Beiträge von Persius

    Es ist immer das Gleiche: deutsche Architekten haben verlernt, Stadträume zu planen, sie haben immer nur die Baukörper im Bewusstsein. Städtebauer früherer Generationen hätten hier versucht, der weiten Fläche des Europaplatzes durch eine imposante Gesamtfassade, durch eine höhere und durchgestaltete Platzwand Halt zu geben. Aber alle drei Siegerentwürfe sind lediglich von den Baumassen her konzipiert und scheitern an der Aufgabe, dem vom Bahnhof her die Stadt Betretenden eine Art beeindruckender Stadtkante zu präsentieren.

    Für mich stellt sich die Frage, ob der geplante Abriss lediglich den gerundeten Kopfbau betrifft oder auch die beiden anschließenden architektonisch mit dem Kopfbau verknüpften Wohnbauten. Ich halte auch diese für herausragend, für in Berlin einzigartig dastehende Beispiele metropolitanen Wohnens. Es wäre jammerschade um den ganzen Komplex!

    Stimmt! Aber dieses relativ gelungene Ergebnis ist ganz einfach dem Masterplan von Hilmer und Sattler zu verdanken, der die historische Kontur des Leipziger Platzes samt seiner Parzellierung wieder aufgenommen hatte. Die beteiligten Architekten konnten gar nicht anders, als einen Platz in traditioneller Blockrandstruktur mit variierender Fassadensprache entstehen zu lassen (wenn auch die Variationsbreite der eingesetzten Gestaltvarianten ruhig etwas gewagter hätte ausfallen dürfen). Noch aber sind wir nicht so weit, dass städtische Straßen- und Platzräume auch jenseits historischer Vorgaben neu geschaffen werden (siehe Europa-City!).

    Es genügt eben im innerstädtischen Kontext nicht, Baublöcke zu schließen. Ein urbanes Bauen setzt zum ersten Parzellenbauweise voraus, und sei es eine vorgetäuschte, wie das beim Berliner Wiederaufbau seit 25 Jahren oft genug praktiziert wurde. Es bedeutet zweitens eine Fassadenarchitektur, die sich ausdrucksvoll der Öffentlichkeit präsentiert, durch die sich Hauseigentümer wie Bewohnerschaft gegenüber dem öffentlichen Raum darstellen, durch die sie Identifikation und Beheimatung erfahren; und wenn es sich wie hier und da in der Berliner Friedrichstadt um einen langen Büroriegel handelt, sollten Bauherr und Architekt dennoch den Anspruch verfolgen, eine bürgerstädtische Formenmischung zu erzielen, nach dem Ideal der Einheit in der Mannigfaltigkeit. Es geht schließlich um die Zukunftshaltigkeit dieses wiederaufgebauten Berlin, und da müssen Qualitätsansprüche angestrebt werden, die sich an den besten Beispielen der historischen Stadt ausrichten.


    Es geht letztlich um ein Bauen, das öffentliche Räume ausbildet, das nicht Baukörper konturiert. Aber ich weiß, dass ein solches Prinzip den heutigen Architekten noch immer gegen den Strich geht. Sie wollen am liebsten immerzu Solitäre bauen, selbst im innerstädtischen Kontext, wollen Baukörper modellieren, durch Risalite, Höhenstaffelungen, Rücksprünge und dergleichen, und wundern sich dann, dass die so wiedererstehenden Innenstadtquartiere nicht angenommen werden, sondern trist und menschenleer bleiben. Die angestrebte Belebung der Erdgeschosszone alleine schafft eben noch keine urbane Attraktivität.

    Ich möchte zumindest daran erinnern, dass just dieses Gebäude mit seiner architektonischen Ärmlichkeit inmitten postmodern geprägter Umgebung zur Zeit seiner Entstehung gehörig ausgebuht wurde ("ist ja gar keine Architektur" - "abreißen!"). Man darf den Gedanken ventilieren, ob nicht die Architekten selbst mit ihrem bequemen Verzicht auf Gestaltungsmittel den frühzeitigen Abrisserwägungen Vorschub geleistet haben.

    Ich bitte zu bedenken, dass es sich ja gerade nicht um ein Bonbon-Rosa handelt, sondern um ein zurückhaltendes Altrosa. Warum sollte diese Farbe, die dem Zeughaus wunderbar ansteht, bei der Oper auf einmal zu viel Buntheit in die Stadt bringen, gerade in eine Stadt wie Berlin, die von grauweißem Putz und Betongrau geradezu erdrückt wird!

    Auch ich erkenne hier keine Architektursprache sondern nur Geschepper und Geschwätz. Eine schon überwunden geglaubte Krankheit deutscher Nachkriegsarchitektur feiert in diesem Eckbau Urständ, nämlich die hemmungslose Anreicherung einer Fassade mit "Motiven und Motivchen, Zitaten und Zitätchen" (U. Conrads), alles ohne Aussagewert, getrieben von dem hilflosen Versuch, der Langeweile zu entgehen, dem Auge was zu bieten. Der einzige Vorzug dieses architektonischen Machwerks ist in der Blockschließung zu sehen.

    Die Stadt als ein Ort der Existenz und je rationaler und nüchterner diese Existenz ausfällt, in Kontrast zu preußischer Gloria und NS Protzerei, desto distanzierter wähnte man sich zur NS Zeit, desto progressiver fühlte man sich.



    Das gilt zweifellos für den gesamten Wiederaufbau im Nachkriegsdeutschland. Warum du aber diesen Befund ausgerechnet am Rathaus-/Marx-Engels-Forum festmachst, begreife ich nicht. Dieses verstand sich ja gerade als Ausnahme von der funktionalistischen Einfalt der damaligen deutschen Baupraxis. Man wollte einen großen repräsentativen Bereich als Zentrum der Hauptstadt schaffen mit dem Fernsehturm als dominierendem Bauwerk, mit dem Rathaus als Bezug zum historischen Berlin und dem auf dieses bezogenen (allerdings im Verhältnis zu der riesigen Fläche zu kleinen) Neptunbrunnen, mit einer hohen, einer Metropole würdigen Randbebauung. Also, wenn man irgendwo in West- wie Ostdeutschland sich an imperialem Städtebau versuchte, dann hiier und ausschließlich hier. Eine andere Frage ist natürlich die, wieweit es deutschen Planern und Architekten überhaupt gelingen konnte, groß zu denken und beeindruckend zu gestalten. Aber als Zeugnis des einmaligen Willens zur großen Geste halte ich dieses Forum, vor allem mit den nun angestrebten Verbesserungen, als ein erhaltenswertes Zeitdokument.

    Ich sehe einen Widerspruch zwischen der Entscheidung, die raue Betonsichtigkeit der Brüstungen beizubehalten und zugleich die Balkonrückwände farblich aufzufrischen. Dieses Signalrot - mag es auch wunderschön mit der Cola-Reklame harmonieren - gibt dem Bau etwas Billiges, gewollt Zeitgemäßes, das zu dem gesamten Erscheinungsbild dieses leicht grobschlächtigen aber dennoch überdurchschnittlichen Plattenbaus nicht passen will. Eine gedeckte Farbe wäre besser gewesen.

    Ein gewisses Streben nach Eleganz würde ich dem Bau zuerkennen, aber er wirkt, vor allem in dieser Länge, gedrückt. Die Dachtraufe hätte um ein Geschoss nach oben gezogen werden müssen; ein Sattelgeschoss hätte genügt. So, wie jetzt visualisiert, lasten die Dachgeschosse auf einem Baukörper, der einer unbegreiflichen Traufhöhenregelung gehorcht.

    Wenn du dich auf das Projekt Babelsberger Straße 1 beziehst - hier wäre kaum mehr zu erreichen gewesen. Es handelt sich hier um eine der seit Jahrzehnten in Berlin versuchten Wiederherstellungen einer Blockrandecke, wobei das angrenzende Nachkriegsgebäude dem neuen Eckbau nicht viel Entfaltungsspielraum lässt. Man kann froh sein, dass Bauherr und Architekt es überhaupt gewagt haben, auf dem schmalen Streifen, den die 50er-Jahre-Bebauung frei gelassen hat, eine Eckbebauung zu realisieren; denn eine solche war hier nach der Stadtbauphilosophie der Nachkriegsjahre einfach nicht vorgesehen. Es galt der Zeilenbau, der rücksichtslos auch im Innenstadtbereich durchgesetzt wurde (eine Kleginsche Ecke nannte man das nach einer Dame in der Baugenehmigungsbehörde, die diese Praxis rigoros durchsetzte). Immerhin, die Stadt verdankt solchen Bemühungen der Stadtreparatur wie an der Ecke Babelsberger/ Berliner Straße so manche kreative Lösung. Nur hier ist das Ergebnis solcher Bemühung zugegebenermaßen dürftig.

    Ja, Fenster auf allen vier Seiten, von denen die meisten dem Nachbarn so richtig auf die Pelle rücken. Die Planer haben anscheinend noch nie was gehört von der Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit, welche die Qualität der traditionellen europäischen Stadt ausmacht. Eine ausgesprochen schwache Leistung, die wieder einmal das here Prinzip des "form follows function" komplett außer Kraft setzt.

    In den Nachkriegssiedlungen diente die Schrägstellung der Baukörper dazu, die Lockerheit und Verspieltheit einer städtebaulichen Konzeption zu unterstreichen, welche Mehrfamilienhäuser in eine intensiv durchgrünte "Stadtlandschaft" einstreute. Rückt man nun wie in vorgestelltem Projekt die schräggestellten Bauten so zusammen, dass sie sic an den Ecken berühren, entsteht eine sinnfreie Figur, die sowohl die Idee der "Stadtlandschaft" durchkreuzt als auch jene der raumbildenden Blockrandbebauung. Was haben sich die Planer nur dabei gedacht?. Es ging wohl nur darum, Traditionen über Bord zu werfen, gemäß der irrigen Vorstellung, das Andersartige und Originelle sei in jedem Fall respektabel.

    In der Tat, und die elende Klötzchenbauerei in diesem Quartier beweist wieder einmal, dass man hierzulande noch immer nichts von urbanem Städtebau versteht. Natürlich kennen alle diese Stadtplaner und Architekten Paris und knipsen sich dort die Finger wund. Aber deshalb jahrzehntelang eingeschliffene Berliner Planungsroutine infrage stellen? Absurd!

    Wem die Demut so sehr am Herzen liegt, der sollte sie nicht bei anderen suchen, sondern zunächst bei sich selbst. Einen der herrlichsten barocken Kirchtürme, die das Vorkriegsdeutschland gekannt hat, wegen seiner "marzialischen (was immer das sei) Ausformung" zu kritisieren, zeugt weder von Kunstverstand noch von Demut gegenüber der Genialität eines Johann Philipp Gerlach. Solche Kritik erinnert mich an diejenige lautstarker Protestierer, die bei der Wiedereinweihung des Berliner Doms zu wissen meinten, Gott wohne nicht in einem solchen Protzbau. Wenn's einem zu Pass kommt, schlüpft man auch schon mal in den Talar eines Theologen.

    Diese Projekt ist ein Schlag in`s Gesicht aller Architekturliebhaber. Für Modernisten, aber auch für Tradionalisten. Da stimmt so rein gar nichts. Ein Kanditat für die Sprengliste.


    Ich muss DerBe völlig rechtgeben, gerade auch als entschiedener Traditionalist, der gleichwohl ein Auge für die Qualitäten herausragender Moderne hat. Dieses Hotelprojekt ist ein Verrat an den Zielen eines Bauens, das sich um visuelle Differenziertheit und die Bildqualitäten einer neu zu entwickelnden Fassadenarchitektur bemüht. An diesem Hotel-Monstrum stimmt gar nichts. Die Proportionen sprechen gründerzeitlicher Baukunst Hohn, die Fassadengliederung wirkt willkürlich aufgesetzt, ohne baumeisterliche Logik, die Fassadenapplikationen zeigen ein durch und durch dilettantisches Bestücken der Hauswand mit Elementen, die dem unbedarften Betrachter Pracht, Pomp, Luxus signalisieren sollen. Aber nicht nur der zuständige Architekt hat sich hier bis auf die Socken blamiert, auch der Hotelkonzern, der mit einem solchen Projekt meint punkten zu können. Wenn irgendwo das Prädikat "KItsch" berechtigt ist, dann bei einem solchen Entwurf, der mit untauglichen Mitteln eine bestimmte Wirkung anstrebt.

    Wo wäre dann in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, das wirtschaftlich starke Zentrum, wo Geld für Repräsentation vorhanden ist, Frankfurt? München? Auch dort reicht heutige Architektur kaum über ausdruckloses Mittelmaß hinaus. Das Problem dürfte eher ein bewusstseinsmäßiges als ein pekuniäres sein. Es fehlt an dem Willen zur architektonischen Repräsentanz.

    Wäre es vorstellbar, dass in irgendeiner der Weltmetropolen an zentralem Platz solche Billig-Kisten gebaut werden? Könnte man sich solche Klötzchenbauerei in prominenten Lagen von Madrid, Moskau, London vorstellen, von Dubai, Shanghai oder Hongkong ganz zu schweigen? Die Antwort liegt auf der Hand und macht deutlich, dass Berlin derzeit weder den Maßstäben der gediegenen, auf Bewohnererwartungen eingestimmten europäischen Stadt gerecht wird noch dem Vergleich mit den Glanzpunkten glamuröser Weltarchitektur standhält.

    Ob dieser durch Dämmung und Glattputz bereinigte oder beruhigte (gängiges Architektenvokabular!) Plattenbau etwas mit moderner Architektur zu tun hat, darüber könnte man endlos streiten. Auf jeden Fall hat er mit einer Vulgärmoderne zu tun, die seit siebzig Jahren kriegsbeschädigte Historismusfassaden durch glatte Wände ersetzt hat, die in Berlin darauf aus war, die gesamte Gründerzeitstadt durch Stuckabschlagen zu "modernisieren", die in Zeiten des aktuellen Dämmwahns mit Billigung durch den Zeitgeist (einschließlich Regierung und Architektenverbände) einer gewachsenen Architekturlandschaft mit Kühlschrankfassaden den Garaus bereiten soll. Wie sich moderne Architektur ihren Idealen nach definiert, mag differenziert zu betrachten sein, in der Praxis aber passt das, was in der Friedrichstraße passiert ist, zu den eingefahrenen Prinzipien "modernen" Bauens, zu denen die Architekten schon einiges beigetragen haben.

    Danke, Kleist, für die Präsentation! Das Haus Crelle - ein äußerst gelungener Neubau, wie mir scheint. Wieder einmal ein Nachweis, dass mit allerschlichtesten Mitteln hervorragende Architektur zu schaffen ist. Nicht der finanzielle Aufwand ist entscheidend, sondern die Kapazität des Architekten.