Vielen Dank für eure Arbeit!
Ich habe mir euer Protokoll und auch die Langfassung der Expertenkommission durchgelesen. Ich stimme dir zu, dass man bei der Pfeilerdiskussion die Ausgewogenheit und Relevanz städtebaulicher Argumente vermisst. Es ist unverständlich, wie man die Aufenthaltsqualität unter der Brücke im engen Umkreis hochattraktiver Verweilorte als derart wichtig einstuft.
Ich kann mich auch wirklich nicht erinnern, dass ich jemals das Bedürfnis hatte, mich längere Zeit unter einer Brücke aufzuhalten. Ja, man schaut sich die Untersicht an, schaut auf das Tragwerk und bestaunt kurz den Schwung eines Brückenzuges etc. Aber alleine aufgrund des Lärmpegels unter vielbefahrenen Brücken, Tauben, fehlender Vegetation sucht man eigentlich schnell wieder das Weite.
Die geschlossenen Pfeiler sind aufgrund der großen Spannweiten auch nur ca. 50 Meter vor und nach der Brücke wirklich sichteinschränkend, da sich bei größerer Entfernung schon bald wieder Durchblicke bieten. Und bei aufgelösten Pfeilern sieht man auch nur auf die nächste und ggf. übernächste Klötzchenreihe, was eher eine gewisse Unruhe erzeugt. Vielmehr öffnet sich gerade bei einer geschlossenen Bogenform nach dem Durchschreiten des Brückenbogens mit einem Wow-Effekt eine sich ganz neu öffnende Gesamtperspektive anstatt einer zerfaserten Halbsicht durch einen Pfeilerwald.
Ich finde es zudem vorteilhaft für die Maßstäblichkeit, wenn unter jedem Bogen ein eigener Raum entsteht und nicht der Blick von Ufer zu Ufer wie bei einer Autobahnbrücke möglich ist. Gerade das ist doch auch ein wesentliches Merkmal der Brückenfamilie, von der zumindest fast alle sprechen.
Die Untersichten sind sowohl bei FHECOR als auch bei LAP z. B. im Bereich der Nutzung im Neustädter Brückenkopf in den Visualisierungen deutlich und unrealistisch aufgehellt. Letztlich ist es unter keiner der Brücken hell und „Aufenthaltsqualität“ eher ein relativer Wert.
Die Gliederung des Brückenzuges durch die Kanzeln in der nahen Schrägansicht trägt zur Verbesserung der Maßstäblichkeit bei, indem die durchgängige Fahrbahnplatte in einzelne Segmente optisch zurückgedrängt wird. Auch dies ist m. E. ein wesentlicher Baustein für eine altstadtkonforme Brücke.
Die Betrachtung derartiger Themen fehlt mir in der Beurteilung und Abwägung des Fachgremiums. Allgemein ist die m. E. deutlich wichtigere Aufenthaltsqualität AUF der Brücke unterrepräsentiert und es fehlt eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Wirkung im Kontext der Altstadt.
Und wenn dies der Fall ist, erscheint mir die Gewichtung der Faktoren nicht ausgewogen zu sein. Während man sich an geschlossenen Pfeilern als DEM städtebaulichen Argument abarbeitet, wird die Erhöhung des Brückenzuges um ca. 2,5 Meter bei FHECOR klein gehalten. Da wird von einer „leicht erhöhten Lage der Brücke“ und „geringfügig veränderten Sichtbeziehungen“ z. B. von der Brühlschen Terrasse gesprochen, was „wenig wahrnehmbar“ wäre.
Das grenzt schon an Manipulation bzw. Falschaussage, wenngleich das vielleicht schlichtweg mit einer zu geringen Sensibilität des Expertengremiums für solche Fragen begründet ist. Ich finde es schon relevant, wenn aufgrund der Überhöhung die Albertbrücke und darauf verkehrende Straßenbahnen nicht oder kaum noch sichtbar sind und das auch bei Dunkelheit als attraktiver Sichtpunkt wahrnehmbare Waldschlösschenareal von einer neuen Brücke mindestens halb verdeckt wird.
Auch bei Aussagen wie zur „sehr gut gestalteten Untersicht der Brücke“ bei FHECOR komme ich nicht mit. Von einer bewussten und dazu noch sehr guten Gestaltung, die man extra so hervorheben müsste, sehe ich da nichts.
Es war überhaupt kein Kriterium für die Fachleute, dass die Brücke und ihre Anbindung historische Merkmale aufnehmen und ermöglichen. Wahrscheinlich war sogar das Gegenteil der Fall.
Damit könntest du Recht haben. Ich meine, dass sich Herr Prof. Marx, war es in der Auftaktveranstaltung oder einem Presseartikel, nicht gerade offen für Rückgriffe auf die erste Carolabrücke gezeigt hat.
nachträgliche Ergänzung zur Fundstelle mit dem Zitat von Prof. Marx:
Link saechsische.de - Bezahlartikel
„Wir benötigen eine richtig gute Brücke. Es wird keine Kopie einer alten Brücke sein, sondern eine Brücke, die der heutigen Stadt entsprechen muss.“
Vorab verwies er darauf, dass die beiden Vorgängerbrücken jeweils nach modernsten Anforderungen der damaligen Zeit errichtet wurden. Ein Widerspruch zur einer Gestaltung in Anlehnung an einen Vorgängerbau besteht demnach nicht zwangsläufig., sondern das Zitat bezieht sich zumindest im Kern auf das Erfüllen der Anforderungen der heutigen Zeit, was sicherlich kaum jemand infrage stellt.
Mit eurer Weiterentwicklung der Visualisierung von GRASSL/gmp ist euch ein weiterer Schritt in die richtige Richtung gelungen. Sowohl die nun dezent und ausreichend gegliederten Pfeiler als auch die bessere visuelle Vermittlung des m. E. attraktiven und stimmigen Materialkonzeptes überzeugen zumindest mich sehr.