irgendwie erinnert mich der Bau an Gebäude aus den 20-er und 30-er Jahren ...
Mich zuerst auch, ich habe darüber dann - auch generell - eine Weile hin und her überlegt und finde nun, eher doch nicht.
Diese schmucklose, kunstfreie Formensprache,
beschränkt auf Flachdach, Gesimsgliederungen, hellen Fassaden mit dunkel abgesetztem Erdgeschoss/Fensterrahmen/Balkongittern grassiert ja seit etwa 15-20 Jahren landauf, landab im Wohnungsbau und gibt bei gehäuftem Auftreten manchen Stadtvierteln entgegen den warm ausgeleuchteten Visualisierungen in der Realität schon einen so unpersönlichen wie billigen "Nahost-Touch".
(da mir dies insbesondere hierzulande aufgefallen ist und wenn mich der Eindruck nicht täuscht, zeitlich beginnend etwa in die Ära Merkel fällt, könnte man diese Strömung etwas humorvoll auch Merkelinismus nennen
)
Für klassische Moderne nicht klar und raffiniert genug und für wahre Modernität nicht visionär genug scheint es mir nichts anderes als ein Aufgreifen und Interpretieren des
Sozialistischen Klassizismus mit moderneren Materialien und noch vereinfachteren Formen.
Stilmittel wie eckige Pfeiler an Erkern/Mittelrisaliten in Pseudo-Kolossalgliederung, horizontale Gesimse zwischen vertikal ausgerichteten Rasterfassaden u. Ä. finden sich ja nicht zufällig auch an Bauwerken im stalinistischen Zuckerbäckerstil.
Ich finde, gemeinsam ist beiden, also dem, ich sage mal 'zeitgenössischen Investorenstil' und dem Soz. Klassizism. das Abgehen einer 'humanen Ebene'.
Da ist nichts, was dem Auge Halt und dem Empfinden ein Heimatgefühl gibt.
Nichts, was zB. den Eindruck der Jahreszeiten aufgreifen und moderieren, im Sommer Luftigkeit, Schatten, Ruhe, Kühle und im Winter Schutz und Wärme vermitteln kann.
Weder aus sich selbst heraus noch durch das Zusammenspiel mit dem Umfeld.
Dazu bedürfte es (neben ggf. mehr Rücksicht auf das gewachsene Umfeld) gestalterischer Mittel im Detail, auf der Ebene unterhalb/bis Geschosshöhe, also im physischen menschlichen Maßstab.
Jedes Gründerzeithaus kann das genau deshalb um Welten besser.
Nun ist der Klassizismus, besonders mit seinen Vorbildern der antiken Monumentalarchitektur ohnehin nicht die beste Voraussetzung dafür, aber während dieser, wenn gelungen, solche Details und Größenskalen noch beachtete und die klassische Moderne des Bauhauses ihre Wirkung aus dem Zusammenwirken mit ihrem Umfeld reflektierte, hat der Sozialistische Klassizismus all das wegrationalisiert und sich selbst Maß und Menschlichkeit genommen.
Da er sich nun mit seinen so beschränkten Möglichkeiten nur selbst rezitieren kann, dreht er sich entsprechend auch nur im Kreis und bietet keine Anknüpfungspunkte für eine als ansprechend empfindbare Weiterentwicklung.
Umso bedauerlicher finde ich es, dass diese 'kurze architektonische Sackgasse' nun nochmals so beliebt scheint und zeitgenössische Architekten mit diesem 'schlechten Wein in neuen Schläuchen', als modern, elegant, zeitlos gepriesen, erfolgreich sind und offenbar gar nicht merken(oder ~wollen), dass sie sich mit der endlosen Repetition der immer gleichen Kästen auf der Stelle bewegen und dem Menschen keinen wirklichen Dienst erweisen.
(die Faktoren Kostendruck und bürokrat. Vorgaben mögen ebenso eine Rolle spielen, sollten aber nicht verhindern, dass bei annähernd vergleichbarem Aufwand mit den heutigen baulichen Möglichkeiten oft weit Besseres realisierbar wäre)
Ich habe wirklich nichts gegen moderne Architektur, solange sie wie o. g. qualitativ gelungen ist und sich an geeignetem Standort, also harmonisch ins bauliche/natürliche Umfeld einfügt, was jedoch leider allzu selten vorkommt und die Hauptdilemmata sind, die Architekturinteressierte oft zu Kritik veranlassen.
(neben dem verlorenen Umstand, dass bis in den Jugenstil hinein ein Neubau idR. (und an exponierter Stelle sowieso) einfach repräsentativer als sein Vorgänger ausgeführt wurde, was quasi gesetzmäßig zum archit. Aufblühen der Städte führte)
Also nein, für mich ist dieses Gebäude (und alle vergleichbaren Typs) keine gelungene Aufführung sondern ein weiteres Produkt der o.g. Problematik.
Ich bitte allerseits um Nachsicht für den langen Text, konnte meine Überlegungen nicht kürzer verfassen und danke allen Geduldigen fürs Lesen.