• Besonders interessant: Auf Seite 34 der Zeitung des Dombauvereins steht, dass "204 großformatige Fassadenteile der Denkmalskirche" noch erhalten sind. Das wird eine spätere Rekonstruktion dieses wichtigen Gebäudeteils natürlich sehr erleichtern.

    http://www.berliner-dombau-verein.de/res/download/d…_Zeitung_10.pdf

    Zuerst sollte man jedoch - und da stimme ich meinen Vorrednern absolut zu - die Auffahrt auf der Südseite sowie vor allem die Kuppeln und Laternen rekonstruieren, um wieder ein stimmiges Gesamtbild des Berliner Doms mit richtigen Proportionen zu bekommen.


    Quelle: Wikipedia, gemeinfrei

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Die historische Kuppel war bis zur Spitze etwa 116 Meter hoch (dieser Wert findet sich aktuell fälschlicherweise auch noch bei Wikipedia [...] Die heutige Höhe des Domes beträgt 98 Meter.

    Die fehlenden 18 Meter gehen aber auf Kosten der Laterne, oder? Die Innenkuppel ist ja in den originalen Dimensionen erhalten, also dürfte die Außenkuppel in der Höhe nicht mehr als ein paar Meter vom Original abweichen.

    Dekoratives Anführungszeichen

    Was aufgrund der Luftverschmutzung einmal braun geworden ist, wird nicht mehr grün. In der Tat hängt es wohl vom Maß der Schadstoffe in der Luft ab, in welche Richtung es bei neuen Kupferblechen geht.

    Das deckt sich weder mit meiner Erfahrung, noch finde ich es plausibel. Der Dom – zu sehen anhand der oben verlinkten Fotos – war schließlich lange braun, bevor er grün wurde, und die blütenfrische Dachhaube der Parochialkirche wurde in den letzten Monaten buchstäblich jeden Tag ein bisschen brauner. Luftverschmutzung ist natürlich ein Problem, aber wäre sie für die Bräunung verantwortlich, würde der Prozess doch eher Jahre als Wochen dauern.

    Ich habe noch mal gegoogelt und bin auf diesen Artikel gestoßen, der die chemischen Prozesse gründlich erklärt (ohne dass ich ihn bis jetzt gründlich gelesen hätte). Die künstliche Patina, die man ja auch auf dem Dach des Adlon angebracht hat, scheint mir demnach kein Schutz vor Bräunung zu sein, sondern nur Alterung vorzutäuschen, solange alles neu ist. Mit dem ärgerlichen Ergebnis, dass man den wirklichen Alterungsprozess des Materials dann gar nicht mehr sehen kann.

  • ^Die mögliche Differenz zwischen der historischen und der heutigen Außenkuppel würde ich auch auf maximal einige Meter schätzen. Wie man auf den Bildern in Post #87 ganz gut sehen kann, ragt auch die neue Außenkuppel deutlich über den Abschluss des Innenraums. Die Differenz in der Gesamthöhe dürfte daher in der Tat zum größten Teil der ursprünglichen Laterne und deren Spitze (Wetterfahne und Kreuz) geschuldet sein.

  • Die wesentlich markantere Strukturierung der originalen Kuppel macht genauere Angaben zu den Abmessungen ohnehin schwierig. So dürften die Erhebungen auf der Kuppel, die aus der Distanz auf alten Fotografien so filigran erscheinen und ihr viel der Wuchtigkeit nehmen, relativ voluminöse Strukturen gewesen sein, wenn man sich direkt daneben, auf der Kuppel, befand. Vgl. nur die "Bänder", die sich vertikal vom Kuppelrand zur Spitze ziehen oder die "Krone", die unterhalb der Laterne auf der Kuppel sitzt.

    Nimmt man die Rohbauform der Kuppel als Grundlage oder das "Lichtraumprofil", also bis zur letzten Spitze und Auskragung? In jedem Falle muss man dem Architekten lassen, es mit der originalen Kuppel geschafft zu haben, dass diese deutlich "feiner" wirkt, obwohl sie mit all ihren Aufbauten deutlich voluminöser und auftrumpfender war, als die aktuelle Gestaltung.

  • Dekoratives Anführungszeichen


    [..] Denkmalkirche des Berliner Domes [..]
    Überleg doch mal, das Teil stand vielleicht 30 Jahre. Ist also auch schon sehr viel länger verschwunden als es überhaupt stand.


    Genau, das Baujahr des Berliner Doms ist 1945 ... :nono:

  • ^ Sorry du hast recht. ich bin von 1945 als Jahr der Zerstörung des Domes ausgegangen, die Denkmalkirche wurde aber erst 1975 abgerissen. Denkmalkirchasche auf mein Haupt.

  • Gedanken nach (agnostischem) Dombesuch

    Habe die hiesige Diskussion zum Anlass genommen, mir den Dom heute das erste Mal seit Jahren von Innen anzuschauen. Ich war wieder einmal fasziniert, wie exakt man sich im Innenraum an die ursprüngliche Gestaltung gehalten hat. Außen alles, was neu gemacht wurde, vereinfacht, geglättet und modernisiert; innen jedes beschädigte Relief, jedes Fitzelchen Stuck und jede Schnitzerei wieder in den Vorkriegszustand versetzt (abzüglich Denkmalskirche, versteht sich).

    Hatte das allein bautechnische und praktische Gründe, oder kann man das auch politisch interpretieren? – nach dem Motto: Äußerlich Anpassung an moderne Formen und den damaligen Zeitgeist des DDR-Hauptstadtbaus, innerlich aber trotzige Selbstbehauptung und Festhalten an der Symbolik einer Epoche, in der die Kirche nicht als geduldetes Relikt der Vergangenheit galt (wie in der DDR), sondern tragende Säule der Herrschaftsordnung war? Keine Ahnung, ob das stichhaltig ist, aber der Gedanke kam mir.

    Zweitens fiel mir auf, wie sehr die preußische Baukultur im Laufe des 19. Jahrhunderts doch abgebaut hat. Zwischen den stilistisch grandiosen, aber zurückhaltenden Werken Schinkels, Persius' oder Stülers und dem Protz des Wilhelminismus liegen Welten. Im Dommuseum gibt es zwei Entwürfe Stülers im Modell zu bewundern (hier auf Seite 9 abgebildet), die diesen Niedergang meines Erachtens gut beschreiben: Der erste Entwurf von 1843 wirkt wie eine kathedralenhafte Version der Friedenskirche in Potsdam; eine Säulenbasilika, die trotz ihrer Größe schlicht wirkt und mit ihrer gleichförmigen Säulenreihe zum Lustgarten Schinkels Altes Museum zitiert.

    Stülers zweiter Entwurf von 1859 ähnelt von der Kubatur eher dem, was später gebaut wurde, wirkt aber ungleich filigraner und leichter als Raschdorffs neobarocker Protzbrocken. Hier lässt sich aber schon erkennen, was man dem Historismus später zurecht vorgeworfen hat: nämlich die respektlose Eklektik, die sich munter bei den Gestaltungselementen verschiedenster Epochen bedient, ohne sich um den Kontext zu scheren, in dem diese einmal gestanden haben. Stüler stattet eine Renaissance-Kuppel, die einen z.B. an die Kathedrale von Florenz erinnern könnte, mit einem Haufen Fensterrosen aus, die er sich von den gotischen Kathedralen abgeschaut hat – historisch verstand sich der Renaissance-Stil aber als radikaler Bruch mit der mittelalterlichen Tradition; gotische Formen wurden als Kennzeichen eines dunklen Zeitalters betrachtet, von dem man sich unbedingt absetzen wollte.

    Stilistisch einheitlicher, theo- bzw. ideologisch aber zutiefst widersprüchlich ist dann der Dom, wie er schließlich gebaut wurde. Ein protestantisches Gotteshaus, das es in Sachen Prunk und Stil und Monumentalität mit dem Petersdom aufzunehmen versucht, ist bereits ein Widerspruch in sich – schließlich hatte sich die Reformation nicht zuletzt an der Empörung über die Prunksucht der römischen Kurie entzündet, die wohl im Petersdom und seiner Finanzierung ihren sichtbarsten Ausdruck fand. Dazu kommt der seltsame Doppelcharakter als Dom der Hauptstadt einerseits und erweiterte Schlosskapelle samt Herrschergruft und Kaisertreppe andererseits.

    Heute hat sich dieser Widerspruch transformiert in den zwischen kostenpflichtiger Touristenattraktion und Aussegnungshalle verstorbener Staatsoberhäupter. Faszinierend allemal. Eindrucksvoll auch. Außerdem ein Ausdruck großer Kunstfertigkeit. Aber ein architektonisches Meisterwerk? Eher ein Kuriosum.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    ... Hatte das allein bautechnische und praktische Gründe, oder kann man das auch politisch interpretieren? – nach dem Motto: Äußerlich Anpassung an moderne Formen und den damaligen Zeitgeist des DDR-Hauptstadtbaus, innerlich aber trotzige Selbstbehauptung und Festhalten an der Symbolik einer Epoche, in der die Kirche nicht als geduldetes Relikt der Vergangenheit galt (wie in der DDR), sondern tragende Säule der Herrschaftsordnung war? Keine Ahnung, ob das stichhaltig ist, aber der Gedanke kam mir....


    .... das hatte soweit ich erinnere rein finanzielle Gründe. Da der Wiederaufbau des Doms zu großen Teilen von prostestantischen Gemeinden aus Westdeutschland und West-Berlin finanziert wurde.
    So war man natürlich dankbar eine Näherung an das historische Vorbild überhaupt gestemmt zu bekommen. Ich selbst erinnere mich noch an einige Kollekten zu Gunsten des Wiederaufbaus in den 70er Jahren. Das Innere des Domes wurde ja erst in 90er Jahren abgeschlossen. Mit der Anbringung des großen Kuppelmosaike die in Italien gefertigt wurden.
    Eine Anmerkung die man vielleicht nicht ausser Acht lassen sollte ist, dass der Berliner Dom nicht so sehr danach strebte mit dem Petersdom in Rom gleichzuziehen sondern viel wichtiger war es Wilhelm II den Invalidendom in Paris um einige Meter in der Höhe zu übertreffen. Dies wurde auch in der trefflichen arte-Dokumentation aus 2015 Berlin/Paris erwähnt.

    Einmal editiert, zuletzt von Camondo (28. Januar 2017 um 19:59)

  • ^ Okay, stimmt. Das hatte ich gar nicht vor Augen, dass der Innenausbau erst in den Neunzigern abgeschlossen wurde. Klärt meine Frage aber insofern nicht, als dass die Pläne ja schon zu DDR-Zeiten entwickelt wurden. Und wenn die Finanzierung des Innenausbaus durch Spenden aus dem Westen bewerkstelligt wurde, dann passt das ja eigentlich zu meinem Gedanken, dass hier den atheistischen Vorstellungen von Ost-Berlin eine protestantische Antithese entgegengesetzt werden sollte.

    Zur Frage des architektonischen Vorbilds: Dass die Hohenzollern die Höhe des Inviladendoms schlagen wollten, glaube ich sofort. Auch ist der Invalidendom insofern gut vergleichbar, als dass er christliche Kirche und nationale Weihestätte in einem ist (oder zumindest sein soll). Aber gestalterisch ist die Nähe zum Petersdom m.E. kaum zu übersehen – wird auch in dieser Doku von Leuten ins Spiel geführt, die sich mit der Sache auskennen.

    P.S.: Die erwähnte Arte-Dokuserie über Berlin und Paris habe ich seinerzeit leider nur zur Hälfte gesehen. Bei Youtube gibt es sie nicht. Wäre sehr dankbar, wenn mir jemand sagen könnte, wo ich sie herbekomme. :)

  • Das preußische Establishment dieser Zeit war generell unzufrieden mit der Askese der preußischen Protestanten und man schaute nicht nur etwas neidisch in ausländische Staaten, wo der "prunkvollere" Katholizismus dominierte, auch im Vergleich mit Österreich und Bayern sah man sich zurückgesetzt. Kirchen waren damals eben noch ein Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und mit der kargen Predigthalle, wie sie Luther seinen Protestanten aufgab, konnte man sich im Wilhelminismus nicht mehr identifizieren. Und so wirkt der Dom innen auch etwas als ob darin all die angestaute Lust an liebevoller und prächtiger Gestaltung sich Bahn brach, in diesem einen Gebäude, alles auf einmal. Auch die Entwurfsgeschichte wirkt so, mit jedem Entwurf entfernte man sich weiter von preußischer Strenge - und war dabei so unbeholfen wie ein kleines Mädchen, dass zum ersten Mal die Schminke von Mama ausprobiert und hinterher wie ein Clown aussieht.

    Ironischerweise macht das den Bau für mich aber besonders einzigartig und liebenswert.

    Zum Vergleich zwei katholische Kirchen in München, der Renaissance und des Barock. Das sind nicht einmal Solitäre, sondern im Blockrand. Aber schau dir den Innenraum an, die überwältigende Pracht:

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Asamkirche_(München)#

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/St._Michael_(München)#

    ...da konnte man sich als "Imperator Rex" schon zurückgesetzt fühlen.

  • Dekoratives Anführungszeichen


    P.S.: Die erwähnte Arte-Dokuserie über Berlin und Paris habe ich seinerzeit leider nur zur Hälfte gesehen. Bei Youtube gibt es sie nicht. Wäre sehr dankbar, wenn mir jemand sagen könnte, wo ich sie herbekomme. :)


    Gibts schon bei Youtube, nur wohl nicht immer allzu lang verfügbar.

    Zu Frage der detailgenauen Rekonstruktion des Dominneren will ich neben den genannten Aspekten noch anmerken, dass der Dom nicht vollständig zerstört war. Der erste Eindruck mag mit der durchschlagenen Kuppel kein gutes Bild geboten haben aber ausgebrannt ist der Dom meines Wissens nicht. Das und die vergleichsweise zügige Schließung der Kuppel dürften das Innere bis zum Wiederaufbau vergleichsweise gut konserviert haben.

    Dekoratives Anführungszeichen

    Das preußische Establishment dieser Zeit war generell unzufrieden mit der Askese der preußischen Protestanten und man schaute nicht nur etwas neidisch in ausländische Staaten, wo der "prunkvollere" Katholizismus dominierte, auch im Vergleich mit Österreich und Bayern sah man sich zurückgesetzt.


    Das Klischee von den allzu schlichten protestantischen Kirchen halte ich für überstrapaziert. So verallgemeinernd kann man das nicht sagen. Dazu reicht ja schon ein Blick nach Sachsen. Und in Preußen hatte man die Askese im Kirchenbau schon Ende des 18. Jahrhunderts weitgehend überwunden. Wenn man sich dann die vielen Ende des 19. Jahrhunderts gebauten Kirchen (im Original, vieles ist ja zerstört) anschaut, dann entdeckt man da eine sehr reichhaltige Ausstattung. Gleichwohl bleiben natürlich Unterschiede zu katholischen Kirchen. Aber von Neid würde ich da keinesfalls sprechen. Das war eine Sache des Geschmacks. Die überbordende Dekoration katholischer Barockkirchen, wie ich sie aus dem märkischen Raum eigentlich nur von Neuzelle kenne, wurde von vielen Protestanten auch einfach als geschmacklos und ablenkend empfunden. Kein Grund zum Neid also, eher ein "nein, danke".

    Einmal editiert, zuletzt von Saxonia (29. Januar 2017 um 09:25)

  • Nachdem ich die Diskussion zum äußeren des Domes nun eine Weile im Stillen verfolgt habe, möchte ich nun doch mal einige Gedanken anbringen. Zuerst einmal ist es so, dass ich den Dom weder in der ursprünglichen noch in der wiederaufgebauten Form besonders schön finde. Letztere zeigt die gedrungenen Proportionen sehr deutlich. Die alte Form wirkt für mich aber auch nicht sehr elegant. Recht unorganisch finde ich hier z.B. wie die relativ kleine Laterne der Hauptkuppel auf der umlaufenden Balustrade steht. Bei der Abwägung zur Wiederherstellung der Ursprungsform finde ich einen Gedanken viel wichtiger: was passt besser zu den anderen Bauten am Lustgarten? In meinen Augen war es ein gewaltiger Fehler den Schinkelschen Dom abzubrechen. Die DDR- Planer versuchten wohl diesen Fehler im Rahmen der Möglichkeiten zurückzunehmen, in dem die 3 Kuppeln zum Lustgarten dem alten Dom in der Gestalt angenähert wurden (zumindest für mich ist die Ähnlichkeit auffallend). Ich denke, dass dies zumindest ansatzweise auch funktioniert hat. Das Hauptgebäude am Lustgarten sollte einst das Schloss sein. Dom und Altes Museum sollten ihm untergeordnet sein. Der wilhelminische Dom hat diese Hierarchie zerstört. Gerade durch den Wiederaufbau des Schlosses sollte man sich gut überlegen, ob man erneut diesen Fehler begehen will.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Gibts schon bei Youtube, nur wohl nicht immer allzu lang verfügbar.

    Danke für den Hinweis! Als ich es das letzte Mal versucht hatte, war das noch nicht da. Ein sehr empfehlenswerter Vierteiler für alle, die an Städtebau im Allgemeinen und der Entwicklung von Berlin und Paris im Besonderen interessiert sind.

    Einmal editiert, zuletzt von Architektenkind (29. Januar 2017 um 09:48)

  • Schon in diesem zeitgenössischen Text von 1894 wird deutlich, wie sehr das preußische Establishment im 19. Jh. politische Kontrolle über die Kirchen behielt (de facto die Säkularisation etwas zurückgedreht, nur unter umgekehrten Vorzeichen, mit Dominanz der Politik über die Kirche, anstatt umgekehrt) und dabei auch auf eine Konvergenz der christlichen Kirchen hinwirkte:

    http://www.kath-info.de/preussisch.html

    es gab zu dieser Zeit sogar, aus heutiger Sicht naive, Hoffnungen der christlichen Kirchen in Preußen, dass es zu einer Wiedervereinigung von Katholiken und Protestanten kommen könne. In diesem Kontext ist auch der Berliner Dom zu sehen, als Staatskirche Preußens, deren Architektur dieses politische Ansinnen aufzunehmen suchte.

    So sind auf den Gesimsen am Domaltar Statuen von Luther, Calvin, Melanchthon und Zwingli aufgestellt, aber auch auf den Apostel Petrus, den Begründer katholischen Mutterkirche auf den sich alle Päpste als Nachfolger beziehen, ist Teil des Figurenprogramms. Die Innengestaltung ist sozusagen eine Art in alle Richtungen ausgestreckte Hand der preußischen Obrigkeit, die als treibende Kraft hinter dem Dombau steckte, gen Konvergenz und evtl. sogar Wiedervereinigung der Christenheit. Dabei bezog sich der "Imperator Rex" auch darauf, dass die deutschen Lande im Mittelalter nicht nur einfach "Heiliges Römisches Reich" hießen, sondern der Gewährsträger des Überlebens von Rom waren. Im Gegenzug dafür erhielt stets ein Deutscher die Kaiserwürde vom Papst, sozusagen der größtmögliche Gipfel des Gottesgnadentums (als Begründung jeder christlichen Monarchie seit der Antike). Wilhelm wollte nicht nur Kaiser von Bayerns Gnaden sein, vgl. die Andienung der Kaiserkrone durch Ludwig II., er wollte wie ein mittelalterlicher Kaiser das römische Gottesgnadentum erhalten, das war ihm als Protestant aber natürlich verwehrt. Ohne weiter in Details zu gehen, hinter der Kirchenpolitik der preußischen Obrigkeit steckte ein ganzer Mikrokosmos, der heute fast vergessen ist.

    Das hatte rein machtpolitische Gründe, schon nachdem das katholische Rheinland Anfang des 19. Jh. zu Preußen kam merkte man, dass der reformatorische Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten noch ein fortdauerndes Problem war und damit das gerade erst gewachsene Preußen wieder zersprengen könnte. Auch wenn man die anderen deutschen Lande dauerhaft einverleiben wolle, allen voran den großen Brocken des erzkatholischen Königreich Bayern, müsse man darauf hinwirken die Kirchenspaltung zu überwinden oder zumindest so in die theologischen Studierzimmer zurück zu drängen, dass sie im volkskirchlichen und politischen Alltag keine Rolle mehr spiele.

    Auch der große Stilmischmasch hat darin eine Ursache. Ähnlich wie schon beim Reichstagsbau, der eine Mischung verschiedenster Stilrichtungen und Zeitalter, aber auch Regionalarchitekturen, darstellte, sollte der Dom die verschiedenen Kirchbautraditionen vereinen (das Üppige des Katholizismus drängt sich dabei natürlich besonders in den Vordergrund). Die preußische Hauptkirche sollte architektonisch mit der preußischen Tradition brechen, die selbst in den für preußische Verhältnisse üppigsten Kirchbauten vergleichsweise asketisch blieb ( Saxonia Sachsen hat hiermit sowieso nichts zu tun, das ist genauso eine kulturhistorisch andere Welt wie Bayern).

    Und hiermit sei die Genese des Berliner Dom lediglich angerißen. Er vereint in sich soviel Geschichte und Details, gerade das macht ihn so besonders. Arwed, der Domneubau war Teil der Repräsentation des "Imperator Rex", der die Personalunion aus Landesherr und Glaubensherr im Zuge seiner generell reaktionären Politik, die mittelalterlicher Machtfülle der Monarchen nachtrauerte, gerne erneuert hätte. Deswegen hat man in dieser Ära auch alle Hebel in Bewegung gesetzt um den Kölner Dom endlich fertig zu stellen (Köln war zu dieser Zeit Teil Preußens), obwohl dies eine katholische Kathedrale ist. Auch dies passt in den Zeitgeist der Kirchenkonvergenz. Theologische Unterschiede wurden zur kleinkarierten Theorie erklärt, das Verbindende des "einen Christentums" wurde in den Vordergrund gestellt. Auch als Machtmittel des Establishments, vgl. die damals noch dominante Rolle der Kirche im Leben der Menschen. Daher ist es kein Zufall, sondern gewollt gewesen, dass der Domneubau bzgl. "Glanz und Gloria" den Dom auf Augenhöhe mit dem Stadtschloss hob.

    Und aus deinem Argument wird anders ein Schuh: ist nach der Schlossreko nicht die Domreko nur konsequent, damit dieses Gestaltungsprogramm aus Dom und Schloss wieder eine perfekte Einheit bildet, wie sie beabsichtigt war?

    Einmal editiert, zuletzt von Pumpernickel (29. Januar 2017 um 13:05)

  • Pumpernickel, die von Dir beschriebenen vielfältigen Bezüge in Architektur und Bildprogramm stelle ich ja auch überhaupt nicht in Frage. Selbstverständlich ist der Dom ein bedeutendes Bauwerk des wilhelminischen Deutschlands. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass dieses Bauwerk nicht nur die Hauptkirche Preußens, sondern sogar Deutschlands sein sollte. Der Anteil der Protestanten im Kaiserreich war ja auch viel größer, als der der Katholiken, wenn ich mich nicht irre.
    Nein, ich kritisiere den Dom wegen seiner Störung des Ensembles am Lustgarten. Für mich ist der Dreh- und Angelpunkt der Stadtmitte das rekonstruierte Schloss. Marstall, Altes Museum, Zeughaus und eben auch der Dom sollten dem Schloss untergeordnet sein. Der Dom hat diese Hierarchie durchbrochen. Selbstverständlich stellt dies nur meine Meinung dar, doch muss ich Deine Frage deshalb trotzdem verneinen: die Rekonstruktion des Schlosses bedeutet für mich, den Dom nicht wieder auftrumpfen zu lassen!

  • ^das ist auch eine etwas atheistische Sichtweise, vermute ich? Denkst du, in Rom kritisiert jemand, der Petersdom würde seine Umgebung übertrumpfen? Ja, der Dom sollte die preußische Hauptkirche überhaupt sein, nicht nur eine protestantische, gar nur eine evangelisch-lutheranische wie heute. Und diesen Gedanken finde ich heute besonders reizvoll - nicht aus machtpolitischen Erwägungen wie damals, sondern weil die Ökumene ein sehr modernes Thema ist, das dringend neue Impulse bräuchte. Der Berliner Dom wartet im Grunde seit 100 Jahren auf eine ökumenische Nutzung.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    ... ist nach der Schlossreko nicht die Domreko nur konsequent, damit dieses Gestaltungsprogramm aus Dom und Schloss wieder eine perfekte Einheit bildet, wie sie beabsichtigt war?

    Ich habe hier mal eine seltene Ansicht, ein kolorierter Kupferstich von Jean Rosenberg aus dem Jahr 1775, Blickrichtung von der Spitze der heutigen Museumsinsel die seinerzeit noch durch einen kleinen Stichkanal abgeteilt war, direkt auf das Schloss. links davor der alte Dom noch vor Schinkel und links davor das königliche Lusthaus mit den ziegelroten Kuppeln (nicht mehr existent). Rechts vor dem Schloss die Häuser der Schlossfreiheit. Ich finde man sieht sehr gut wie sich doch alles sehr harmonisch fügt. Die Sprengung dieses Gefüges wurde meines Erreachtens erst durch die nachträgliche Errichtung der Schlosskuppel verursacht. Dann war aufeinmal der Dom zu mickrig... und so weiter. Man kann also durchaus sagen, dass es sich um eine Art Wettbewerb zwischen Schloß und Dom handelte mit verschiedenen Eskalationsstufen. Bis die Harmonie der Gesamtanlage des Lustgartens die Schinkel ja auch mit dem Bau des Alten Museums als nördliches Pendant zum Schloss versuchte zu balancieren, durch den Raschdorfschen Domneubau völlig die Maßstäblichkeit verlor.
    Ich denke man muss jetzt ersteinmal die Wirkung des HUF auf die Gesamtanlage betrachten und wirken lassen bevor man vorschnell wieder diesen Wettstreit zwischen Dom und Schloss befeuert.

    https://pictures.abebooks.com/STRUCK/21048569292.jpg

  • 1775 hatte Berlin 136.000 Einwohner. Bei Eröffnung des Domneubaus waren es knapp 2 Mio. Einwohner. Ich würde sagen Schloss und Dom wuchsen auch mit dem Maßstab der sie umgebenden Stadt mit bzw. beim alten Dom hielt man das nicht für möglich, also gab es den Neubau, beim Schloss nur Umbauten. Und für die angestrebte Hauptkirche (siehe oben) eignete sich der rein lutheranische Bau sowohl von der liturgischen Gestaltung wie auch von den Dimensionen natürlich nicht. Auch wurde der Domneubau ja vom Schlossherren Wilhelm vorangetrieben und nicht von der Kirche selbst, sodass von einem Wettstreit (außer von Wilhelm mit sich selbst) da auch kaum eine Rede sein kann. Vielleicht ist es so zu verstehen, dass Wilhelm sich eben gerne in der Doppelrolle aus weltlichem und kirchlichem Herr gesehen hätte (vgl. auch das riesige Kuppelkreuz des Stadtschlosses) und dazu war ihm die alte Kirche zu poplig und genügte nicht seinem ausgeprägten Repräsentationsanspruch.

    PS: Leute sagt mal bilde ich mir das jetzt ein oder ist es womöglich so, dass die DDR Kuppel stark an die seinerzeit ja verschwundene Kuppel des alten Stadtschloss angelehnt wurde? Zwischen der alten Schlosskuppel und der alten Domkuppel bestand ja keinerlei Verwechslungsgefahr. Aber wenn ich mir diese Aufnahme so ansehe

    http://www.berliner-zeitung.de/image/5967768/…hloss36-jpg.jpg

    man muss genau hinschauen um zu sehen, dass das nicht die gewohnte DDR-Domkuppel im Bildhintergrund ist. Oder spinn ich und bild mir das ein?

  • Dekoratives Anführungszeichen

    ... Leute sagt mal bilde ich mir das jetzt ein oder ist es womöglich so, dass die DDR Kuppel stark an die seinerzeit ja verschwundene Kuppel des alten Stadtschloss angelehnt wurde?

    ... hey Pumpernickel das lässt sich so schlecht sagen bei einem 2 cm großen Ausschnitt und ohne Vergleichsmöglichkeit... irgendwie ähneln sich doch alle Kuppeln dieser Zeit oder? Aber bestimmt möchtest du uns mit einer neuen wegweisenden These deinerseits diesbezüglich überraschen...

  • Nö, eigentlich nicht. Die DDR Kuppel wurde um 1980 gebaut, wo gab es in dieser Zeit denn noch große Kuppeln, die neu gestaltet wurden ("irgendwie ähneln sich doch alle Kuppeln dieser Zeit"). An irgend einem Vorbild wird man sich schon orientiert haben, zeitgenössischen Architekten der DDR war das Stilmittel einer großen Kuppel zu der Zeit schließlich ähnlich fremd, wie zeitgenössischen Architekten heute.

    Worauf ich damit hinaus wollte, vielleicht werden sich die DDR Kuppel und die Rekokuppel nach historischem Vorbild auf unbeabsichtigte Weise, durch eine historische Fügung, ganz gut miteinander vertragen und vielleicht betrachten wir das Thema der Kuppelreko (Dom) dann nochmal ganz anders (vgl. Arweds Ausführungen).