Beiträge von Baukunst

    Den geplanten Sockel kann man nicht höher machen, ohne den Brandschutz fürs Park Inn zu überarbeiten? Wird nicht passieren - wer hat schon freiwillig Lust auf so eine Bürokratie-Odyssee?


    Aber was wäre mit großen Leuchttafeln auf dem Sockel, die die Ecke optisch in die Höhe ziehen und evtl. interessanter machen könnten? Oder eine zweistöckige Pergola? Würde sowas ebenfalls den Brandschutz des Park Inn so einschneidend betreffen?

    Ich verstehe nicht recht, wo hier die „Misere“ ist. Klar, das Europacenter ist popelig. Alle anderen Platzseiten haben m.E. durchaus Qualität. Im Süden die beiden runden Ecken, im Westen Motel one samt Sockelgebäude zum Platz und Zoofenster, im Norden Zoopalast und das Bikinihaus. Die KWG mag gefallen oder nicht, in jedem Fall ist sie eine Berliner Ikone - so wie sie jetzt ist. Besonders Nachts, wenn das Blau von Innen leuchtet, finde ich sie toll… aber ok Geschmäcker sind verschieden.

    Soviel fehlt am Breitscheidtplatz auch nicht: die Kugellampen aus den 80ern könnte man mal ersetzen und dem Europacenter eine neue Fassade verpassen - das wäre wahnsinnig wichtig. Ein sauberes Pflaster sollte eigentlich überall selbstverständlich sein, non? ( Um mal Camondos charmante Art der Nachfrage zu zitieren)


    “Misere“ halte ich als Begriff für den Breitscheidplatz für völlig überzogen. Die sehe ich eher an anderen Plätzen, wo ohne Totalabriss Hopfen und Malz verloren sind, z.B. am Mehringplatz.

    PS: ich finde die Pläne für den Turm super, auch sehr wertig, und ich freue mich über einen weiteren Aussichtspunkt. Auch das Beleuchtungskonzept gefällt mir. Ein hohler und innen dunkler Turm ist ja auch toter Raum.

    Da solche erklärenden Tafeln zur Stadtmöblierung gehören und daher auch der geschriebene Text eine Anmerkung:

    Otto Weidt war zweifelsohne ein großer Mann. Mutig in Zeiten wo Mut nicht gratis war.

    Warum aber im ersten Abschnitt so auf den „armen Verhältnissen“ rumgeritten wird, aus denen er, seine erste und seine dritte Frau stammten (die zweite ist nicht erwähnt - warum?) erschließt sich mir nicht als Kausalnexus zu seinen späteren großen Taten.

    Überflüssige, ein bisschen sozialkitschig-schmalzige Färbung im ersten Abschnitt des Textes.

    Kein Drama, nur eine Beobachtung vom/am Rande.

    Konstantin schrieb:

    „Look & Feel der 1960er“

    sowie

    „man will offenbar die anderswo vollzogene Entwicklung künstlich nachziehen.“

    Zur ersten Aussage würde ich eher meinen späte 1950er. Das Erdgeschoss wäre in der überwiegenden Mehrheit der Fälle wesentlich schlichter ausgefallen in den 1960ern. Zudem wären die Fenster in der überwiegenden Mehrheit der 1960er breit gelagerte, dreigeteilte Fenster. Ist aber nicht so irre wichtig.

    Die zweite Aussage dürfte stimmen, zumindest war das mein Argument aus meinem Post vom Montag, bei dem ich das Gebäude als bereichernd bezeichnet habe. Weil es eben eine mögliche Entwicklung abbildet. Nur deine Formulierung „künstlich“ finde ich unglücklich gewählt. Auch weil der Begriff eine der Hauptkeulen der Rekogegner ist. Rekonstruktionen sind - egal wie wir dazu stehen (ich stets positiv) - natürlich immer künstlich. Es wird ein Zustand errichtet, der Jahrzehnte lang verloren war, wo sich ein Gebiet auch ohne Zerstörung entwickelt hätte. Daher ist ein Gebäude, welches in den 1950ern hier hätte gebaut werden können, auch nicht weniger oder mehr künstlich als eine Rekonstruktion eines Gebäudes Jahrzehnte nach seiner Zetstörung…

    Im Ergebnis finde ich daher - ceterum censeo - ein Projekt besser, welches die Zeitschichten nach der Zerstörung mitzitiert. Realistischer.

    Ich finde das „Nationale-Bautradition-Gebäude“ bereichernd. Wegen der Zeitschicht, die es suggeriert.

    Wer am Dresdner Neumarkt oder am Domrömer-Projekt in Frankfurt war, wird feststellen: es fehlt an der Zeitschicht 50-er bis zumindest 80er. Entweder sind die Gebäude „Vorkrieg“ oder (es gibt Ausnahmen) klar als Nach-2000er zu erkennen - ob nun Retroangepasst oder zeitgenössisch-modern.

    Hingegen ein 1950er eingestreut „belebt“ die Szenerie meiner Meinung nach, gibt mehr Tiefe. So hätte ein Neubau in der frühen DDR aussehen können - die Stadt hätte sich auch ohne Bombenzerstöung weiterentwickelt. Irgendwie realistischer.

    Die Fassade zur S-Bahn orientiert finde ich sehr cool. 10.000e von Leuten werden sie täglich aus der S-Bahn sehen.

    Sehr schön m.E. die Fensterbänder - gerade in dunkel.

    Wenn man sich damit arrangieren kann, dass das Architekturbüro ganz offensichtlich ein Faible für die frühen 1970er hat, ist es ein eleganter, schöner Neo-1970er. Das Weglassen der tiefen Fugen aus dem Ursprungsentwurf und das Wählen des dunklen Steins verstärken diesen Eindruck noch. Im Original hätte man womöglich Waschbetonplatten als Fassade gewählt, aber zum Glück war man hier gnädig.

    Retroarchitektur, sehr gut (m.E.) umgesetzt.

    Zur Erinnerung:

    So hätte es ausgesehen, wenn es 1931 genug Geld für die Umsetzung gegeben hätte, Architekt Richard Ermisch:

    https://www.directupload.eu/file/d/9331/wjzd7ajy_jpg.htm

    Und so, wenn es 1936 umgesetzt worden wäre, auch Richard Ermisch:

    https://www.directupload.eu/file/d/9331/k7ckt83x_jpg.htm


    Bildquelle beider Fotos: Schäche, Wolfgang: Architektur und Städtebau in Berlin zwischen 1933 und 1945, Berlin 1992

    Dazu wurde, wie weiter oben bereits beschrieben, das Baufeld vor dem Krieg platt gemacht. Viel musste in der DDR also nicht abgerissen werden für die Strassenschneise.


    Beide Vorkriegsentwürfe erscheinen wesentlich „großstädtischer“, insbesondere der von 1931 hat was vom Haus des Rundfunks in der Masurenallee. Die jetzige Planung ist in gewisser Weise eine Rolle rückwärts vor 1931, die Gegend war über 4 politische Systeme quasi 100 Jahre Wüste.

    Ziegel schrieb: „Besonders interessant finde ich aber die Zweit- und Drittplatzierten von Los 4.“.

    Wie Peer wäre ich auch interessiert, ob es da zugängliche Bilder gibt. Meine Recherche, u.a. auf der Webseite von Caruso St. John hat kein Ergebnis geliefert.

    Oder meintest Du, Ziegel, dass du auch noch keine Bilder gesehen hast, aber dir anhand der Namen der Architekturbüros des 2. und 3. Platzes von Los 4 interessante Entwürfe vorstellen kannst?

    Dafür, dass Bahn begleitende Architektur in jeder Großstadt die ich von der Bahnseite her kenne immer monoton und recht öde ist, finde ich diese hier absolut wohltuend. Das gefühlte Baujahr 1957 verbindet als Klammer und man könnte hier und da kleinere Bezüge zum Hansaviertel erkennen, wenn man wollte. Ein Schwan unter den üblichen Bahntrassen-Entlein. 👍

    Was natürlich kein Rendering Wert war, sind die Wohnungen mit Blick auf die Bundesallee in ihrem hässlichsten Abschnitt mit Überbreite, Tunnelmund und 60er-Jahre-Ungetüm gegenüber. Mal bei Google umdrehen! Das wären wohl die Wohnungen für 8.000 €/qm. Will man also wenigstens einen schönen Blick haben, wie es die Renderings der tapfer schönfärbenden Webseite suggerieren, bin ich bei den 12.000 €/qm. Bei einer 100 qm Wohnung sind das allein(!) schon 400.000 € Preisunterschied - nur für den Blick?!

    Wer kauft eine Wohnung an dieser zweifelsfrei suboptimalen Ecke? Ziegert ist nicht doof, es wird sich schon rechnen. Was ich mich daher frage: Ist es so unfassbar miserabel um andere Investment-Möglichkeiten (Aktien usw.) bestellt, dass man Geld SO parken muss?

    An dieser Ecke hätte man noch vor 6,7 Jahren einen Vogel gezeigt bekommen, wenn man von 5.000 €/qm Verkaufspreis gesprochen hätte.

    Mal so als Relation: Für die Verkaufspreise der Bundesallee-Hütte gab es vor wenigen Jahren noch Wohnungen im Diplomatenpark mit Tiergartenblick!

    Bei einer denkmalgerechten Sanierung müsste man sich wohl dieser Plattenverkleidung entledigen - die kam doch erst später und ist nicht bauzeitlich, oder? Jedenfalls wirkt die Fassade auf alten Aufnahmen kurz der Fertigstellung filigraner.

    Nachtrag: die Alufassade kam 1985 sagt ein schneller Check. Die sollte unbedingt weg!

    Und wieder mal keine Ahnung gehabt... Ich dachte immer, dies sei so ein typenbau-fresswürfel gewesen, wie es viele Betriebskantinen in der DDR gab. Etwas völlig Belangloses wie ne alte Kaufhalle. Und nun dieses großartige Bild - Freude Freude!!

    Politische Unterscheidung in böse und gute Architektur (immer in Windrichtung des aktuellen Zeitgeists) versuche ich weitestgehend zu ignorieren und mich auf die reine Ästhetik zu konzentrieren. Dieses Bild ist ein von Könnern gefertigtes Unikat. Kunst für jeden sichtbar. Eine echte Bereicherung.

    Finde das „Rankenhaus“ zwar ok, bin aber doch enttäuscht: auf der Visu sah mir das Ganze viel dunkler, ziegelmässiger aus. Die Farbgebung ist mir zu hell und leider, eingefärbten Beton sei dank, zu monochrom. Was für mich nach Zitat der 20er aussah entpuppt sich als Wiedergänger von 80er Jahre Postmoderne - etwa im Frankfurter Bankenviertel. Daher mögen die Ranken schnell wachsen!! Sehr gut gemeint, mittelmäßig ausgeführt.

    Ich kann schon nachvollziehen, was gemeint ist, dass vielen Menschen die Gestaltung ihrer Umwelt immer egaler wird. Beispiel Kaufhäuser: wenn man doch eh online bestellen kann, lockt auch kein schickes Kaufhaus mehr. Eine gewisse ästhetische (von der geistigen will ich gar nicht sprechen) Verarmung stelle ich schon fest…


    aber das Bauhaus sollte nicht als Sübdenbock herhalten. Ursprünglich als Schule für Gestaltung gegründet, wo die Professoren Meister hießen, Studenten ein Handwerk lernen mussten und es um Material und Farbe ging. Das alte 1933 aufgelöste Bauhaus war eine Antwort auf die „Beliebigkeit“ der 2. Gründerzeit, nach dem Motto: Haus steht, welchen Stil hätten Sie gerne zur Bestuckung dran. Das haben die Bauhaus Gründer damals als seelenlos bezeichnet. Heute hingegen steht Bauhaus vielfach als Synonym für serielle seelenlose Massenarchitektur. Das ist aber kein Bauhaus im Sinne seiner Gründer. Ne WBS70 Platte etwa kann man zwar so hin argumentieren, dass es sie ohne Bauhaus womöglich nicht gegeben hätte, dennoch würde ich niemals sagen, sie wäre es.


    PS: ich glaube nicht dass es sowas wie demokratische/undemokratische Architektur gibt. Es gibt demokratische/undemokratische Nutzungen oder demokratische/undemokratische Auswahlverfahren. Vgl. Neoklassizismus der 1930 in den USA vs. Deutschland oder die Verwendung des Futurismus im Italienischen Faschismus.