Im Grunde liegen da mehrere Entwicklungen parallel, die man aber eben nicht zeitgleich "abarbeiten kann". Es ist ja quasi ein Henne-Ei-Problem: Warum nutzen viele Menschen nicht den ÖPNV in die Stadt? Weil er unattraktiv ist, weil zu lange dauert, weil er zu teuer ist, weil er unflexibel ist? Wenn es bessere Verbindungen gibt, nutzen auch mehr Menschen den ÖPNV. Wenn es schwerer ist, im Zentrum einen Parkplatz zu finden, steige ich stattdessen auf die Bahn um. Warum soll ich mit der Bahn fahren, wenn ich mein Auto eh überall in der Stadt abwerfen kann?
Jetzt hat Chemnitz das Problem der zahlreichen "Satelliten"-Shopping-Center am Stadtrand, auf die man als Autofahrer ausweichen kann, wenn es in der Innenstadt keine Parkplätze gibt und man nicht mit der Bahn fahren möchte. Das sind Fehlentwicklungen der 90er-Jahre. Mittels Einzelhandelskonzepte kann eine derartige Entwicklung zukünftig verhindert werden. Früher oder später wird es auch den aktuell vorhandenen Shopping-Centern an den Kragen gehen. So begonnen schon mit dem ACC. Aus einem "klassischen" Shopping-Center ist ein Gewerbepark entstanden. Eine derartige Entwicklung kann ich als Stadt steuern: Ich kann bspw. den Umbau oder die Sanierung von vorhandenen Shopping-Centern am Stadtrand nicht genehmigen - eben auf Grundlage der Einzelhandelskonzepte.
Der Ausbau des ÖPNV ist also eine enorm wichtige Voraussetzung: Gibt es ein gutes, flexibles und günstiges Angebot von den Stadtteilen und vom Umland, wie es das Chemnitzer Modell vorsieht, besteht weniger Not mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Funktioniert der ÖPNV, kann irgendwann auch auf Parkplätze im Zentrum verzichtet werden - vorausgesetzt die Shopping-Center sind keine Konkurrenz mehr zur Innenstadt. Hier sehe ich leider noch immer des Haupt-Problem. Die Chemnitzer Innenstadt wird selbst noch immer zu sehr als Shopping-Center gesehen und entwickelt. Im Grunde braucht es eine neue städtebauliche Idee für die Innenstadt in der die Themen Wohnen, Kultur und Gastronomie eine deutlich größere Rolle spielen als bisher. Der städtebauliche Status Quo mit den zahlreichen Plattenbauten erlaubt das aber nur in sehr geringem Maße.
Ich teile diese Sicht der Dinge leider nicht, der Reihe nach: Der Chemnitzer ÖPNV ist auch im Städtevergleich nicht seltener getaktet, zu unflexibel oder in anderer Sicht deutlich schlechter, als anderswo. Was ÖPNV allgemein kosten sollte oder darf, darüber kann man streiten aber auch das fällt nicht aus dem Rahmen gerade auch im Vergleich mit den sonst anfallenden Parkgebühren. Da muss es also (noch) andere Gründe geben. Und ebenso, wie in Chemnitz unterdurchschnittlich wenige Menschen über 35 hochfrequent abends oder nachts Gastro oder Tanzlokale nutzen, scheint die Region sehr am Auto zu hängen. Das Autofahren noch mehr zu erschweren führt zum Ausweichen auf die Center oder in andere Städte. Das vielbeschworene Chemnitzer Modell ist übrigens nett, in vielen anderen Städten mit S-Bahn aber seit Jahrzehnten Standard. Auch da ändert sich aber nichts daran, dass man sehr nah - möglichst in Laufweite - der Citybahn wohnen sollte, damit es effizient ist. Mit Umsteigen dauert es ewig und viele Orte sind auch einfach nicht ausreichend erschlossen.
Was du mit der Umwandlung in einen Gewerbepark meinst, erschließt sich mir nicht. Das ACC steht so gut da, wie nie: Apotheke, Optiker, Reisebüro, Blumenladen, Technikladen, 2 Supermärkte, 6 (!) Kleidungsgeschäfte, Drogerie, 2 Möbelläden, ... ... ... . Sogar einen Orion gibt es. Das ACC steht besser da, als die "Kerninnenstadt". Also nochmal: Was meinst du?
Und nochmal zu den Trassen: Ich kenne mich da wahrlich zu wenig aus, drei Punkte lassen mich aber daran zweifeln, dass das alles die beste oder gar alleinige Idee ist:
- Es ist in hohem Maße unflexibel. Die Stadt entwickelt sich, nahe dem Hbf entstehen z.B. gerade in einem Gelände 180 neue Wohnungen. Eine Straßenbahn verlegt man nicht einfach mal 300 Meter um, selbst neue Haltestellen sind schwierig(er), auch temporäre Flexibilität ist nicht. Die Gleise liegen, Brückenstraße für Fest oder Demo oder was auch immer voll sperren geht nicht.
- Es kostet sehr viel Geld und keiner weiß, ob nicht schon in 10 Jahren Busse wirtschaftlicher, autonom und mit Strom oder Wasserstoff fahren können.
- So, wie es in Chemnitz umgesetzt wird, anders, als z.B. in Erfurt, trennt die Trasse Laufwege eher, als dass sie diese befördert. Schaut euch doch einfach mal die StraNa auf Höhe der Haltestelle vorm Rawemahaus an - Abtrennungen, mehrere verschiedene Höhen, Bodenbeläge, unklare Vorrangregelung usw.
Also: Wo ist der Riesenvorteil, der das alles rechtfertigt? Es interessiert mich wirklich.