Beiträge von Oranien

    Interessantes Feedback, aber:

    - bei den Sekundäreffekten gibt es natürlich auch diesen Kreislauf-Effekt. Aber in den von mir geschilderten Fällen ist die Wirkung der letzten Jahre nunmal so herum: Bin ich Sammler aus New York komm ich halt ohne umsteigen einfacher nach Paris, nach Zürich oder London - als nach Berlin. Das wirkt sich nicht absolut aus - aber relativ. Dasselbe zum Beispiel für die Clubszene. Das billige "Berlin-Clubbing-Wochenende" aus London kommend für ehemals 350 Euro incl Hotel und ein paar Drinks in der Wilden Renate kostet jetzt halt 600 Euro. Es liessen sich viele weitere Effekte anführen - natürlich auch solche, die exogen sind (Wegfall die russischen Touristen, zum Beispiel)

    - es ist bequem Defätismus zu unterstellen. Ist mir fremd. Ich habe in Berlin schon ein paar Unternehmen gegründet und nicht ganz so wenige Arbeitsplätze geschaffen. Das Problem von Berlin ist aus meiner Sicht genau umgekehrt: Die Tendenz, Probleme und damit notwendige Anpassungen so lange klein zu reden bis es am Ende umso mehr weh tut. Wem Berlin am Herzen liegt der/die: 1.) Redet nicht nicht sondern macht was. 2.) Redet nicht klein sondern hat Augenmass. Was Augenmass ist, darüber lässt sich freilich streiten.

    - Ein Beispiel dafür: das wachsende Delta zum Rest von Europa lässt sich mit Ryanair nicht weg-erklären. Ein guter Teil des wachsenden Delta ist ja ausserdem politisch gewollt. Wir haben uns als Gesellschaft dafür entschieden, Flugverkehr zu behindern und zu beschränken. Das ist vollkommen legitim - solange man dann auch erwachsen genug ist, mit dem Konsequenzen zu leben.

    Geliefert wie bestellt: BER verliert den Anschluss

    - Politisch gewollte Verteuerung des Flugverkehrs in ganz Deutschland
    - Verschärft in Berlin durch lokale Effekte
    - Wachsendes Delta zum Rest von Europa, erst Recht Asien

    Kaum zu glauben dass es vor ein paar Jahren mal so schien als müsste man den BER weiter ausbauen. Heute könnte man sogar Terminal 2 schliessen. Die "Verkehrswende" zulasten des BER gelingt - könnte man sagen. Schade halt, dass man die Sekundäreffekte nicht so im Blick hatte. Ein ergänzender Sargnagel für die Berliner Kunst-Szene, Club-Szene, Event-Szene und den Konferenz-Standort Berlin.

    Ich sehe das mit den wachsenden Staatsausgaben genau umgekehrt: Diese sind die grösste - vielleicht sogar einzige - Chance Berlins. Solange der Rest der Republik produktiv genug ist, diese Entwicklung zu finanzieren, ist das das tragfähigste Model, das ich mir für Berlin vorstellen kann.

    Der staatliche oder staatsnahe Sektor ist das, was das Wachstum Berlins in den letzten Jahren getrieben hat. Berlins Rolle in Tech, insbesondere Deep-Tech, hat stark gelitten. Ebenso seine Bedeutung als Kongressstadt, Kunststadt oder Feierstadt.

    Dagegen sind direkt und indirekt vom Staat finanzierte Bereiche sehr stark gewachsen und werden meines Erachtens weiterhin stark wachsen. Das sind einerseits in Bundesbehörden tätige Personen und damit verbundene Arbeitsplätze in Stiftungen, NGOs und anderen Lobby-Verbänden. Andererseits aber auch Jobs, die an der Überalterung des Bevölkerung hängen (Gesundheitswesen - auch vom Staat bezahlt).

    Solange der Rest der Republik in der Lage ist, über Steuern und den Länderfinanzausgleich dieses System zu finanzieren, muss man sich um Berlin nicht wirklich Sorgen machen. Nach der De-Industrialisierung Berlins (die die Stadt in der Tat hinter sich hat: Von ehemals ca. 1 Mio Industriearbeitsplätzen sind noch ca 100.000 übrig) kommt jetzt meines Erachtens die De-Privatisierung der Stadt (was Anteile am BSP angeht).

    Clemenceau Ich glaube, das ist ein nicht zu unterschätzender Punkt: Als politisch verantwortliche Person kann ich in meiner Amtszeit mehr Grundsteine legen und Projekte anschieben, wenn ich deren Kosten aufteile und über viele Jahre strecke.

    Bousset Du gehst davon aus, dass Ryanair Berlin mehr braucht als Berlin Ryanair. Das halte ich für fraglich.

    Richtig ist, dass nicht nur Berlin beim Flugverkehr im Vergleich zurückfällt - sondern ganz Deutschland. Das war verkehrspolitisch gewollt - insofern gilt es das zu respektieren. Heute kaum noch vorstellbar, dass Frankfurt mal der grösste Flughafen Europas war.

    Man muss halt bereit sein, die Konsequenzen dieser Politik zu tragen. Berlin bezahlt einen Preis dafür, dass es zu erreichen im Vergleich teurer und umständlicher wurde. Das ist ein Faktor beim Kollaps der Berliner Club- und Partyszene ebenso wie beim Bedeutungsverlust der Kunstszene. Mal kurz am Wochenende ins Berghain fliegen - oder zu einer Ausstellung? Das war mal.

    Ich finde, das muss man relativieren. Die extreme negative Politisierung von Musk ist eine deutsche Spezialität. Man hat zwar eine immer schlechtere Bildung - aber zum Ausgleich dafür eine immer überlegenere Moral. Heute wurde bekannt, dass Musk einen neuen Pay-Deal mit dem Aufsichtsrat abgeschlossen hat, der bis zu 900 Mio Dollar wert sein kann. Spätkapitalistischer Wahnsinn - es zeigt doch aber zweierlei: 1. Bei nüchterner Betrachtung (und dazu neigen Investoren) ist Musk ein unternehmerisches Ausnahmetalent und schwer zu ersetzen. 2. Noch ist Tesla nicht geschlagen - nicht mal am Standort Deutschland. Ich hätte nicht gedacht, dass Tesla in Deutschland weiter investiert. Beeindruckend. Im Übrigen finde ich es schwer nachvollziehbar, warum man das nicht bei der Fabrik ansiedelt. Platz gäbe es ja wohl. Und weniger Ärger mit "Aktivsten" und ihren Aktionen wahrscheinlich auch.

    DickesB: Leider wird umgekehrt ein Schuh draus. Wenn die mehr und erfolgreicher ins Marketing investiert hätten - und damit bessere Vorab-Verkaufs / Vermietungsergebnisse erzielt hätten - wären die Dinge längst gebaut.

    Ich denke, die Gebäude stehen nicht, weil die Nachrage nicht darstellbar war - und deswegen womöglich auch nicht die Finanzierung des Weiterbaus. Siehe auch die Debatte um den Weiterbau des Elbtower etc etc etc...

    Der Grüne Bezirks-Stadtrat Oliver Schruoffeneger war massgeblich daran beteiligt, eine öffentliche Nutzung gegen die ursprüngliche Absicht des Bauherrn durchzusetzen. Das kostet allerdings viel Geld: Der Alltag gewordene Vandalismus.... Die Unfallgefahren und die damit verbundenen Aufsichtspflichten.... Wer weiss schon, wer wen wann versucht aus welchen Gründen auch immer von da oben runter zu schubsen? Die Auflagen von Versicherungen.... Die Auflagen von Behörden von Brandschutz bis Lärmschutz. Wer tut sich sowas als Bauherr freiwillig an? Und ob sich die Mieter ihren Dachgarten mit Drogenabhängigen teilen wollen? Ob das eher Mieter anzieht oder abschreckt? In Berlin ist so ein öffentlicher Dacharten eine verflixt komplizierte Sache....

    Das Steckdosen-Problem ist ein Kuriosum:
    - trotz Hunderttausenden von Umplanungen - ein Grund von den Ansteig von Baukosten von 1 Mrd auf 5 Mrd - hat es für die Umplanung beim Steckdosenbedarf nicht gereicht.
    - wenn man mal wohlwollend unterstellt, dass vor 15 oder 20 Jahren, als der Flughafen mal geplant wurde, noch nicht erkennbar war, dass wir alle mal mit stromhungrigen Mobiltelefonen und Rechnern rumlaufen.
    - was mag so schwer sein, dass es seit 5 Jahren dem Betreiber von seinen Passagieren stets um die Ohren gehauen wurde - und sich trotzdem nichts getan hat. Ausser PR-Sprachstanzen ("Wir sind dran"). Man muss gar nicht davon anfangen, dass anderswo in 5 Jahren ganze Flughäfen gebaut werden. Nicht nur ein paar Steckdosen.... Genehmigungen? Beschränkung der Kapazität der verlegten Zuwege? Neben der eher dünnen Gastro schränkt in meiner persönlcihen Wahrnehmung der Mangel an Steckdosen die Aufenthaltsqualität am meisten ein. Arbeiten? Mit halb-leerem Akkus in den Flieger? Echt Mist. Die Wartezeiten hat man ja dagegen inzwischen sehr gut im Griff.

    Dieser "ominöse man" setzt sich aus vielen Faktoren zusammen:

    - Arbeitskräftemangel seit Corona (mit folglich reduzierten Öffnungszeiten und höheren Kosten)

    - Kaufkraftschwäche seit Corona (deutliche Abnahme des real verfügbaren Einkommens nach Inflation und Steuern/Abgaben)

    - Weiter wachsende Regulierung (während die öffentliche Hand in Berlin das eine oder andere nicht mehr im Griff hat: Alle naslang auf den Millimeter genau zu kontrollieren, ob bei der Aussenbestuhlung nicht etwa ein Stuhlbein 1cm über die erlaubte Linie hinausragt - das geht schon noch).

    - Vermieter, die nicht einsehen wollen, wie stark sich die Rahmenbedingungen ihrer Mieter geändert haben und statt dessen auf bessere Zeiten und neue Mieterkategorien (Hundesalons etc) hoffen

    - Wegfall von kaufkraftstarken Touristen

    - Schrumpfen der Eventkultur in Berlin (Events wie Berlinale, Grüne Woche, IFA, Fashion Week verlieren seit Jahren stetig an Zugkraft und Publikum. Ebenso die Berliner Clubszene)

    - Umzug des Flughafens ans andere Ende der Stadt

    All das kostet Umsatz in der Gastro. Im Grunde ist es grossartig wieviel da trotzdem noch geht! Aber darauf zu setzen, dass man am Ku'damm ein Gastro-Wunder auslösen kann, ist sehr mutig.

    Endell: Ein grossartgier Text. Leider gibt es eine zuverlässige Grundregel im Kunstbereich: Je mehr öffentlich subventioniert, desto mittelmässiger oder gar schlechter ist das Ergebnis. Allein schon weil dann oft Auswahl-Komitees gerne mal nach schachfremden Kriterien entscheiden: Ist es feministisch, LGBTQAI+, antifaschistisch, GlobalSouth, POC genug? Gute Kunst entsteht aber nunmal in vieler Hinsicht eher anarchisch, egozentrisch, einzelkämpferisch und "contrarian". Wenn man sich überlegt, dass in dem Projekt solide siebenstellige Beträge an öffentlichen Geldern stecken...unfassbar...hätte man das doch lieber mal in die leider mageren Ankaufsbudgets der Berliner Museen gesteckt. Das hätte man mehr für die Kunst und Künstler getan - meine Wette. Und womöglich auch mehr für das Stadtbild.

    Die Restaurantvorbauten werden Stück für Stück verschwinden. Neue werden nicht mehr genehmigt. Bestehende müssen - wo immer die Baubehörden einen Hebel finden - zurückgebaut werden. Das ist seit Jahren die Politik des Senats. Hier ein Beispiel für so einen Rückbau: Link.

    Das von Bonteburg zitierte Vorbild halte ich am Ku'damm ebenfalls für vollkommen illusorisch. Die Kaufkraft für noch mehr Gastronomie fehlt in Berlin. Es ist - angesichts der sich abzeichnenden weiteren Stagnation oder gar Schrumpfung der Republik - auch nicht abzusehen, warum sich das ändern sollte. Eine neue "Russeninvasion" mit einem Ende der Ukrainekrieges und einem Aufheben der Sanktionen ist ziemlich spekulativ. Als Gastronom würde ich auf sowas nicht setzen.

    Ein Boulevard ist ein Boulevard. Ein besseres Model hat noch niemand erfunden - nirgends auf der Welt. Der lebt von der Mischung. Den teilen sich der Fussgänger, der Roller, das Fahrrad, die U-Bahn und - entscheidend - eben auch der MIV. Gute Erreichbarkeit ist zentral. Und das ist nunmal MIV - gerade in einer alternden und deswegen körperlich weniger mobilen Gesellschaft. Den MIV da ohne Not rauszunehmen ist aus meiner Sicht sehr riskant. Das kann dem eh wackeligen Ökosystem des Ku'damm einen Todesstoss versetzten. Wozu?

    Ich weiss nicht welchen Ku'damm Sie meinen, aber der derjenige in Berlin ist für das breitere Publikum offen. Die Strasse ist 3,5km lang. Es dominieren dort Rewes, Rossmanns und Deichmanns so sehr wie die Luxusläden. Sogar ein 1-Euro-Shop und einen Woolworth gibt es. Die Strasse ist ausgesprochen gemischt. Das Publikum von der Kaufkraft her eher schwach - wenn man auch nur die Maßstäbe Münchens anlegt. Im Verglich zu internationalen Shopping-Boulevards sowieso. Das "breite Publikum" hat am Ku'damm und im Rest von Berlin bestimmt keine Zugangsprobleme. Sondern leidet eher darunter, dass es mehr Möglichkeiten als Kaufkraft hat.

    Genauso irrwitzig ist für mich die Vorstellung, dass Fussgänger zu wenig Platz haben. Vielleicht an ein paar Stellen 2x im Jahr vor Weihnachten. Der Ku'damm leidet unter vielen Faktoren - daran dass es dort nicht grün genug wäre oder Autos den Fussgängern das Leben schwer machen leidet er bestimmt nicht. Im Gegenteil: Das Aussperren des Autoverkehrs würde ihm weiter schaden.

    Der Ku'damm leidet unter ganz anderen Faktoren - die ideologische und reflexhafte Berliner Autodiskussion zählt nicht dazu. E-Commerce, Wegfall des Flughafens, Wegfall vieler Ost-Touristen, Wegfall vieler Skandinavier, Baustellen, jahrelange Kaufkraftschwäche in Deutschland, Arbeitskräftemangel im Gastro-Bereich - und sicher auch Vermieter, die den Wandel der Zeit nicht begreifen. Die Zukunft des Ku'damms gehört mE sowie der Hyaluron-spritzenden Arztpraxis und dem Hundesalon mit Spezialfön - in Verbindung mit guter Erreichbarkeit.

    Ich finde es gar nicht sooo schlecht. Immerhin schliesst es erfolgreich eine städtebauliche Brache und ordnet ein wenig den Strassenraum. Es fügt sich vom Baukörper her in die Prinzipien der Gründerzeit-Bebauung ein. Keine Selbstverständlichkeit. Ja, die Fassade ist simpel. Aber der Baukörper ist so schmal, dass sich daraus ein ungünstiges Verhältnis aus zu bezahlender Wandfläche relativ zur vermarktbaren Bodenfläche ergibt. Irgendwo muss dann halt gespart werden.

    Soweit ich weiss wurden diese Pläne schon vor Jahren verworfen. Der behördliche Aufwand wurde als zu gross angesehen.

    Die Zahl der bei so einer grundlegenden Umgestaltung eines Strassenraums involvierten Ämter ist nämlich beachtlich (zB Stadtplanungsamt, Bauamt, Tiefbauamt / Straßenbauamt, Umweltamt, Feuerwehr, Straßenverkehrsbehörde, Denkmalschutzbehörde, Gesundheitsamt, Katasteramt / Vermessungsamt, Öffentliche Versorgungsunternehmen plus diverse Beauftragte (von Frauen- bis Ausländer-) - und innerhalb der Behörden wiederum verschiedene Unterabteilungen - die sich alle teilweise alles andere als grün sind - plus Bürgerbeteiligung plus Parteien. Und das im Zusammenhang mit notorischer Unterbesetzung und wachsendem Kompetenzverlust durch Herauswachsen der Boomer-Generation).

    Da werden solche Projekte schnell zu einem Luxus, den sich Berlin nicht mehr leisten darf. Denn man kriegt ja so schon schon kaum Bauanträge abgearbeitet oder neue Wohnheime für Flüchtlinge geplant.

    Das Parkhaus in der Knesebeckstrasse 73 (link), in den letzten Jahren nicht mehr besonders ansehnlich, ist abgesperrt und wird auf den Abriss vorbereitet. Leider ist das Baustellenschild winzig und hinter einem Gerüst. Demnach sollen Wohnungen und Büros entstehen - auf 6 Stockwerken. Niedrige Decken - für die "vornehme" Gegend.

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    Ich finde das Rheingau grossartig. Es holte das annähernd das Maximale heraus, was heute möglich scheint:

    - es nimmt von Baustil her Rücksicht auf eine historisch gewachsene Umgebung. Ebenso von der Kubatur her. Das ist mehr als das, was häufig passiert.

    - es macht Kompromisse bei der Deckenhöhe. Täte man das nicht, wären die Wohnungen noch teurer. Insofern nachvollziehbar.

    - es macht Zugeständnisse an die Erwartungen heutiger Bewohner bei der Häufigkeit der Balkone. Finde ich akzeptabel.

    Dort einen weiteren "Schuhkarton" , wie er in Berlin zu Tausenden in einer Reihe von Siedlungen gebaut wurde und wird, hinzusetzen wäre sicherlich kein Schritt nach vorn.

    Was das Bildlabor am Kleistpark angeht: Ich hätte jegliche Art von Wohnbebauung - und erst recht die angestrebte Stadtreparatur durch Wiedergewinnung des Blockrands - vorgezogen. Berlin fehlt es nicht an Museen und Musealisierung. Davon gibt es eher zuviel. Berlin fehlt es an Wohnraum aller Art.