Vorweg: Das Projekt S21 fand ich schon immer interessant und ohne mich darüber je umfassend informiert zu haben, war ich grundsätzlich dafür. Warum? Kann ich selbst nicht so genau sagen, ich denke einfach weil das ganze etwas Modernes hat, Veränderung, scheinbare Verbesserung.
Seit letztem Donnerstag habe ich mich damit intensiver befassen müssen, da S21 und die Frage nach dem Nutzen das Thema meines mündlichen Abiturs geworden ist. Seit dem sehe ich das alles ein bisschen differenzierter, im Moment stehe ich eher ablehnend gegenüber.
Wir alle wissen wohl, um was es sich bei S21 handelt und was damit für Ziele verfolgt werden (Verbesserte Anbindung des Flughafens, Schaffung eines leistungsfähigeren Hauptbahnhofes und Ausbau der Zugverbindungen, Anbindung Stuttgarts an das Europäische Hochgeschwindigkeitsnetz, sprich Magistrale Paris-Budapest; sowie Schaffung von Arbeitsplätzen und neuen Stadtquartieren im Zentrum Stuttgarts).
Doch warum ist dieses Großprojekt dann so umstritten? Meiner Meinung nach gibt es dafür vier wesentliche Gründe:
1. Die lange Bauzeit von mindestens 9 Jahren und damit verbunden Behinderungen und Einschränkungen, v.a. im Bereich Schlossgarten. Hier sollen 282 Bäume gefällt werden. Es entsteht mitten in der Stadt über Jahre eine nicht unwesentliche Baugrube und der Bestandsbau wird teilabgerissen.
2. Die Behauptung, ohne S21 wird die Region Stuttgart abgehängt, ist kaum haltbar. Ex-Ministerpräsident Oettinger sprach 2008 davon, dass es über Saarbrücken, Mannheim, Frankfurt und Mannheim eine Umfahrung Stuttgarts geben würde. Allerdings ist hier die Fahrzeit ca. 1h länger. (Quelle: Kopfbahnhof-21.de). Außerdem wird die Bahn kaum eine Region mit 2,5 Mio. Einwohnern außen vor lassen. Züge fahren schließlich immer noch nach Bedarf. Beleg: Frankfurt. Auch hier wurde argumentiert, dass ohne einen unterirdischen Durchgangsbahnhof ICEs langfristig an Frankfurt vorbeifahren würden. Das ist nicht der Fall. (Quelle: http://www.srl.de/dateien/dokume…ngen_-_ulm.pdf; Abschnitt "Die Angst vor dem Verkehrsschatten")
3. Zweifel an der Leistungsfähigkeit und Notwendigkeit des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofes:
a) Die Bahnsteige werden relativ schmal (8m), von der Treppe bis zur Bahnstiegskante nur 2m. Außerdem haben die Bahnsteige ein Gefälle von 1,5%. (Quelle: Vieregg & Rössler)
b) Ein solcher unterirdischer Durchgangsbahnhof bringt gegenüber dem Kopfbahnhof eigentlich nur Durchreisenden einen Vorteil. Dazu gibt es aber keine Angaben, da die Bahn solche Zahlen nicht erhebt; einzig Schätzungen aus den 90er Jahren gehen von ca. einem Drittel Durchreisenden aus. Außerdem fällt die Einfahrt in die Stadt mit oft sehenswerten Perspektiven weg und wird durch eine Tunnelfahrt ersetzt.
c) Fachleute gehen davon aus, dass sich mit dem neuen 8-gleisigen Durchgangsbahnhof kein ntegralter Taktfahrplan (ITF) nach Schweizer Vorbild gefahren werden kann und sich so die Anschlüsse eher verschlechtern. Um dem neuen Bahnhof eine höhere Leistungsfähigkeit zu bescheinigen, geht die Bahn davon aus, dass Regionalzüge nur 1 und Fernverkehrszüge nur 2min halten. Das würde zu einer Verschlechterung der Anschlüsse führen. Außerdem kann schlechter auf Betriebstörungen reagiert werden (Quelle: http://kopfbahnhof-21.de/index.php?id=315). Dazu sagt das Innenministerium BW im April '09: "Es gibt bei der Infrastruktur Abschnitte, die für die Fahrplankonstruktion besonders anspruchsvoll sind."
d) Der Tiefbahnhof führt alleine nur zu einer geringen Reisezeitverkürzung von 2-4 min (Quelle: http://kopfbahnhof-21.de/index.php?id=313)
e) Die höherwertige Infrastruktur (befahrbar bis Tempo 250) würde zu höheren Trassenpreisen von ca. 30% führen. Der aufwändige Hauptbahnhof (viele Rolltreppen, Aufzüge, etc.) zu höheren Stationsgebühren. Diese Kosten muss -zumindest beim Regionalverkehr- das Land BW zahlen. (Quelle: http://www.srl.de/dateien/dokume…ngen_-_ulm.pdf; Abschnitt "Versteckte Kosten im Nahverkehr durch Stuttgart 21")
f) Fachleute wie "Vieregg & Rössler", Sascha Behnsen, Prof. Martin Ulrich u.a. die ich leider aufgrund dem Chaos auf Schreibtisch und Desktop nicht finde, halten einen modernisierten und angepassten Kopfbahnhof für ebenso leistungsfähig.
4. Die Kosten:
Zu Beginn des Projektes im Jahr 1995 ging man von Kosten um 5 Mrd. DM aus. 2007 wurden sie auf 2,8 Mrd. € geschätzt, im April '09 auf 3,1 + 1,45 Mrd. € Risiko. Im Dezember '09 auf 4,1 + 0,44 Mrd. €. (Quelle: http://kopfbahnhof-21.de/index.php?id=317). Der Bundesrechnungshof geht in seinem Bericht von 2008 davon aus, dass "die Kosten dieses Projektes deutlich über 5300 Mio. €" liegen. Besonders hervorgehoben werden die Risikofaktoren "hoher Tunnelanteil (50%) und hoher Kupfer- und Stahlanteil". Nachzulesen unter: http://kopfbahnhof-21.de/fileadmin/bild…icht_zu_s21.pdf. Das Münchner Büro "Vieregg & Rössler" geht im gleichen Jahr von 6,3 Mrd € aus. Auch der Bahn war Ende 2009 bekannt, dass der Kostenrahmen von 4,5 Mrd. € nicht gehalten werden konnte und so plante man Einsparungen durch Osteuropäische Billigarbeiter und die bereits diskutierten aber noch nicht genehmigten dünneren Tunnelwände (Quelle: http://kopfbahnhof-21.de/index.php?id=317).
Ist das Projekt S21 also ein mehr oder weniger sinnloses Prestigeprojekt?
Dafür würde sprechen, dass ...
... S21 vom Bundesverkehrsministerium so eingeschätzt wird, dass es sich "nicht um ein Projekt des Bedarfsplans für die Bundesschienenwege, sondern vorrangig um ein städtebauliches Projekt" handle.
...gigantische Geldmittel dafür eingesetzt werden, eine Fahrzeitverkürzung von wenigen Minuten zu erreichen. Nur die NBS Wendlingen-Ulm bringt eine wirkliche Fahrzeitverkürzung (von 54 auf 28min).
...angeblich ein modernisierter Kopfbahnhof nahezu den selben Nutzen bringen könnte.
Soweit habe ich das bisher zusammentragen können. Viele Sachen kann ich aber selber nicht bewerten, wie z.B. die Leistungsfähigkeit eines modernisierten Kopfbahnhofes. Bin ja kein Experte.