
Wörthstraße 19
Das dürfte wohl eine recht einmalige Gelegenheit gewesen sein, dieses Jahr zum Tag des offenen Denkmals hier eine Baustellenbesichtigung zu machen. Und ich sortiere den Beitrag hier deshalb ein, weil die Altstadtfreunde dort auf der Baustelle wohl gut unterstützen und auch den T.d.o.D. mitgestaltet haben, auch wenn das Gebäude in Privatbesitz ist und von dem Eigentümer saniert und später genutzt werden wird.
Lt. Denkmalliste ist handelt es sich bei dem schmucken Gebäude um ein "Bürgerhaus, viergeschossiger Sandsteinquaderbau mit Steilsatteldach und hölzernem Aufzugserker, rückwärtig Seitenflügel, im Kern vor 1500, Ausbau 2. Hälfte 16. Jh. und 17. Jh.". Im Erdgeschoss befindet sich eine recht beliebte Kneipe, die immer gut besucht ist und auch während der nun schon dreijährigen Sanierungszeit geöffnet ist. Wir waren nach dem Baustellenbesuch drin. Aber nun erstmal ab durchs Haus. Das Erdgeschoss ist eigentlich recht einfach gegliedert, es besteht im Grunde nur aus der Kneipe "Kloster" links, und das rechte Gebäudedrittel ist der Eingangs- und Aufgangsbereich in das eigentliche Gebäude und zum Hof.

Überspannt ist das Erdgeschoss, zumindest der hintere Teil mit einem gemauerten Gewölbe:

Zwischen Gewölbeoberseite und dem Tragwerk des Geschossfußbodens im 1. OG befindet sich ein sog. "Kriechraum". Ziemlich ungewöhnlich, finde ich, dass hier über ein Meter der Deckenhöhe im EG verschenkt wurden, andererseits kann man hier seiner Phantasie freien Lauf lassen bezüglich einer möglichen Nutzung des Raumes. Anscheinend ist hier noch keine dedizierte Nutzung festgelegt worden. Sicher ließe sich ein Bretterboden plan installieren auf dem man dann dies öder jenes lagern könnte, für die Bewohner der Wohnungen in den Obergeschossen z.B., die dann mit Teleskopstangen hier ihre eingelagerten Urlaubskoffer rausziehen könnten.
Falls sich jemand fragt wieso ich aber insgesamt so wenig zum Erdgeschoss zeige: Es gibt wirklich nur diesen vorderen Teil. Das Gebäude steht in Hanglage, und wie man auf dem Plan sehen kann liegt der Boden des Innenhofs im 1. OG. Hanglage.

Und im 1. OG gibt es sodann reichlich Dinge zu besichtigen. Z.B. dieses große Zimmer mit der Balken-Bohlen-Decke:

Der beeindruckende Mittelbalken liegt auf mit Konsolen verzierten Lagern in den seitlichen Wänden. Ich fand es ziemlich ungewöhnlich dass man das so gemacht hat. Und vermute sogar, dass der Querbalken jünger sein könnte als die Decke insgesamt ist, denn das Knickmaß ist das längst mögliche. Die Knicklänge ist eigentlich immer als kürzest mögliches Maß zwischen zwei Punkten zu wählen, um eine Last abzufangen. Aber vermutlich ist er später eingezogen worden weil die Decke durchhing. Aber das rate ich hier nur, wir waren ziemlich allein auf dem Stockwerk und haben da nicht viel dazu erfahren.

Ach spannend sind die sichtbaren Zuganker, mit denen die Balken mit der Vorderfassade verbunden sind, und damit auch verhindern, dass diese nach außen ausbuchtet. Ich meine mich zu erinnern, dass das bei dem Haus in der oberen Schmiedgasse 54 so gewesen ist, wo man dann genau diese Verbindung nachrüsten musste.

Blick Richtung Stiege und dem Hof, der nur hier vom 1. OG zugänglich ist:

Der Hof, noch komplett überbaut mit den vielen Baugerüsten:

Die Mauer, die man hinten sieht ist die Abfangmauer des abschüssigen Grundstücks. Angeblich soll dort ein Anbau gestanden haben, der bereits abgerissen worden ist. Dazu kann ich hier leider nicht viel sagen. Es wurde aber vermutet, dass die sichtbare Sandsteinmauer Teil der ersten Stadtmauer gewesen sein könnte, die das Mittelalterliche Nürnberg umgab und zu der auch der Laufer Torturm und der Weiße Turm gehörten, vor der ersten Stadterweiterung. Das könnte von der Lage her passen.
Das Gebäude wurde lange zeit von einem Textilhändler und -fabrikanten genutzt. Aus dieser Zeit haben sich wohl noch Briefe und Unterlagen angefunden, die man hier zeigen könnte und die natürlich für die Forschung zur Baugeschichte von höchstem Interesse waren:

Der Seitenflügel an der Westkante des Grundstücks ist im 1. OG noch eine reine Baustelle, man erkennt nur schwer das künftige Raumgefüge:

Auch gut zu sehen: Nahezu jeder Balken musste angelascht werden, alle Balkenköpfe wurden erneuert. es ist sehr viel frisches Holz zu sehen gewesen. Aber auf in das zweite Obergeschoss. Hier wird man direkt von einer schmucken Kassettendecke empfangen, die wohl aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert stammt

Die Decke wirkt jünger, aber sie muss noch aus der Zeit stammen, hieß es, als das Gebäude noch seine Fachwerkfassade besaß, der später die Sandsteinfassade vorgeblendet wurde. Zu erkennen an dieser Stelle an der Fensterseite: Die Felder waren wohl mal barock flächig ausgemalt und mit einer Marmor-imitation versehen. Und die Deckenkonstruktion ist hier nicht mit der Wand verbunden, sondern steht ab. Diese Abschnitte wurden dann später nach dem Entfernen des Fachwerks irgendwie anderweitig kaschiert.

Wenn ich das richtig verstanden habe wird die decke künftig wieder flächig gefasst, ohne Ornamentik. Entsprechende Fehlstellen im Holz wurden bereits ergänzt, die Fläche ordentlich abgeschliffen und geglättet:

Auch schön, die Wandgestaltung aus der Jugendstilzeit:

Und der Ausblick auf die Burg:

Richtig weit ist man hier im 2. OG allerdings mit dem Zimmer(n) des Seitenflügels:

Alles schön vertäfelt und bereits farbig gefasst. Es fehlt nur noch der Parkettfußboden. Übrigens, die elektrischen Leitungen liegen hier im Fußboden. Spart aufwändiges Schlitzen der Wände und schont die Statik.

Die kleine Türe, vielleicht 1,70 hoch, führt in einen wohl noch kleineren Raum ganz hinten. Dieser dürfte dann wiederum mit dem Hof verbunden sein, wenn ich die Skizze oben richtig lese.

Und nun gehts weiter nach oben über die ab hier wunderbar erhalte, vermutlich barocke Stiege aus Eichenholz:

weiter in Teil 2