Ich führe die Diskussion aus dem Strang über das MVG-Gelände an der Westendstraße lieber hier fort:
Mal abwarten, bislang ist das nur eine unverbindliche Architektenvisualisierung ("greenwashing"?).
Durchaus möglich, daß das wieder nur Greenwashing ist - leider.
Auch wenn es der Name "Wildkräuter und Gräser" vielleicht anders suggeriert, aber sowas kostet richtig Geld und benötigt einiges an Pflege (Böden, Aussaat, Bewässerung, Schnitt usw.),
Das sehe ich anders:
- Beim REWE gibts es Samenmischungen ("Bauerngarten", "Blütenpracht" etc) die pro Tütchen zwischen 2€ und 5€ kosten. Jede dieser Tüten reicht leicht für eine Fläche von dutzende Quadratmetern.
- Diese wuchern sogar in Blumenkästen auf dem Balkon ohne viel Pflege
- Natürlich würde die Stadt bzw eine Hausverwaltung auf andere Samenmischungen setzen: Solche, die besonders wenig Pflege bedürfen und für bestimmte Lagen und Böden besonders geeignet sind. Es sollte nicht so schwer sein, die geeigneten Samen zu identifizieren.
- Alle paar Wochen (im Sommer oft alle 2 Wochen) den Rasen zu mähen ist auch ein beträchtlicher Aufwand
damit nach einem Jahr nicht die Hälfte verschwindet und von wuchernden Arten wie Löwenzahn, Giersch, Weidelgras und Gemeine Rispe überwuchert wird (also das, was auf dem typischen Straßenbegleitgrün heute mehr oder weniger von alleine wächst). Die meisten Arten sind ohne menschliches Zutun leider nicht dauerhaft konkurrenzfähig.
Warum sollte nicht nach einem Jahr die Hälfte oder sogar alles verschwinden dürfen? Die Samenmischungen wären für Stadt bzw Hausverwaltungen bestimmt billig in großen Mengen zu bekommen.
Zudem: Man braucht eigentlich auch gar keine Samenmischungen. Es würde reichen, die Flächen sich selbst zu überlassen und nur durch geringe intelligent gesteuerte Eingriffe sanft zu steuern.
Ich würde Flächen folgendermaßen klassifizieren, die nach bestimmten Vorgaben sich selbst überlassen werden:
- Typ A: Absoluter Wildwuchs
- wird niemals gemäht und fast niemals zurückgeschnitten
- hier entsteht dichtes Gestrüpp - am Ende nach Jahren mit Büschen und Bäumen - undurchdringlich
- Typ B: Aprilwiese
- wird einmalig gemäht im April um Verbuschung zu verhindern und jedes Jahr einmal einen Neustart zu ermöglichen
- hier wird über das Jahr bis auf Hüft- oder Brusthöhe gewuchert
- biologisch wertvoll, da Rückzugs- und Brutgebiet für Tiere aller Art
- Nicht die schönste aller denkbar Grünflächen, aber wertvoller und auch zumindest schöner als kurz geschnittener Rasen
- Typ C: Maiwiese
- Letztmaliges Mähen Anfang Mai
- Hier entwickeln sich die schönsten wild wachsenden Blühpflanzen - ein sehr schöner Anblick
- Immer noch recht dicht - wächst bis zum Spätsommer Knie- bis Hüft-hoch
- Typ D: Juniwiese
- Letztmaliges Mähen Anfang Juni
- ähnlich wie die Maiwiese
- nur nicht ganz so dicht- und hoch wachsend
- Man kann darüber streiten, ob die Mai- oder die Juniwiesen die schöneren sind
- Typ E: Juliwiese
- Letztmaliges Mähen Anfang Juli
- das ist fast schon kurz gehaltener Rasen, der ab Ende Juli mit wenigen Farbtupfern geschmückt ist
- geht schon fast als Spiel- und Liegewiese durch
- Typ F: Spiel- & Liegewiese
- kurz gehaltener Rasen - regelmäßiges Mähen ganzjährig von März bis Oktober
- Menschen (und Hunde) brauchen auch Auslaufflächen und wollen sich verständlicherweise nicht durch wildes Gestrüpp voller Zecken kämpfen
- Wird ebenso benötigt in jeder Parkstadt, in jedem Park, insbesondere um Spielplätze und Sitzplätze herum
Je nach Umgebungskontext (Park, Parkstadt, Grünanlage, "Randgrün", "Verkehrsflächen", Lichtverhältnisse, erwartete Nutzung/Besuchermassen) würde der Anteil der Typen an der gesamten Grünfläche Variieren.
Ich habe nie verstanden, warum Wildwuchs und Wildarten/Wildpflanzen/Wildkräuter in Deutschland so einen schlechten Ruf haben. Warum wird die Natur immer noch als wuchernder Feind begriffen - warum wird ihr nichts zugetraut?
Ich habe dein Eindruck, daß es mehr eine irrationale bürgerliche Angst vor "natürlichem Chaos" als einen ökonomische Überlegung ist, die dazu führt, daß natürliches Wildwachstum aus Prinzip unterbunden wird.
Allein die Begriffe "Unkraut" und "Wucher" mit ihren negativen Konnotationen sprechen für sich. Weitgehend sich selbst überlassene Natur, intelligent, einfühlsam und behutsam gezähmt und gesteuert in den Großstädten: Das wäre etwas ganz Wunderbares. Das wäre eine neuartige Kultur. Es wäre vermutlich billiger als die fortdauernde Rasenpflege und sieht zudem gut aus (auch auf dem Max-Joseph-Platz).
Die Gärtner der Stadt und die freien Landschaftsgärtner sollten in diesem Bereich mit ihrem ganzen Know-How doch fähig sein, in kurzer Zeit das Wissen zu erwerben, um dies sinnvoll betreiben zu können. Und bestimmt sind sie in der Lage dieses von mir* erstellte Konzept sinnvoll zu verbessern.
* einem absoluten Laien, der mit Interesse beobachtet, wie sich die Vegetation auf Grünflächen entwickelt in Abhängigkeit davon wann und wie oft sie gemäht werden
Ich verstehe nicht, warum nicht gerade eine Partei wie die Grünen sich vehement dafür einsetzt.
In Freiham sind die Innenhöfe einiger Genossenschaftsblöcke dicht mit Wildkräutern und Gräsern bepflanzt, wobei die einzelnen Beete z.T. von den Hausbewohnern gepflegt werden. Die Bereitschaft dafür ist typischerweise bei Genossenschaften höher ausgeprägt als beim klassischen Mietwohnungsbau und je mehr Bewohner, desto schwieriger ist sowas i.d.R. in der Umsetzung. Lässt man es von GaLa-Betrieben machen, dann ist die Begeisterung für dicht und abwechslungsreich blühende Grünanlagen, spätestens wenn die Nebenkostenabrechnung im Briefkasten liegt, schnell wieder erloschen.
Bei dem von mir angedachten Verfahren des "sanft gesteuerten Wildwuchses" würden die Nebenkosten drastisch sinken.
- Gemäht wird seltener - das schont auch die Nerven der lärmgeplagten Anwohner.
- Ab und zu muß etwas zurückgeschnitten werden
- Hie und da muß etwas explizit gepflanzt werden
Dazu kommt, dass diese Pflanzen meist auf maximale Sonneneinstrahlung angewiesen sind, unter schön schattigen Bäumen, wie wir sie ja eigentlich auch mehr brauchen, wächst sowas kaum bis gar nicht.
Das kann man die Natur selbst regeln lassen. Man kann ja mit der Natur arbeiten - anstatt gegen sie.
Also ja, mehr solcher Flächen sind wünschenswert und sicherlich gibt es noch sehr viele Plätze, die man damit aufwerten kann. Aber es braucht dazu auch die Bereitschaft der Menschen, dafür Geld auszugeben - ob unmittelbar für das eigene / gemietete Heim oder mittelbar über Steuergeld bei öffentlichen Plätzen und Straßen - sowie ggf. Zeit und Arbeit zu investieren. Die Beliebtheit von toten Steingärten und Miniaturbäumchen lässt mich daran noch etwas zweifeln.
Einige zusätzliche Aspekte
- Die ökologische Bedeutung für Wildpflanzen und Tiere ist nicht zu unterschätzen: Würde dies in ganz Deutschland konsequent betrieben, dann würde das Artensterben bei Wildtieren und Pflanzen nicht unerheblich gelindert
- Entlastung der Landwirte: Landwirte stehen von vielen Seiten ökonomisch unter Druck. Natürlich wird man von ihnen weiterhin die Einhaltung bestimmter Umweltstandards verlangen müssen. Allerdings kann man sie auch dadurch unterstützen, daß eben auch die Städte aktive Wildlandschaftspflege auf ihren Flächen betreiben
- Auch hier stellt sich die Frage, warum ökologische Parteien nicht darauf drängen. In deutschen Städten - gerade in den Parkstädten - aber nicht nur hier - liegt hier genug Potential. Natürlich löst das nicht das gesamte ökologische Problem - aber es kann einen nicht unwesentlichen Beitrag leisten.
- Schließlich sind meiner Schätzung nach etwa 90% der Rasen-Grünflächen in deutschen Städten weder als Spielwiese noch als Liegewise oder Grillwiese geeignet. Woran scheitert es also, diese Flächen ökologisch - und auch ästhetisch - sinnvoll zu nutzen?
Es gibt übrigens ein Beispiel einer Blühwiese in meiner Nachbarschaft in Neuried, die direkt neben einem Büroneubau enstanden ist und aktiv gepflegt wird. Ich weiß nicht, ob dies von der Gemeinde Neuried gepflegt wird oder vom Eigentümer der Büroanlage. Ich werde dazu bald ein Bild nachliefern - dort fängt es ja bald zu blühen an. Wenn es wirklich so teuer und aufwendig wäre, solche Blühwiesen zu pflegen: Wieso leistet es sich dann ein Vermieter von Bürofläche, der doch bestimmt ganz und gar auf Gewinnmaximierung aus ist?