Als stiller Mittleser möchte ich gerne zum Thema neue ZLB auch meinen Senf dazugeben:
Zuallererst: Generell bin ich selbst ein großer Fan von Bibliotheken als freien Orten der Weiter- und Fortbildung, sowie Inspiration ohne Konsumzwang die allen Menschen unabhängig von Einkommen, sozialem Status und Bildungsgrad, offenstehen.
Allerdings bin ich auch ein Fan von seriösen Finanzierungsplanungen und einer entsprechenden Prioritätensetzung bei angespannten öffentlichen Haushalten, die im Interesse aller Menschen in Berlin sind. Der Standort im derzeitigen Galeries Lafayette Gebäude mag auf den ersten Blick ansprechend wirken, ich teile auch die Ansicht, dass die ZLB in der südlichen Friedrichstraße das Potential hätte ein ganz anderes Besucherklientel in die Gegend zu locken und somit das gesamte Gebiet attraktiver für die Berlinerinnen und Berliner zu machen (momentan ist dort eher der Tourismus, der Kommerz und der motorisierte Individualverkehr zuhause). Die Architektur des Gebäudes ist spektakulär und sicherlich einer ZLB würdig. Das wars aber leider auch schon.
Einigermaßen irritiert bin ich von den Stimmen, die den vorgeschlagenen Standort jetzt als das non-plus-ultra darstellen und die Nachteile dabei komplett ausblenden. Zum einen ist da die Kostenfrage. Es kursieren hier Zahlen von um die 600 Millionen Euro, eine gewaltige Summe, die gegenüber einem kompletten Neubau lediglich einen marginalen Vorteil aufweisen würde. Demgegenüber stünde jedoch unter anderem der große Nachteil, und dies wird in der Debatte leider viel zu selten erwähnt, dass das Medien-Magazin auch im Galeries Lafayette Gebäude keinen Platz hätte, was zur Folge hätte, dass die Medien, wie bisher, mit mehreren LKWs mehrmals täglich quer durch die Stadt gekarrt werden müssen. Da kann man sich doch wirklich nur noch an den Kopf fassen. Wenn man schon eine derart enorme Summe für die ZLB investiert, dann müssen diese ganz grundlegenden Anforderungen an einen Bibliotheksbau meiner Meinung nach auf jeden Fall erfüllt werden. Bibliotheken sind mehr als eine schöne Fassade und ein bisschen Bling Bling. Sie müssen auch logistischen Anforderungen genügen. Alles andere ist nicht seriös.
Dann kommen wir zur Setzung von Prioritäten im Lichte einer extrem angespannten Haushaltslage in Berlin, die sich spätestens in den nächsten Jahren noch mehr zuspitzen wird. Der Sanierungsstau der öffentlichen Gebäude in Berlin ist unvorstellbar hoch. Nur um einige, wenige Bespiele zu nennen: Wir lesen von ständigen Wasserrohrbrüchen in den Gebäuden der technischen Universität, die Gebäude am Virchow-Klinikum sind in einem desolaten Zustand mit einem Sanierungskorridor bisher bis ins Jahr 2050 (!!!), es gibt noch keine Perspektive für das Gebäude des ehem. Tempelhofer Flughafens (ob dies ein geeigneterer Standort für die ZLB wäre, zweifle ich allerdings auch an), sowie des ICCs. Wenn so viel Finanzierungsbedarf bei bereits existierenden Gebäuden besteht, dann finde ich Debatten über komplett neue Projekte, um nicht zu sagen Luftschlösser, total abgehoben und abwegig. Es mag natürlich nicht so sexy sein Geld für die Sanierung der TU Gebäude bereitzustellen, oder unsere Krankenhäuser baulich und klimatechnisch auf Vordermann zu bringen, aber es ist einfach extrem unseriös jetzt so zu tun, als ob wir über eine halbe Milliarde Euro (!!) in die Hand nehmen müssen, um der ZLB ein neues Zuhause zu geben, wenn Studenten gleichzeitig in überfluteten Gebäuden studieren und kranke Menschen in nicht klimatisierten und teils baufälligen Krankenhäusern liegen. Wäre die Situation eine andere, wäre ich vermutlich der erste, der sich für ein spektakuläres neues Gebäude für die ZLB einsetzen würde, aber die Situation ist leider nicht so. Meiner Meinung nach sollte sich die Politik auf den Bestand und die absoluten Basics für eine funktionierende Stadtgesellschaft kümmern und keine Prestigeprojekte für bessere Zeiten vorantreiben. Bei solchen Debatten steigen viele Menschen dann auch einfach aus, was sich dann unter anderem in Umfrageergebnissen wie wir sie momentan sehen niederschlägt.