Beiträge von Hans Ebert

    Das hier war der Standard und sollte es auch heute – freilich in die Formen unserer Zeit übertragen – wieder sein:



    Haus Maxtorgraben 29, erbaut 1883 nach Plänen von G. Friedrich Hildenbrand und Konradin Walther, vernichtet am 2. Januar 1945.

    Der drohende Verlust des Gebäudes ist aus meiner Sicht sehr bedauerlich. Das Haus zählt zu den wenigen erhaltenen Gebäuden aus der Zeit, als sich Nürnberg nach Aufhebung der Festungseigenschaft nach Norden auszudehnen begann. Der Zweite Weltkrieg hat hier weitgehend Tabula rasa gemacht. Umso schmerzlicher ist, dass nun einer der letzten Bauten des 19. Jahrhunderts in dieser Gegend geopfert werden soll.


    Das Haus dürfte das älteste im weiteren Umkreis sein und entstand zwischen 1865 (Anlage der Veillodterstraße) und 1895 (auf dem in diesem Jahr aufgenommenen Schwarz-Plan ist es bereits eingezeichnet). Seine Architektur erinnert an die frühen Nürnberger Vorstadthäuser mit dezenten historistischen bzw. klassizistischen Anklängen. Auch von diesem Denkmalbestand gibt es nur noch ganz wenige Exemplare, z.B. in der Rollner- und Bucher Straße. Anscheinend sind die Fassaden nach Kriegsbeschädigung "geglättet" worden; höchstwahrscheinlich waren sie aber immer schon nur dezent gegliedert.


    1903 befand sich in dem Haus die Rasierpinselfabrik Ferdinand Oberndorfer, die unter dem Markennamen "Ocean" agierte. 1930 war dann die Fabrik für Beleuchtungskörper Geppert & Stadelmann auf dem Areal – im Übrigen eine jüdische Firma, die wohl zur NS-Zeit "arisiert" wurde. Heute ist hier u.a. ein Architekturbüro (!) drin, offenbar aber nur zur Miete.


    Mit dem Abbruch dieses Gebäudes verliert das Viertel einen seiner letzten Gründerzeitler, der die Stürme der Zeit einigermaßen überdauert hat. Der Maxtorgraben war einmal eine der Prachtstraßen Nürnbergs. Man wollte der altehrwürdigen Stadtmauer etwas Ebenbürtiges gegenüberstellen. Davon ist nicht viel geblieben, und jetzt reißt man auch noch das weg, was überdauert hat. Der geplante Block ist kein Ersatz. Er verdichtet ein ohnehin stark verdichtetes Quartier noch mehr und zerstört ein städtebauliches Ensemble vollends, das heuer 150 Jahre besteht. Wirtschaftlichkeit hin oder her – Nürnberg und die Veillodterstraße als eine ihrer ältesten Vorstadtstraßen haben etwas Besseres verdient als das.

    nothor: Danke für aktuellen, wenn auch traurigen Bilder. Für mich auch absolut unverständlich. Solange es jedoch keinen Schutz für solche Fassadenkunst gibt und solange auch das Bewusstsein über den Wert dieser Kunst am Bau nicht in der Öffentlichkeit angekommen ist, wird so etwas noch öfter passieren. Allein bleibt die Hoffnung, dass man das Bild vielleicht eines Tages wieder wird aufdecken können.

    hfrik: Ja, das ist natürlich eine Möglichkeit. Meiner Ansicht nach ist das aber nur die Minimallösung. Die Kubaturen von Rundbau und Kopfbau müssen erhalten bleiben (abgesehen von niedrigen Anbauten an der Rückseite), sonst verlieren sie ihre architektonische Geschlossenheit und ihren Überlieferungswert. Nachdem der Rundbau nun entkernt werden darf, finde ich weitere Zugeständnisse nicht angebracht. Wenn jemand ein Baudenkmal oder ein Gebäude, an dem ein öffentliches Interesse besteht, erwirbt, muss er mit Einschränkungen seiner Eigentumsrechte rechnen und kann nicht machen, was er will. Selbst in Ländern wie Großbritannien, die bekanntlich traditionell noch wesentlich größeres Gewicht auf private Eigentumsrechte legen, gibt es da gewisse Grenzen. Und das tut, wie man an dem gegenüber Deutschland erheblich größeren und zumeist gepflegten/unverbastelten Altbaubestand sieht, Stadtbild und Gesellschaft sehr gut.

    nothor, ja stimmt. Das finde ich ja ganz gut, aber das Farbkonzept passt m.E. überhaupt nicht zum Gebäude. Ist völlig asymmetrisch, während die Fassaden durch die Treppenhausfenster eine deutliche vertikale Betonung haben. Vielleicht sollte man solche Konzepte doch nicht immer Malermeister Klecksel machen lassen, sondern lieber jemanden, der was von Architektur versteht. Und die neuen Haustüren – der typische Schrott halt, den sie jetzt wirklich überall einbauen mit diesen tatsächlich ganz praktischen, aber in der Masse langweiligen Griffen über die ganze Türhöhe. Die Renovierung ist meiner Ansicht nach uninspiriert, misslungen und deutet auf einen profunden Mangel an Geschmack und Verständnis der Architekturgeschichte hin.

    Danke für die aktuellen Bilder, nothor! Es wäre schön, wenn das Gebäude soll toll instandgesetzt würde wie das Kaufmannshaus in der Ob. Wörthstraße. Ich denke auch, dass der Erker neuer ist, auch die Reliefs am Korpus sehen mir recht historistisch aus. Hier wäre es auch mal gut, wenn man den 1960er/70er Jahre-Ladeneinbau rückbaut – er greift so tief in die Fassade ein, dass eine moderne Interpretation der ursprünglichen Front meiner Ansicht nach hier besser ist als der Erhalt der Fensterwand.

    Da kann ich pagmamahal und dankogreen nur zustimmen – diese Go3 ist ja wohl voll Banane. Ok, die Visu ist auch einfach grottenschlecht, aber eine gute Architektur sollte auch dann gut aussehen. Schlimm finde ich, dass die Architektur so beliebig ist. Diese Hütte könnte fast überall anders stehen. Kein Bezug zur Umgebungsbebauung, keine passende Materialität, keine coolen Ideen (zumindest keine von außen erkennbaren). Das ist dieser Gestus des Bauhaus: Wir kloppen in eine Fachwerkstatt ein kubisches Kaufhaus und provozieren mit Modernität! Das ist im Grunde eine gute und mutige Idee, nur muss halt die Architektur entsprechend erstklassig sein, damit das wirkt. Gegen den Schocken oder das Ringkaufhaus kann diese Hütte jedenfalls nicht anstinken, und auch nicht gegen die Sebald-Kontore. Quod licet Iovi, non licet bovi…

    Wow! Danke für die schönen Aufnahmen zum Fest, nothor! Ich finde es toll, dass es immer wieder mutige Eigentümer gibt, die sich mit ihrer Immobilie identifizieren und sie behutsam restaurieren. Das Handwerkerhaus oben ist super geworden! Wie viel mehr Qualität ein historisches Gebäude so gleich bekommt, erstaunlich! Das Eckhaus ist mir die Tage auch aufgefallen; es ist ja leider ein bisserl "verlebt", sage ich mal. Es ist übrigens KEIN Einzeldenkmal (warum auch immer – wahrscheinlich ist eine Speisekammertür 1926 ausgetauscht worden – *höhöhöhö*), unterliegt aber dem Ensembleschutz.

    nothor: Ach schade, das hatte ich noch gar nicht bemerkt! Ich bin in letzter Zeit nicht mehr in der Gegend gewesen. Die Außendämmung kann ich aufgrund des aktuellen Werbungs-Bombardements der Dämmungshersteller nachvollziehen, aber die Türen? Die waren doch in Ordnung. Schade… naja, der Block war jetzt nicht die Créme der Baukunst, aber dennoch ist es bedauerlich. Wollen wir hoffen, dass die schönen Einzelbauten und insbesondere die Kunst am Bau künftig mehr Würdigung erfahren.

    Teil IV – Eine Runde durch Glockenhof

    Ein paar Fotos aus der Südstadt hab ich noch ausgegraben. Zuerst ein Blick vom (mittlerweile leider geschlossenen) IMEX-Pavillon auf das schräg gegenüberliegende Eckhaus Allersberger Straße 36. Ein klassischer Nachkriegs-Eckbau. Die Hausecke ist gestalterisch geschickt durch einen vorspringenden Risalit, breite Fensterbänder und gerippte Unterfensterzonen ausgezeichnet:


    Nun geht's wieder Richtung Altstadt. Die Scheurlstraße, benannt nach der Nürnberger Patrizierfamilie Scheurl von Defersdorf, gehört zu den wichtigsten Verkehrsadern in die Südstadt. Die Bebauung ist zum allergrößten Teil nach 1945 erbaut worden:


    Breit gelagerte Wohn- und Geschäftshäuser säumen die Straße, leider stehen viele Läden leer. Während die Häuser zumeist dem typischen Nachkriegs-Understatement entsprechend schlicht gestaltet sind, kann man dennoch viele reizvolle Original-Details an den Häusern entdecken. An der Häusergruppe Scheurlstraße 20 und 20a z.B. die bauzeitlichen Ladeneinbauten mit variantenreichen Lösungen für die Türgriffe:



    Scheurlstraße 25 – ein, wie ich finde, recht gut gelungener Nachkriegsbau mit leicht vorgewölbten Balkongeländern in typischer Wellenform. Die Putzflächen sind dezent durch Linien (Putzritzungen) aufgelockert:



    Hand auf's Herz! Viele denken beim Haus Scheurlstraße 19 (bis zuletzt Sitz der Nordbayern-Post) zuerst: "Was für eine hässliche Nachkriegs-Kiste!" Dennoch, trotz der betont kubischen Form wartet der wohl in den 1960ern entstandene Block mit ein paar interessanten Details auf, etwa die Balkon-Mosaiken und die Fenster an der Nordseite. Selten wurden Klo-Fenster mit soviel attraktiver Außenwirkung gestaltet. Da sage noch einer, die moderne Baukunst kenne kein Ornament mehr:




    Der Harsdörfferplatz – auch er nach einer Nürnberger Patrizierfamilie benannt – ist ehrlich gesagt keine Charme-Bombe. Doch einige Gebäude, die ihn rahmen, sind hochinteressant. Hier z.B. ein Beispiel für den gelungenen Wiederaufbau (mit Aufstockung) eines Jugendstilhauses von 1908 (Haus Nr. 14):




    Schräg gegenüber ist mit Haus Harsdörfferplatz 17 ein reizvoller Wohnhausbau der 1900er Jahre weitgehend erhalten geblieben. Man beachte die hellen, in Nürnberg seltenen Ziegelwände, die man seinerzeit wegen ihrer Robustheit sehr schätzte. Wäre die Sandstein-Deko nicht, das Haus könnte auch in Berlin stehen. Ab dieser (etwas komischen, weil sehr stumpfwinkligen) Einmündung des Harsdörfferplatzes vor dem Haus heißt die Schweiggerstraße nach Osten hin Harsdörfferstraße:



    An der Südseite der Harsdörfferstraße folgt etwas monotone Wohnbebauung in Blockform, auch diese jedoch mit hübschen Details an den Eingängen – hier die bauzeitlichen Türen mit Flugdach und gebogenen Metallgriffen:



    Folgt man der Harsdörfferstraße weiter gen Osten bis zur Kreuzung Regensburger/Hainstraße, genießt man den Anblick der neugotischen Peterskirche und des mit originellen Sgraffiti ausgestatten Eckbaus (ehem. Restaurant "Merkur"), das nothor bereits hier vorgestellt hat: http://www.deutsches-architekt…php?p=401476&postcount=92 Der Sgraffito an der Harsdörfferstraße bebildert und erklärt – wie so oft bei "Kunst am Bau" der 1950er/1960er Jahre – den Namen der Straße und verweist auf den Nürnberger Patrizier und Dichter Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658), den geistigen Vater des "Nürnberger Trichters" (der einem das Wissen im übertragenen Sinne "eintrichtert" – die Pädagogik der 50er/60er fand das wohl noch kindgerecht…).


    Zurück nach Westen. Zwischen vielen Neubauten haben sich im Stadtteil Galgenhof noch ein wenig Altbausubstanz erhalten, besonders in den Hinterhöfen wie hier an der Enderleinstraße:


    In der Strauchstraße, benannt nach dem Maler und Kupferstecher Lorenz Strauch (1554-1630), hat ein beeindruckendes Bauwerk der Gründerzeit die Bomben überdauert. Heute wirkt das Haus mit seinen Neorenaissance-Fassaden inmitten der zurückhaltenden Nachkriegsbebauung fast schon protzig, wie aus der Zeit gefallen. Und doch: Gerade solche Brüche sind es, die den Reiz eines gewachsenen Stadtbildes ausmachen:




    Ein, wie ich finde, fast schon denkmalwerter Wohnbau an der Strauchstraße 16, wenngleich eine Restaurierung hier Not täte. Man beachte die gut gelöste, asymmetrische Gliederung der Schmalseite zur Enderleinstraße mit breiten Fenstern und Balkonen; diese verfügen noch über die bauzeitlichen Geländer mit Holzlattung – ein Beleg dafür, mit welch einfachen Mitteln die Wiederaufbauzeit es verstand, Gebäuden etwas Filigranes und Ornamentales zu verleihen. Man beachte auch die originalen Haustüren mit zackig-dynamisch geschnittenen Griffen – das ist Rockabilly am Wohnhausbau! …und wird leider immer seltener:





    Auch das Haus Strauchstraße 7 zeigt, dass man es nach 1945 durchaus verstand, Häuser zu errichten, die ein Straßenbild angenehm bereichern – auch hier mit einfach, aber wirkungsvollen Mitteln. Man beachte besonders die wohl originale Farbfassung mit hellbraunen Farbfeldern auf Beige und die filigranen Balkongeländer:




    Der Laden im Erdgeschoss ist mittlerweile leider verschwunden und mit ihm die bauzeitlichen Ladeneinbauten. Immerhin hat der Bauherr darauf geachtet, dass Wand und Fenster an dieser Stelle mit dem überlieferten Baubestand in Einklang stehen.

    Die neue Fassung sieht hübsch aus! Ich frage mich, ob hier und am Kaulbachplatz das Farbkonzept nach historischem Befund ausgeführt wurde? Immerhin stehen die beiden Häuser im Ensemble-Bereich. Bei den Fenstern gebe ich Dir Recht, nothor. Es ist mir unbegreiflich, wie man bei einer weitgehend symmetrisch gestalteten Fassade asymmetrisch geschnittene Fensterrahmen einsetzen kann. Aber wahrscheinlich dachte der Hausbesitzer in den 60er/70ern, dass die ja soooooo praktisch sind…

    Danke für die aktuellen Bilder, nothor! Auf Deinen Ansichten kommt die Qualität des Kopfbaus sehr gut rüber. Das Relief könnte eine Allegorie auf das Postwesen oder eine Illustration der Postgeschichte sein, vielleicht ein Bote der Antike mit Empfänger oder sowas. Scheint mir aus der Nachkriegszeit zu stammen und erinnert an die (zerstörten) Reliefs am Nordportal der Stadtbibliothek.

    Ich muss zugeben, dass ich die Namensschöpfung "Lichtenreuth" erst sehr skeptisch gesehen habe. Das erinnerte mich sehr an das aus Sicht des Ortsnamenskundlers höchst unglücklich gewählte "Schwanstetten" im Landkreis Roth (ein geistreicher Mix von 1978 aus "Schwand" und "Leerstetten"). Mittlerweile finde ich es ganz gut – recht viel anders sind Ortsnamen früher auch nicht entstanden. Mich würde nur interessieren, was dieses "Licht" in "Lichtenhof" eigentlich bedeutet? Kommt das tatsächlich vom Licht, von der Lichtung oder bedeutet es was ganz anderes?

    Sehe ich auch so, nothor. Ich begreife nicht, warum das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege den Bau bisher nicht unter Schutz gestellt hat. Es geht meiner Meinung nach nicht an, einerseits Hymnen auf heterogene, historisch gewachsenen Baudenkmale zu singen und dann den Listeneintrag mit der Begründung abzulehnen, es sei zuviel nachträglich verändert worden. Das mag mit Bezug auf Veränderungen in der jüngsten Vergangenheit (also seit den 1970er Jahren) in Ordnung sein; die Wiederaufbau- und Wirtschaftswunderzeit ist aber meines Erachtens eine historisch wie kunstgeschichtlich abgeschlossene Epoche. Deshalb: Erhalt und Aufnahme in die Denkmalliste – jetzt!

    Kaulbachstraße 35

    Hier noch zwei Vorher-Bilder zum Anwesen Kaulbachstraße 35 vom Januar 2013:




    Aus meiner Perspektive ist es fraglich, warum dieses Gebäude nicht als Einzeldenkmal geschützt ist. Immoscout konnte ich entnehmen, dass zumindest bei den gleichzeitig (sprich 1912) erbauten Nachbarhäusern die Innenausstattung (Türen, Böden, Entrée) noch weitgehend erhalten ist. Vielleicht wird es ja im Zuge der Nachqualifizierung ergänzt, es sei denn, man stört sich an so Dingen wie der neuen Haustür, was natürlich das ganze als Einzeldenkmal untragbar macht… :nono: Ach, wobei ich glaube, die Haustür ist sogar noch Original…

    Abriss Nunnenbeckstraße Ecke Harmoniestraße

    Das Gebäude in der Harmoniestraße war das Verwaltungsgebäude des Großkraftwerks Franken, erbaut 1927 bis 1929 von Hans Müller (Architekt des Deutschen Hofs und der Hypobank in der Königstraße u.a.) und seinem Schwiegersohn Carl Kröck. Und: Es war ein Einzeldenkmal! Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass schon wieder ein Denkmal verschwindet ohne irgendeine öffentliche Diskussion (bzw. erst durch Deine Meldung, nothor). Oder habe ich da was verpasst?