Die künftige Last der/s modernen Architektur/Städtebaus?

  • ^ Schön, dann werden über 90 % der Neubauten und 100% der öffentlichen Planungen ja zumindest in etwa deinen Geschmack treffen. Und du sprichst von Demokratisierung, regst dich aber über gelegentliche Wortmeldungen einzelner Nutzer auf, die es wagen grundsätzlich werden und ihren Unmut zu äußern. Frei nach dem Motto: Was demokratische Architektur ist und was undemokratische, bestimmen alleine wir, die Avantgarde / "Experten".

  • Ich kann schon nachvollziehen, was gemeint ist, dass vielen Menschen die Gestaltung ihrer Umwelt immer egaler wird. Beispiel Kaufhäuser: wenn man doch eh online bestellen kann, lockt auch kein schickes Kaufhaus mehr. Eine gewisse ästhetische (von der geistigen will ich gar nicht sprechen) Verarmung stelle ich schon fest…


    aber das Bauhaus sollte nicht als Sübdenbock herhalten. Ursprünglich als Schule für Gestaltung gegründet, wo die Professoren Meister hießen, Studenten ein Handwerk lernen mussten und es um Material und Farbe ging. Das alte 1933 aufgelöste Bauhaus war eine Antwort auf die „Beliebigkeit“ der 2. Gründerzeit, nach dem Motto: Haus steht, welchen Stil hätten Sie gerne zur Bestuckung dran. Das haben die Bauhaus Gründer damals als seelenlos bezeichnet. Heute hingegen steht Bauhaus vielfach als Synonym für serielle seelenlose Massenarchitektur. Das ist aber kein Bauhaus im Sinne seiner Gründer. Ne WBS70 Platte etwa kann man zwar so hin argumentieren, dass es sie ohne Bauhaus womöglich nicht gegeben hätte, dennoch würde ich niemals sagen, sie wäre es.


    PS: ich glaube nicht dass es sowas wie demokratische/undemokratische Architektur gibt. Es gibt demokratische/undemokratische Nutzungen oder demokratische/undemokratische Auswahlverfahren. Vgl. Neoklassizismus der 1930 in den USA vs. Deutschland oder die Verwendung des Futurismus im Italienischen Faschismus.

  • Und du sprichst von Demokratisierung, regst dich aber über gelegentliche Wortmeldungen einzelner Nutzer auf, die es wagen grundsätzlich werden und ihren Unmut zu äußern.

    Nein es sind hier im Forum die immer gleichen Positionen, die immer wieder durchgehechelt werden: Moderne inclusive Bauhaus ist monoton und hässlich, Gründerzeit ist wundervoll. Das wird auch nicht gelegentlich angemerkt sondern ständig behauptet!


    Mit der Demokratisierung meinte ich die Art wie gewohnt wird, eben nicht mehr mit den Eliten in der Belletage und dem s.g. Pöbel im 2ten Hinterhaus!

  • Ich glaube in diesem ganzen Diskurs wird ständig Kunst- und Architekturgeschichte und das Bedürfnis nach pragmatischer Schönheit zum Leben durcheinander gewirbelt. Wer interessiert sich denn bitte heute noch dafür, dass die Belle Etage einer Elite vorbehalten war und das ärmere Volk im Hinterhof ohne Toilette & Bad gehaust hat? Das ist doch völlig von der heutigen Realität weit entfernt.


    Aus heutiger Sicht finde ich die Idee sogar durchaus attraktiv, die Straßenseiten besonders zu schmücken, während die Hinterhöfe günstiger und schlichter gestaltet sind. Ich weiß ja nicht wie alt einige Mitglieder dieses Forums sind, aber persönliche Assoziationen zu einem Zille-Leben in Berlin erscheinen mir dann doch etwas unauthentisch.


    Ich persönlich sehe jedenfalls einen Zeitenwechsel in der zeitgenössischen Architektur nicht nur im Enstehen, sondern längst angekommen. Architekten entscheiden in vielen Fällen auch nicht über die Gestaltung des Bauvorhabens - letztendlich ist es der Bauherr. Und das diese an Nachhaltigkeit auch im Sinne von zeitloser Attraktivität interessiert sind, offenbart sich besonders in Berlin in immer mehr und immer eindrucksvollen Fällen. Patzschke und Co wird die Arbeit daher in Zukunft (dankenswerterweise) nicht ausgehen.

  • < .... aber nur weil Sie etwas nicht verstehen oder dem Diskurs nicht mehr folgen können muss Ihre persönliche Einschätzung nicht richtiger sein als die anderer Foristen. Nur mal so zur Klarstellung.

  • Nein es sind hier im Forum die immer gleichen Positionen, die immer wieder durchgehechelt werden: Moderne inclusive Bauhaus ist monoton und hässlich, Gründerzeit ist wundervoll. Das wird auch nicht gelegentlich angemerkt sondern ständig behauptet!

    Das Gegenteil wird ja auch ständig behauptet. Vielleicht nimmst du das dann nicht wahr.

  • < .... aber nur weil Sie etwas nicht verstehen oder dem Diskurs nicht mehr folgen können muss Ihre persönliche Einschätzung nicht richtiger sein als die anderer Foristen. Nur mal so zur Klarstellung.

    Diese Pauschalunterstellung deinerseits, dass andere dem "Diskurs" nicht folgen können bestätigt mein Gefühl der deinerseits einseitig-empfundenen Überlegenheit. Argumente sind aber immer noch die beste Wunderwaffe, Unterstellungen und Diffamierungen dagegen nicht. Nur mal so zur Klarstellung. Immerhin hast du ein paar Fans deiner Worte z.B. "WBS70" (alleine der Name...) :D

  • Ich denke ein Thread in der Lounge ist längst überfällig. Kritik an moderner Architektur gab es immer, aber mittlerweile ist der Anteil der Bevölkerung, die die einförmigen Schuhschachteln nicht mehr sehen können überwältigend groß.


    Das ist sogar bei Comedy Central angekommen, die sich infolgedessen über den deutschen Star-Architekt-Prototyp lustig machen. Viel Spaß beim angucken:


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    Den Thread gibt es schon ewig.

  • Hallo, ich hab mich hier auch nur deshalb angemeldet, weil ich mich mit der derzeitigen Architektur unwohl fühle. Es gibt bestimmte historische Altstädte von überwältigender Schönheit (oftmals schlicht durch verwinkelte Gassen, bestimmte Gestaltung der Häuser, die nicht per se aufwändig sein muss); in der Folge Postkartenmotive an jeder Ecke. Der psychologische Effekt auf die Bewohner ist erheblich. Der Kontrast zu den Pultdächern der Neubauten im Dorf hier könnte kaum größer sein.


    In China gibt es ja komplett misslungene Versuche, europäische historische Architektur in Trabantenstädten zu "klonen".


    -> Eine konstruktive Frage: Ist irgendjemandem ein Projekt bekannt, bei dem in größerem Maßstab, sagen wir für zumindest 200-500 Personen (eher mehr), ein "neo-mittelalterlicher" (oder "neo-Renaissance" oder "neo-Jugendstil" / Gründerzeit usw) - Komplex nach modernen Maßgaben (was die Technik betrifft) errichtet wurde, abgesehen von Rekonstruktionen im Krieg zerstörter Gebäude? Also eine Art "künstliches" Dorf. Oder wenigstens nur ein Straßenzug? Es gibt sogar spezielle Solarpanels, die farblich wie Ziegelsteine aussehen, offenbar. Gibt es irgendeinen Architekten, der so etwas propagiert?


    Was ich übrigens interessant finde, ist dass man z.B. bei neugotischen Bauwerken sofort sieht, dass es sich um etwas nicht ganz "Authentisches" handelt, sondern etwas "Nachgebautes"/bzw. Inspiriertes sind. Damit geht ein erheblicher Teil der Atmosphäre und Wirkung flöten. Wie eine Art bessere Version von Disneyland. Man muss schon den Anspruch haben, dass es dem Vorbild wirklich zum Verwechseln ähnlich sieht. Gerade bei manchen Gebäuden, die Lücken füllen in historischen Altstädten, gelingt das aber ganz gut, wohl, weil dort wirklich Profis am Werk waren.

    Einmal editiert, zuletzt von retro ()

  • Diese neu veröffentlichten Filmaufnahmen von 1934, nachträglich koloriert und stabilisiert, verdeutlichen noch einmal die architektonische und städtebauliche Armut die heute in weiten Teilen Deutschlands herrscht. Der Krieg und vor allem der Abriß für das Auto haben unsere Städte ruiniert. Das wirklich traurige ist das wir als Gesellschaft keinen Weg aus dieser Misere finden.


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  • Die Architektur-Moderne hat alle Kämpfe verloren, die man nur verlieren kann:

    1. Den Kampf um Touristen: Die Abstimmung mit den Füssen zieht Menschen weltweit in Städte der Architektur-Vormoderne. Von Florenz bis Freiburg im Breisgau. Von Boston bis Buenos Aires. Kaum jemand schaut sich Halle-Neustadt etc etc an.

    2. Den Kampf um Stadtplanung: Weltweit gibt es eine Renaissance der dicht bebauten, gemischten und fussläufig bewältigbaren Stadt. Sogar in US-Städten, die da vor einer kolossalen Aufgabe stehen. Abschreckendstes Gegenbeispiel ist Brasilia. Schon mal versucht, dort eine Strasse zu überqueren? Schon mal angesehen, wie sozial getrennt (mit Strassenzügen und Himmelsrichtungen mit Kategorien von ganz arm bis ganz reich) dort das Leben der Menschen geplant gewesen war? Schon mal versucht, die Innenstadt zu Fuss zu bewältigen - oder auch nur von einem Regierungsgebäude zum nächsten zu laufen? Viel Spass.

    3. Den Kampf um Nachhaltigkeit/Umwelt: Die Architektur-Vormoderne baute Gebäude für Jahrhunderte. Nichts ist sowenig Nachhaltig wie Gebäude mit einer Lebensdauer von 30 Jahren oder 50 Jahren. Die Wegwerf-Mentalität der Moderne hat sich auch in dieser Hinsicht als völligen Irrweg erwiesen.

    4. Den Kampf um Nutzungsmischung: Wer will noch die Ideen der Moderne in diesem Bereich? Getrennte Monokulturen der Nutzung wie Schlafstädte in Stile von Hohenschönhausen? Nachgefragt sind Orte, wo alles auf einem Haufen sitzt - wie in der wilhelminischen Blockrandbebauung: Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Kultur an einem Ort. Reiche in der Bel-Etage und Arme im Hinterhof (naja, das nicht mehr so) - und alle gehen in dieselbe Schule....


    5. Den Kampf um die Idee des Kontrasts: Die Idee der Moderne, eine Stadtlandschaft voller dort "ausgestreuter" Solitäre bauen zu wollen, die keine Bezüge zum Nachbarn haben müssen - oder ihn gar negieren / kontrastieren - ist ebenfalls fast untergegangen. Weltweit gibt es eine Renaissance der Abfolge von Strasse und Platz - und der Bedeutung von harmonischen Strassenfluchten und Fassaden, die Strassen und Plätze einfassen - statt sie zu ignorieren.

    Nur den Kampf um die Fassade , um das Ornament, den hat die Architektur-Moderne noch nicht verloren. Aber das ist im Vergleich zu den Punkten 1-5 fast vernachlässigbar.

    Meine Erwartung ist auch bezogen auf das "Schloss" nicht anders. Die Touristen werden sich die Barockfassade erinnern, nicht die Rasterfassade.


    Betrag getrennt.

    Bato

  • Ein interessanter Artikel aus der Welt:

    Was schön ist, bestimmen nicht länger moderne Architekten


    Über Jahrzehnte hat man den Bürger als architektonischen „Laien“ abqualifiziert und die Rekonstruktion lebenswerter Altstädte „reaktionär“ genannt. Jetzt, wo diese Epoche zu Ende geht, ist ein Kulturkampf um unsere Innenstädte entbrannt. Dabei geht es nicht zuletzt um lukrative Aufträge.


    Wir erleben eine beispiellose Verunglimpfung von Architekten und Bauprojekten, die nicht dem Schema „zeitgemäßer“ Architektur entsprechen. Wo eine Fassade, ein Turm, ein Stück Altstadt gar, womöglich ein Schloss wiederaufgebaut oder rekonstruiert werden soll, sind die Kritiker schnell mit Totschlagvokabeln wie „reaktionär“ oder „faschistoid“ zur Stelle. Aber rekonstruiert, wiederaufgebaut, saniert und modernisiert wurde zu allen Zeiten. Altstadterneuerung ist ein Dauerthema der Architekturgeschichte.

    https://www.welt.de/kultur/plu…-moderne-Architekten.html


    In der Tat gilt es ja schon als 3. Zerstörung nach wem WWII was sich Architekten anmaßen zu gestalten. Inzwischen aber dreht sich der Wind und das ist gut so!