Beiträge von Ernst

    Ich bin leider in der Nähe von Singen, nicht weit vom Bodensee. Ich bin in Hamburg geboren und aufgewachsen und fühle mich nach wie vor als Hamburger. Aber ich lebe 800 Kilometer entfernt. Sorry. :keineahn:

    @Samuel

    Ja. Der Holländische Brook wurde in den 1880er Jahren für die Speicherstadt vollständig abgerissen, die - wenn ich mich richtig erinnere - rund 20.000 Einwohner in neue Wohnviertel, vor allem nach Barmbek umgesiedelt. Allerdings war das kein Gängeviertel sondern ein Kaufmannsviertel mit den typischen Kaufmannshäusern, wie sie noch heute an der Deichstraße stehen: Vorne die Wohnung und schöne Fassaden, hinten, zum Fleet hin, die mit Giebelkran zu bedienenden Lagerräume. Dieses Viertel wurde nicht aus sozialen und hygienischen Grunden abgebrochen, sondern aus politischen. Der Beitritt Hamburgs zum deutschen Zollverein hate zur Folge, daß im Stadtgebiet keine Waren mehr zollfrei gelagert werden konnten. Deswegen wurde mit dem Freihafen ein zollfreies Gebiet geschaffen, in dem weiterhin zollfrei Waren ein- und ausgeführt und gelagert werden konnten. Die Wohnungen mußten aber aufgegeben werden. Angeblich war der Holländische Brook eines der schönsten Stadtviertel.

    Anders sieht es beim Gelände um das heutige Rathaus aus: Dieses Gebiet ist beim Großen Brand von 1842 vollständig niedergebrannt. Lediglich die damals gerade fertiggestellte Börse hat die Feuersbrunst überlebt. Der Brand brach in der Deichstraße aus (da gibt es heute noch eine Kneipe mit dem Namen "Zum Brandanfang", wo man eine sehr gute Ewerscholle essen kann) und vernichtete alles, was nordöstlich davon lag: Die Nicolaikirche, das mittelalterliche Rathaus, das an der Trostbrücke stand, Petri- und Jacobikirche, den gesamten Junfernstieg. Der Neubau ist dann nach damals modernen Maßstäben erfolgt. Dazu gehörte ein rechtwinkliges Straßensystem. Darum hat die Hamburger Innenstadt zwischen Steinstraße und Binnenalster bis fast zum Gänsemarkt kein unregelmäßiges, historisch gewachsenes Straßenmuster mehr, sondern ein rechtwinkliges. Die typischen "Neubauten" der Jahre 1842 bis ca. 1860 nach dem Brand sind zum Teil noch erhalten, etwa in der Hermannstraße, vor allem aber natürlich mit den Alsterarkaden.

    Der Platz des Rathauses blieb ein halbes Jahrhundert lang leer, weil man sich nicht auf einen Plan für den Neubau einigen konnte.

    Hier gibt es sehr schöne Bilder von den Krameramtsstuben:

    http://clever-nes.homeip.net/PLZ2/hhstuben/stuben1.htm

    Die Straße ist so eng, daß sich die Fensterflügel der obersten Stockwerke beider Straßenseiten fast berühren, wenn man sie gleichzeitig öffnet. Hinter dem an der Straße gelegenen Eingangshaus (erstes Bild) gelangt man durch eine torartige Durchfahrt auf die eigentliche Gasse, die vielleicht 100m lang ist. Wenn man ganz bis ans Ende geht, kann man von dort aus gerade noch die Kirchturmspitze der Michaeliskirche sehen. Ein sehr schönes Bild, das ich leider nicht habe finden können.

    Die Krameramtsstuben sind stehen geblieben, weil sie nicht, wie die übrigen Gassen im Gängeviertel, Privatwohnungen und kleine Geschäfte beinhalteten, sondern ein Altersheim für die Witwen von Kleinhändlern ("Krämer", daher der Name "Kramer-Amt"). Das Heim war bis in die 60er Jahre hinein bewohnt. Erst dann wurde es aufgelöst und die Gasse in eine Touristenattraktion umgebaut. Heute gibt es dort ein Restaurant, ein nettes kleines Museum und ein Antiquariat.

    Das sind sehr gute Nachrichten. Ich fände es sehr schön, wenn in dieser vernachlässigten Ecke wieder etwas mehr Leben einziehen würde. Sie hätte es verdient, alleine schon deswegen, weil in Hamburg Viertel mit historischer Bausubstanz, aus der vor-wilhelminischen Zeit an einer Hand abgezählt werden können. Da stören mich die scheußlichen Neubauten auch wenig. Besser als die jetzige Situation mit Halbruinen und wilden Matschäckern wird es allemal sein.

    Zum Glück hat die Planung mit den historischen Gängevierteln nur gemeinsam, daß die Gebäude quasi auf den Hinterhöfen, an Durchgängen zwischen den an den Straßen stehenden Häusern entstehen sollen. Die historischen Gängeviertel waren unglaublich eng bebaute finstere Slumviertel voller Elend, Armut, Kriminalität und Dreck. Sie sind auch nicht im Krieg zerstört worden, sondern größtenteils bereits vorher abgebrochen worden. Nachdem dort noch im Jahr 1892 eine Cholera-Epidemie ausgebrochen war, hat man die Gängeviertel in den folgenden Jahrzehnten systematisch abgeräumt und durch damals moderne Bebauung ersetzt, beispielsweise durch das heute berühmte Kontorhaus-Viertel in der Altstadt. Die letzten Reste haben den Krieg einigermaßen gut überlebt und wurden in den 50er und 60er Jahren abgebrochen, so daß heute nur noch einzelne Häuserzeilen übrig sind: Der Bäckerbreitergang in der Neustadt, etwa sieben Häuser an der Reimerstwiete, nahe an der Speicherstadt und die Krameramtsstuben direkt an der Michaeliskirche, eine winzige aber immerhin noch vollständig erhaltene Gasse. Mal gucken, ob ich ein Bild im Netz finde.

    Heute wären die Gängeviertel, hätte man sie stehen lassen, wahrscheinlich pittoresk herausgeputzt und weltberühmt. Aber vor hundert Jahren konnte es der Stadt aus verständlichen Gründen gar nicht schnell genug gehen, diese heruntergekommenen, vergammelten Elendsviertel loszuwerden.

    @Toast,

    eben das meinte ich. Danke für die Zahlen. In den 60er Jahren hatte Hamburg sogar fast 1,9 Mio Einwohner. Allerdings muß man hier zwei Entwicklungen voneinander trennen, die sich in der Einwohnerzahl niederschlagen: Die Rückgänge der 60er bis 80er Jahre sind eine Folge der gewachsenen Ansprüche an Wohnraum. Die Stadt breitete sich über ihre politische Grenzen hinweg aus. Während Hamburg selbst an Einwohnern verlor, explodierte die Zahl der Menschen im Speckgürtel. In dieser Zeit entwickelte sich beispielsweise Norderstedt aus vier Dörfern in eine Beinahe-Großstadt. Der Ballungsraum wuchs also weiter, auch dynamischer als heute, nur die Zahl der Menschen innerhalb der politischen Stadtgrenzen ging zurück.

    Heute ist das Gerede von der „wachsenden Stadt“ aus den bekannten demographischen Gründen weltfremd. Die Zahl der Bewohner Deutschlands wird in den nächsten Jahrzehnten massiv sinken. Das wird Hamburg weit weniger betreffen als viele ländliche Gebiete oder das Ruhrgebiet, aber für ein nennenswertes Wachstum gibt es unter diesen Bedingungen kaum Spielraum. Da müßten schon Völkerwanderungen von frühmittelalterlichen Dimensionen einsetzen.

    Übrigens: Das wollte ich schon länger mal loswerden: Dein Avatar finde ich höllenhunde-gut! :daumen:

    Das ganze muß man wohl eher als langfristiges strategisches Planspiel verstehen. Man fühlt sich etwas an Fritz Schumachers Modell der Entwicklungsachsen vom Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert. Nur war Hamburg damals eine rasch wachsende Stadt. Heute wächst sie - trotz aller Rhetorik von der "wachsenden Stadt" - nicht mehr oder allenfalls noch sehr langsam. Ich werde den Eindruck nicht los, daß diese Planspiele nicht zuletzt eine psychologische Funktion haben, nämlich in der über Jahrzehnte in Trägheit, Bürokratie und Miesepetrigkeit erstarrten Stadt wieder etwas Aufbruchstimmung zu verbreiten.

    Im Prinzip bin ich ganz Deiner Ansicht, nur daß das ICC nun einmal dort steht und im Gegensatz zum Hotel und Catering-Unternehmen nicht auf eigenen Füßen stehen kann. Es zu schließen würde zu größerem Schaden führen als es weiterzubetreiben. Der Fehler wurde vor 25 Jahren begangen und ist kaum wieder rückgängig zu machen. Wenn es eine Möglichkeit gibt, das Ding durch Um- oder von mir aus auch Neubau effizienter zu betreiben, wäre ich der letzte, der etwas dagegen hätte. Bis dahin aber sollte man es weiter betreiben, auch wenn in den Büchern dadurch Verluste ausgewiesen werden. Tatsächlich macht das ICC Gewinne. Sie fallen nur an anderer Stelle der Gesamtrechnung an.

    @jr.Glas

    Die Messegelände der anderen Städte sind auch mit mächtigen Subventionen entstanden. Vor allem aber muß man die Gesamtrechnung sehen: Ohne das ICC hätte Berlin unter dem Strich weniger Geld, denn das würde bedeuten: Weniger internationale große Kongresse = weniger internationale Reputation und weniger Gäste = weniger Einnahmen für Hotels, Gaststätten, sonstige touristische Einrichtungen und Geschäfte = weniger Steuerkraft.

    Ich habe das Gefühl, daß in Berlin aus lauter Verzweiflung über die finanzielle Lage der Stadt zunehmend kurzatmig gedacht wird. Das trifft auch auf den Flughafen Tempelhof zu. Da wird dann ausgerechnet, wieviele Glühbirnen man für seine Beleuchtung braucht und glaubt, daß man die entsprechende Summe sparen könnte, wenn man das Gebäude schließt. Daß so eine Infrastruktureinrichtung den Charakter einer Investition hat, die an anderer Stelle Einnahmen nach sich zieht, kommt anscheinend gar nicht mehr auf. Dann macht man den Laden zu, spart kurzfristig die Kosten für ein paar Glühbirnen ein - und wundert sich nächstes Jahr, daß man ärmer ist als zuvor.

    Das ist so, wie wenn man am Anfang des Winters feststellt, daß man kein Brennholz mehr für den Ofen hat und sich dann entschließt, die Bettdecken zu verfeuern, weil man dann noch einen Tag länger eine warme Stube haben kann.

    Soweit ich weiß, ist das ICC asbestfrei. Es gab dort Asbest in Bauteilen, die sich leicht auswechseln ließen, was auch schon vor Jahren geschehen ist. Der Palast der Republik war dagegen bis in die kleinsten Winkel mit Spritzasbest überzogen. Den konnte man nicht einfach abschrauben und raustragen. Darum der gewaltige Aufwand bei der Entfernung.

    Was den Abriß betrifft: Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgendjemand das ICC ernsthaft abreißen will. Es ist eines der wenigen starken Argumente für Berlin als internationale Kongreßstadt. Die betriebswirtschaftlichen Verluste, die das Gebäude einfährt, müßten an anderer Stelle doppelt und dreifach wieder hereinkommen dadurch, daß Berlin mit dem ICC große Kongresse mit einer entsprechend großen Zahl zahlender und konsumierender Teilnehmer anzieht.

    LugPaj,

    90 Kilometer kann durchaus stimmen. Bei den 60 könnte es sich um die Luftlinie handeln. Ich meine mich daran zu erinnern, daß man sich ziemlich kurvig auf Highways durch Hafen- und Industriegebiete schlängeln mußte. Jedenfalls dauert eine Autofahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum bei einigermaßen freien Straßen rund eineinhalb Stunden.

    Dekoratives Anführungszeichen
    Zitat von arnd

    Ich stimme da mit Harald überein, denn den Bildern nach zu schließen, muss das da ungefähr so scheußlich sein wie am Alex in Berlin. Und dort habe ich schon in der Schule gesagt: SPRENGEn, NEUBAUEN!!!!!!!!!!


    Der Alexanderplatz ist schlimmer, weil da die Baufluchten und Dimensionen vollkommen aus dem Leim geraten sind. In Stuttgart sind "nur" die einzelnen Gebäude häßlich, aber es stimmen immerhin die Maßstäbe. Man hat das Gefühl, sich in einer Stadt zu befinden. Auf dem Alexanderplatz wähne ich mich dagegen in einer sibirischen Steppe, jedenfalls weit entfernt vom Stadtzentrum.

    Über den Fluch der Anwohnerklagen gibt es hier einen sehr interessanten Artikel:

    http://www.welt.de/data/2004/11/26/365778.html?s=1

    Das erinnert mich um die Debatten um den Wachtelkönig. Der Wachtelkönig ist ein virtueller Vogel, der immer dann zufällig von einem lokal ansässigen Umweltschützer gesehen wird, wenn ein größeres Bauprojekt geplant ist. Selbstverständlich wird er auch genau an dem Ort gesehen, an dem der Bau geplant ist.

    Dem Vernehmen nach existiert der Wachtelkönig auch in der Realität, in großer Zahl in Osteuropa, aber in Deutschland lebt er ausschließlich in künftigen Baugebieten und kann nur von Umeltschützern und Anwohnern gesehen werden.

    Eben stoße ich bei einer Recherche im Internet zufällig auf eine Anfrage der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus vom 30. 7. dieses Jahres:


    Quelle: http://www.fdpfraktionberlin.de

    Endlich kümmert sich mal jemand um dieses Thema! Ich habe allerdings nicht herausfinden können, was mit dem Antrag geschehen ist. Die Archiv-Suche des Abgeordnetenhauses ist anscheinend inkompatibel mit sämtlichen Browsern, die mir zur Verfügung stehen. Kann es vielleicht jemand von Euch herausfinden?

    Also ich wußte ja, daß es Rivalitäten zwischen den Städten des Ruhrgebiets gibt, aber daß sie so stark sind, hatte ich mir nicht vorgestellt. Meine Bemerkung, daß "sogar" Dortmund an Essen in bezug auf die Einwohnerzahlen vorbeigezogen ist, war in der Tat nicht wertend gemeint. Ich habe zu beiden Städten keine besondere Beziehung, auch wenn mir Dortmund atmosphärisch etwas mehr liegt. Man spürt, daß es mal eine Hansestadt war. Das kommt mir natürlich entgegen.

    Das "sogar" bezog sich lediglich auf den Umstand, daß damit Essen nicht nur im Vergleich zu entfernt gelegenen Städten zurückgefallen ist, sondern auch innerhalb der "Hierarchie" des Ruhrgebiets, wo es lange Zeit ja die unangefochtene Nr. 1 war. Das ist natürlich eine Folge des Strukturwandels. Dortmund war auch schon vor der industriellen Revolution eine nicht ganz unbedeutende Stadt, während Essen sich erst mit Krupp von einem kleinen Ort in eine Großstadt verwandelte. Nachdem Kohle und Stahl an Bedeutung verloren haben, leidet Essen natürlich mehr darunter als Dortmund und Düsseldorf, die neben ihrer industriellen Basis auch noch mehr andere zentrale Funktionen haben.