Beiträge von jan85

    Architektenkind: Ich schätze Dich und Deine Beiträge ebenfalls sehr und ich würde nie eine eher linke und marktkritische Haltung per se kritisieren oder polemisch diffamieren, zumal ich viele Standpunkte sogar weitaus sympathischer als die Alternativen finde und selbst absolut kein Anhänger eines ungezügelten freien Marktes und schwachen Sozialstaates angelsächsischer Form bin. Aber jeder Ansatz zur Bändigung des Marktes muss sich mit der Realität vereinbaren lassen, angepasst oder notfalls im Interesse eines realistischeren aufgegeben werden. Etwa beim Mietendeckel hoffe ich auch nach wie vor, dass er doch noch ein Erfolg wird aber es graut mir vor möglichen Folgen, falls es mal wieder unausgegoren war wie so vieles andere theoretisch überzeugende.


    Was den womöglich von mir oder Dir falsch verstandenen Vergleich NS und Sozialismus angeht, werden wir hier zunehmend off topic aber ich will das auch nicht im Raum stehen lassen und das Thema ist irgendwo mindestens latent auch ein Dauerbrenner im Forum. Für mich bedeutet "NS/NPD minus Rassismus" explizit, dass ich hier nicht(!) mit Nazis/Xenophobie zu tun habe (und somit ein besonders prägendes unappetitliches Element los werde) aber leider weiterhin mit ähnlich kompromisslosen, totalitären Grundmaximen und Unterdrückungsmechanismen. Für mich ist weder das Eine noch das Andere mit einer freien, lebenswerten Gesellschaft vereinbar.


    Wer NS und UDSSR mal gründlich studiert, wird mE massive und massiv beunruhigende Parallelen/ Schnittmengen/ Wesensverwandtheiten feststellen, was den temporären politischen Pakt der Mächte auch überhaupt erst plausibel macht. Auch Wilders 1, 2, 3 oder Orwells Animal Farm bringen diese Bezüge mE gut auf den Punkt. Weder Nationalsozialismus noch reiner Sozialismus wurden mW jemals in sympathischer, überzeugender oder auch nur annähernd vertretbarer Form umgesetzt.


    Abseits der politischen Farbenlehre lähmen die extremen Standpunkte mE immer die Mitte der Gesellschaft (weil sie die Mitte für sich vereinnahmen und das dort davor vorhandene Spektrum vertretbarer Standpunkte ins Gegenextrem drängen und zum Feindbild definieren wollen). Es reicht, skeptisch gegenüber der AfD zu sein, um Systemschaf/ Gutmensch zu sein. Wer misstrauisch gegenüber linksaktivistischer Umtriebe bei Linken und Grünen ist, wird zum Marktlemming oder potentiellen Faschisten.


    Und um den Bogen vielleicht doch halbwegs zurückzufinden: Diesen Prozess merkt man auch im DAF und in diesem Thread. Wo anfangs Standpunkte ausgetauscht werden, sind mit ein paar triggernden Aussagen direkt wieder die alten Schützengräben da und die Rückkehr zur Sachebene/ weniger aufgeladenen 'Mitte' ein Kraftakt.

    Als bisheriger Wähler dieses Senats erlaube ich mir die Feststellung, dass die Begrifflichkeit "links-grün-versifft" hier immer nur von Leuten im Mund geführt wird, die sich mit brennendem Eifer zur Berliner Regierung bekennen.


    In dieser Weise anderen eine "Verleumdung" vorzuwerfen ist haarsträubend, denn tatsächlich legst du diesen Begriff den anderen in den Mund, oder kannst du jemanden ernsthaft zitieren, der deinen Begriff benutzt? Zudem unterstellst du, andere wollten (s.o.) 1936 leben, was eine noch größere Frechheit ist. Das gilt vermutlich für einige Akteure im Forum von Stadtbild Deutschland. Dies aber ausgerechnet hier der Runde zu unterstellen ist nicht nur anmaßend, sondern auch abgrundtief unsympathisch.

    Dieser Darstellung und dem davor getätigten Vergleich zum Diskurs des Kalten Krieges kann ich mich nur anschließen. Es ist auch einer der Gründe, weshalb mich Diskussionen hier zunehmend ermüden. Dabei gab es eigentlich gerade in diesem Thread zunächst einen erfreulich niveauvollen und fundierten Austausch, wo ich von verschiedenen Seiten viel mitnehmen konnte. Dann agitieren ein paar Einzeluser und schon brechen wieder die alten Gräben auf. Wobei hier das Pendel hier mE eher in die eine Richtung ausschlägt. Stadtstruktur streut in der Tat heftige Strohpuppen ein (s.o.) und Klarenbach erhält noch kollektives Schulterklopfen für abgedroschene alte Parolen wie man sie bei Holm oder teils auch Lompscher verorten würde. Von Architektenkind sehe ich zumindest noch viele plausible Argumente aber daneben leider auch zusammenhanglose Spitzen wie die zu den Karstadtkompensationen.


    Einige haben scheinbar wirklich noch nicht begriffen, wie unser aktuelles System funktioniert und wie nicht. Selbst Marx verstand, dass gesellschaftliche Spielräume (Politik und Kultur) immer auf materiellen Grundlagen basieren. Und wenn ich nun mal nicht mehr in der DDR agiere, muss ich zwangsläufig auch mein Handeln entsprechend ausrichten (und selbst IN der DDR hat das Ignorieren der Sachzwänge und die Pumppolitik irgendwann in die Sackgasse geführt). Ich will dabei auch ganz sicher keine Stadt als passiven Spielball von Investoren. Man sollte vielleicht aber doch einfach mal realisieren, dass Berlin nicht in der bequemen Position von sagen wir Wien ist und wir ohne Pippi-Langstrumpf-Superkräfte und Goldkoffer auch nicht so leicht dahinkommen (Pippi-Langstrumpf-Attitüde alleine ohne die entsprechende Rückversicherung erreicht langfristig eher das Gegenteil, Russland hat seiner großteils verarmten Bevölkerung jetzt immerhin einiges an spannendem Filz und Turbokapitalismus zu bieten, wie toll).


    Wir brauchen Klugheit und Weitsicht, um Gestaltungsspielräume zu erhalten. Dazu gehören sinnvolle Kooperationen mit und Werben um Mittel von Investoren. Wir brauchen in hohem Umfang Arbeitsplätze und Bauprojekte (und ja, da Raum begrenzt ist gerne auch Verdichtung nach oben - das sind nicht per se anrüchige Zugeständnisse und schmutzige Deals mit satanischen Kräften). Selbst unter rot-rot war man damals schon mal viel weiter im Erkennen der Sachzwänge, während aktuell wohl neben besagter Ignoranz der sozialökonomischen Realität zunehmend Hybris, i.e. Arroganz der Macht, und Aufgabe der Haushaltsdisziplin um sich greifen. So schafft man sich viele schnelle kleine Symbolsiege - und bezahlt auf Pump mit nachhaltigen neuen Abhängigkeiten. Im Ergebnis ist es letztlich nichts Anderes als die Bankenkrise unter der CDU (eigennütziger Filz ist es mE in beiden Fällen und der Leistragende ist auch der Selbe).


    Die Europacity halte ich in diesem Sinne übrigens sogar noch für einen guten Kompromiss. Die damaligen Verhältnisse waren besch...eiden. Da war zumindest zunächst unabhängig von den beteiligten politischen Farben nicht viel mehr rauszuholen. Ich hätte es aber in der Folge durchaus vertretbar gefunden, Investoren nachträglich mehr Bauvolumen zu gewähren und dafür mit ihnen nachträgliche Zugeständnisse wie bezahlbaren Wohnraum nachzuverhandeln. Selbst wenn es dann Verzögerungen gegeben hätte: Unter dem Strich wäre es ein gesamtgesellschaftlicher Gewinn gewesen. Die zusätzlichen Meter tun an einer solchen Lage nicht weh, nehmen Druck (sozial und ökologisch sinnvoll) und gerade die günstigen Wohnungen finden sehr schnell extrem dankbare Mieter. Und soziale Durchmischung wie auch zusätzliche Büroflächen in Top-Lagen haben ihren Preis aber auch ihren Wert. Und wenn man schon mal grundsätzlich mit Investoren sprechen kann, wird man sich auch eher mal bei einer ansprechenden Gestaltung einig (zumal gerade Frau Lüschers Geschmack ja nicht einmal unbedingt teu(r)er in der Umsetzung ist).

    Klarenbach Ich hatte auch immer einen positiven Eindruck von Herrn Buchholz und denke ebenfalls nicht, dass die SPD durch solche Geschichten profitieren wird (von der Sachkompetenz her jedenfalls nicht). Aber ganz so dramatisch in Bezug auf den Wählerzuspruch würde ich es dennoch nicht sehen. Die Linke hatte ihre Causa Holm, die Grünen ihren Florian Schmidt und auch CDU und FDP haben ihre personellen Baustellen. Aktuell sehe ich die SPD durch Frau Giffey insgesamt sogar mit Abstand am profiliertesten (wobei Herr Saleh dagegen irgendwie teilweise nicht besonders souverän rüberkommt und mE zu sehr ins Rampenlicht möchte). Dahinter würde ich die Linke mit Herrn Lederer sehen. Bei den Grünen bleibt abzuwarten, wie sich die neue Chefin Präsenz verschafft. Sie wirkt ähnlich wie Frau Giffey konservativer oder zumindest pragmatischer und weniger ideologiebestimmt als davor gewohnt (ideologiebestimmt meine ich nicht rein negativ und umgekehrt könnte Frau Jarasch gerade bei den eigenen Stammwählern durchaus weniger gut damit ankommen). Bei der CDU kann ich mir kaum vorstellen, dass die ihren Rang behalten, es sei denn der Frust der Wähler über R2G sitzt dermaßen tief (was durchaus im Bereich des Möglichen liegt). Ich sehe nicht, wo die CDU durch eigene Strahlkraft überzeugt.


    Aber insgesamt muss man natürlich auch noch den Wahlkampf abwarten. Und auch die Dynamik von Coronakrise sowie Wirtschaftskrise wird sicher noch eine Rolle spielen.

    UrbanFreak Die Linke ist ja wohl national wie in den Ländern deutlich anders aufgestellt als eine Piratenpartei oder AfD. Sie ist zwar in der Tat u.a. auch aus Protest gegen Hartz IV entstanden aber eben bekanntlich nicht aus dem "Nichts", sondern aus PDS und durchaus relevanter Substanz des linken SPD-Flügels. Gerade in den "Neuen Ländern" (blöder Begriff eigentlich) gibt ihnen das ein gewisses Gewicht. Außerdem bedienen sie auch nicht primär ein paar Einzelthemen, sondern haben ein komplettes Programm und personell kann man das einfach nicht vergleichen. Auch muss ich sagen, dass sie mich zumindest unter Wowereits rot-rot mit pragmatischer Politik positiv überrascht haben (diesmal sehe ich zwar durchaus teils interessante Ansätze aber dafür leider auch viel zu viele Fehler und Überheblichkeiten).


    Ebenso sehe ich durch Merkels Politik rechts von der CDU durchaus Raum für eine konservativere Kraft aber der AfD fehlt es ganz objektiv an Substanz, Personal und einem konsistenten Programm. Subjektiv kommt noch eine Menge mehr hinzu, was ich hier aber nicht vertiefen möchte. Immerhin: Sie wissen Krisen und Kontroversen für sich zu nutzen (und nationale Themen in die Landeswahlen zu tragen) aber ich sehe das langfristig nicht als nachhaltig an. Gerade Berlin ist eigentlich auch inhaltlich keine Stadt für so eine Partei, sodass mich 14,2 Prozent stark überrascht haben und ich das für einen Maximalwert halte.


    P.S.: Ich möchte sicherheitshalber anmerken, dass diese Bewertungen nur meine Wahrnehmung relativer Stärken und Schwächen abbilden aber nicht meine persönlichen Gesamtpräferenzen. Ich bin eingefleischter Verzweiflungswähler (das kleinste Übel, welche Konstellation will ich strategisch unbedingt verhindern oder am ehesten begünstigen) und daher bisher auch ein zuverlässiger Wechselwähler ohne politische "Heimat". War nie so geplant aber hat sich so entwickelt.

    Arty Deco Die AfD wird extrem wahrscheinlich ohnehin keine Minister stellen, deshalb stellt sich die Frage der Eignung wohl gar nicht. Ich vermute einerseits, dass ähnlich wie bei den Piraten ihr frühes Hoch auch gleich schon das Maximalpotential für Berlin ausgeschöpft hat. Ja, es gibt viel Frustpotential in der Stadt aber diese Protestwahlen/ Protestparteien nutzen sich auch ab. Die AfD nimmt natürlich immer wieder neue Themen auf aber gerade auf die Stadt bezogen wird das mE schwer durchzuhalten sein. Und andererseits würde wohl ohnehin keine Partei mit der AfD koalieren wollen, schon um sich nicht den Ruf zu versauen.


    Die SPD unter Giffey und Saleh wird aber evtl. wirklich noch mal interessant. In Neukölln hat Frau Giffey zumindest keinen negativen Eindruck hinterlassen und auf Bundesebene mW auch nicht (und ein unauffälliges, eher leicht positives Resümee ist für Berliner Standards wie gesagt eigentlich schon gut). Mit dem so gewonnenen Erfahrungsschatz und der entsprechend gewachsenen Bekanntheit bringt sie zudem auch etwas mehr Profil mit als die lokale Konkurrenz. Für mich wirkt sie in der Summe wie eine Art Hoffnungsträgerin andererseits aber auch wie eine der letzten Patronen einer im Schwinden begriffenen Landes-SPD: Zur stärksten Kraft könnte das durchaus reichen. Aber dann bliebe immer noch die große Frage, welche Koalition rechnerisch möglich und zugleich auch sinnvoll wäre. Zum Vergleich: Müller hatte sowohl rot-schwarz als auch rot-rot-grün und ist mit beiden nicht wirklich warm geworden. Giffey würde ggf. eher zur CDU tendieren aber nimmt denen womöglich eher die Stimmen weg, weil sie ähnliche Positionen mit stärkerer Präsenz besetzt. Reicht es nicht zu rot-schwarz, dann hat sie sich verpokert und muss erhebliche Kompromisse eingehen (was wiederum mittel- bis langfristig meist Probleme bringt). Insgesamt ist eine Chance vorhanden aber die Wahrscheinlichkeiten sehe ich nicht unbedingt zu ihren Gunsten.

    DerBe Eine eigene Urteilsbildung zu solchen Vorgängen kann mE aber nicht ganz unterbleiben, bloß weil man jemanden nicht verteidigen oder anklagen möchte. Es geht ja auch nicht darum, Herrn Schmidt als potentiellen Freund oder Schwiegersohn, also als Person, zu verhandeln. Es geht um ganz konkrete Vorgänge und Verstöße.


    Ansonsten wüsste ich nicht, wen ich aufgrund eines kleinen Geldbeutels diffamiert haben soll. Ich gehöre selbst nicht zu irgendeiner privilegierten Elite und arbeite zudem seit Jahren hart und mit starker Überzeugung dafür, dass sozialökonomisch abgehängte Kinder und Jugendliche eine Perspektive auf Aufstieg erhalten. Bildung für Jedermann/ Durchlässigkeit für Aufstieg durch Leistungswillen und auch die "Berliner Mischung" in Bezug auf die Kieze sehe ich durchaus als wichtigen sozialen Kitt.


    Dass in Kreuzberg aber gezielt ausgewählte Genossenschaften gegen bestehende Regeln bedingungslos gedeckt und abgesichert werden, auch wenn sich der Bezirk das Risiko auch im Sinne der Sozialpolitik eigentlich weder leisten kann noch sollte und der entstandene Schaden am Ende sogar noch auf Kosten höherer Mieten gedeckelt werden muss...

    Dass wie im Fall der Hausbesetzer im Interesse weniger zahlreiche Anwohner mit heftigen Problemen und Angriffen allein gelassen und auch sicherheitsrelevante Baumängel ignoriert werden...

    Dass man eine Schule langfristig besetzen lässt, auch wenn der Bezirk den Schülern hier schon so nicht gerade Ressourcen und Kapazitäten im Überfluss bieten kann (hier weiß ich allerdings ehrlicherweise nicht, inwieweit Herr Schmidt als Baumann auch für Schulimmobilien verantwortlich ist)...

    ...das alles deckt sich nicht mit meinem moralischen Kompass. Jeder soll faire Chancen erhalten aber man darf mE nicht eine bestimmte Klientel ohne Rücksicht auf die anderen und durchaus legitime Regelungen pushen. Irgendjemand trägt immer die Kosten und anders als beim echten Robin Hood sind das hier nicht irgendwelche reichen Bonzen, sondern die Allgemeinheit. In Kreuzberg kann in der Breite jeder Cent gut gebraucht werden, der so fehlt.


    Klarenbach Dazu fällt mir mal wieder kaum noch etwas ein. Du könntest wirklich in einem Polit-PR-Agentur arbeiten, so wie Du immer wieder klare Fakten und Tatsachen für Dich zu färben und umzudeuten weißt. Wenn für Dich der Tagesspiegel schon "klar wirtschaftsliberal" ist, sagt das einiges über Deine eigene Position. Denn allgemein gelten u.a. Handelsblatt, Wirtschaftswoche und Focus als wirtschaftsliberal, der Tagesspiegel aber eigentlich einfach nur als "liberal". Er ist nicht einmal konservativ wie z.B. die F.A.Z. oder Bild und zumindest einst die Morgenpost. Zudem gilt er mW nach wie vor als die seriöseste und qualitativ hochwertigste Berliner Zeitung (wobei das relativ ist, da Berlin nicht gerade als DER Qualitätsstandort im Journalismus bezeichnet werden kann). Dass ein Artikel mit Auflistung klarer Tatsachen nicht unabhängig sein könne, halte ich für völlig hahnebüchen.


    Im übrigen ist die Staatsanwaltschaft einfach nicht für jedes Unrecht zuständig. Wenn sie etwas nicht weiter ermitteln, ist das nur ein Aspekt unter mehreren. Der Rechnungshof hat sich sehr klar geäußert und auch ein Untersuchungsausschuss ist kein alltägliches Prozedere. Auch hier drehst Du die Dinge so, wie bzw. bis es für Dich passend erscheint...

    Klarenbach und DerBe Darüber möge sich jeder kritisch denkende und medienkompetente Mensch selbst eine Meinung bilden. Der Tagesspiegel etwa ist sicher kein erzkonservatives Blatt und hat - mE sehr übersichtlich und völlig seriös - die bekannten Fakten zum Fall zusammengetragen. Wie man das moralisch bewerten will, soll jeder selbst wissen aber die formelle Bewertung kann man mE nach objektiven Maßstäben kaum als harmlose Bagatelle/ (Fehler machen wir alle mal) abtun. Und den Mietern nutzt es auch wenig, dass sie nun einer edlen aber unterfinanzierten Genossenschaft den Hintern retten sollen statt einem bösen Immobilienhai sein Leben zu vergolden.

    spandauer Missstände in der Branche kommen definitiv vor und das habe ich auch nicht in Abrede gestellt. Im konkreten Fall sollte man entschlossen dagegen vorgehen. Aber ganz allgemein sollte man mE schon noch differenzierte Begriffe vorziehen und keine Pauschaldiffamierungen. Oder ist für Dich die Gastronomie dann ein gesundheitsgefährdendes Gammelessenkollektiv?


    Es ging ja konkret ums Tempelhofer Feld und da weiß ich nichts von irgendwelchen Machenschaften. In Kreuzberg hat es "systematische Rechtsbrüche und dunkle Geschäfte" dagegen wohl tatsächlich gegeben und letztlich wurden zur Finanzierung sogar gezielt Mietsteigerungen ermöglicht. Stört Dich das auch oder dürfen 'die Guten' so was?

    Urbanist Grundsätzlich würde ich Befürworter einer Freihaltung des Tempelhofer Feldes auch nicht mit Antifa o.ä. in einen Topf werfen. Dafür ist diese Interessengruppe deutlich zu vielschichtig (selbst bei Antifa müsste man aber eigentlich näher beschreiben, was konkret man diskutieren möchte). So weit stimme ich Dir also zu.


    Aber "Immobilienmafia" ist dann auch nicht wirklich besser. Sollte das eine direkte Replik sein oder aber evtl. den Bogen zurück zu Herrn Schmidt und seinen Mauscheleien schlagen? Für sich genommen ist es jedenfalls weder eine Befürwortung der Bebauung noch eine Befürwortung der Offenhaltung kriminell.


    Es gab eine demokratische Abstimmung und sollte sich die Stimmung seither wirklich deutlich verschoben haben, gibt es evtl. auch noch eine zweite Abstimmung. Von mir aus können auch jedes Mal alle Grüppchen trommeln und ihre Argumente (ob fundiert oder manipulativ) vorbringen. Der Wähler lernt hoffentlich in dem Fall eher mal direkt was über seine Verantwortung (Freihalten ist ein Zustand für viele Jahre und Bebauung ggf. sogar endgültig).

    Das ist so weit völlig in Ordnung und explizit nicht Teil meiner negativen politischen Gesamtgefühlslage. Im Gegenteil. Da würde ich es eher mit Willy Brandt halten: Etwas Demokratie wagen. Bei sensibleren Themen würde ich eher gründlich über Direktabstimmungen nachdenken.

    Causa Florian Schmidt brodelt tief unter der Oberfläche - Berlins politische Landschaft in der Krise?

    Florian Schmidt hat mE sehr, sehr großes Glück, dass die breite Öffentlichkeit im zweiten Coronajahr keine Nerven für weitere Nebenkriegsschauplätze hat. Die Aufmerksamkeitsökonomie kennt generell nur wenige große Themen und aktuell frisst Corona alles, wie auch schon Fridays For Future und Black Lives Matter zu spüren bekamen.


    Dennoch braucht es schon einige Chuzpe, um ausgerechnet einen Untersuchungsausschuss über systematische, potentiell hochgradig verantwortungslose Umgehung parlamentarischer Normen mit einem erneuten Versuch zur 'kreativen Umgehung' parlamentarischer Normen und Gepflogenheiten zu torpedieren. Eigentlich ein Skandal im bereits ausgewachsenen Skandal. Ich gehe erfahrungsgemäß mal davon aus, dass die Rettungsstrategie tatsächlich scheitern wird, dass es im Ausschuss zumindest ein wenig aufs Dach gibt, dass anschließend von diversen anderen Parteien (teils völlig berechtigt, teil aber aus reinem politischem Kalkül) gezetert wird, dass es aber auch aufgrund von Corona fast niemanden in dieser Stadt interessiert, dass die Grünen Herrn Schmidt anschließend irgendwie resozialisieren und neu einbinden und dass es dann bei den nächsten Wahlen ohnehin keinerlei Auswirkungen auf die Ergebnisse der Grünen oder seiner jetzigen Angreifer geben wird. Die Wähler der Grünen wissen überwiegend wohl ohnehin genau, wen und was sie da unterstützen und fühlen sich damit moralisch auf der richtigen Seite (ein selbst erklärter Robin Hood muss sich eben nicht an die Gesetze des Sheriffs halten, auch nicht wenn er gewissermaßen in Parallelrolle gleichzeitig gewissermaßen selbst auch noch den Sheriff spielt). Und wenn solche Sachen mehrfach ohne Abstrafung so laufen, sinkt der politische Druck immer weiter. Noch rede ich hypothetisch aber ich sehe Berlin in einer politischen Krise.


    Ein Teil des Dilemmas ist mE das Fehlen von Alternativen. Die Parteien in Koalition und Opposition, die den Grünen jetzt zu gerne einen strategischen Schlag versetzen möchten, bekommen seit Jahren selbst nicht viel auf die Reihe. Es wechselt eigentlich fast nur die Perspektive, wer es gerade wie sehr verbockt (es leicht bis mittelstark verbocken, ist ja fast noch gut) und wer aus Beobachterrolle darauf hinweisen darf (weil er es aktuell ja nicht besser machen muss). Ich bleibe bei meiner Wahrnehmung, dass Berlin einfach gut aufgestellte Landesparteien mit charismatischem und zugleich fähigem Personal fehlen. Gefühlt würde ich einige Grüne, Sozialdemokraten und Christdemokraten anderer Bundesländer bei entsprechender Wahl sofort nehmen. Aber vielleicht sind die anderen Wiesen auch nur immer aus der Ferne grüner als die eigenen...


    P.S.: Ich hoffe, der Beitrag war nicht zu pessimistisch oder gar zynisch. Ich kann mit unserer Landespolitik einfach schon lange nichts mehr anfangen (was ich selbst sehr bedenklich finde aber nicht wirklich ändern kann). Manchmal entlädt sich da Frust aber ich will natürlich auch niemanden damit nerven.

    In den Jahren nach der Wiederaufbauentscheidung, als quasi hektisch, nachträglich, über den Inhalt abgestimmt wurde das Konzept eines Weltkultur-Museums entworfen. Ein MultiKulti-Palast sozusagen, in dem die Vielfalt der Weltregionen gefeiert werden sollte.


    Vor allem soll/te so die Museumsinsel ergänzt (i.e. im geographischen und kulturellen Fokus erweitert) werden, die sich auf die Kulturregion Europa und ihre ältesten Kontaktzonen bezieht. Also im wahrsten Sinne des Wortes eine Horizonterweiterung. Und unabhängig davon, wie diese Entscheidung zu Stande kam, teile ich nicht die von einigen vorgebrachte und hier latent mitklingende Kritik, dass es sich um eine unausgegorene, missglückte Entscheidung handle. Ich weiß nicht, inwieweit 'MultiKulti-Palast' wirklich so herablassend gemeint ist, wie es auf mich wirkt. Aber eine Auseinandersetzung mit anderen, durchaus auch entfernteren Kulturen dieser Welt finde ich sehr reizvoll.


    Dass dieser als 'Dialog der Kulturen' durchaus wohlintendierte Blick auf die Welt dennoch mindestens eine gewisse Spur der eurozentristischen und kolonialistischen Perspektive behält, sollte man dabei aber durchaus bedenken und selbstkritisch berücksichtigen. 'Dialog' steht bei mir für Augenhöhe - und dann sollten die ausgestellten Kulturen auch eine eigene Stimme erhalten, angemessen zu Wort kommen (ob und ggf. wie das umgesetzt wird, muss sich zeigen).


    Natürlich kann man so etwas auch komplett abtun und jegliche Sensibilität hierfür als komplexbehaftetes, selbstzerstörerisches Weicheitum herabwürdigen. Ich hingegen finde diesen Kontext wichtig. Man SOLLTE mE beim Betreten eines solchen Museums durchaus im Hinterkopf behalten, welcher Zeitgeist zumindest beim Anlegen der Sammlungen noch herrschte. Ja, es wurden mehr oder weniger ungefragt (teils bewusst selektiv gefragt) Objekte mitgenommen, selbst wenn diese teilweise von hohem symbolischen Wert (ggf. heilig) für die Bevölkerung waren - aber aus dem vermeintlich überlegenen Blick der 'Entdecker' war eben nichts heilig. Es wurden bekanntlich auch menschliche Überreste und selbst lebende Menschen aus den Kolonien mitgebracht und ausgestellt. Dies neben vorgeblichem oder tatsächlichem wissenschaftlichem und bildungspolitischem Interesse (Menschenaffe und Buschneger gaben sich nicht viel und galten als Illustration Darwinscher Theorie) auch als Propaganda für die Kolonien aber auch zur reinen Unterhaltung und Bereicherung. Diese Völker- und Menschenschauen wurden immer größer angelegt. Erst 'Einzelexemplare' und repräsentative Kleingruppen, dann teils ganze Negerdörfer. Das Ganze fand oftmals (so auch u.a. in Berlin) im Kontext von Zoo und Zirkus statt. Und in solch groß angelegter Form gab es das allein in Deutschland vom späten 19. Jahrhundert bis 1940 (übrigens wollten die Nazis zur selben Zeit auch die Museumsinsel erweitern und u.a. mit einem Germanischen Museum in Kontrast setzen). Ein schweizer Zirkus hat diese Tradition dann wohl noch bis in die 60er so fortgeführt, während die typischen deutschen Komplexe eine Wiederaufnahme in den 50ern letztlich erfolgreich verhinderten. Nur zur allerletzten Sicherheit: Das war sarkastisch gemeint.


    Also auch wenn der selbstbewusste, mit sich und seiner Geschichte im Reinen lebende Deutsche (was interessiert mich meines Großvaters Geschwätz und Handeln von Vorgestern?) nicht hören will: Das Rad lässt sich nicht mehr zurück drehen. Das Humboldtforum eröffnet nicht nur im Zentrum Berlins, hinter Preußischen Fassaden sowie unter Kreuz und Textband. Es öffnet auch nahe dem zeitlichen Höhepunkt der Black Lives Matter Bewegung inklusive dem Momentum in Richtung historischer Aufarbeitung, die trotz Corona nicht völlig verstummt ist oder verstummen wird. So wird dieser Dialog auch in Berlin weit lebendiger und öffentlichkeitswirksamer geführt werden - und das ist auch gut so, um mal einen ehemaligen Berliner Bürgermeister zu zitieren. Das kann einer Stadt wie Berlin, welche die Afrikakonferenz beherbergte und von den Nationalsozialisten zum Machtzentrum entwickelt wurde, nur gut tun.


    Übrigens sehe ich inzwischen auch den Beitrag des bald scheidenden Berliner Bürgermeisters zum Humboldtforum weit positiver. Denn immerhin wird es hier einen Dialog und eine Dialektik geben: Wie hat die Welt auf Berlin eingewirkt? Wie hat Berlin in die Welt gewirkt?


    Nach all den vielen Worten nochmals: Ich freue mich nicht nur auf die Fassadenrekos, sondern auch auf den Inhalt. Ich mochte das ethnologische Museum schon immer aber hier gibt es ein ganz anderes Potential. Für mich kommt hier zusammen, was auch nach dem heutigen Zeitgeist zusammen gehört. Wenn es gut gemacht wird, kann es durchaus wichtige Resonanz erzeugen. Wenn es initial schlecht gemacht wird, muss man es sukzessive besser machen.

    Na endlich. Aber wurde die ursprünglich geplante Gestaltung aufgegeben? Im Artikel heißt es, dass sich der Turm am Bestandsbau orientieren soll. Das war vorher mE nicht (deutlich) der Fall. Ich fände es äußerst schade, wenn man die elegante Gestaltung für eine plumpere aufgeben sollte!

    Kieselgur Das Gedicht hat aber einen sehr sozialkritischen/ beißend-pessimistischen Unterton. Wenn Schloss und Freiflächen diesem Text wirklich Ehre erweisen sollten, wäre das demnach wohl eine eher fragliche Ehre (dagegen war das bescheidene Corona-Weihnachten unserer Familie ja ein wohlig-besinnlicher Traum - wobei ich tatsächlich auch gar nicht so viel vermisst habe). Eine andere Randbemerkung, weil über die Farbgebung der Fassadenrekos gesprochen wurde: Im Gedicht ist das Schloss passend zum Inhalt rein grau. Gegen grau oder auch weiß finde ich die jetzt gewählten zarten Sandtöne sehr angenehm. Die schwachen Kontraste stören mich in dem Fall auch nicht, zumal es mE je nach Sonnenstand gar nicht so monoton wirkt.


    Ähnlich wie ElleDeBE empfinde ich auch die Freiflächen um das Humboldtforum eher gemischt bis ansprechend als (rein) negativ. So ein Bau sollte ja auch wirken können. Da ich grundsätzlich aber ein großer Freund von Grün bin, vermisse ich hier bislang auch noch etwas. Ich hoffe, dass die Flächen diesbezüglich noch mal nachgestaltet werden.

    Taxodium Unter Atlantikwall stelle ich mir so etwas vor. Ich vermute, dass Dich beim Springerbau am ehesten die Seite zur Schützenstraße daran erinnert. Dort wirkt zumindest die reine Baumasse in der Tat äußerst wuchtig und kompakt, wobei das mE durch die Schrägen, das teils golden und silbern glänzende, teils dunkelgrau schimmernde Metall und das viele, viele Glas aufgelockert wird:


    Durch den horizontalen 'Schnitt' sowie die oberhalb und unterhalb hiervon unterschiedliche Farbwahl wirkt es zunächst einmal wie zwei aufeinander liegende Baukörper. Der dunklere obere tritt zudem nach oben hin zurück aber im Unterschied zu vielen anderen Bauten, die sich nach oben hin verjüngen, eben in Form einer Schräge statt stufenweise. Beim helleren unteren Abschnitt hat man dagegen einen dynamischen Wechsel aus gerade abfallenden sowie vor- und zurückspringenden Abschnitten. Dabei bleibt jeder einzelne Teil aber dennoch recht massiv. Besonders spannend finde ich den gewissermaßen in eine Nische gelegten Eingangsbereich mit den verspielten und zugleich sehr stabil wirkenden Betonträgern sowie dem ebenfalls recht verspielten Treppenbereich mit den vielen kleinen Beeten. Durch die angesprochene Nischensituation mit der zurückfallenden Wand und die Hinterleuchtung wird die Fensterfront insgesamt betont (die Goldstreifen und das warme Licht unterstreichen den Effekt zusätzlich). Und genau dort wo sich die Blickachsen der Rampe und der (wiederum in warmem Licht) beleuchteten Treppenstufen treffen, liegt der sonst kaum zu erahnende Eingang. Insgesamt habe ich so den Eindruck, als wenn man fast unbewusst 'herangewunken' und gewissermaßen auch 'eingesogen' wird - ähnlich wie es bei der 'Pacman-Front' (weitaus spektakulärer) der Fall ist.


    Zudem finde ich spannend, wie der komplett umlaufende Riss hier sauber horizontal verläuft aber zu den anderen Seiten hin nach oben und unten hin 'ausfranzt', bis er sich schließlich zu der angesprochenen gewaltigen Öffnung (mit den wolkenartigen Ausstülpungen darin) hin auswölbt.


    Für mich hat das einfach was. Klassisch schön ist zwar etwas anderes aber spannend und dynamisch sowie in Abschnitten wuchtig elegant finde ich diesen Bau allemal. Für mich neben dem Cube einer der besten modernen Entwürfe der letzten paar Jahre.

    Ich habe keine Ahnung, wie man diesen Bau mit dem Todesstern auch nur assoziieren kann: Kugelrund, hermetisch verschlossen und eintönig grau gegen einen extrem zerklüfteten Quader mit einem Wechselspiel aus trutzburgartigen Außenwänden und weitflächigen Öffnungen, aus Vor- und Rücksprüngen sowie aus unterschiedlich gefärbtem und strukturiertem Glas und Metall, ergänzt mit etwas Beton.


    Wo ich mitgehe: Der Bau erscheint auffällig und präsent. Man kann das sicher als (zu) aufdringlich empfinden. Für mich wirkt es gegenüber den Hochhäusern erfrischend dynamisch und verspielt. Zugleich fügt sich der von den Oberflächenstrukturen trotzdem in den bestehenden Campus ein. Dystopisch finde ich den Bau eigentlich nicht, auch wenn er mich irgendwie immer an eine Explosion denken lässt mit den großen offenen Rissen, den wolkenartig nach außen gewölbten Fensterflächen und den verschlierten Glasfronten (die mich etwas an zäh herabrinnende Druckertinte oder Bildschirme mit Störbildern erinnern). Das Ganze wirkt zugleich aber trotzdem noch zu freundlich mit dem vielen Glas und glänzenden Metallflächen sowie Grün und Außenterrassen. Statt vernichtend erscheint mir diese Explosion wie eine neue Schöpfung. Als Metapher für den Wandel des Verlags ins digitale Zeitalter finde ich das nach wie vor extrem gelungen. Zugleich symbolisiert es mW auch die Deutsche Wiedervereinigung, die ja auch eine Mauer zerfetzt und ein neues Ganzes geschaffen hatte.


    Fazit: Ich bleibe dabei: Für mich erzählt der Bau eine Geschichte. Vielleicht auf laute, aufdringliche Weise. Aber ich finde es nicht zu effekthascherisch, sondern irgendwo stimmig. Das Einzige was mir nach wie vor nicht richtig zusagt, ist der Bauherr. Auch Springer hat teils gute Substanz (u.a. Welt, Sportbild, Computer Bild, diverse StartUps... sind nicht alle Ramsch). Aber die größte Deutsche respektive Berliner Zeitung sind immer noch Bild und B.Z., die ich wenig schätze bis offen verabscheue. Mit der teils niederträchtigen Anti-Drosten-Kampagne ist es auch nicht besser geworden. Ich kann daher verstehen, dass man die Architektur intuitiv mit dem geistigen Inhalt verknüpft. Ich versuche, beides zu trennen. Insgeheim hoffe ich durch den Wandel auch noch auf einen positiveren neuen Springer, bei dem die qualitativ soliden Produkte mehr Gewicht erlangen und man vielleicht irgendwann auch selbst ein anderes Image anstrebt. Mit Blick auf die letzten Jahrzehnte ist dies sicher irgendwo naiv aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

    Als ich vor über 10 Jahren frisch zur Uni ging, hatte einer meiner Professoren mal einen internationalen 'Starredner' zu Zukunftsthemen angefragt. Der Herr wäre wohl für eine pervers hohe Summe angereist und für einen Rabatt á la Star Wars per Hologramm erschienen. Letztlich passierte weder das Eine noch das Andere und es blieb eine absurde Anekdote.


    Inzwischen sind einige Studenten über mehrere Semester praktisch im Fernstudium und sehr ähnlich läuft es auch in verschiedenen Betrieben. Wieviele davon nach der Pandemie die neu etablierte (und teils teuer angeschaffte) Infrastruktur komplett einmotten, muss sich erst noch zeigen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass bei vielen Formaten stärker zwischen analogen und digitalen Treffen abgewogen wird und es dann auch eine Kostenfrage sein könnte. Ähnlich auch im Privatsektor. Man darf nicht vergessen, dass die Flugindustrie seit Jahren stark über den Preis gearbeitet hat und teils bewusst mit der Bahn konkurriert. Die neue CO2-Steuer dürfte also gerade das Fliegen empfindlich treffen und das gilt sicher auch für den BER mit dem hohen Budgetanteil. Zumindest das Kurzstreckenwochenendfliegen könnte deutlich abnehmen.


    Natürlich weiß aber niemand wirklich, was die Zukunft bringen wird. Vielleicht entsteht auch erst Recht Lust auf Flugreisen, weil viele damit Freiheit verbinden und das gerade aktuell besonders begehrenswert erscheinen könnte.

    Camondo Dass ein Großteil des Bestands in Archiven verwahrt ist und nur ausgewählte Objekte öffentlich präsentiert werden, ist doch keine Eigenheit des ethnologischen Museums. Das ist z.B. beim Naturkundemuseum sicher noch mal deutlich extremer und wird sich auch nicht durch dessen Sanierung und die Vervielfachung der Ausstellungsflächen ändern. Dort wird daher parallel digitalisiert.


    Ansonsten ist es wie gesagt bei vielen großen Einrichtungen Usus, dass einige absolute Highlights permanent gezeigt werden und andere interessante Stücke im Wechsel sowie mit gezielter thematischer Einbettung. Ich glaube ehrlich gesagt nicht einmal, dass die meisten Besucher auch nur annähernd die ganze Sammlung sehen wollen. Insbesondere dann nicht, wenn man erst in einem hunderte Seite dicken Museumsführer nachlesen müsste, was jedes einzelne Stück überhaupt so relevant macht. Der Gründungsintendant des Humboldtforums Neil Mac Gregor hat nicht zuletzt mit seiner äußerst erfolgreichen Reihe A history of the world in 100 objects gezeigt, dass weniger (i.e. eine möglichst repräsentative Auswahl eingebettet in hochwertige Didaktik) manchmal immer noch mehr ist.


    Für Wissenschaftler mit gezieltem Interesse ist es hingegen ein Segen, wenn der Bestand zumindest möglichst gründlich erfasst ist und nach Bedarf zugänglich gemacht wird. Denen bereitet es aber sicher kein Kopfzerbrechen, wenn sie auf ein Archiv statt auf den Schaubestand zugreifen. Im Zweifel eher im Gegenteil.


    Hier sehe ich wie gesagt keinen echten Kritikpunkt. Und da ich die ethnologischen Museen in Dahlem bis zu Covid-19 einigermaßen regelmäßig besucht habe, weiß ich auch, dass sie eine tolle Ausstellung hatten aber im buchstäblichen Sinne ein Randdasein fristeten. Allein für einen Fortbestand am alten Standort wären übrigens auch neunstellige Beträge fällig gewesen, ohne damit auch schon etwas in die Modernisierung und Attraktivierung zu investieren. In Bezug auf die zu erwartenden Besucherzahlen und die Rolle der Institution im öffentlichen Diskurs ist der Umzug mE ein großer Segen.


    Die Kritik am kolonialen Touch kann ich zwar weit eher gelten lassen aber hier wird die neue Präsenz in der Stadt den Diskurs wie gesagt nur vorantreiben. Was das eigentliche Gebäude angeht, finde ich die goldene Inschrift weit fragwürdiger als die Fassaden an sich (das Kreuz sowie einzelne Figuren finde ich wenig dramatisch). Das hätte man gerne weglassen können. Aber interessant finde ich dann, dass unter der Kuppel statt einer Kapelle der Buddhismus repräsentiert wird. Das ist mE insgesamt doch noch souverän gelöst. Interessant fände ich auch, wenn Vertreter der verschiedenen Kulturen (oder ggf. mangels Nachfahren Wissenschaftler) darauf eingehen würden, wie sie die Welt wahrnehmen und ggf. was die Welt/ andere Kulturen ihrer Ansicht nach von ihnen lernen könnte/n. Das würde ihnen eine eigene Stimme geben und den Besuchern ein wenig den Spiegel vorhalten, sodass sie auch zur distanzierten Selbstbetrachtung animiert werden.

    Ich finde die NN so "banal" wie einen gewöhnlichen Tisch. Ein Tisch kann mir, wenn er z.B. aus einem schönem Holz gebaut wurde, so gut gefallen wie mir die NN gut gefällt, ich halte aber weder den Tisch noch die NN für eine besondere ästhetische Leistung.


    Das gibt es so in keinem anderen Kunsthandwerk oder Gewerbe, denn im Gegensatz zur Architektur muss jeder "Produzent" (sei es von Entwürfen oder von konkreten Produkten) sein Produkt direkt an den Konsumenten verkaufen, das Produkt muss also dem Konsumentem gefallen. In der Architektur ist jeder Passant zwangsweise Konsument, dessen Geschmack wird aber nicht (angemessen) berücksichtigt oder für voll genommen. Und wenn sich dann Menschen mehr oder weniger aus Notwehr für Rekonstruktion einsetzen, werden sie als Gestrig dargestellt.

    Ich glaube, Du sprichst reduzierter, funktionaler Ästhetik hiermit zumindest unbeabsichtigt ab, dass sie eine Meisterleistung darstellen kann oder echte ästhetische Empfindungen auslösen kann.


    Deine Bezüge zum Design finde ich in dem Zusammenhang interessant. Welche Elektronikmarke wird denn heutzutage u.a. aus Designgründen besonders gehypt (von der Masse, nicht nur von Eliten)? Nostalgie-Geräte sind dagegen eine kleine Nische und beinhalten dann auch bereits moderne kastige Geräte wie den Sony Walkman oder frühe Nintendokonsolen. Ähnlich bei Möbeln, obwohl ein bisschen Patina, Schnörkel im Holz oder auch Metallbeschläge nicht gerade die Welt kosten. Wenn das die breite Masse so wollte, würde es auch so produziert. Auch bei Autos gelten kastige Modelle wie ein Golf 1 oder Mercedes 190 inzwischen ebenso als Klassiker wie zuvor Käfer oder Porsche 356. Und der VW Bulli war ja schon immer ein quaderförmiger Kasten, der inzwischen absoluten Kultstatus genießt. Und auch bei Privathäusern durchaus wohlhabender Menschen gibt es genügend, die sich völlig freiwillig moderne Würfel mit riesigen Fenstern hinstellen. Eine Kostenfrage ist es in diesen Fällen wohl kaum.


    Wem so etwas gefällt, der hat einfach einen anderen Sinn für Ästhetik aber nicht automatisch einen fehlenden bzw. pervertierten. Ähnlich wie Architektenkind kann ich mich ja auch für traditionellere Architektur begeistern, so wie ich auch viele lieblos produzierte moderne Bauten ablehne. Aber die Neue Nationalgalerie halte ich für einen positiv herausragenden Vertreter der (Klassischen) Moderne und laut Wikipedia bin ich da auch nicht allein mit der Bewertung.

    Llewelyn Deinen Standpunkt kann ich ehrlich gesagt nur teilweise nachvollziehen, denn die relativierenden Argumente lassen sich mE nahezu beliebig auf jedes Bauwerk anwenden. Natürlich setzen auch Stonehenge, griechische Tempel, Obelisken oder ägyptische Pyramiden die entsprechenden baustatistischen und technischen Grundlagen sowie im Handwerk geschulte Kräfte unbedingt voraus. Und auch hier haben wir im Grunde meist ganz einfache geometrische Formen und Proportionen. Spätestens nachdem die ersten Vorlagen existierten, wurden zudem primär ähnliche Varianten geschaffen. Und doch waren diese Bauten teilweise stilprägend für zwei antike Weltreiche und dienten auch noch Jahrtausende später als Vorbilder für bedeutende Bauwerke. Bis heute gelten sie (auch bei mir) als erhaben und schön.


    Die Neue Nationalgalerie tat wie Du ausführst exakt das Gleiche: Es wurden die technischen Mittel der Zeit sowie das Wissen um Proportionen und ästhetisches Empfinden genutzt, um mit klaren, einfachen geometrischen Formen ein in Deinen eigenen Worten "schickes" und ästhetisch ansprechendes Bauwerk zu schaffen.


    Ein großer rundum verglaster Innenraum unter einem scheinbar frei schwebenden Dach war damals zudem spektakulär und ich sehe auch diverse Unterschiede zur heutigen Tankstelle. Das gilt vor allem für die Dimensionen: Es macht schon einen Unterschied, ob man ein paar Dutzend Quadratmeter frei schwebende Decke zwischen vergleichsweise recht eng zusammenliegenden Säulen hat oder aber gleich hunderte Quadratmeter in deutlich größerer Höhe. Ich finde es zudem auch nicht trivial, dass die Neue Nationalgalerie einen INNENRaum durch diese schwebende Decke und die riesigen Fenster fast wie einen großen, freien Außenraum wirken lässt, der sich maximal flexibel bespielen lässt. Die subjektive Bewertung bleibt wohl Geschmackssache aber das teils wütende Negieren jeglicher gestalterischer Leistung kann ich nicht so ganz nachvollziehen.