Molkenmarkt, Klosterviertel - Neuplanung und kleinere BV

  • Geil! Erstaunlich, was geht, wenn der Auftrag klar eine solche Richtung vorgibt und die Architekturbüros sich dem nicht verweigern. Man sieht aber auch, dass Übung und Wissen fehlt, diese Art des Entwerfens stimmig zu bewältigen.

    Dennoch, auch die ungelenken Seltsamkeiten würden dem Quartier einen individuellen Charme verleihen. Es würde etwas entstehen, das der Besonderheit des Ortes ganz gut gerecht würde. Jene Stimmen, die dort lieber billige Wohnmaschinen sehen wollen, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

    Schade, dass es noch keine Visualisierungen der Hof-Arkade zu sehen gibt (Los 5).

    Besonders interessant finde ich aber die Zweit- und Drittplatzierten von Los 4. Die Beiträge von Lederer Ragnarsdóttir/Baumschlager Eberle überzeugen mich gar nicht, erst recht nicht im Vergleich zu den anderen Losen. Die vertikale Gliederung ist extrem unruhig, in jeder Etage andere Fensterformate, das geht nicht. Auch die Proportionen Sockel-Mitte-Dachzone stimmen hier meistens nicht. Nicht zuletzt macht ein einheitliches Material für die Sockel das ganze Bemühen um Kleinteiligkeit kaputt.

    Es soll ja schon vorgekommen sein, dass niedriger platzierte Beiträge umgesetzt wurden... Das wären für Los 4:

    2. Preis: 34.000 Euro - Caruso St John Architects, London

    3. Preis: 22.200 Euro - Thomas Müller Ivan Reimann Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin

    Am meisten besorgt mich aber, dass die WBM als Bauherr und schon bald eine neue Landesregierung alles wieder mit dem Arsch einreißen könnten.

    Die Berliner Bürgervereine und alle Interessierten sollten jetzt Druck machen, damit es trotz erwartbaren Störfeuers in die Umsetzung geht.

  • Das Los 4 geht nicht. Die Gebäude sehen aus, als würde dahinter eine einheitliche Nutzung versteckt werden.

    Erinnert mich deshalb an die Mall of Berlin oder eine retrogewandte Karstadt oder Galeria Kaufhof Filiale.

    Der Gedanke der klassischen europäischen Stadt mit Blockrand, Kleinteiligkeit und unterschiedlicher Gestaltung und Nutzung, welche in diesem Gesamtquartier am Molkenmarkt verwirklicht werden soll, wird in diesem Los 4 "pervertiert".

    Das Büro Lederer Ragnarsdóttir kommt aus Stuttgart, wo mit Abstand die hässlichste, da gleichförmigste Stadtreparatur betrieben wird (siehe Beispiel: BV Fünf Giebel).

  • ^ (Los4) Das ist ja auch so. Es soll eine kulturelle Nutzung sein. Also Theater oder ähnliches. Gefallen tut`s mir allerdings auch nicht.

  • Ich bin auch absolut überrascht - sehr positive Ergebnisse. Das sollte man auf jeden Fall so ausprobieren. Es erinnert mich an die gestrichene Planung vom Werkbund in Charlottenburg oder auch die Pläne aus den 90 ern für die Komische Oper.


    Jetzt geht es darum die Pläne beizubehalten und in guter Qualität auszuführen.

  • Ob man die Säulenreihen zum Stadthaus noch anpasst? Im Entwurf von Los 3 sind es italienisch anmutende runde Bogengaenge, im Los 4 eher "harte" quadratische Säulen, die gar keinen Flair versprühen. Beide Säulenreihen stehen sich direkt gegenüber.

    Da waere es doch angebrachter, man wuerde Entwurf Los 4 auf Los 3 hin anpassen.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Erinnert mich deshalb an die Mall of Berlin oder eine retrogewandte Karstadt oder Galeria Kaufhof Filiale.

    ... oder auch an die Postmoderne.

    Dekoratives Anführungszeichen

    Das Büro Lederer Ragnarsdóttir kommt aus Stuttgart, wo mit Abstand die hässlichste, da gleichförmigste Stadtreparatur betrieben wird (siehe Beispiel: BV Fünf Giebel).

    Lustigerweise musste ich ebenfalls an das von dir genannte Bauvorhaben in Stuttgart denken. Mit dem kleinen Hinweis, dass das BV in Stuttgart den Namen "Vier Giebel" trägt. :- ) Link: Projekt "Vier Giebel" Eberhardstraße (ab Q1/2024) - Seite 19 - Stuttgart - Deutsches Architekturforum

    Und irgendwie erinnern mich die Fassaden von Los 4 mit der Ausformulierung des Mezzaningeschosses (direkt unterhalb des Schrägdaches) an das Neue Rathaus in Dresden. Link: Dresden Rathaus 3 - Neues Rathaus (Dresden) – Wikipedia

  • Hab ich das richtig verstanden, dass mit „Los 5“ die Arkaden des Los 4 gemeint sind, und dass diese sich an dem Gewinner von Los 2 orientieren sollen? Sprich, dass es zwar nicht unbedingt die gleichen Arkadenbögen wie von Los 3 werden, aber durchaus noch stimmiger als das Los 4-Design werden kann?

    Ich finde nämlich auch, dass man mit einer Umsetzung des Gewinnerentwurfs von Los 4 die Chance verbaut, einen stimmigen einheitlichen Platz zu errichten.

    Other than that: Sehr positiv überrascht!

  • Wo kann man denn die Zweit- und Drittplatzierten der Lose sehen?

    Die scheinen ja nicht unwichtig zu sein, wenn msn das Vorgehen im "weiteren Verfahren" liest...


    Die WBM wird im Nachgang an die Jurysitzung ein Vergabeverfahren mit den drei prämierten Teams pro Los durchführen. Bei der Bewertung wird die Platzierung im Wettbewerb ein zentrales Kriterium sein. Darüber hinaus fließen auch die geplante Organisation der weiteren Projektbearbeitung sowie das Honorarangebot der jeweiligen Preisträger in die Entscheidung ein

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Auch wenn ich was Salz in Suppe streuen muss… mir gefällt Los 4 am besten. Wenngleich auch nicht optimal. Die anderen Lose sind mir alle zu rückwärtsgewandt.

    Das ist hier natürlich eine mutige Äußerung, aber ich sehe das ähnlich. Mir ist das alles zu narzistisch. Alles sehr glatt mit strengen Fassadengliederungen, gepaart mit einigen Bögen. Nirgendwo die Leichtfüßigkeit einer echten Altstadt. Gebaut wird das alles vermutlich recht wohltuend aussehen, dennoch bleibt bei mir ein etwas bitterer Nachgeschmack und eine Assoziation an das Dritte Reich.

    Der 1. Preis von Los 4 haut mich jetzt auch nicht vom Sockel. Dennoch finde ich die fast schon postmoderne Naivität des Entwurfs geradezu wohltuend im Vergleich zu den anderen Gewinnern.

  • Ziegel schrieb: „Besonders interessant finde ich aber die Zweit- und Drittplatzierten von Los 4.“.

    Wie Peer wäre ich auch interessiert, ob es da zugängliche Bilder gibt. Meine Recherche, u.a. auf der Webseite von Caruso St. John hat kein Ergebnis geliefert.

    Oder meintest Du, Ziegel, dass du auch noch keine Bilder gesehen hast, aber dir anhand der Namen der Architekturbüros des 2. und 3. Platzes von Los 4 interessante Entwürfe vorstellen kannst?

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Oder meintest Du, Ziegel, dass du auch noch keine Bilder gesehen hast, aber dir anhand der Namen der Architekturbüros des 2. und 3. Platzes von Los 4 interessante Entwürfe vorstellen kannst?

    Ja, genau, entschuldige bitte. Das ging aus meinem Kommentar nicht hervor. Ich bin besonders interessiert an den niedriger Platzierten, ebenso wie an der Arkade. Beides ist wohl noch nicht öffentlich. Das macht man manchmal so, vielleicht auch, um Diskussionen zu verengen. Fair finde ich es nicht, es sollte alles zu sehen sein.

    Orakel "Assoziation an das Dritte Reich", wobei man "Drittes Reich" noch einmal extra in Anführungszeichen setzen muss, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Weil es Stein, stehende Fenster und Bögen gibt? Bitte mal genauer in die Architektur 1933-45 vertiefen. Oder noch besser, in die Reformarchitektur ab 1900, da wirst du nämlich eher fündig. Zumal es in der Nazi-Zeit ohnehin nicht viel Wohnungsbau gab, man war ja viel mit Krieg beschäftigt. Diese Art des architektonischen Individualismus, der hier am Molkenmarkt zelebriert wird, hätte es in Nazi-Deutschland nicht gegeben.

  • Wirklich begeistern tut mich das insgesamt zwar nicht aber es ist in der Tat für Berliner Verhältnisse fast schon sensationell gut. Was mich am meisten stört ist (mal wieder) die relative Einheitlichkeit über die einzelnen Blöcke hinweg, die man leicht hätte verhindern können, indem man Parzellen einzeln vergeben hätte. Insbesondere stört mich das bei Los 4, wo alle Gebäude wie eine Variation des selben Gebäudes aussehen. Bei Los 3 gefallen mir die Fensterkreuze, die Fassaden finde ich aber zu glatt, was gerade im Vergleich zum benachbarten Alten Stadthaus auffällt. Diese Ecke hätte einfach mehr Details und Ortsbezug verdient. Auch der teils fehlende Dachabschluss, der die Gebäude klobig und kastig wirken lässt, stört mich. Bei Los 2 gefällt mir insbesondere die Erdgeschosszone. Der Stil aus Los 1 gefällt mir auch sehr gut und wirkt gerade durch die Schrägdächer filigran, die Fassade strukturiert, allerdings auch altbekannt und etwas austauschbar durch viele ähnliche Bauten im Zentrum Berlins aus der Nachwendezeit. Als beste Quartiersentwicklung seit dem 2. Weltkrieg würde ich das aber definitiv nicht sehen. Da finde ich die neue Altstadt in Frankfurt wesentlich besser, was nicht zuletzt an historischen Orientierungspunkten und der Parzellierung liegt.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Da finde ich die neue Altstadt in Frankfurt wesentlich besser, was nicht zuletzt an günstigeren historischen Orientierungspunkten und der Parzellierung liegt.

    Genau darin scheint der Unterschied zu liegen. In Frankfurt herrschte zum Zeitpunkt der Zerstörung noch eine mittelalterlich-frühneuzeitliche Bebauung und Stadtstruktur mit entsprechend wertvoller Bausubstanz vor. Beim Wiederaufbau stellte man daraus bedeutende Leitbauten voran und rekonstruierte auch die historische Stadtstruktur mit engen Gassen und Platzanalagen. Man möge mich berichtigen, aber ich glaube, eine solche Situation hat es Anfang der 1940er Jahre am Molkenmarkt nur noch bedingt gegeben. Entsprechend fehlen die Leitbauten, die man als Rekonstruktionen als Ankerpunkte der Wiederherstellung einsetzen könnte.

  • ^ Das stimmt, doch finde ich es schade, dass es oft erst historische Leitbauten oder Vorbilder braucht, um wirklich besondere moderne Architektur mit Lokalbezug zu bekommen. Hier wäre mehr Mut, Kreativität und Vorstellungsvemögen der Architekten und sonstigen Beteiligten wünschenswert. Das aber mehr als generelle Anmerkung, nicht speziell dieses Projekt betreffend, auch wenn es ja im Bereich der historischen Altstadt liegt.

  • Das Graue Kloster wäre in jedem Fall ein sehr naheliegender Kandidat für eine Rekonstruktion.

    Haus Blankenfelde oder die Häuser am Jüdenmarkt sind sicherlich streitbarer, wenngleich sich auch dafür Vereine ausgesprochen haben.

    Im nördlichen, heute überbauten Teil der Klosterstraße könnten in ferner Zukunft Leitbauten wie das barocke Palais Kreutz von Schlossbaumeister Böhme und der aus architekturgeschichtlichen Gründen herausragende Schinkelbau des königlichen Gewerbeinstituts von 1829 wiederentstehen. Der gegenwärtige Zustand ist sicher nichts, was die Jahrhunderte überdauern sollte.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Haus Blankenfelde oder die Häuser am Jüdenmarkt sind sicherlich streitbarer, wenngleich sich auch dafür Vereine ausgesprochen haben.

    Das Haus wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen (wilhelminischer Bauboom). Unabhängig davon, dass die bescheidene barocke Fassade kaum für einen Leitbau genügen dürfte, bin ich ein entschiedener Gegner davon, beliebige historische Zustände von Stadträumen wie aus einem Bausatz neu entstehen zu lassen. Wenn rekonstruiert wird, so sollte man sich auf einen Bezugspunkt einigen, der vor den Kriegszerstörungen 1942 bis 1945 vorherrschte. Alles andere würde Architekturgeschichte negieren. Mir ist bewusst, dass strikte Rekonstruktionsgegner diese Argumente auf alle derartigen Vorhaben anwenden könnten. Der Zweite Weltkrieg ist aber die Urkatastrophe für unsere Architektur gewesen, und selbst die Denkmalpflege hat sich in den Wiederaufbaujahren eingestehen müssen, dass man in tausenden Fällen doch den Dogmatismus fallen lassen muss und wiedererrichtet, was verloren war. Ich will hier keine neue Diskussion über Sinn und Unsinn von Rekonstruktionen anstoßen, aber an diesem speziellen Beispiel möchte ich doch erläutern, wo bei mir die rote Linie bei Rekonstruktionsvorhaben liegt.

  • Hat jemand zufällig irgendwo die Information gelesen, wann der Molkemarkt dann fertiggestellt sein soll? Üblicherweise muss man ja 10-15 Jahre für so etwas rechnen oder?

  • ^ Wenn es um den gesamten Quartier geht im Jahr 2030 - oder später. Der erste Bauabschnitt soll im Jahr 2028 Folgen. Da bin ich eher am verzweifeln. Ein Bericht RBB letztes Jahr November 2025. Durch die Archäologen arbeiten, kann es zu Verzögerungen kommen. Ansonsten Tagesspiegel die Woche Bericht über die Kosten der Blöcke , was ja die Woche berichtet wurde hier in Forum.

  • Dekoratives Anführungszeichen

    Man möge mich berichtigen, aber ich glaube, eine solche Situation hat es Anfang der 1940er Jahre am Molkenmarkt nur noch bedingt gegeben.

    Der großflächige Abriss der kleinteiligen Altstadtbebauung am Molkenmarkt wurde 1938 durch die nationalsozialistische Stadtplanung durchgeführt. Daher sollten jetzt alle Bürger ein mutiges Zeichen für Demokratie und Zivilgesellschaft setzen, indem die vom NS-Regime durchgeführten Zerstörungen am Molkenmarkt wieder rückgängig gemacht werden und der Zustand vor 1933 wieder hergestellt wird.