Beiträge von Vertigo

    Wen es interessiert, es gibt eine interessante Buchneuerscheinung: Des Kaisers Nachmieter. Christian Walther thematisiert was im Schloss zwischen Abdankung und Zerstörung los war. Nämlich auch jenseits der Nutzung als Kunstgewerbemuseum (vorher im Martin-Gropius-Bau, heute Schloss Köpenick) reichlich - vielfältig und demokratisch...

    Dazu gibt es ein lesenswertes Interview in der taz: https://taz.de/Autor-ueber-das-Berliner-Schloss/!5782539/

    Walther bedauert, dass das Schloss nur als Hohenzollernresidenz wahrgenommen wird und hofft auf einen Funktionswandel, so wie man beim Louvre auch nicht zuerst an die Bourbonen und beim Kreml nicht gleich an die Zaren denkt. Dass Schloss war im Grunde seit 1918, rechtlich seit 1926 Eigentum der Republik und ein Ort unterschiedlicher wissenschaftlicher-kultureller Einrichtungen.

    1993: Das Reichstagsgebäude ist offenbar so "toxisch", dass zwei der drei Wettbewerbssieger es als Problemfall behandelten: Pi de Bruijn wollte den Plenarsaal vor das Reichstagsgebäude setzen, Foster machte den Reichstag durch einen Sockel und ein riesiges (Tankstellen-)Dach klein. Eine Kuppel lehnte er ausdrücklich ab. Nach langem ringen und 27 Kuppelentwürfen dann endlich ein Ergebnis: Die Reaktion? Weitgehend genervt, skeptisch, ablehnend - eine Kuppel sei großmannssüchtig, wilhelminisch, rückwärtsgewandt, peinlich etc. Heute: Die Kuppel gehört zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Berlins, dieser Hybrid aus alt und modern, bei dem man den Politikern aufs Dach steigen kann, versinnbildlicht aufs beste, wie sich das moderne, wiedervereinigte Deutschland gerne selbst sieht.

    1993: Kohl verkündete die Planung, die Neue Wache als zentrale Gedenkstätte des Bundes zu nutzen und dazu eine Vergrößerung der Kollwitz-Skulptur "Mutter mit totem Sohn" aufzustellen, was zur Schnappatmung im Feuilleton führte: Neben dem Urheberecht wurde die Verwendung einer "Pieta" als "antijüdisch" (Koselleck) bezeichnet und diese würde auch die Frauen ausschließen, die oft selbst Opfer und nicht nur passiv-trauernde Mütter waren. Die Inschrift "Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft" würde auch NS-Verbrecher einschließen, die im Krieg umkamen etc. Auch wenn die Neue Wache nicht mehr so im Mittelpunkt steht wie vor 1990, als noch die NVA ihre Wachablösung inszenierte, so wird sie doch - nach meinem Eindruck - gut angenommen und akzeptiert, die Vorwürfe von 1993 scheint kaum jemand zu teilen.


    Ähnlich wird es beim Humboldtforum sein: Natürlich ist es - architektonisch, konzeptionell, inhaltlich - ein Kompromiss, natürlich wirkt vieles noch steril, die angespannte Pandemie-Situation sorgt auch nicht für Feierstimmung. Aber die Häme, die über das HF ausgekippt wird, kann ich nicht nachvollziehen: Die Kosten sind kaum gestiegen, die Rekonstruktion der historischen Fassaden wurden durch Spenden finanziert, bisher liegen die Gesamtkosten noch immer weit unter der Hälfte, die Neubau und Umzug des BND gekostet haben.
    Man bekommt in vielen Medien den Eindruck, als hätten die Rekonstruktionsbefürworter höchstselbst Luv-Boot, Benin-Bronzen u. A. brutal zusammengeraubt. Solange die Objekte hinter einer modernen Museumsfassade ausgestellt wurden, gab es keine Debatten - aber die gleichen Objekte hinter rekonstruierten Barockfasseden, das ist mindestens Tschernobyl! Ich begrüße diese Provenienz-Debatten und die bisher geplanten Rückgaben ausdrücklich - aber die Verquickung dieser längst überfälligen Aufarbeitung mit dem Bau des Humboldtforums erscheint mit sehr zweifelhaft.


    Ich glaube, dass in rund fünf bis zehn Jahren das Humboldtforum bestens angenommen wird und in dieser Stadt mit ihren vielen Zentren zumindest für Nichtberliner als Mittelpunkt der Stadt gilt.

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    Die Potsdamer Straße, deren Verlauf Scharoun komplett ignorierte, war nicht nur eine der ersten "Kunststraßen" in Preußen und eine bekannte Adresse, sie war auch Teil der Reichsstraße 1 von Aachen nach Königsberg. Aber gut, das Kulturforum war eben die totale Abkehr von der alten Vorstellung einer europäischen Stadt, sicherlich auch ein bewusster Gegenentwurf zur Nord-Süd-Achse der Nazis, die an der Stelle bereits in Bau war (die Ruine des Hauses des Fremdenverkehrs ist z. B. noch im Kult-Film "Eins, zwei, drei" zu sehen). Ein aufgelockerter, großzügiger Stadtraum, ganz ohne Dichte und Monumentalität. Aber obwohl man im Grunde auf nichts Rücksicht nehmen musste und (besonders bis 1989, aber auch noch heute, wie man sieht) Geld auch keine große Rolle spielt, ist das Kulturforum - trotz der großen Architekten - in seiner Gesamtheit ein städtebauliches Debakel. Selbst wenn man Scharouns Gesamtentwurf mit Gästehaus umgesetzt hätte, wäre es nicht viel besser.... Die Moderne hat architektonisch so viele großartige Einzelgebäude hervorgebracht, scheitert aber fast immer, wenn es um Stadtplanung oder auch nur um die Planung eines Platzes geht. Aber auch der Block der drei von Gutbrod entworfenen Museen - ein Schlag ins Gesicht, und das von einem Mann, der die Stuttgarter Liederhalle gebaut hat. Auch ich erhoffe mir vom "Museum der Moderne" nicht viel, mir hat schon die kleine "Scheune" von Herzog & de Meuron auf dem Vitra-Gelände nicht gefallen - ins Gigantische vergrößert wird sie bestimmt nicht besser. Dem Vorschlag, bei dieser Stadtlandschaft eher auf die Landschaft zu setzen und etwa durch Seen und Kiefernhaine Verbindungen zu schaffen, kann ich einiges abgewinnen...

    Die DDR hatte kurz vorher die Restaurierung des französischen Domes beendet, der Deutsche Dom wurde noch restauriert - warum sollte das Hotel dann nicht auch Domhotel heißen? Zumal Dom hier nicht einen Bischofssitz meint, sondern nur die Kuppeln (franz. Dôme). In den 80er Jahren war die DDR im Bereich Rekonstruktion und Umgang mit der Geschichte nicht mehr so ideologisch - schon gar nicht, wenn es um Devisen ging...

    Das Domhotel wurde im Dezember 1990 am Platz der Akademie eröffnet - seit 1992 heißt es "Hilton" und der Platz seit 1991 wieder "Gendarmenmarkt"....

    Das Palasthotel mit seinen spiegelnden Fensterscheiben und runden Betten (die z. T. auch heimlich gefilmt wurden) war schräg gegenüber vom Berliner Dom.

    Kleiner Literaturtipp:


    Gerade gibt es bei den einschlägigen Anbietern das kleine Buch "Licht, Luft und Luxus. West-Berliner Wohnträume der 1960er und 1970er Jahre" mit Fotografien von Heinrich Kuhn für unter 8 Euro. Es gibt einige sehr knappe Texte, ansonsten viele Fotos aus dem Wedding, Kreuzberg und Neukölln. Meist in Schwarz-Weiß das Elend heruntergekommener Mietskasernen der Kaiserzeit, im krassen Kontrast dazu in Farbe die Neubaukomplexe. Man kann leicht erahnen, dass Kuhn, der der SPD nahe stand, sie als deutliche Verbesserung sah. Ob diese heute geschmähten Komplexe bald wieder ein Revival feiern, so wie die damals verachteten Gründerzeithäuser heute?


    Das passende Gegenbuch wäre "Die gemordete Stadt. Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum" von Wolf Jobst Siedler und Elisabeth Niggemeyer aus dem Jahr 1961 - leider nur noch antiquarisch für viel Geld zu bekommen. Mit Fotos und Zitaten werden am Beispiel Berlin Hinterhof-Idyllen, prächtige Gründerzeitfassaden und viele Details mit ihren modernen Pendants kontrastiert - eine großartige Polemik!

    Wie Nachkriegsmoderne definiert wird, lässt sich leicht bei Wikipedia nachlesen - es handelt sich auf jeden Fall nicht um alles, was von 1945 bis 1990 oder gar bis heute gebaut wurde. Ich bezog mich ausschließlich auf die erste Nachkriegsmoderne bzw. die Übergangszeit, also den Zeitraum von ca. 1950-1963 - ein Zeitraum, der von vielen Architekturkritikern eher verächtlich als nicht "wirklich modern" wahrgenommen wurde. Gropiusstadt, das NKZ, Märkisches Viertel, das Pallasseum (1977) oder Marzahn (die Großsiedlung entstand erst ab 1977) haben mit dieser Phase nichts zu tun.


    Heinzer, bei wir war es ähnlich. Alle Gebäude, die ich besuchte, ob Wohnhaus, Kindergarten, Schule, Uni, Museen oder was auch immer waren Bauten der Nachkriegszeit oder ältere Häuser, denen man nicht mehr ansah, dass sie schon vor 1945 gestanden haben. Münster selbst wirkt zwar historisch und heimelig, die Innenstadt war aber zu 90 Prozent zerstört. Traditionslokale wie "Altes Gasthaus Leve", "Pinkus Müller" oder "Stuhlmacher" waren z. T. sehr alt, die Gemäuer und die Inneneinrichtung aber jünger als meine Eltern. Bis auf einige der Kirchen und Schlösser (die ohnehin eine Sonderstellung hatten) habe ich als Kind und Jugendlicher in Deutschland nur selten ein Haus aus der Vorkriegszeit von innen gesehen, reichverzierte Gründerzeithäuser kamen mir geradezu märchenhaft vor, die Vorstellung in so etwas zu leben wie ein Traum. Säulen und Stuck machten für mich ein schönes Haus aus, Ornament war kein Verbrechen, auch wenn es durchaus auch zurückhaltend wirken durfte. Die Qualität von Häusern der 50er Jahre habe ich damals nicht wahrgenommen, mir fiel nur auf, dass mich diese Häuser nicht störten, sie wirken auf mich neutral, nicht unangenehm. Das war bei Gebäuden der späten 1960er und 1970er anders, sie waren oft düster und abweisend, der Waschbeton furchtbar. Mittlerweile kann ich auch einigen dieser Gebäude durchaus etwas abgewinnen und hätte nichts dagegen, im Londoner Barbican zu leben...

    Ich will hier kein historisches Grundseminar abhalten und auch gar nicht auf unsinnige Aussagen wie "Deutschland war 40 Jahre lang militärisch besetzt" eingehen und hätte sich als Aussätziger in der Weltgemeinschaft (trotz NATO- und EWG-Mitgliedschaft) mehr als stil- und farblose Reparatur nicht leisten können. Das Gegenteil ist doch der Fall: Gerade Berlin bekam doch durch den Kalten Krieg in West und Ost einen Frontstadtcharakter, in dem man auch architektonisch die Überlegenheit des eigenen Systems demonstrieren wollte. Allein die Bauten der "Besatzungsmacht" USA wie die Kongresshalle, die als "Leuchtturm der Freiheit" galt (und z. B. im Film "Mein Mann, das Wirtschaftswunder" als Firmenzentrale diente) und nur zusammenstürzte, weil man der kühnen Statik des Architekten misstraut hatte, das Amerika-Haus oder auch die Amerika-Gedenkbibliothek, der Henry-Ford-Bau der FU oder das Studentendorf Schlachtensee belegen das doch.


    Bauten der deutschen Nachkriegsmoderne wurden sehr wohl international beachtet, der deutsche Pavillon von Egon Eiermann und Sep Ruf auf der Weltausstellung in Brüssel 1958 wurde international sehr gelobt und galt als Inbegriff der modernen, bescheidenen Bundesrepublik. Das Stadttheater Münster, 1952-56 erbaut von völlig unbekannten, jungen Architekten, wurde sogar von Rockefeller jr. besucht, um es als Vorbild für Theaterbauten in den USA zu nehmen. Der Fernsehturm in Stuttgart von 1955 war weltweit der erste dieser Art.


    Gegen Ignoranz kann man nicht anschreiben, aber ich will eine Lanze für die Architektur dieser Zeit brechen: Anders als vieles an gesichtsloser, rücksichtsloser Massenarchitektur der späten 60er und 70er Jahre haben viele Bauten der Nachkriegsmoderne noch ein menschliches Maß, verkörpern Eleganz, Großzügigkeit und Modernität in einem. Sie waren auch viel vielfältiger, als man meint, auch Neoklassizismus und Heimatschutzstil gehören dazu. Typisch ist aber der "Nierentischstil": Organische Baukörper, elegant geschwungen, viel Glas, großzügige Treppenhäuser, Flugdächer, farbige Flächen in Pastelltönen, ausgesuchte Materialien.


    Ich würde zwar auch lieber in einem bürgerlichen, top sanierten Gründerzeit-Altbau leben, ich finde Rothenburg ob der Tauber auch schöner als Bielefeld-Sennestadt. Ich hätte bei dem größten Teil der Nachkriegsmoderne auch lieber die Vorkriegsbebauung und finde schlimm, wie viel grundlos nach dem WK II abgerissen wurde. Die Bauten sind oft auch schlecht gealtert, besonders wenn Türen, Fenster oder Geschäftsschilder durch Kunststoff ausgetauscht wurden. Außerhalb von Brasilia oder Chandigarh zählen Bauten der Nachkriegsmoderne wohl nirgendwo zu den Hauptsehenswürdigkeiten, in Berlin dagegen schon: Auch mangels Alternative gibt es nur wenige Berlinansichten ohne Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Fernsehturm, Europa-Center, Kongresshalle oder Stalinallee - ein Blick auf Postkarten oder Reiseführer, gerade vor dem Mauerfall, zeigt das sehr schnell.

    Aber die Gründerzeithäuser, die in den 1950er Jahren ungefähr so alt waren wie die Nachkriegsmoderne jetzt, galten als nicht nur als unmodern, kitschig und hässlich, man sah sie synonym für Elendsquartiere, in vielen Fällen dunkle, enge Räume mit zu wenig Licht, zu wenigen Toiletten, ohne Bäder. In "Meyers Hof" leben in einem Gründerzeithaus zeitweise rund 2100 Menschen, die sich nur wenige Gemeinschaftstoiletten teilen mussten. Sie galten in linken Kreisen sogar auch als Ausdruck einer Zeit, die in letzter Konsequenz in das Dritte Reich geführt hat. Dass ein Arbeiterviertel wie der Prenzlauer Berg mit solchen Häusern mal ein begehrtes, teures Wohnviertel werden könnte, war damals jenseits der Vorstellungskraft. Noch Anfang der 80er Jahre galt selbst der schönste Teil der Fasanenstraße (Villa Griesebach/Literaturhaus) als Beispiel für schlechte Architektur, die beinahe noch abgerissen worden wäre.


    Die Menschen wollten Bäder, Zentralheizung, Balkone, Licht, Luft, Ruhe, Aussicht - aber nicht nur das: Die Nachkriegsmoderne war die Überwindung des Dritten Reiches, der Anschluss Deutschlands an internationale Standards, der Blick nach vorn sollte die Vergangenheit vergessen machen. Diese Architektur strahlt in ihren besten Momenten Optimismus und Fortschrittsglauben aus und fügt sich damit nahtlos in die damalige Formensprache ein, die man auch im Möbel- oder Autodesign findet. Diese Architektur war kein Notbehelf, sondern idealisierter Ausdruck einer gesellschaftlichen Sehnsucht. Das Design dieser Epoche - ob von Eames, Nelson, Noguchi, Bertoria, Jacobsen, Aalto, Le Corbusier, Girad, Rams oder Wagenfeld - dominiert seit fast 15 Jahren als "midcentury modern" die Wohnungsmagazine. Ich würde es sehr begrüßen, wenn man den Häusern, für die sie gemacht wurden, mehr Respekt entgegenbringt. Nicht nur als Ausdruck eines Zeitgeistes des Aufbruchs, sondern auch weil ich z. B. das "Schirmständerhaus", das Schuhhaus Stiller von 1955/56, in der Wilmersdorfer Straße für so viel schöner und eleganter halte als alle späteren Nachkriegsbauten in dieser Straße. Aber Arty Deco ist vermutlich der Ansicht, dass die Löcher im Vordach zeigen, dass man sich ein richtiges Dach weder materiell noch moralisch leisten konnte...

    Arty Deco, ich kann diese Aussagen nicht nachvollziehen:

    Die Gebäude können nichts dafür, dass sie seit 20-30 Jahren so bezeichnet werden. Was heißt provisorisches Denken? Hier ging es doch nicht nur um Reparaturen oder darum, so schnell wie möglich billigen Wohnraum zu schaffen, sondern es gab klare Konzepte, die weltweit ähnlich waren und weitgehend auf der "Charta von Athen" beruhten. Allein die Interbau 57 ist doch das beste Beispiel dafür - mit Architekten wie Le Corbusier, Oscar Niemeyer, Walter Gropius, Alvar Aalto, Arne Jacobsen, Sep Ruf, Egon Eiermann, Hans Schwippert - das sind doch durchaus auch international bekanntere Namen.

    Nur weil man zu viel und zu gnadenlos Architektur vergangener Epochen abgerissen hat muss man jetzt bei den Nachfolgebauten nicht jede mittelmäßige Garage unter Schutz stellen. Aber die Kongresshallen in Ost und West, die Philharmonie, das Kino International, die Kaiser-Wilhelm- oder Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche oder auch nur die Verkehrskanzel wegzusprengen - da wäre ich entschieden gegen....

    Der Vorfall wird mit Aussagen wie "Museen gehen von größtem Schaden seit dem Zweiten Weltkrieg aus" sehr hoch gehängt - aber wenn die Schäden auch hoffentlich behoben werden können, ist es doch geradezu schockierend, wie leicht man unerkannt gleich in mehreren Museen des bedeutendsten deutschen Museumskomplexes herumspazieren und Flüssigkeiten verspritzen kann - gut, dass es keine Säure war! Ich bin einfach davon ausgegangen, dass nach dem Münzenraub 2017 das komplette Sicherheitssystem überprüft und verbessert wurde - wie naiv von mir...


    Dazu ein Ausschnitt aus dem Artikel "Die Entweihung des Kulturerbes" von Andreas Kilb, der heute auf der Homepage der FAZ veröffentlicht wurde (leider hinter der Bezahlschranke: https://www.faz.net/aktuell/fe…sel-17013299.html?premium)


    "Die Beamten, die am Morgen nach der Tat eintrafen, hätten über die Sicherheitsvorkehrungen auf der Museumsinsel den Kopf geschüttelt, heißt es aus dem Kreis der Direktoren. Die Sammlungen seien sicherheitstechnisch nicht auf dem Standard, der ihrer Bedeutung angemessen sei. So gebe es weder Panzerglas in den Vitrinen noch ausreichend Überwachungskameras. Für deren Fehlen machen einige der betroffenen Museumsleiter den Generaldirektor der Staatlichen Museen, Michael Eissenhauer, verantwortlich. Eissenhauer habe die Installation zusätzlicher Kameras mit Verweis auf den Widerstand im Personalrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verweigert; die Museumsangestellten, so Eissenhauer, wollten keine Videoüberwachung.

    Auch in anderen Punkten wird Kritik an Eissenhauer geübt. Beim Sicherheitspersonal auf der Museumsinsel habe der Generaldirektor „den billigsten Anbieter“ ausgewählt. Es gebe „keine Identifikation der Leute mit dem Job“, auch deshalb habe die Tat unbemerkt geschehen können. Der Täter sei in aller Ruhe mit der Flüssigkeit von einem Museum ins andere spaziert, ohne Aufsehen zu erregen. Am Montag nach dem Anschlag hätten die Museumsdirektoren dann eine Krisensitzung anberaumt, zu der Eissenhauer nicht erschienen sei. Um die Besichtigung der Schäden habe er sich ebenfalls gedrückt. Auch dass die belgischen Leihgeber von vier betroffenen Gemälden aus der Ausstellung „Dekadenz und dunkle Träume“ in der Alten Nationalgalerie nicht sofort benachrichtigt wurden, gehe auf Eissenhauers Konto: Er habe „faktisch total versagt“.

    Die Vandalismus-Attacke fällt in ein Jahr, in dem über die Zukunft der Staatlichen Museen und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der sie angehören, heftig diskutiert wird. Seit der Veröffentlichung des Evaluierungsgutachtens, das der Wissenschaftsrat im Auftrag der Kulturstaatsministerin erstellt hat, steht die Struktur der Preußenstiftung zur Disposition. Dabei haben sich die Sammlungsleiter zuletzt immer vernehmlicher zu Wort gemeldet (F.A.Z. vom 10. August). Auch die Rolle des Generaldirektors bei den Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre wurde vielfach hervorgehoben. Der hinterhältige Angriff auf die Museumsinsel wirft nun ein weiteres Schlaglicht auf die Versäumnisse der Amtszeit Eissenhauers."

    Es müsste nicht gleich etwas ähnlicher Höhe wie das Zoofenster sein, bereits ein paar Geschosse über dem üblichen Blockrand würden genügend die Urbanität betonen.
    Das Ergebnis hätte vergleichbare Höhe wie das Ku’damm-Eck, welches angemessene Dimensionen für exponierte Lage im Zentrum einer Millionenstadt hat. Eine genauso gute Referenz ist das ähnlich hohe Bürogebäude neben dem Kranzler-Eck, welches eine kleine Fußgängerzone bietet - der Platz reicht sogar für einen gigantischen Vogelkäfig mit Sitzbänken um diesen.


    Mir ist unbegreiflich, wie man das "Neue Kranzler Eck" als Vorbild sehen kann - für mich eine der größten Bausünden in Berlin nach der Wiedervereinigung. Da hat man einen berühmten Prachtboulevard aus dem 19. Jahrhundert, an den man sich nach den grauenhaften 70ern wieder langsam annäherte (historische Straßenlaternen statt Peitschenleuchten, Wertheim-Fassade etc.) - und dann darf so ein Kasten hingeklotzt werden, der die einheitliche Traufhöhe völlig ignoriert und Sichtachsen zerschneidet. Möglich war das nur, weil die Victoria-Versicherung vorgab dort ihren Hauptsitz mit über 2000 Arbeitsplätzen hinzulegen, was (natürlich!) nicht passiert ist. Jetzt ist da eine abweisende sterile Glasscheibe, die durch ihre Höhe nur noch betont, wie niedrig die Kranzler-Ecke ist. Die "Fußgängerzone" ist windig, steril, langweilig und vom Ku'damm aus regelrecht versteckt, die Volieren deutlich schlechter, als in den Entwürfen vorgestellt: Warum macht man nicht aus den beiden Volieren eine große? Warum laufen die spitz zu - ist das artgerecht?
    Aber das wichtigste bei einem Neubau ist für viele hier im Forum offenbar ohnehin nicht die Nutzung, nicht die Ästhetik, nicht die Rücksicht auf Geschichte oder Umgebung: Hauptsache Höhe! Denn je höher, desto urbaner! Deswegen sind die horizontalen flachen Städte in Europa so unbelebt und langweilig - ob Paris oder Barcelona, ohne vereinzelte Hochhäuser wären diese tristen Orte vollkommen tot! Dagegen die Hochhausviertel in mittleren amerikanischen Großstädten oder der arabaischen Welt - da pulsiert das Leben!

    [...]wem gefallen denn wirklich die heutigen Fassaden? Nur einer kleinen Minderheit die auch in Museen fuer modern Kunst gehen. Die grosse Mehrheit der Menschen bevorzugt sich in Staedten aufzuhalten in der es historische Ensemble gibt.


    Ich liebe es in Museen für moderne Kunst zu gehen - ich liebe aber auch historische Altstädte. Muss ich jetzt zum Psychiater?
    Ideologien schaffen Strukturen - aber ich schätze in dieser (relativ) ideologiefreien Zeit, dass ich mich gleichmaßen für Bauhaus und Historismus begeistern darf...

    Ich halte nichts davon, den außereuropäischen Sammlungen noch mehr Platz zu geben. Wenn man ehrlich ist, passen die Sammlungen nicht ins Schloss und sind eine reine Zugeständnisnummer gewesen. Und wenn man ganz ehrlich ist, dann sind die Exponate auch nicht der absolute Mainstream-Publikumsrenner.
    Meiner Meinung nach hätte man die Gemäldegalerie ins Schloss holen müssen und die Sammlungen aus Dahlem vielleicht dann im Kulturforum untergebracht.


    Warum passt die ethnologische Sammlung nicht in das Humboldt-Forum? Oder anders gefragt: Warum soll sie hier schlechter passen als an ihren ehemaligen Standorten, dem Neuen Museum, dem Museum für Völkerkunde an der heutigen Stresemannstraße oder dem 1960er Jahre-Bau in Dahlem?


    Die Sammlung ist erstklassig und hat - bei guter Präsentation - enormes Publikumspotential (was für mich allerdings kein Maßstab ist). Das Musée du quai Branly in Paris beweist doch, wie gut solche Sammlungen aufgenommen werden, da kommen zu Sonderausstellungen z. T. mehr als 100.000 Besucher. Dem Reiz archaischer Darstellungen kann man sich nur schwer entziehen, ich habe noch so direkte Begeisterung bei Kindern erlebt wie in ethnologischen Museen....

    Wenn ein Privatmann das Geld locker macht und dafür sich seine "Azubis" aussucht ist das i.O.
    Aber es kann doch nicht richtig sein, dass von Steuergeldern eine Ausbildungseinrichtung finanziert die nur für Menschen bestimmter Herkunft eingerichtet wird. Warum darf niemand aus z.B. Japan an diese Einrichtung? So ein Schrott ist in Deutschland einmalig!


    Ich lehne jede Form von Quotierung als undemokratisch ab. Aber wenn es eine Nahost-Akademie gibt, dann ist es naheliegend, dass dort nur Menschen aus diesem Gebiet aufgenommen werden - ich darf ja auch nicht in einer offiziellen Frauenfußballmannschaft mitspielen. Diese Einschränkung ist ja nicht zufällig gewählt, sondern soll dem Austausch, der Völkerverständigung und dem Frieden in Nahost dienen - deswegen werden keine Japaner aufgenommen. Der Nahostkonflikt ist die Folge einer einer Politik, die bis vor 70 Jahren nur ein kurzes Stück weiter betrieben wurde: Ohne den Holocaust gäbe es wohl nicht den Staat Israel in dieser Form, auch nicht den Nahostkonflikt. Wenn Deutschland also nicht nur 1,5 Milliarden für den überflüssigen BND-Umzug, 470 Mio für die 3,2 Kilometer Verlängerung der A100, sondern im Vergleich dazu magere 20 Mio € für dieses Projekt ausgibt, finde ich das begrüßenswert.

    In Berlin werden Denkmäler, Häuser, Straßenzüge nicht umgewidmet, sondern abgerissen... Andererseits dien(t)en manche Gebäude sowohl der NS-, der DDR- als auch der bundesdeutschen Regierung.
    Die Neue Wache hat seit 1931 mindestens vier Gedenk-Metamorphosen durchlaufen, aus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurde ein "Kriegsmahnmal für den Frieden".