"Zur falschen Zeit am falschen Ort"
Das trifft es glaube ich ganz gut 
Die revolutionäre Änderung von neohistoristischer stalinistischer Architektur im Zuckerbäckerstil hin zu funktionaler und moderner – auch typisierter und standardisierter – Architektur vermisst vielmals noch ihre gerechte Würdigung. Trösten kann man sich immerhin damit, dass auch die sachliche und funktionale Architektur der 20er Jahre in Ablösung des Historismus seine Zeit brauchte, um kunsthistorisch und denkmalpflegerisch, aber vor allem in den Köpfen der Allgemeinheit, als erhaltenswert anerkannt zu werden. Ungleich schwerer macht es aber die ideologische Aufladung der DDR-Architektur, die nur schwerlich ignoriert werden kann und darf, jedoch auch nicht als Ausrede dafür missbraucht werden sollte, diese Architekturepoche grundsätzlich abzulehnen.
Viel schwerer als diese politische Dimension wiegt aber in vielen Köpfen noch die ästhetische Ablehnung der Moderne per se. Das liest man hier im Forum des Öfteren auch dann, wenn heutige Neubauten vorgestellt werden. Dann wird der Bezug zur historistischen Umgebung vermisst, zu starke Horizontalität bemängelt oder gleich abwerten eine Verbindung zu DDR-Architektur gezogen. Rationalität, Funktionalität und Sachlichkeit haben es immer noch (oder wieder?) ziemlich schwer akzeptiert zu werden. Stellenweise, etwa bei Katharinum am Bildermuseum, geht der Trend sogar zurück zu einer Art Neoklassizismus. Dieser Trend hin zum Dekorativen oder zum Ornament spiegelt sich meiner Meinung nach auch im Widerstreben einer wertfreien Auseinandersetzung mit DDR-Architektur wieder, die unabhängig von ideologischen Umständen als nahezu kompromisslos modern und funktional betrachtet werden kann und sich gerade durch Ablehnung von nicht funktional begründeten Elementen auszeichnet. Die Kompromisslosigkeit führte schließlich auch zu Typisierung. Die damit einhergehenden Ähnlichkeiten dürfen aber nicht automatisch gleichbedeutend sein mit der Verzichtbarkeit der Einzelarchitektur in der vermeintlich homogenen Masse. Der zuletzt zitierte Artikel zeigte dies deutlich.
Weiterhin sollten sich einige nichts vormachen: Selbst die Architekten des Historismus folgten größtenteils nur einem akademisch gelehrten Formenkatalog. Auch das war nur eine Art Typisierung, die nicht weniger für Gleichförmigkeit und Ähnlichkeiten unter den Bauten dieser Zeit sorgte, als wir sie in den Typenbauten der DDR finden.
Was einigen Diskutanten hier fehlte – man darf das hier also innerhalb des Themas als eine Art Abschlussstatement meinerseits verstehen – war eine gesunde Distanz zum eigen Geschmack bzw. zur selbst favorisierten Ästhetik, denn wie ich bereits sagte: Man muss Architektur nicht mögen, um sich für ihren Erhalt einzusetzen.
Nüchtern betrachtet, ganz wertfrei und fern von ästhetischen Vorlieben bleibt deshalb für das Brühlpelz-Hochhaus für mich folgendes stehen: Es handelt sich um ein Gebäude, welches seit mehr als 40 Jahren die Umgebung der nördlichen Innenstadt prägte. Die Funktion des Gebäudes schließt an historische Handelstraditionen genau dieses Standortes an. Dementsprechend fand auch eine inhaltliche und propagandistisch nutzbare Anknüpfung an diese regionale Besonderheit statt. Städtebaulich fungierte das Brühlpelz-Hochhaus als Dominante eines modernen Konzeptes der Stadtgestaltung, welches bewusst mit historischen Raumkanten brechen wollte und den (gescheiterten) Versuch unternahm eine neue Ordnung des Stadtraumes vorzunehmen. Dieses Konzept fand zeitgleich große Verbreitung in differenzierten Ausprägungen quer durch die DDR, aber auch weltweit. Es fußt auf Ideen, die bereits ideologieunabhängig in den 1920er Jahren entwickelt wurden, aber in den 60er Jahren staatspolitisch nutzbar gemacht werden sollten. Architektonisch handelt es sich um Stahlbeton-Skelettbauweise. In der Verwendung der „Bandfassaden mit massig wirkenden Betonelementen“ als Ergänzung zu den noch zeitgleich aktuellen Glasfassaden darf das Brühlpelz-Hochhaus als eines der früheren dieser Beispiele angesehen werden.*
Weiterhin steht die Architektur aufgrund ihres Grundrisses und dem Negieren von Raumkanten der Vorkriegszeit im Widerspruch zu aktuellen stadtplanerischen Ansprüchen. Die Hinterhofsituation, entstanden aufgrund des anschließenden Flachbaus, darf heute als unbefriedigend benannt werden.
Die Möglichkeiten aktueller Nutzungen sind beschränkt. Die EG-Zone eignet sich nur bedingt für modernen Einzelhandel, die übrigen Geschosse sind jedenfalls nach Konzeption der Stadtbau potentiell sowohl für Büro-, als auch für Hotelnutzung geeignet.
Nach dieser kurzen Übersicht, in Ausblendung ästhetischer Vorlieben und im Nachklang der Diskussion bleibt mir weiterhin der Eindruck erhalten, dass sich keine dringende Notwendigkeit für einen Abriss ergibt, jedenfalls keine mir hinreichend erscheinende Argumente vorgetragen wurden. Eine breiter angelegte und von Prinzipalobjekten abgehende Forschung zu DDR-Architektur ist im Wachsen und liefert neuerdings auch kleine, aber bemerkenswerte Hinweise zu bisher vernachlässigten Bauten wie dem Brühlpelz-Hochhaus. Dem folgend verfestigen sich eher die Punkte, die für einen Erhalt der Bausubstanz in jetziger Gestalt sprechen.
Soviel noch zum Abschluss von mir.
* http://edoc.hu-berlin.de/kunsttexte/201…F/escherich.pdf (S.4)