"Nürnberg bleibt Kulturstadt" - Woran lag's? Wie geht's weiter?

  • Nachdem ich im Pellerhof Rekonstruktions Thread ja schon Folgen der gescheiterten Kulturhauptstadtbewerbung erwähnt habe, danke ich, um genauer darüber zu diskutierten wäre eventuell ein neuer Thread besser.

    Ich persönlich habe da nichtmal so viele Empfindungen dazu, da ich von vornherein mit einem Scheitern gerechnet habe. Keine Kulturschaffenden die ich kenne haben sich dazu euphorisch geäußert, eher ablehnend und maximal in die Richtung "Schaun mer mal was so für uns abfällt."

    Auch "Past Forward" als Motto empfand ich als Floskel und eher rückwärtsgewandt. Auch hat mich die Fokussierung auf Hochkultur gestört, während Institutionen wie die Desi, das Projekt 31 oder die Eisdiele vor dem Aus stehen. Die Stadt sollte die Niederlage als Aufgabe begreifen, sich jetzt im diese Strukturen zu kümmern.

    Überraschend fand ich allerdings dass es Chemnitz mit einem imo etwas altbackenem Konzept wurde und nicht das als Favorit gehandelte Magdeburg, das bei der Bewerbung einen wesentlich jugendlicheren, unverkrampfteren Eindruck gemacht hat. Für die Stadt sicher dennoch eine super Sache, die das Fremd- und Selbstbild zurechtrücken kann.

  • Also ich habe weniger mit einem Scheitern Nürnbergs, als vielmehr mit einem Gewinnen von Chemnitz gerechnet. Wäre die Stadt nicht gewesen, könnte Nürnberg es durchaus gewonnen haben. Die Frage ist für mich also eher, warum Chemnitz gewonnen hat. Das Konzept der Stadt klingt für mich eher so: „Ja, also wir haben überall Platz für Kunst geschaffen, wie zum Beispiel hier in dieser DDR-Kaufhalle. DDR, hatten wir schon erwähnt, dass wir da früher mal dazu gehört haben?“

    Prinzipiell finde ich es ja gut, dass es nicht Nürnberg und Hannover geworden sind, da hier ja eher kleinere und unbekannte Städte gefördert werden sollen. Da passt Chemnitz halt tatsächlich hervorragend. Ich hätte es Magdeburg aber auch am ehesten gegönnt.

  • Magdeburg hat als Sitz einer Landesregierung aber durchaus ein eher aufpoliertes Stadtbild. Chemnitz hat etwas Underdog-mäßiges, ist weder das eine (politisches Zentrum) noch das andere (bürgerlich-wirtschaftliches Zentrum einer Region, wie Nürnberg). Insofern nicht wirklich überraschend. Allerdings muss ich auch sagen, Chemnitz kenne ich nicht, allein deswegen hatte ich es nicht wirklich auf dem Schirm. Magdeburg schon.


    Womöglich ist auch entscheidend gewesen, ob das Gemeinschaftsgefühl einer Bevölkerung in einer Stadt spürbar ist, sich die Mehrheit mitgenommen fühlt und vielleicht auch ankündigt, die Kulturhauptstadt-Würdigung als Imageboost zu nutzen. Das alles hat mir in Nürnberg gefehlt, hier schien es mir so, als wolle die Stadt damit für bisheriges belohnt werden. Ich hatte nie den Eindruck, als stünde hinter der Nürnberger Bewerbung der Wille, sich zu verändern. Dabei ist das dringend nötig. Einiges dazu habe ich ja schon in einem spezifischen Thread geschrieben. Aber die Schlagzeilen der vergangenen Monate, die von Künstlern berichten, die aus ihren Refugien rausfliegen, die die Stadt um Hilfe bitten wegen Corona, und allen voran diese entlarvende Interviewreihe der Lokalpresse haben bei mir einen tiefen, negativen Eindruck hinterlassen.

    In Facebook hat der geschätzte, ehemalige Stadtrat Joachim Thiel eine messerscharfe Analyse des Scheiterns veröffentlicht, der ich mich voll und ganz anschließen konnte. Allein, dass die hiesigen Verantwortlichen sich nichteinmal in Chemnitz haben blicken lassen, um die Konkurrenz auszuspähen, spricht Bände. In meinem beruflichen Kontext propagiere ich immer "Kenne deinen Feind", d.h. schau dass du alle Argumente kennst, die gegen dich und deine Strategie verwendet werden könnten/sprechen. Alles andre ist ein Blindflug.

  • Ich finde es sehr schade, dass es Nürnberg nicht geworden ist. Es hätte der Stadt und vermutlich auch vielen hier Wohnenden sicher gut getan und viele positive Impulse gesetzt. Auch und gerade weil es auch hier genug Menschen gibt, die "Kultur" und "Kunst" verwechseln oder nicht auseinander halten können / wollen.


    Ich habe noch keine Begründung der Jury gelesen und weiß gar nicht, ob da überhaupt etwas öffentlich gemacht wird. Ich glaube aber, dass es v.a. an der fehlenden Einbindung und rückläufigen Mitwirkung der hiesigen Bevölkerung lag.

    Bürgerschaftliches Engagement war einer der Auslöser und Antreiber für die Bewerbung, die erst nach gewissem Zögern von der Stadtverwaltung und dem damaligen OBM Maly aufgegriffen wurde (Maly hat lange gezögert, bevor er sich für die Bewerbung entschieden und in der Verwaltung durchgesetzt hat). Am Schluss ist aber ein reines Verwaltungsprojekt daraus geworden war. Das zentrale Büro hat alles geplant und orchestriert sowie pflichtschuldig die von der Jury benannten Kritikpunkte nach der ersten Runde abgearbeitet. Heraus kam dann der übliche typische Einsatz der sattsam bekannten Köpfe und Projekte (wie bspw. der Aktionskünstler Meese, "Rimini Protokolle", ...), die aber mit Nürnberg wenig bis gar nichts zu tun hatten und haben.


    Lokale und regionale Künstler, Engagierte und Interessierte wurden mehr und mehr in reine passive Zuschauerrollen gedrängt. Ich kenne einige die bei der Initiative "NUE2025" (https://nue2025.eu/ueberuns/) aktiv waren und mit der Zeit als Ehrenamtliche immer mehr gefrustet wurden...

    Peinlich war und ist für mich auch der Umgang mit dem ehem. Reichparteitagsgelände, dass der alte OBM Maly "trittfest" machen wollte, es aber eigentlich v.a. weiterhin als Veranstaltungsgelände für Norisring, RiP usw. nutzbar halten wollte. Ähnlich dann der lächerliche Versuche mit der Nutzung der Kongresshalle für "Kunst", was zwar mit vielen schönen Worten beschrieben wurde, aber aufgrund der bekannten Probleme (innen Rohbau, sehr dicke Wände, kaum Luftzug / Belüftung, viele kleine Nischen, überwiegend breite Gänge und Treppen, ...) recht schnell auf ein kleines Pilotsegment reduziert wurde, dass bis 2025 sowieso nur auf dem Papier gestanden hätte.




    Das "Gute im Schlechten" ist aber für mich, dass Fr. Lehner nun nicht 5 Jahre lang in jeder passenden und unpassenden Situation sich "produzieren kann". Außer vieler gedrechselter Worte und Häppchenkultur in Form von vielen Großveranstaltungen (Blaue Nacht, Klassik Openair, ...) hat sie mMn. in ihren über 12 Jahren(!) als Kulturreferentin wenig bewegt oder angestoßen. Der städtische Anteil an Kunst und Kultur ist seit Jahren recht bescheiden. Auf AEG und Quelle-Zwischennutzung gab es nicht wegen sonder trotz ihr und der Stadtverwaltung. Seit Jahren gibt es außer warmer Worte keine Unterstützung für die Künstler dort (und die anderen).