassen die Eigentümer das Gebäude so verfallen, bis sie eine Abbruchgenehmigung erhalten, in anderen Fällen "erpressen" Investoren mit der Behauptung, eine Sanierung/ Einbeziehung des Objekts sei unwirtschaftlich und deswegen die Investition gefährdet, eine Abbruchgenehmigung (von Korruption und Schmiergeld will ich mal gar nicht reden...). Dieses Vorgehen löst in der Bevölkerung oftmals Verärgerung und Verbitterung aus und trägt so insgesamt zu einer Verhärtung der Fronten und Vergiftung der Atmosphäre bei. Viele Bürger sind es leid, Stadtplanung und -gestaltung den Renditeerwartungen der Investoren zu opfern und unterzuordnen. Wäre Stadtplanung insgesamt transparenter und auf gegenseitiges Verständnis ausgelegt, gäbe es die Härte in den Diskussionen in dieser Form nicht.

  • Auch wenn ich dieses Stuttgarter Beispiel nicht unter innovativ verbuchen möchte, es ist zumindest moderne Architektur.

    Es zeigt doch, daß auch mit diesen Bauten lebendige Straßen möglich sind.
    P.S. Das weiße Gebäude rechts soll (ursprünglich) von Rolf Gutbrod sein.

  • Allerdings ist gerade dieses Beispiel für mich ein besonders ärgerliches, für dieses allenfalls durchschnittliche orangefarbige Eckgebäude wurde vor 4 Jahren völlig ohne Not ein sehr schöner Altbau niedergelegt, der einen letzten Rest der alten Königstrasse repräsentierte. :Nieder:


    Alt:


    Abriss, neu:

  • zurück zur Architektur

    ist es tatsächlich wahr, daß sich moderne Architektur in Höhenmetern, Geschoßflächenzahlen und Betriebskosten erschöpft? und gestalterisch jeder Altbausanierung unterliegt?
    Es ist ja nicht so, daß die LBBW in Stuttgart kein Geld ausgibt für überflüssige und nutzlose Spielereien wie Flugdächer und riesige Glassegel. Außer ein paar wenigen Insidern scheint dies aber keinen zu begeistern.

  • ach, da ich das gerade sehe ...


    etwas, das keineswegs nur traditionalisten mal im schnellverfahren lernen sollten ist, dass "hoehe" nicht mehr gleich "hoehe" ist. die hat sich veraendert.


    dieses beispiel zeigt das nicht optimal, deutet aber an, was ich meine. achtet mal nur auf die glasgeschichte ...


    besser sind andere beispiele: das lighthouse am bahnhof zoo/berlin, aber auch SAP in relation zu den altbauten der umgebung, besonders gut: am kudamm das "allianzhochhaus" und das "neue kranzlereck" ... beide aehnlich hoch, aber das eine wirkt viel hoeher ...


    na, was lernen wir daraus? ;)