Beiträge von Baukunst

    Bereits hier angesprochen möchte ich mich anschließen, dass der öffentliche Raum rund um das Gebäude sehr ansprechend gestaltet ist. Wie in aller Regel immer in Berlin in folgender Abfolge: Bordstein - Kleinpflaster-/Mosaikstreifen - diagonal(!) verlegte Gehwegplatten - Kleinpflaster-/ Mosaikstreifen - Gebäude. Dazu in aller Regel vernünftige Laternen. Ich wüsste keine Großstadt hierzulande (zumindest im Westen, in den Ostmetropolen Leipzig und Dresden ist die Qualität und Anordnung ganz ähnlich) wo dieser öffentliche Raum auch nur annähernd diese Qualität aufweist. In München, Hamburg, Köln etwa oder Frankfurt sieht’s meist so aus: Bordsteinkante - nicht diagonal verlegte Gehwegplatten - Gebäude. Dazu in aller Regel unschöne Laternen und alle paar Meter Asphalt- und Bitumenflecken und Ausbesserungen. Auch Vorkriegspflaster (Katzenköpfe) fehlt den meisten Städten im Westen. Obwohl im Westen in den genannten Städten sicher mehr Geld zur Verfügung steht, geben sich die genannten Städte im Osten und Berlin wesentlich mehr Mühe und das öffentliche Straßenland hat in aller Regel mehr Grandezza.

    Auch von mir danke für die tollen Postkartenmotive.
    Die Kritik des Feuilletons ist z.T. nicht ganz unberechtigt, zumindest was die Nutzung angeht. Aber die Herren argumentieren an politischen Realitäten vorbei. Ja, das Konzept ist eierig, wie etwa die FAZ schrieb, aber das ist nun mal politischen Entscheidungen zu verdanken, alle an dem Projekt Beteiligten, Arbeiter der Faust sowie der Stirn 😊 haben fantastisch gearbeitet, ihnen gebührt keinerlei Kritik! Was man Boddien und seinen Leuten höchstens vorwerfen könnte wäre, dass man sich zu sehr auf den Bau konzentriert hat, nur die Architektur im Sinn hatte, nach dem Motto: was rein kommt sehen wir dann und ist fürs Äußere nicht relevant. Die Nutzung hat die Politik bestimmt. Vielleicht war mehr auch nicht möglich. Wenn schon Gegenwind aufgrund der Reko, dann nicht auch noch aufgrund der Nutzung. Also ist diese kein großer Wurf geworden, kein genialer großer Plan. Jeden irgendwie ins Boot zu bekommen, den Bund, das störrische Berlin, Spender ging das nur mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner - nicht anecken, bisschen Ortsgeschichte, bisschen Ethno, bisschen Kolonialverbrechen, bisschen Büros und Restaurants. Das sage ich aber überhaupt nicht verbittert oder spöttelnd, denn ich glaube, dass ein Streit über die Nutzung dem Projekt womöglich das Genick gebrochen hätte und heute hier ein leerer Platz wäre. Siehe ggü. Stichwort Bauakademie. Und ein Blick in die Geschichte lohnt (wie eigentlich immer): Schon nach 1918 wurde das Schloss ähnlich sich nicht festlegend genutzt - bisschen Museum, bisschen Bibliothek, bisschen Behörden. Wer also im Feuilleton von bundesrepublikanischem Eigentor spricht, muss nur mal die Weimarer Republik zum Vergleich heranziehen, da gabs auch keinen großen Wurf. Stets hat der Mut oder haben die Möglichkeiten gefehlt, das Schloss wie den Pariser Louvre zu DEM Museum zu machen. Diese Kritik teile ich, und ich bewerfe das tolle Projekt bestimmt nicht mit Dreck, wenn ich das tue. Aber wer weiß, wie man hierzulande in 50 Jahren denkt, vielleicht bekommt Berlin doch irgendwann mal seine Louvre-Nutzung.

    Auch die Entscheidung eines modernen Architekturanteils war politisch. Diese Entscheidung berücksichtigend, ist das Ergebnis wirklich fantastisch! Wer sich noch an die anderen Wettbewerbsbeiträge erinnert, z.B. Mäckler, wird - ich zumindest - zu dem Schluss kommen, dass Stella der beste war. Sein Entwurf ist der zeitloseste, etwa im Gegensatz zu dem des genannten Mäckler. An Stella ist nichts modisches, zeitgeistiges, längst wieder überholtes. Und er hat wohlweislich an vielen wichtigen Stellen eine spätere Innenreko ermöglicht.
    Da kommt noch einiges in naher und ferner Zukunft.

    Deutschland ist wie jeder seiner Nachbarstaaten selbstverständlich eine Kulturnation. Und Architektur wird wohl geschätzt. In insgesamt allerdings zu geringem Ausmaß, das ist richtig. Wenn halt auch viele zeitgenössische Entscheider Nasenbären sind, so ist trotzdem sehr viel Architektur-Respekt recht breit gefächert in der Gesellschaft vorhanden.


    Mal runter vom Elfenbeinturm der Berliner Architektur-Duskussion und rausfahren - tut gut.

    Bin heute von nem Kurztrip aus der Gegend in und ums Elbsandsteingebirge zurück. Nur für diese kleine Region bräuchte man Wochen, um die zahllosen liebe- und mühevolle Initiative zur Pflege und Wiederherstellung von Kirchen, Schlössern, Bürgerhäusern, Gärten und Museen umfassend wiederzugeben. Praktisch in allen Projekten steckt immense Privatinitiative. Von Sparkasse macht ne Spende locker bis Hin zu Manni baut freiwillig nach Feierabend mit, einfach „weils scheen is, no“ alles vorhanden.


    PS: finde den Sieger von Kubatur und Material am besten. Ob der Portikus frei oder eingebaut besser aussieht - hat beides was... in jedem Fall schön, dass er nicht ÜBERbaut wird mit rostigen Containern oder sowas...

    Explizit jugoslawische Fledermäuse? 😊

    Wenn da Leute auf der Stahlschale rumlaufen gibt das ja neben dem Lärm sicher auch Vibration bzw. Schwingungen wenn die Schale sich bewegt. Wahrscheinlich genug um die Fledermaus zu nerven, dass sie den Ort dann endgültig verlässt.

    Danke für die Fotos, Klarenbach.

    Bin kein Freund der Wippe und werde es nie werden. Fairerhalber muss man konstatieren dass sich die Traditionalisten, zu denen ich gerne aber nicht fundamentalistisch dazugehöre, mit dem Schloss ihre Wünsche verwirklicht sehen also muss man auch den Moderne-Favorisierern ihren Sieg gönnen...

    immerhin hat die Wippe einen großen Vorteil ggü. dem Nationaldenkmal. Es ist soviel flacher, dass der blick auf das Eosanderportal eindrucksvoller ist vom schinkelplatz aus.

    De gustibus non disputandum est.

    Und trotzdem gibt es Dinge, die über persönlichem Geschmack stehen, die allgemeine Gültigkeit haben. Zum Beispiel der goldene Schnitt oder Harmonien von Bach. Beides ist Mathematik.

    Von daher ist Kitsch vor allem das Negieren von Proportionen und Harmonien. Das sehe ich bei diesem Brückenentwurf nicht. Im Gegenteil, ich finde ihn sehr harmonisch. Wichtig wäre aber in der Tat, auch den Unterbau entsprechend zu gestalten, um keine Harmonie zu zerstören und somit in den Kitsch abzugleiten.

    Ich tu mich schwer damit, Sonnenrollos als Architekturelement zu sehen. Ich seh das eher als Verschleiß-Ware. In wenigen Jahren kommen dann dunkelgraue und das war’s mit dem Effekt. Das Gebäude sollte auch so überzeugen. Ich finde es gut, solide, gibt dem S-Bhf-Tiergarten ne schöne Einfassung.

    Ganz nett finde ich die Idee, einige Längsstreben dunkelgrau zu streichen für eine leichte Musterung (hat man in den 50ern gerne gemacht), allerdings hätte es schon etwas an Sims oder andersartigen Abschluss gebraucht. Nicht nur eine mit Malerband gezogene Kante - da wirkt etwas unzureichend. Aber Farbe ist genauso leicht zu ersetzen wie sonnenrollos - siehe das Trias (BVG-Bürohaus), was zuletzt „tot“-gestrichen wurde.


    edit: sind das verschiedenfarbige Elemente? Nicht einfach gestrichen?

    Kann mich nur anschließen. Selbst das „Maul“ mit zerknüllte-Fassade-Effekt hat man gefühlt schon mal auf der Frankfurter Zeil oder irgendeiner Mall gesehen. Am gruseligsten ist die Seite neben dem Mendelsohn-Haus: dunkles Glas mit gelben Streifen. So wurde in den 80er gebaut - fies gebaut freilich. Die Kubatur ist einfach erschreckend.

    Kennt jemand Räuberschach? Das mal auf Architektur übertragen: So schlecht es ganz gewollt und bewusst geht.

    Details wie der Holzboden sind zwar erfreulich aber retten trotzdem nichts.

    Nach Ewigkeiten Kommentierungspause mein erster Text hier (endlich wieder mehr Zeit für die angenehmen Dinge des Lebens).


    Es ist immer leichter zu meckern als zu loben (daher meine Wertschätzung jener Mitglieder, die das Haus gut finden), aber bei diesem für mich brutal schlechten Gebäude kann ich nicht anders:

    Ich versuche mal rauszuschälen, was mich stört: es ist kein Hostel oder Renditebau, sondern die Repräsentanz eines bedeutenden deutschen Verlags. Wäre das Gebäude nur ein Hostel und würde an der Moll- oder K-L-Straße liegen fände ich den Bau ok und passend von der Kubatur. Aber hier an dieser Stelle so massiv und klobig zu quetschen, sprengt den Maßstab des Quartiers und gibt dem ganzen mitnichten eine Torsituation sondern einen Mauer mit Durchgang. Zudem das Gebäude zu seinem Widerpart, dem schwarzen „Atlantikwall-Bunker“ gestalterisch dermaßen abfällt, dass es kracht. Such nehmen die beiden „Tor“-Gebäude absolut null Bezug aufeinander. Ich sehe hier bei besten Willen keine „Tor“-Situation. Warum man als Fassade Alu nimmt, was oft nur bei Technikgebäuden alleine akzeptabel ist, erschließt sich mir nicht.


    Kurz zusammengefasst: ein viel zu fetter monotoner Kasten auf zu kleinem Grundstück, kalte Abweisende technische Optik, Hostel bzw. Renditebauflair trotz erlesenem Bauherr, Negierung der Chance zum Torcharakter zusammen mit dem Westwallbunker.


    Mein Fazit: leider gigantische Enttäuschung


    Mein Wunsch für diese Stelle wäre sowas wie das neue filigrane und trotzdem viel BGF-beinhaltende taz-Haus gewesen.


    nachtrag: innen sieht’s toll aus 😊

    Wie bei jeder (wenn hier auch vereinfachten) Rekonstruktion wird es Stimmen geben, die "Disneyland" beklagen und die Zerstörung eines Bauwerks kultisch bis in alle Ewigkeit festmachen wollen. So weit so bekannt.


    Bei einer Synagogen-Reko kommt jedoch noch etwas anderes hinzu: es wird gewiss von einigen mit einer Verharmlosung der Judenvernichtung argumentiert werden, wenn der Bau in altem Gewand wieder entsteht. Ein Neubau müsse also irgendwie zeigen, dass vorher eine Vernichtung stattgefunden hat, Schmerz. Diese Doktrin hinter sich zu lassen ist m.E. die große Stärke dieses Bauprojekts gegenüber zeitgenössischen Synagogen. Eine Reko transportiert für jeden ersichtlich die Message, dass Juden vor 1933 schon immer da waren, Patrioten mit repräsentativen Bauten und Sendungsbewusstsein und heutige Berliner Juden auch an die Geschichte vor 1933 anknüpfen wollen. Sich also im Grunde von der Enkel- und Urenkelgeneration der Nazi-Täter (freilich gut gemeint) nicht für alle Ewigkeit in die Rolle des Opfers gerückt zu sehen. Zumindest die halbe Hand voll Juden, die ich persönlich kenne, sehen das so. Die wollen einfach "normal" sein dürfen.


    Da Antisemitismus nun mal im Lande vorhanden ist (laut Broder gibt es zig verschiedene Arten, z.B. völkisch, islamistisch, marxistisch), finde ich ein starkes Statement wie eine Synagogen-Rekonstruktion eine sehr gute Sache. Dass dieser Bau in dieser Lage am Landwehrkanal fantastisch aussehen und dieser ohnehin schönen Gegend das i-Tüpfelchen aufsetzen wird, macht das Ganze zu einem Riesengewinn.


    Raed Saleh überzeugt dabei als uneitler, ehrlicher Mittler (…..und löst vielleicht mal Farblos-Müller ab)

    Bei Einsparung nicht zu sehr ins Gewicht fallender Quadratmeter hätte man die Glasfassade auch neigen können, zu einer steilen, hohen Dachform.
    Der untere Teil ist Wahnsinn, der Glasteil nicht soo übel. Hat was Kudamm-typisches, siehe Hotel Frühling am Zoo am oberen Kudamm.

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    Stimmt, Backstein, hat nichts direkt mit Kreuzberg zu tun. Verhinderungsmentalität und Abwehrreflexe gibt es leider überall. Hier kräht halt der Bezirkspolitiker, anderswo, z.B. in Zehlendorf gäbe es eine wohl organisierte Bürgerinitiative. Ich finde, das sind traurige Verhaltensweisen für eine 4-Millionen-Stadt und (sehr bald) größte Stadt der Europäischen Union. Sind Londoner oder New Yorker auch so oder ist denen bewusst, wie geil eine Weltstadt mit ihrem Tempo ist? Shanghaier nenne ich gar nicht erst...


    So pessimistisch wie Backstein sehe ich die Realisierung bei weitem nicht. Ich gebe ihr satte 80%. Irgendwann kriegt der Baustadtrat eine von oben verpasst und gibt Ruhe, aber er hat seine Rolle ja gespielt. Was ich indes glaube, ist dass eeeewig rausgezögert wird. Tja, vermietet der Eigentümer seine Läden eben später und teurer - besser wird die Welt dadurch nicht. Fertigstellung bis 2029 ist angepeilt...

    Ebenso wie ishish eine Seite zuvor habe ich mich gefragt, ob da echt der angrenzende Altbau in der Hasenheide abgerissen wird. Ich kann es mir jedoch bei bestem Willen nicht vorstellen. Ich denke eher, dass man bei der Visu etwas geschlampt hat in dem Bereich oder sich die Arbeit erleichtert hat. Natürlich ist der Wunsch hier Vater des Gedankens.


    Dass die X-Berger Grünen dagegen sind: wen wundert das? Ihre Wählerschaft beziehen sie aus dem großstädtischen, gut situierten, akademischen Gentrifizierer-Milieu, machen aber moralisch überhöht (und allein damit komplett arrogant) einen auf Milieuschutz, Anti-Großstadt und günstige Mieten. Wasser fürs Gewissen predigen aber Wein trinken.
    Ich sehe hier keine Logik, sondern nur einen pawlowschen Abwehrreflex gegen alles Neue - auch wenn es in altem Gewande daherkommt. Ein Ähnlicher Abwehrreflex wie die schlimmsten Schwarzen (politisch gesehen) auf dem Land in den BRD-1950er und -60er Jahren, erstickend geradezu...! Liberale zogen in die Städte, um frei zu sein. Heute muss man vor einengendem Spießermief bald aufs Land fliehen, um wieder atmen zu können :) Mein "besonderer Dank" also an solche Politiker wie diesen Kreuzberger Grünen (anderes Berliner Parteipersonal ist sooo viel besser auch nicht), die alles dafür tun, Berlin zu provinzialisieren, zu bremsen und Bullerbü daraus zu formen - darum bin ich vor 20 Jahren in die Stadt gekommen! Endlich holt mich provinzielles, enges, beschränktes und vor allem antiliberales Denken ein :nono:


    Nach etwas Hin- und Herschwanken würde es mir mittlerweile sogar besser gefallen, wenn sich die Neubaufassade farblich leicht von den drei Alt-Achsen abhebt. Kein Hau-Drauf-Kontrast, sondern ein feiner Wink an die Kenner und Interessierten, die damit weiterhin die Geschichte des Ortes (von der SS bei Kriegsende gesprengt!) erkennen und nachvollziehen können. In etwa wie bei der Dresdner Frauenkirche, wo ich die (noch) farblich abgesetzten neuen Steine extrem reizvoll finde - man sieht noch, wie die Ruine aussah. Gibt dem ganzen eine Schicht mehr Tiefe.


    Neben dem Berliner Schloss ist der Karstadt am Hermannplatz für mich "der" Meilenstein an Rekos in Berlin. Der beste Vertreter der "amerikanischen" Architektur, die nur ein kurzes, aber umso intensiveres Gastspiel in Berlin zwischen ca. 1925 und 1932 hatte.


    Ein brilliantes, edles, repräsentatives, ikonenhaftes Großstadtgebäude - ich freue mich wahnsinnig drauf! Wer da ins Bier heult, ablehnt, mäkelt, moralisiert und jammert ist bescheuert und als Bewohner Berlins eigentlich unwürdig. Dann geh doch zu Netto / aufs Kuhdorf! :)

    Wenn im Hauptraum der Denkmalkirche, also im EG, nur vier Prunksarkophage standen, spricht doch nichts dagegen, den vielen übrigen Platz anders zu nutzen, mit irgendetwas "lebendigem". Das klappt auch anderswo, etwa in der Münchner Frauenkirche: nicht in einer Gruft sondern im Hauptschiff der Kirche steht das Prunkgrabmal von Kaiser Ludwig dem Bayern. Gottesdienste finden drumherum statt.
    In der Denkmalkirche könnte man also sowohl kleinere Gottesdienste feiern, als auch eine weltliche Nutzung wie klassische Konzerte, Ausstellungen, Lesungen oder historische Vorträge andenken. Anders könnte man das städtebaulich wertvolle Projekt ohnehin nicht überzeugend durchkriegen - es muss schon Mehrwert erkennbar sein.

    Bin sehr gespannt auf die Außenhaut.
    Es scheint ein Metallgespinst zu werden, welches die obere Fensterreihe überspannen wird und diese dahinter erahnbar bleibt. Ob sich wirklich Gebäude in einem derartigen Material spiegeln werden, wie das Rendering zeigt? Daher hatte ich bisher stets gedacht, es würde sich um Metallplatten handeln.

    PR-Coup Tag von Potsdam

    Der "Tag von Potsdam" war ein geschickter Coup von Goebbels, die Propaganda wirkt bis heute nach. Von Preußen zu Hitler. Die Staffette wird übergeben, die Linie fortgeführt, Fackeln und Garnisonskirche als feierlicher Rahmen.


    Ich hatte das hier vor langer Zeit irgendwo schon mal näher ausgeführt:
    Von Preußen zu Hitler ist eine geschichtswissenschaftliche These aus den 60ern und einfach nicht mehr aktuell. Die Keimzelle des Nationalsozialismus und allergemeinsten Antisemitismus war nicht Preußen, sondern vor allem K.u.K. und Wien (Buchtipp: Hitlers Wien) und München als Orten von Hitlers jungen Jahren, Sitz der Thule-Gesellschaft, einem wesentlich reaktionärerem Klima als in Preußen und weiteren Faktoren. Antisemitismus war überall in Europa vertreten, Bsp. Dreyfuss-Affäre in Frankreich, Pogrome im zaristischen Russland usw. Eine widerliche Zeiterscheinung, die es auch in Preußen gab, aber in keinster weise auffälliger als woanders, sondern liberaler und zurückhaltender. Juden konnten in Preußen bzw. im preußisch-dominierten Kaiserreich aufsteigen wie nie zuvor und sonst wohl nur in den USA. Auch in Wissenschaft, Korps, Kammern, Militär, Industrie. Bis hin zu Persönlichkeiten wie dem Außenminister der Weimarer Republik Walter Rathenau: Großbürger, Industrieller (AEG), hochangesehen. Auch Militärrabiner gab es bereits im ersten Weltkrieg, insbesondere bei den preußischen Heeresteilen. Der bekannteste war Leo Baeck. Jüdische Flieger erreichten im ersten Weltkrieg sogar das Pour le Mérite, den höchsten Orden überhaupt, vom Kaiser persönlich überreicht. Rund 12.000 jüdische Soldaten sind auf deutscher Seite (damals sprach man pathetisch von FÜR Deutschland) gefallen, rund 100.000 haben an der Front gekämpft, viele Eiserne Kreuze wurden verliehen. Wie kann man da von einer Fortführung sprechen? Was soll denn davon bei den Nazis fortgeführt worden sein?


    Den preußischen Eliten waren die Nazis Proleten, Aufsteiger, Parvenüs, die die Überwindung der Klassen in der Volksgemeinschaft propagierten, was den gefestigten Strukturen der Eliten missfiel.
    Klar waren die preußischen Eliten nach dem 1. WK extrem reaktionär, aber monarchistisch und revanchistisch gegen den Versailler Vertrag. Preußen war tief DNVP, nicht so sehr NSDAP.
    Sympathien gab es in der Endphase der Weimarer Republik für Law and Order und aufgrund der empfundenen Bedrohung durch die Kommunisten. Die Nazis wurden im Vergleich als kleineres Übel gesehen. In diesem Zusammenhang ist auch das berühmte Zitat: "wir werden Hitler in die Ecke drängen, bis er quitscht" von Franz von Papen und die Teilnahme am "Tag von Potsdam" (was ein Vor-den-Karren-spannen von Goebbels war) zu sehen. Man hat sich selbst hoffnungslos überschätzt und die Nazis grenzenlos unterschätzt.

    Als "Rekofanatiker" würde ich immer den traditionellsten Entwurf wählen.
    Zu einer Reko gehört aber auch der originale Bauplatz. Mit der Versetzung der beiden östlichen Achteckenhäuser aufgrund der überbreiten Straße hatte ich schon immer Bauchschmerzen. Vielleicht bin ich verklemmt ;), aber Reko und Bauort gehen für mich nur zusammen! Translozierungen sollten die absolute Ausnahme - vor einem Abriss - sein. Den Neubau werte ich daher nicht als Rekonstruktion - der Witz der acht Ecken, die einen kleinen Kreis ergeben, ist ohnehin nicht mehr möglich. Daher finde ich ausnahmsweise den modernen Entwurf, da er auf historisch nicht korrektem Baugrund steht, besser, passender - ich sage in diesem spezifischen Fall sogar: ehrlicher.

    Konservativer Wiederaufbau

    Zu Epizentrums Bild vom Römerberg 13-17:


    die Häuser sind Zeugen der viel zu kurzen, hoch interessanten Epoche in Ost und West (1948 bis ca. 1960), in der die Tradition noch vor einem radikalen Schnitt mit der Vergangenheit überwog. Der Schnitt - simpel gesagt - kam ganz automatisch ab ca. 1960 durch industrielles Bauen mit daraus erfolgender Kostenersparnis (im Osten: Ablösung der Nationalen Bautradition durch Plattenbau. Im Westen: Ablösung von Heimatschutzstil durch tja, im Grunde auch vielfach Plattenbauten). Sowohl in Ost wie West ist m.E. nach weniger Ideologie im Spiel gewesen, als oft angenommen - hüben wie drüben hat hauptsächlich Kohle eine Rolle gespielt.


    Die Ausprägung der Nationalen Bautradition bzw. des Heimatschutzstils ist natürlich vielfältig. Vielfach fällt auf, dass es sich, wie beim Römerberg 13-17, um Mischwesen aus Tradition und Moderne handelt, die so nur hier, zu dieser Zeit und mit diesen Architektenbiographien möglich waren. Die Architekten, geprägt von Ideen des neuen Bauens, Bauhaus und neuer Sachlichkeit in ihren Anfangsjahren, haben im dritten Reich lernen müssen, dass (wenige Ausnahmen) ein Haus ohne Walmdach kein Haus sei. So hat man eben Hybride geschaffen: ein Walmdach wie Goethes Gartenhaus (DAS deutsche Haus, nicht nur, aber vor allem von den Nazis so gesehen) auf reduzierter, sachlicher Fassade.


    Diese oktroyierte Sicht- und Arbeitsweise wurde in den 1950ern vielfach einfach weitergeführt. Eine Stunde Null gab es architektonisch gesehen nicht, ca. 1960 stellt die eigentliche Zäsur dar.


    Daher sind die Häuser interessante Zeugen und haben stadthistorisch wie ästhetisch gesehen ihre Berechtigung als Denkmal an dieser Stelle.


    Interessant ist, dass die Neubauten des Domrömer Projekts viel konservativer daherkommen und sich an diesen - noch eher als beim Bau der Rekos - das Anknüpfen an die 1910-1930er Jahre erkennen lässt. Hoffentlich bleibt es für künftige Vorhaben bei dieser "Leit-Zeitspanne".


    Ich würde mich jedoch freuen, wenn bei weiteren Stadtwiederherstellungs-Projekten in der Altstadt auch noch mal ein "1950er" dabei wäre, wie der geniale Eingangsbau vom historischen Museum mit seinen Rauten, Bullaugen UND Walmdach!

    Luckauer 7 scheint so zu werden wie das Rendering.
    Sehr fein. Ganz und gar nicht belanglos, sondern akkurate neue Sachlichkeit. Vgl. z.B. Deutschlandhaus am Anhalter oder die Postämter aus der Weimarer Republik in München (z.B. am Harras oder Goetheplatz).
    Finde es von den Proportionen sehr gelungen, passend auch die horizontale Fensteraufteilung und der kleine repräsentative Balkon fürs Hissen der Flagge ;)


    Auch schön, dass der Moritzplatz sich endlich wieder wie „Stadt“ anfühlt. Die bisher toteste Blickachse wird durch den Eckbau Heinrich-Heine/Sebastian stark aufgewertet, was Backsteins Foto aus #672 bereits zeigt.

    So‘n Baum kann in einer Baumschule zwar sicher zu 5000€ erworben werden, aber da sind noch keine Arbeits- und Transportkosten inkludiert. Da braucht man einen Kran (den von Banzhaf, den immer wieder in der Stadt sieht), einen Tieflader und, will man die Krone nicht schmal stutzen, Strassensperrungen bis zum Bestimmungsort. Am Bestimmungsort wiederum müssen neue Löcher gegraben werden und der Kran muss wieder anrücken - schon kostet die Umsetzung, selbst bei Verkauf zu 5000€, nochmal die gleiche Summe pro Baum.
    Das Kettensägenmassaker scheint mir da in jedem Fall vorprogrammiert...


    Andere Frage: ist das Grundstück direkt ggü., neben dem Bewa..Vattenfall-Gebäude auch so eine Bundes-Reserve wie ggü. des Finanzministeriums an der Wilhelmstrasse? (Also brach in alle Ewigkeit?)